Die Pest - Examensarbeit

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von deggit, 14. Juni 2014.

  1. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Hallo Freunde der Geschichte

    Ich will mich einmal kurz vorstellen. Ich Studiere Lehramt auf Geschichte und Informatik in Paderborn und bereite mich gerade auf meine Examensarbeit (ca. 60-80 Seiten) vor. Ich gedenke über die Pest (den schwarzen Tod) im Mittelalter (1347-1353) zu schreiben. Spiele aber noch ein wenig an der genauen Fragestellung herum.

    Ich würde euch gerne ein paar meiner Gedankengänge mitteilen und eure Meinungen und Anregungen dazu hören.

    Meine erste Idee war: Die Pest im Zusammenhang des Klimawandels, als Thema zu nehmen. Also in wie fern hat die Verschlechterung des Klimas die Pest im Allgemeinen begünstigt. (Weniger Nahrung -> Schwächung des Immunsystems -> höhere Wahrscheinlichkeit an der Pest zu erkranken)

    Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich dieses Thema nur auf das Mittelalter (14 Jh.) beschränken lässt. Man müsste ja eigentlich schon viel früher ansetzen (Klimawandel im Generellen) und könnte das bis in unsere Zeit durchziehen.

    Meine nächste Idee ist die Pest und die Judenverfolgung. Die Pest hat sicherlich nicht die Judenverfolgung hervorgerufen aber im Zuge der Suche nach einem Sündenbock, stark gefördert.

    Aber auch dieses Thema lässt sich nicht auf das Mittelalter beschränken. Ist eigentlich auch viel zu weit gefasst.

    Ich glaube mein Eigentliches Problem ist, dass ich die Pest auch eigentlich mehr in die Frühe Neuzeit ansiedeln würde. Klar die Pest gab es auch schon in der Antike aber ihre Folgen (Judenverfolgung, Hexenverfolgung) werden eigentlich erst so richtig in der Frühen Neuzeit deutlich.

    Themen die ich noch gerne unterbringen würde wären:
    Pest oder Milzbrand / hämorrhagische Fieber (Marburg, Hanta, Ebola)
    Pest als Sammelbegriff für Krankheiten im MA
    Die Pestbekämpfung
    Hygienische Verhältnisse
    Übertragungen
    Klimawandel -> Hungersnot
    Verbreitung der Pest
    Ursprung der Pest

    Ihr seht alles ist noch etwas wage und ich würde mich sehr über eine Diskussion mit euch freuen.

    Viele Grüße,
    Thomas (Deggit)
     
  2. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Vorab, ist die Eingrenzung auf die 6 Jahre 1347-1353 vorgegeben?

    Wenn nicht, paßt die enge Eingrenzung für mich nicht zur Weite des skizzierten Inhalts.
     
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  3. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Also ich will in der Epoche Mittelalter schreiben als kann ich auch nur bis ende 15 Jh. gehen. vielleicht ist ein Ausblick in die Frühe Neuzeit noch möglich aber ganz klarer Schwerpunkt muss MA sein.

    und genau das tue ich mir ja auch noch so schwer eine Fragestellung zu finden die ganz klar ins MA passt.
     
  4. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Nun, diese oben bezeichnete Pest war ja eine Pandemie, die von Ratten ausging. Und hier speziell durch die Wanderratte, die zu ~ der Zeit wohl erstmals in Europa auftrat.
    Überträger war der Rattenfloh und später eben auch wohl der Menschenfloh.
    Mit ursächlich sind dabei die Mobilität der Bevölkerung und auch eine vergleichsweise hohe Bevölkerungsdichte.

    Klimawandel und Mangelernährung etc. sind da wohl sehr sekundär. Selbst optimal ernährte verstarben ja mangels Abwehrkräfte.
     
  5. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    Alle die von Dir angesprochenen Punkte, mit Ausnahme vielleicht der Beziehung zwischen Pest und Klimawandel, lassen sich doch ganz gut ins Mittelalter verorten. Du hast meines Erachtens drei große Themenbereiche aufgemacht:

    Die Pest und die Judenverfolgung - da hast Du sogar Quellen zu Päpsten und Herrschern die sich zum dem Thema äußern.

    Sozialgeschichte der Pest (im Gegensatz zu einer Sozialgeschichte der Folgen der Pest) - Bekämpfung, Hygiene, Verbreitung in Europa, der "Wirkungsgrad", der sich an der Ausweitung des Begriss auf andere Krankheiten erkennen lässt etc.

    Naturgeschichte der Pest - Handelte es sich um Pest oder Milzbrand oder um was ganz anderes, Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte global

    Was den Klimawandel angeht stelt sich für mich die Frage, ob Du da Quellen oder Studien zu hast, aus denen mehr als der übliche, oberflächliche Zusammenhang zwischen Klima-Ernteausfällen-und-Körperliche-Schwächung hervorgeht, bzw. die diese Verbindung stärker machen. Meiner Leseerfahrung nach wird dieser meist nur zusätzlich erwähnt ohne jegliche Vertiefung zu finden, bin allerdings auch kein Experte auf dem Gebiet und könnte ja anders sein, nur für die Ausarbeitung in einer Abschlussarbeit wäre m.E. eine solide Quellen- und/oder Studienbasis wichtig, die ich bei den anderen Themenblöcken eher gegeben sehe (könnte aber auch da falsch liegen und lasse mich gerne belehren).

    Insgesamt würde ich Dir empfehlen Die Themen nicht alle reinzuquetschen, auch wenn ich selbst oft diese Tendenz hatte und liebgewonnene Aspekte ungerne Außen vor lasse. Insbesondere würde ich naturwissenschaftliche und sozialhistorische Aspekte Trennen und auf einen den Schwerpunkt legen, sonst fehlt der rote Faden.

    Das Problem mit Mittelalter und Früher Neuzeit entgeht mir aber irgendwie. Ich finde, wie gesagt, alle diese Aspekte lassen sich ganz deutlich im Mittelalter zeigen.
     
  6. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    Ich denke auch, um diesen Punkt zu stärken, müsste man beispielsweise herausfinden ob es große Alters- und soziale Unterschiede bei den Pestopfern gegeben hatte. Da ältere Menschen tendenziell eine etwas schwächere Kondition haben und der soziale Stand doch mit der Grad der Ernährung positiv im Zusammenhang stand.
    Dies scheint aber nicht unbedingt der Fall zu sein, da Jüngere überproportional betroffen waren und kein signifikanter Unterschied zwischen Reichen und Armen bei der Betroffenheit auszumachen war, der nicht auf Maßnahmen wie Flucht aufs Land oder Abschottung in der eigenen Villa zurückzuführen ist.
     
  7. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Klar das ist mir auch alles bewusst. Aber wie kam es zu einer so hohen Bevölkerungsdichte. Ich habe dazu ein sehr gutes Buch von Wolfgang Behringer gelesen "Kulturgeschichte des Klimas - von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung"

    Er bricht da zwar sehr viel auf die Klimaveränderung runter (Pest, Hexenverfolgung, französische Rev.) aber ganz von der Hand zu weisen sind seine Theorien auch nicht so einfach.

    Zum Beispiel die Pest. Im Ma kam es zu einer Wärmeperiode von ca. 1.100 bis 1.300 siehe Grafik (http://www.nexus-magazin.de/images/articles/warmperiode_1996.jpg) ist auch aus dem Buch
    da durch bedingt ging es der Bev. entsprechend gut. Sprich gute ernten, Bev. zuwachs -> Städte, Gemeinden entstehen usw. Dann Endet die Wärmeperiode es folgen schlechte Ernten, Hungersnöte

    1315-1317 die gr. Hungersnot:
    Klimaveränderung führt zu: langen Winter, Überschwemmungen im Frühling, verregneten Sommer und dies Europaweit. Es konnte nicht kompensiert werden -> gr. Hungersnot

    Dann kam eine leichte Verbesserung (etwas Wärmer)

    1330-1340: Erneute Kältephase -> Hunger

    Klimafolgemodell nach Christian Pfister
    Kl. Eiszeit -> Klimawandel -> kalten Winter -> Überschwemmungen im Frühjahr -> Viehseuchen / Auswaschung der Nährstoffe im Boden -> weniger Vieh -> weniger Dünger für die Felder -> Rückgang der Erträge -> Kompensierung durch Schaffung von mehr Landwirtschaftlicher Fläche -> weniger Weidefläche für das Vieh -> weniger Dünger // Kreislauf

    Un so erwischt die Pest nun 1347 Europa quasi mit herunter gelassenen Hosen. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Pest ohne die Klimaveränderung nicht gekommen wäre. Ich will damit nur sagen, dass sie dann wahrscheinlich also bei ein gut ernährten Bev. nicht ganz so schlimm gewesen wäre
     
  8. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Aber ich sehen auch das das Thema Klimaveränderung und Pest nicht ganz so einfach wird.

    Daher tendiere ich gerade etwas mehr zu den Sozialaspekten (Judenverfolgung, Hexenverfolgung) obwohl gerade die Hexenverfolgung im Zusammenhang mit der Pest ja erst so richtig in der frühen Neuzeit beginnt. Vorher als im MA war die Zielsetzung der Hexenverfolgung meiner Meinung eine andere und zwar die Bekämpfung der Häretiker. Dieses wird auch deutlich durch die Anweisungen Papst Alexanders IV. vom 20. Januar 1260 an die Inquisitoren, Hexen seien nicht aktiv zu verfolgen, sondern auf Anzeigen hin festzunehmen. Prozesse gegen Hexen sollten bei Zeitmangel zurückgestellt werden, die Bekämpfung von Häresien habe Vorrang.

    Habt ihr da vielleicht Gegenbeispiel (Quellen) das gezielt Hexenverfolgung im Zusammenhang mit der Pest im MA betrieben wurde?
     
  9. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Ja und klar kann man die Pest gut im MA behandel.

    Aber bei meinen Fragen also Sozial oder Klima geht es finde ich auch sehr in die FN.

    Siehe vorherige Antwort mit der Hexenverfolgung. Die kommt halt erst so richtig in der FN in Schwung. Im Sinne Die Pest ist in Lübeck und bevor sie noch nach Hamburg kommt, verbrennen wir in Hamburg doch schnell ein paar Hexen, um uns quasi vor der Pest zu schützen. So in etwas war es ja leider. Für das MA habe ich da leider keine Quelle, in der FN schon.

    Also wenn ihr da Beispiele habt auch in Bezug auf die Judenverfolgung immer her damit
     
  10. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    nein, weil Hexen im MA im allgemeinen nicht verfolgt wurden. Und verbrannt, gefoltert o.ä. schon garnicht. Das kommt erst mit der peinlichen Halsgerichtsordnung
    Constitutio Criminalis Carolina ? Wikipedia
    Vorher , so bis Ende 13. wars eigentlich explizit zu mindest in den Gebieten verboten, in denen die Gesetze KdG´s galten, z.B. in Sachsen bei Todesstrafe.
    Capitulatio de partibus Saxoniae ? Wikipedia Absatz 6..

    Also das Klischee "Hexenverfolgung" und Folterkeller o.ä. zur Zit der Pest , kurz davor oder kurz danach, damit kann keiner dienen. sowas gehört in die Zeit des Humanismus und das war später ..
     
  11. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Ja genauso sehe ich das halt auch. Also kann das schon einmal nicht wirklich gut unterbringen höchstens vielleicht als Gegenbeispiel
     
  12. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Und das Thema nur an der Judenverfolgung aufzuhängen scheint mir gerade etwas dürftig.
     
  13. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    na, auch das geht eben "voll daneben" da Judenverfolgung eben vor und nach der Pest viel eher ein Thema war.

    Aber als Aufhänger, mit den Vorurteilen über das MA aufzuräumen, ist das Thema ansich schon nicht uninteressant.

    Viel wichtiger für die Pest scheint mir die Städtebildung und das vorausgehende Klimaoptimum zu sein.
    Das hat ja zu besseren Ernten un d einer verstärkten Vermehrung der Menschen geführt. Die klimatische Verschlechterung ergab dann ne Überbevölkerung und dann eben in Folge die Epedemie, die die Bevölkerung wieder auf ein "natürliches Maß" reduzierte....
    Ein klassisches Beispiel der Reduzierung einer Art a´la "die Natur wirds richten"
     
  14. orlandus

    orlandus Neues Mitglied

    Den - eventuellen - Zusammenhang zwischen einer Klimaveränderung und der Pandemie von 1347 bis 1353 zu untersuchen, erscheint mir als ein sehr undankbares Thema, denn -


    erstens wird man auf gesicherte Klimadaten zu den betroffenen Regionen - wenn überhaupt - nur unter großen Mühen zugreifen können

    und zweitens wäre der Erkenntnisgewinn doch sehr begrenzt, sollten sich tatsächlich signifikante Zusammenhänge andeuten. Das Ergebnis der Arbeit wäre dann ja wohl, dass ein Einfluss des veränderten Klimas auf die Stärke der Pandemie nicht auszuschließen sei, also etwas, was niemanden vom Hocker reißt.

    Viel interessanter erscheint mir der Ansatz, den der österreichische Kulturphilosoph Egon Friedell Anfang des letzten Jahrhunderts verfolgt hat: Er sieht - m. E. mit einiger Berechtigung - im Schwarzen Tod das auslösende Moment für die Überwindung der festgefügten mittelalterlichen Ordnung und den Übergang in die Neuzeit. Die Pandemie hat die überkommene gesellschaftliche Ordnung so nachhaltig zerstört, dass damit der Boden für eine kulturelle Erneuerung bereitet war.

    Egon Friedell ? Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2014
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  15. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

    Pest

    Hallo


    Zur Vertiefung - Pest - Hygiene - Prävention, würde sich ja Venedig eignen. Dort wurde meinens Wissens die erste Isolierstation (Insel) angelegt.

    Auf dem Thema magelhafte Ernährung - Pest würde ich nicht allzuviel geben.
    Erstens wirst du wohl sehr schwer aussagefähies Material dazu finden und was die Karnkheit selbst angeht, wenn es sich um Lungenpest handelt, spielt die ernährun g keine Rolle, da die Todesrate oberhalb von 90% liegt, egal ob du gut oder schelcht ernährt bist, du hast unbehandelt, mit modernen Medikamenten, keine Chance das zu überleben.

    mfg
    schwedenmann
     
  16. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    aus Geschichte der Pest ? Wikipedia

    Die Quarantäne ? Wikipedia scheint aus dem Hoch/Spätmittelalter als Reaktion auf Pestwellen zu kommen (möglicherweise inspiriert von der räumlichen Ausgrenzung Leprakranker seit der Antike)
     
  17. deggit

    deggit Neues Mitglied

    Ja ich meine Um 1423 wurde das erste Pestkrankenhaus in Venedig gegründet.

    Ich komme auch immer mehr in die Richtung so in der Art:

    Die Pest im Mittelalter und ihre sozialen Folgen für die Bevölkerung

    jetzt sollte ich dies noch auf eine Region eingrenzen, da sonst das Thema zu weit gefasst ist denke ich.

    Was meint ihr welche Regionen würden sich anbieten? Gerade im Sinne der Quellenlage.

    Venedig
    Florenz (Il Decamerone)

    Vorschläge und was meint ihr zu dem Ansatz? Zu Weit zu Eng? Machbar nicht machbar? ;-)
     
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein interessanter Gedankengang findet sich bei Acemoglcu, "Why Nations fail" (auch auf deutsch verfügbar), bei der die Pest als wesentliches Ereignis für die Entwicklung der Moderne in Europa begriffen wird.

    Verkürzt argumentiert er, dass durch den Wegfall von Population sich das Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot an Arbeitskraft verändert hat. Mit allen Konsequenzen auch in Bezug auf die Gratifizierung der erbrachten Arbeit. Und zu einer erhöhten Attraktivität der Städte führte.

    Somit war sie in der Konsequenz Wohlstandsfördernd und hatte positive Verteilungseffekte. Zudem wirkte sie sich auf das soziale Gefüge aus, da Migration verstärkt auftrat, also sowohl geographische Mobilität wie auch die soziale Mobilität verstärkt wurden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2014
  19. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Hallo deggit!

    Wie der bisherige Thread gezeigt hat, ist es sehr schwer bis unmöglich, zuverlässig Zusammenhänge zwischen Pest, Klimawandel, Judenhass, sozialem Umbruch etc. herzustellen. Alle derartigen Versuche wären recht angreifbar.

    Wie wäre es also mit etwas ganz anderem: Der Einfluss der Pest auf Kultur, vor allem Literatur - bzw. wie wurde die Pest literarisch verarbeitet? Das wäre wesentlich greifbarer (Stichwort Decamerone).
     
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Anregung, sich mit der literarischen Wirkung zu beschäftigen ist sicherlich ein weiterer interessanter Aspekt.

    Die Auswirkungen der Pest auf den sozialen Wandel im Mittelalter, so wie bei Acemoglcu beschrieben, sind nicht ganz so beliebig in ihren Zusammenhängen. Zumal er sich dabei seinerseits auf Untersuchungen von Historikern etc. bezogen hat.

    Das ließe sich fundiert, wissenschaftlich in einer Examensarbeit argumentieren.
     

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