Die Russische Revolution 1905/06 – Ein Versuch

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von hatl, 3. Januar 2015.

  1. hatl

    hatl Premiummitglied

    ...Ein Versuch

    nachdem ich mir selber noch keinen Reim auf die Geschehnisse machen kann,
    will ich mal ein paar Puzzlesteinchen auf die Leinwand werfen und hoffe auf weitere.

    Der Chef der Petersburger Ochrana 1905-1909 A.W. Gerasimov schreibt 1934 in seiner Erinnerung an diese Zeit:
    „Es fällt mir schwer, gestehen zu müssen, daß ich in der Zeit nur selten Leuten
    begegnete, die aus Überzeugung und nicht aus Gewinnsucht (solche fanden sich viele) uns in unserem Kampfe gegen die Revolution ihre Unterstützung bereitwillig zusagten, während die Revolutionäre, die nicht nur nach dem Sturz des Zaren, sondern auch nach der Vernichtung der bestehenden Ordnung strebten, überall Hilfe und Teilnahme fanden. …..
    Daß die ganze Intelligenz auf Seiten der Revolutionäre stand, braucht wohl nicht besonders gesagt werden.“

    [1] Seite 82
    War das so, wie der Gerasimov schreibt?
    Er hat ja Interesse an der Darstellung der eigenen Rolle weil er Zeuge in eigener Sache ist.
    (gilt auch für die folgenden Zwei)

    Im Januar 1905 findet der Blutsonntag statt.
    Das ganze Land ist nun in Aufruhr.

    ...Lücke ...

    Oktober 1905 wird eifrig, folgt man Witte, um Entwürfe für ein Manifest der Regierung in derselben gekämpft.
    Schließlich wird ein solches am 17. veröffentlicht.
    Es verspricht Standards deren Grundlage die gesellschaftliche Teilhabe ist. (wird nicht eingelöst werden)
    [2] Chapter IX
    Dezember finden die „Dezember-Aufstände“ ,die sich bereits im November unmittelbar abzeichnen, in Moskau statt.
    Witte beschreibt die Zustände als alarmierend insbesondere mit Blick auf das dortige Gouvernement und die stationierten Truppen, die beide nach seiner Einschätzung „panisch“ und demoralisiert waren. (Seite 281)

    Lenin verfasst August 1906, für ein illegales Druckerzeugnis, einen Aufsatz der sich mit den Lehren beschäftigt, die man aus dem gescheiterten Dezember-Aufstand ziehen sollte.
    [3]
    Hier kommt er zu dem Schluss, dass die Revolution von 1905/06 hätte erfolgreich sein können, wäre nur eine Partei bereitgestanden diese ungeheuere Kraft zu lenken.
    Und, so schließt er den Artikel ab, dass der künftige „Massenkampf“ ein verzweifelter und ein bewaffneter sein werde. „Eine rücksichtslose Ausrottung des Feindes“ werde dessen Aufgabe sein.

    [1] Der Kampf gegen die erste russische Revolution – Alexander Gerassimoff - Verlag Huber & Co. 1934
    [2] https://archive.org/stream/memoirsofcountwi00wittuoft/memoirsofcountwi00wittuoft_djvu.txt
    [3] Lenin: Lessons of the Moscow Uprising

    Und nun stehen die ersten drei Spieler auf der Bühne des Dramas:
    Der Geheimdienstchef, der liberale Monarchist und der Revolutionär.

    (Stellen wir uns mal vor, wir müssten als Theatergruppe so ein Stück inszenieren.
    Vielleicht wär das sogar der beste Weg die Sache zu begreifen.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Januar 2015
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    anzumerken wäre:
    es brodelte schon zuvor heftig innerhalb der Intelligencja: Maxim Gorkis Gedicht Lied vom Sturmvogel wurde auf die dringend erwartete Revolution bezogen, Alexander Skrjabins Etüde op.8 Nr.12 (quasi die "russische Revolutionsetüde" d´apres Chopin) wurde mit diesem Gedicht assoziiert und trug zu Skrjabins Polularität in Russland bei (er musste diese Etüde*) bei nahezu allen seinen russischen Konzerten als Zugabe spielen)
    ______________
    *) es gibt eine historische Aufnahme (Schellackplatte) vom Komponisten mit dieser spektakulären Klavieretüde
     
  3. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Wenn ich es in Orlando Figes' Buch "Die Tragödie eines Volkes" richtig gelesen hatte, dann waren die Demonstranten von 1905 an sich Anhänger bzw. Unterstützer dies Zaren und erbaten sich von ihm Unterstützung zur Verbesserung ihrer Lage. Oder habe ich das falsch gelesen?
     
    hatl gefällt das.
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich kenne das Buch leider nicht.
    Ich nehme an es bezieht sich auf den Blutsonntag 9. Januar russischer Kalender. (22 Januar gregorianischer)
    Wie Dekumatland anmerkte „es brodelte schon zuvor heftig innerhalb der Intelligencja“ und nicht nur dort.
    Vorausgegangen war, folgt man Gerasimov, die Entlassung von vier Arbeitern des Putilowschen Werkes durch den Direktor im Dezember. Diese Arbeiter waren im Arbeiterbund Gapon´s organisiert. Es folgen Verhandlungen durch Arbeiterdelegationen mit dem Direktor, der sich beharrlich weigert die Arbeiter wieder einzustellen.
    Darauf hin wird das Werk, welches lt. Gerasimov die größte Petersburger Fabrik ist, bestreikt.
    Immer mehr Arbeiter anderer Unternehmen schließen sich an... es gibt keine Zeitung mehr, kein Strom, kein Gas, kein Wasser..
    Zentrale Figur ist der Priester und Arbeiterführer Gapon, der eine höchst skurrile Gestalt ist, über die es sicher noch einiges zu erwähnen gäbe.
    Dieser Gapon kündet nun an, am 9. Jan. (russ. Kalender) einen Demonstrations-Zug zum Winterpalais zu führen um dort dem Zaren, im Namen der Arbeiter eine Bittschrift zu übergeben.
    Am Abend des Vortags dem 8. Jan. findet eine fruchtlose Konferenz beim Innenminister Svyatopolk-Mirsky statt um zu beraten, wie am nächsten Tag zu verfahren sei. (Witte S.252)
    Witte selbst nimmt daran nicht teil, sondern empfängt derweilen eine Abordnung „of puplic-spirited citizens“.
    Ein Mitglied dieser Abordnung ist übrigens Maxim Gorki der bald noch einmal in einer Nebenrolle erscheinen wird. Der Sprecher der Abordnung appelliert dringend der Zar möge mit den Arbeitern sprechen, um ein ansonsten unausweichliches Unglück abzuwenden.
    (immer noch Witte)

    Der folgende Tag endet in einem Blutbad.
    Es gab niemanden der mit den Arbeitern sprach, die Frau und Kinder, Priester und Kruzifixe und Zarenbilder mit sich führten. Der Zar reiste ab und vor dem Winterpalais stand die Infantrie.

    Lieven (Dominik Lieven – Nicholas II – Seite 139ff) spricht davon, dass die entstandene Situation eine plötzliche gewesen sei. Die Regierenden jedenfalls waren unvorbereitet.

    Und Witte meint, dass aus der Konferenz des Innenministers am vorherigen Abend, nicht mehr herausgekommen war, als der Beschluss die Demonstranten nicht zum Winterpalais durchzulassen.

    Die Infantrie kann keine Demonstration auflösen, sie schießt wenn der Gegener zu nahe kommt.
    Und das tat sie.
    Nun gibt es verschiedene Schätzungen wieviele Todesopfer zu beklagen waren. Es gibt die Zahl von Hunderten, Gerasimov schätzt „privat“ ca. 1000. (Seite 44)
    Und da gibt es noch etwas Interessantes von Gerasimov.
    Er schreibt die Toten seien eingesammelt worden und man habe sie „ganz heimlich“ beerdigt. Die Leichen wurden nicht den Angehörigen ausgehändigt, ja sie wurden nicht einmal verständigt.

    Kurz zurück zum 9.1. (r. K.)
    Witte: 'Gapon floh und die Revolutionäre triumphierten: der Zar war den Arbeitern vollkommen fremd geworden'
    Und wohin flieht Gapon?
    Nach Gerasimov sucht er zunächst Schutz in der Wohnung Maxim Gorki´s
     
    1 Person gefällt das.
  5. YoungArkas

    YoungArkas Neues Mitglied

    Dass man sich zunächst an den Monarchen richtet ist nichts ungewöhnliches bei den Revolutionen des langen 19. Jahrhunderts. Auch die französische sowie die deutsche Revolution von 1848 richteten sich zunächst nicht gegen die Monarchie als solches, sondern forderten zunächst eine Verbesserung ihrer Lage und Reformen am politischen und gesellschaftlichen System. Erst als dies verweigert und mit Truppen nieder gerungen wurde, wurden die Aufstände zu Revolutionen, die bereit waren die Monarchie zu stürzen.
     
    1 Person gefällt das.
  6. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Da mag auch das häufiger zu beobachtende Phänomen hineinspielen, dass Unzufriedene zunächst gar nicht die Staatsspitze direkt für Probleme und Missstände verantwortlich machen, sondern die Minister, die Bürokratie, regionale Gouverneure, etc., und dementsprechend meinen, wenn sie den Monarchen, dem das gar nicht bekannt sei, darauf aufmerksam machen, werde er Abhilfe schaffen.
     
    1 Person gefällt das.
  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Lafayette,
    nochmals, das ist eine sehr interessante Frage!

    Gapon, als Anführer eines Demonstrationszuges (Blutsonntag), von bis dahin nicht gekanntem Ausmaß, spitzt die Rolle des Zaren, und auch dessen Selbstverständis, als Bindeglied der Gesellschaft, zu.
    Nun gibt es wohl verschiedene Wahrnehmungen zu damaliger Gegenwart hierzu.

    Grüße hatl

    P.S.:
    den Figes hab ich nun und bin erst erschrocken wie dick der Wälzer ist.
    Er liest sich aber sehr gut und ich danke Dir für den Hinweis.
     
  8. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Gern geschehen! Berichte unbedingt, wie du es empfunden hast! :)
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich hab nun die ersten 290 Seiten gelesen, und damit etwas über das Thema hier hinaus.
    Bisher, und ich vermute mal stark, dass es auch weiterhin so sein, ist das Buch sehr lesenswert!
    Es hat nicht nur sehr ausführliche Quellenverweise und eine breite Basis der Betrachtung, sondern ist so gut geschrieben, dass ich mich auf den Rest freue.

    Grüße hatl
     
  10. hatl

    hatl Premiummitglied

    Noch eine Anmerkung zum Thema.

    Das eigentliche Grundrätsel für mich sind die Ursachen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs.
    Da ich vermute, dass dieses, falls es begreifbar sein sollte, voraussetzt die verschiedenen Spieler des grausigen Theaters genauer zu betrachten.

    Schau ich mir den Darsteller Russland an, so stelle ich zunächst die eigene Unkenntnis fest (nicht nur dort) und ich nehme an, dass das nicht mein Alleinstellungsmerkmal ist.
    Ich frage mich also in welchem Zustand dieses Russland zu der betrachteten Zeit war, und auch inwiefern dieser fassbar sein könnte.
    In diesem Sinn ist die erste russische Revolution nicht etwa die „Kostümprobe“ für 1917,
    sondern ein Ereignis, das nicht nur innere Widersprüche des Zarenreichs zuspitzt und entblöst, sondern auch insgesamt die Besonderheiten dieses riesigen Reiches und seiner so verschiedenen Bürger sichtbarer macht.
    Dabei verliere ich gerne das 'Grundrätsel' erstmal aus den Augen.

    Kurz zurück zu Gapon:
    Der Chef der Moskauer Ochrana Zubatov kommt zu dem Schluss, dass die gefährliche Aufsässigkeit der neuentstandenen Arbeiterklasse im wesentlichen auf die Willkür der Fabrikherren zurückzuführen und daher eine nachvollziehbare Reaktion sei. In dieser naheliegenden Einschätzung steht er nicht allein und erfährt Unterstützung für sein ungewöhnliches Projekt:
    Es entsteht zunächst eine wirkliche Besonderheit im europäischen Vergleich, die man auch „Polizei-Sozialismus“ nennt.
    Die Politische Polizei (Ochrana), in ihrem Wirken ebenfalls ungewöhnlich, gründet eine eigene Arbeiterbewegung, die in Petersburg durch den hierfür bestimmten Priester Gapon geleitet wird.
    Dieser Priester-Arbeiterführer der Geheimpolizei „konvertiert“ (Lieven: „was being converted to socialism“ - Nicholas II – The Years of Revolution, 1904 - 1907) zum Sozialismus (?).

    Das ist nun auch nur ein Puzzlesteinchen welches zumindest das Bild des eigenen Unverständnisses zeichnet.
    Und das ist doch immerhin ein Anfang.
     
    1 Person gefällt das.
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Nachdem sich ab 1907 die Lage des Zarenreichs zunehmend stabilisiert, betritt eine neue Erscheinung des Terrorismus protofaschister und konterrevolutionärer Prägung die Bühne.
    Diese wird von der Ochrana aufwärts bis in höchste Kreise, und dem Zaren Nikolaus II selbst gestützt. (siehe Witte, Figes, Gerasimov)

    Der Zar spielt bei der Gelegenheit die Antisemitismus-Karte und es stellt sich dabei die Frage inwiefern hier eine Vorlage für den mörderischen Rassismus Hitlers zu finden ist.
    Eine wesentliche Rolle spielen dabei die sogenannten „Protokolle der Weisen Zions“ , deren Fälschung und Urheberschaft bei der Ochrana festgemacht werden kann, wenngleich es umstritten bleibt ob Ratschoswki hierbei eine Hauptrolle spielte.
    Folgt man Hillgruber, so lässt sich feststellen, dass die Kenntnismahme dieses Machwerks also die
    http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1972_2_2_hillgruber.pdf

    Und gemäß Brigitte Hamann (- Hitlers Wien – Lehrjahre eines Diktators, ..eine sehr fundierte Hitlerbiografie ..bis 1913) finden sich auch hier keine Anhaltspunkte für einen virulenten Antisemitismus Hitlers.

    Gehen wir zurück:
    1907 findet sich im Kamin des Hauses von Witte, der mittlerweilen nicht mehr in Amt und Würden des russischen Staates ist, eine Bombe als „verspätetes Weihnachtsgeschenk“
    Die Spuren weisen auf die extreme konterrevolutionäre Rechte der letzen Autokratie Europas hin, die sich in dieser Form im letzten Kampf um ihr Dasein unter den modernen imperialistischen Mächten befindet.
    Der autokratische Staat wird da nach eigenem Gusto entscheiden und dabei keinerlei Ansätze einer Rechtsstaatlichkeit gelten lassen. Der liberale Monarchist wird Staatsfeind. Die Ermittlungen verlaufen im Sand, während gleichzeitig bei anderer Gesinnung gegenteilig verfahren wird.
    http://storre.stir.ac.uk/bitstream/1893/1415/1/at09[1].pdf
     
  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    @hatl

    Kennst du dieses Werk über die russische Revolution? Ist lesenswert.
     
  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    Welches? Ich steh grad auf der Leitung.
     
  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

  15. hatl

    hatl Premiummitglied

  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Eigentlich sind die kein wirkliches Grundrätsel.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das beschreibt den optimalen Ansatz.

    Der Erste Weltkrieg wird von den verschiedenen "beteiligten"/engagierten wissenschaftlichen Disziplinen als eines, oder sogar als das komplexeste Ereignis der Weltgeschichte angesehen.
     
  18. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    In der Tat. Die Vorgeschichte und deren Ursachen des Weltkrieges, das Attentat war ja "lediglich" Anlass, sind von der Komplexität ganz erheblich, ganz besonders für die heutige Generation. Und man kann darüber sehr kontrovers diskutieren, aber ich würde nicht so weit gehen, diese Vorgänge als rätselhaft zu bezeichnen. Es gibt viele Regalmeter ausgezeichneter Literatur, die helfen Licht ins Dunkel zu bringen.
     
  19. hatl

    hatl Premiummitglied

    Anfang Oktober 1905 verliert die Hauptstadt „St. Petersburg die Schienenverbindung zur Außenwelt“ [1 - Seite 71] „.. kein Amt arbeitete mehr, und Lebensmittel wurden knapp. Auch die Verbindung zwischen den Behörden riß ab. Die Spitzen des Regimes in der Sommerresidenz Peterhof waren kaum mehr ausreichend über das informiert, was im Land vor sich ging.“ [1 – Seite 73]
    Die Eisenbahner legten durch einen Generalstreik den (Fern-)Verkehr lahm und die Telegrafisten schlossen sich zumindest teilweise an.

    Gleichzeitig ist die Lage auf dem bäuerlichen Land kritisch. Bereits „Im Juni häuften sich die Ausschreitungen (492 Vorfälle im Vergleich zu 41 im gesamten Vorjahr)“ Während das Oktobermanifest Wittes, dem der Zar widerstrebend und zähneknirschend zustimmt, zunächst zu einer Entspannung in der Hauptstadt führt, schwellen die bäuerlichen Aufstände weiter an und finden ihren Gipfel im November und Dezember.
    „In nur zwei Monaten verwüsteten die Bauern an die 2000 Güter. In einigen Kreisen des Gouvernements Saratov, traditionell ein Herd agrarischen Aufruhrs, blieb kein Gut verschont, ..
    Die Angriffe wurden häufig von Brandstiftung begleitet, so daß Feuerketten die Steppe hell erleuchtete, wie eine Augenzeugin berichtet. Kaum anders dürfte der nächtliche Himmel über den gut zehn anderen Gouvernements der Ukraine, des Zentralen Schwarzerdgbiets und der mittleren Wolgaregion zwischen Char´kov und Poltava im Westen und Saratov und Samara im Osten ausgesehen haben, die am stärksten betroffen waren.“

    [1 – S. 81..82]
    Im Dezember gipfelt der allgemeine Aufstand zudem in Moskau.
    Und Witte, der herausragende russische Krisenmanager des Jahres 1905, [2 – Seite 285] bemerkt in seinen Memoiren, dass im „Oktober 1905 die Regierung weder Truppen noch Finanzmittel“ gehabt habe „um die Revolution zu bekämpfen“. (Übersetzungen durch mich)
    Es sei seine Ansicht gewesen, dass der „Revolutionssturm“ nur durch „einen großen ausländischen Kredit und die Rückkehr der transbaikalischen und mandschurischen Truppen [mit dem Ende des russisch-japanischen Krieges – Anmerkung durch mich] in den europäischen Teils des Staates“ abgewendet werden konnte“.

    Man kann hier noch weitere Quellen bemühen um zu dem Schluss zu kommen, dass hier tatsächlich eine Revolution im Gange war und das Regime als solches in Frage gestellt wurde.
    Interessant ist die wenig spätere Wahrnehmung des Zaren, und auch die seiner geliebten Gattin.

    Gerasimov, der Chef der Petersburger Ochrana, wird 1909 um seine Einschätzung gebeten, so berichtet er jedenfalls [3 – Seite 212] , ob der Zar sicher zu einer Jahresfeierlichkeit nach Poltava reisen könne. Diese Einschätzung wird, gemäß Gerasimov von Stolypin, also dem amtierenden Ministerpräsidenten, dem Zaren Nikolaus II überbracht: „„Ew. Majestät, nach Meinung des Generals Gerassimoff droht Ihnen auf dieser Reise keine Gefahr. Er findet, daß die Revolution nun unterdrückt ist und daß sie jetzt ungefährdet reisen können wohin sie wollen.““
    Der erboste Gerasimov zitiert den Zaren durch Stolypin: „von welcher Revolution reden Sie?“

    Und die Zarin?
    Im Zusammenhang mit den pompösen 300-Jahres-Feiern der Romanov-Dynastie im Jahre 1913, erklärt sie ihre diesbezüglichen Einsichten einer ihrer Hofdamen:
    „Jetzt können Sie selbst sehen, was für Feiglinge diese Staatsminister sind“ … „Sie machen dem Zaren ständig vor einer Revolution angst, und dabei brauchen wir uns nur einmal zu zeigen – Sie sehen es ja selbst - , und schon sind alle Herzen unser.“
    [4 – Seite 31]

    [1] Manfred Hildermeier – Die Russische Revolution 1905 -1921 -Suhrkamp
    [2] https://ia601403.us.archive.org/22/items/memoirsofcountwi00wittuoft/memoirsofcountwi00wittuoft.pdf
    [3] Der Kampf gegen die erste russische Revolution – Alexander Gerassimoff - Verlag Huber & Co. 1934
    [4] Orlando Figes – Russland- Die Tragödie Eines Volkes – berlin verlag

    (Wenn die Schlafwandlerthese Clarks einen Boden findet, dann am ehesten hier.
    Wobei ich mir da auch nicht sicher wäre.. )
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Februar 2015
    1 Person gefällt das.

Diese Seite empfehlen