Die Wirkung großer Persönlichkeiten auf die Geschichte Roms

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Udo Grebe, 18. August 2021.

  1. Udo Grebe

    Udo Grebe Mitglied

    Um die Wirkung einer Persönlichkeit auf die Geschichte zu erkennen, könnte man sich überlegen, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn diese Person früher als historisch aus der Geschichte verschwunden wäre.

    Ich weiß, dass viele Leute hier Probleme mit kontrafaktischen Überlegungen haben. Aber in diesem Kontext können sie einem verbesserten Geschichtsverständnis dienen. Ich setze gute Geschichtskenntnisse voraus. Auf Wunsch kann ich bis ins Detail einen Vergleich mit der tatsächlichen Geschichte machen, und warum ich glaube, dass an bestimmten Punkten die Geschichte so verlaufen wäre, wie ich es hier darstelle.

    Ich mache hier mal ein paar Beispiele, und werde erst mal nicht sehr ins Detail gehen. Alternate History wird mit kursiver Schrift gekennzeichnet. Ich benutze absichtlich die Gegenwartsform ab dem Versterben der Persönlichkeiten.

    Mit Hannibal möchte ich anfangen.

    Dieser hat im Jahre 219 BC Sagunt in Spanien belagert. Bei dieser Belagerung wurde er schwer verwundet. Was wäre nun, wenn Hannibal an Wundfieber oder Lungenentzündung erkrankt wäre und infolge dessen 219 BC verstorben wäre?

    Am Beispiel von Hannibal skizziere ich einen groben, meiner Meinung nach wahrscheinlichen Geschichtsverlauf.

    Hannibals jüngerer Bruder Hasdrubal hat das Kommando über die Armee übernommen. Sagunt wird trotzdem eingenommen und der zweite punische Krieg findet trotzdem statt, weil der Karthagische Senat nicht auf die Forderungen Roms eingeht.

    Hasdrubal ist ein fähiger General, aber er besitzt nicht die Genialität und die Fähigkeiten zur Truppenführung seines Bruders. Daher entwickelt er auch keinen Plan zum Marsch über die Alpen nach Italien. Damit bleibt Karthago strategisch in der Defensive. Der historische römische Kriegsplan wird entfaltet.

    Die römische Armee 1 geht unter Konsul Scipio dem älteren nach Spanien, während die zweite

    römische Armee unter Konsul Sempronius in Afrika landet und Karthago belagert.

    Die karthagische Armee in Spanien hat ausgezeichnete Truppenqualität, also gelingen ihr einige Siege über die Römer. Hasdrubal ist aber nicht in der Lage solch herausragenden Siege wie Cannae, Trasimerischer See, oder Trebia zu erzielen.

    Es fallen also auch keine Verbündeten von Rom ab. Abgesehen von Raids der karthagischen Flotte finden in Italien, Sizilien, und Sardinien keine Kriegshandlungen statt. Philipp von Makedonien schließt kein Bündnis mit Karthago. Auf der griechischen Seite der Adria finden keine Kriegshandlungen statt.

    Der Krieg wird nur in Spanien und in Afrika ausgetragen und entschieden. Die römische Truppenqualität erreicht irgendwann die Karthagos. Dann führt die römische materielle Überlegenheit zu einem Sieg Roms. Es spielt auch eine Rolle, dass einige römische Feldherren wie Marcellus dem Hasdrubal überlegen sind. Der Krieg endet deutlich früher als historisch etwa 210 BC mit der römischen Kontrolle Spaniens und ansonsten etwas milderen Friedensbedingungen für Karthago.

    Man kann sich über einzelne Punkte oben streiten. Sicher ist aber, dass Karthago ohne Hannibal keine realen Aussichten auf einen Sieg im 2. punischen Krieg hatte.


    Hannibals Wirkung auf die Geschichte


    Diese besteht erst mal im historischen Verlauf des 2. Punischen Krieges gegenüber der alternativen kontrafaktischen Timeline oben.



    Von besonderer Tragik ist dass, er die Haltung vieler Römer gegen seine Heimatstadt verhärtet und so ungewollt deren Zerstörung mit herbei geführt hat. Damit möchte ich natürlich nicht Hannibal die moralische Verantwortung für die Zerstörung Karthagos und den Völkermord geben, diese liegt allein bei den Römern.

    Die auf Betreiben Catos des Älteren ausgelöste Senatsabstimmung zum 3. punischen Krieg war knapp für den Krieg mit dem ausdrücklichen Kriegsziel der Zerstörung. Ohne das Hannibal Trauma ist ein anderes Resultat der Abstimmung zu erwarten.

    Es ist wahrscheinlich, dass man Karthago, wie auch vielen anderen besiegten Völkern, das Weiterexistieren als römischer Klientelstaat oder Provinz gestattet hätte.



    Dafür spricht auch, dass viele Römer später ein schlechtes Gewissen hatten und zur Zeit Cäsars damit begannen Karthago wieder aufzubauen.




    Das Hannibal Trauma.

    Nach den grossen Siegen in der Anfangsphase des zweiten punischen Krieges fürchteten die Römer Hannibal so sehr, dass sie sich nicht mehr trauten Hannibal in einer offenen Feldschlacht gegenüber zu treten. Daraus resultierte die Cunctator Taktik. Das Verweigern einer offenen Feldschlacht und stattdessen ein Ermattungskrieg mit kleinen Gefechten.

    „Hannibal ante Portas“ (Hannibal steht vor den Toren) lautete der Schreckensruf, wenn Hannibal sich einer römischen Stadt nur näherte.

    Hannibal kam einem Sieg über Rom sehr nahe, jedenfalls wesentlich näher als jeder andere.

    Dennoch hat es am Ende nicht gereicht, aber auch dieser Punkt hat ebenfalls wesentlich zum Hannibal Trauma beigetragen.



    Die Römer sind bei Hannibal in eine harte Schule gegangen.

    Seine Taktik wurde zum Lernmuster für die Römer. Nicht nur die Cunctator Taktik, sondern auch die ständige Aufklärung gehören dazu. Durch Hannibal wurde die römische Kriegsführung massiv verbessert.




    Hannibal musste sich nach dem Krieg in seiner Heimatstadt Karthago rechtfertigen, wegen seiner Niederlage in der letzten Schlacht des Krieges bei Zama. Es wurden damals in Karthago nicht erfolgreiche Feldherren oft gekreuzigt.

    Zu seiner Rechtfertigung sagte er laut Livius: Er habe im Verlauf des Krieges mehr als 300 000 römische Soldaten getötet und mehr als 400 Städte zerstört.

    Das hört sich übertrieben an. Nachdem was wir wissen können diese Zahlen aber durchaus zutreffen, wenn man kleinere Städte mit einrechnet.

    Dann argumentierte er, wenn andere Karthagische Feldherren auch nur ein Bruchteil dessen erreicht hätten, wäre Karthago siegreich gewesen. Damit hat er vermutlich recht.

    Der zweite punische Krieg hat die römische Bevölkerung massiv geschädigt.

    Wesentlich war auch die massive Schädigung der römischen Landwirtschaft durch Hannibal. Folgen davon waren noch im späten 2. Jahrhundert BC spürbar.



    Die meisten Römer hegten einen unversöhnlichen Hass gegen Hannibal.



    Hannibal wurde im Jahre 197 BC zum Sufeten gewählt (Höchster Karthagischer ziviler Administrator, eine Art Konsul ohne Militärkommando). Er reformierte die Karthagische Verfassung. Die Mitgliedschaft im Rat der 104 wurde nicht mehr auf Lebenszeit vergeben sondern nur noch für 1 Jahr. Das ist wichtig, weil in Karthago ( wie auch in Rom) Magistrate vor Strafverfolgung geschützt waren. Nach dieser Reform konnte man für Korruption belangt werden. So verschwanden vor der Reform soviel Steuern und Zölle in privaten Kanälen, dass es schwierig wurde die 200 Talente jährlicher Reparationen aufzubringen, welche Rom Karthago auferlegt hatte.

    Nach der Reform konnte das Steuer und Abgabenwesen von Korruption gesäubert werden und es war kein Problem mehr, die Abgaben aufzubringen.



    Hannibals Gegner in Karthago waren von diesen Maßnahmen stark betroffen, so dass sie ihn bei den Römern anschwärzten. Er bereite einen neuen Krieg gegen Rom vor.

    Hannibal konnte sich der Auslieferung an Rom durch Flucht entziehen und lebte noch lange im Exil. Sein Einfluss auf die Geschichte tendierte nach der Flucht aber gegen Null.







    Andere Themenstellungen:



    Der jugendliche Offizier Publius Cornelius Scipio der jüngere und später bekannt als Scipio Africanus hat in der Reiterschlacht am Ticinus 218 BC laut Livius seinem schwer verwundeten Vater und Konsul gleichen Namens in einer riskanten Aktion das Leben gerettet.

    Was wäre, wenn diese Aktion Scipio Africanus das Leben gekostet hätte?



    Julius Cäsar war im frühen Erwachsenenalter, als Sulla seine Schreckensherrschafft ausübte. Sulla brachte damals tausende seiner Gegner ums Leben, indem er sie auf eine Todesliste setzte, Proskription genannt.

    Cäsar wurde von Sulla auf Bitten von einflussreichen Freunden verschont.

    Dabei war Cäsar mit der Tochter des Cinna verheiratet und war auch noch Neffe des Marius. Beide waren Erzfeinde von Sulla. Damit war Cäsar ein vorrangiger Kandidat für Sullas Liste. Was wäre wenn Cäsar damals von Sulla ums Leben gebracht worden wäre?







    Was haltet Ihr von einer solchen Themenstellung? Ist das von allgemeinem Interesse, oder aber weil von den historischen Fakten abweichend unerwünscht?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es ist ja nicht so, als dass es per se ein Problem mit kontrafaktischer Geschichte gäbe. Man kann sich immer fragen, welche Handlungsalternativen es in dieser oder jener historischen Situation gab. Das ist teilweise sogar notwendig, um ein angemessenes Urteil überhaupt fällen zu können.

    Problematisch wird es dort, wo Niederlagen in Siege umgedeutet werden oder große Geschichtsentwürfe nach dem persönlichen Gusto anhand kleiner Parameterverschiebungen vorgenommen werden oder wenn es um Revionismus geht, also um das Umbiegen von Geschichte aus politischen Gründen, etwa, wenn man etwas Ungeheuerliches zu einem unbedeutenden Fliegenschiss erklärt.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hm... Hannibal stirbt, Hasdrubal erobert Sagunt trotzdem, die Römer behaupten, wie gehabt, vertragswidrig, Sagunt sei Roms Verbündete und dies ein casus belli. Hasdrubal sitzt das aus. Er führt keine Truppen über die Alpen nach Italien, sondern bleibt mit seinen Truppen auf der Iberischen Halbinsel. Die Römer schicken 218 ein Heer nach Emporion und schiffen es dort aus. Der weitere Verlauf des Krieges in Spanien zunächst wie gehabt. Spätestens 216 aber bricht die römische Truppenmoral zusammen, weil die Bauern zurück auf ihre Felder und zu ihren Familien wollen. Für sie besteht kein Anlass, in Spanien zu kämpfen, nur weil die "Großkopferten" das wollen, schließlich bedroht Hasdrubal ja nicht die Mater et Patria Roma. Es bleibt bei einem Patt und auch die älteren Scipionen überleben den Krieg. Langfristig wird die spanische Mittelmeerküste ein von Karthago unabhängiges von der sich iberisierenden Dynastie der Barkiden beherrschtes Gebiet und aufgrund ihres Edelmetallreichtums die vorherrschende Macht im westlichen Mittelmeerraum. Der Ebro wird als Einflussgrenze der Römer stabilisiert und auf Jahrzehnte nicht angefochten.

    Ob Karthago fällt? Da keine karthagisch-iberischen Truppen nach Italien gesandt werden, schickt Hasdrubal Mago mit Geld nach Karthago, Karthago kann sich Söldner zur Verteidigung der Stadt leisten. Ggf. wird sogar die Mutterstadt zur Vasallin ihrer iberischen Kolonien.

    Rom bleibt die vorherrschende Macht in Italien, aber ohne das Gold und Silber Iberiens erlebt es nicht den Aufstieg, wie in der Realgeschichte.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Der Krieg verkürzt sich von 18 auf 3 Jahre und die Weltgeschichte wird niemals von einem Ceterum censeo... erfahren
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Bereits diese Grundannahme erscheint mir problematisch.

    Sicher, Hasdrubal errang keine so spektakulären Siege wie Hannibal, und seine militärische Bilanz ist recht durchwachsen, allerdings war er auch mit einer anderen Art der Kriegführung konfrontiert.
    - Hannibal errang seine spektakulären Siege in den ersten Kriegsjahren, als die Römer ihm mehrmals starke Armeen entgegenschickten, die er dann in spektakulären Schlachten vernichtend schlagen konnte.
    - In Spanien hingegen ging es weniger um große Schlachten, sondern eher darum, dass die Römer versuchten, den Karthagern möglichst viele ihrer spanischen Untertanen abspenstig zu machen, und Hasdrubal das zu verhindern versuchte. Diese Art der Kriegführung führte dazu, dass die Armeen eher hin- und hermarschierten als die Entscheidung zu suchen.
    - Nach Cannae änderte sich die Kriegführung auch in Italien und näherte sich der in Spanien an. Die Römer mieden nun große Schlachten. Hannibal versuchte, ihnen möglichst viele Bundesgenossen abspenstig zu machen, und die Römer versuchten das zu verhindern bzw. Abgefallene wieder zu unterwerfen. In den letzten Kriegsjahren war Hannibal primär damit beschäftigt, seine italischen Verbündeten zu beschützen bzw. bei der Stange zu halten. Große Erfolge gelangen ihm bei dieser Art der Kriegführung nicht mehr, stattdessen marschierte er jahrelang in Süditalien hin und her. Der Krieg war festgefahren. Bewegung gab es erst wieder als Scipio in Afrika landete und Hannibal zurückkehren musste.
    - Hasdrubal verlor zwar die Schlacht am Metaurus, allerdings verlor auch Hannibal seine letzte große Schlacht (Zama).

    Hasdrubal fehlten somit teilweise schlicht die Gelegenheiten, "solch herausragenden Siege wie Cannae, Trasimenischer See oder Trebia zu erzielen". Der fähigste Feldherr kann keine herausragenden Siege in Feldschlachten erzielen, wenn sich der Gegner nicht zur Schlacht stellt.

    Dass Hasdrubal nicht auf die Idee gekommen wäre, nach Italien zu marschieren, ist reine Spekulation.

    Somit halte ich es keineswegs für ausgemacht, dass sich Hasdrubal an Hannibals Stelle so viel schlechter gemacht hätte. Damit steht und fällt aber alles, was Du darauf aufbaust.
     
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  6. Udo Grebe

    Udo Grebe Mitglied

    An ElQ: Danke dass Du Dich persönlich beteiligt hast und sogar selber eine Alternate Timeline entwickelt hast.
    ME sprechen folgende Faktoren gegen Deine Timeline. Deine Timeline endet in einem Verständigungsfrieden zwischen Rom und Karthago, wo Rom den Karthagern einen Status als gleichberechtigte Grossmacht einräumt.
    Jedoch beweisst Roms Verhalten in der Saguntaffäre und auch während des gesamten 2. punischen Krieges, dass ein Verstädigungsfriede für Rom nicht in Frage kommt, sondern nur ein klarer Sieg Roms. Rom war nicht bereit Karthago als gleichberechtigte Macht anzuerkennen.
    Anderfalls hätte man ja einfach die Saguntaffäre schlucken können.
    Meuternde römische Soldaten in Spanien sind durchaus eine mögliche und interessante Variante. Jedoch glaube ich, dass Rom einer solcher Meuterei nicht nachgegeben hätte, sondern sie mit Disziplinierungsmassnahmen wie der Dezimation unterdrückt hätte. Möglicherweise wären auch die Scipio Brüder als Oberbefehlshaber abgelöst worden.
    Für die Motivation der Soldaten erfindet man Greueltaten der Karthager.
     
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  7. Udo Grebe

    Udo Grebe Mitglied

    An Ravenik: Auch an Dich vielen Dank für Deine Überlegungen

    Es ist möglich, dass Hasdrubal mit Hannibal einen möglichen Einmarsch nach Italien als Planspiel diskutiert hat und Hasdrubal dem dann folgt, oder er auch selber auf diese Idee kommt. Ich traue Hasdrubal aber nicht zu, in einem solchen Fall ähnlich erfolgreich zu sein wie Hannibal.

    Warum halte ich Hannibal für einen genialen Strategen, einen der besten in der Geschichte überhaupt und Hasdrubal nur für einen begabten General, dem aber die Genialität seines Bruders fehlt?

    Das wird von modernen Historikern wie Huss, Seibert, Barcelo, Dodge, Lazenby und Hoyos so gesehen.

    Überwiegend habe ich aber eigene Gründe:

    1. Hannibal war ein absoluter Meister der Märsche. Obwohl er in Italien nicht heimisch war, hat er immer wieder die Römer an der Nase herumgeführt und tauchte überraschend auf, wo die Römer ihn nicht erwartet haben. Als Beispiele nenne ich das Jahr 217. Die Römer sperrten 2 Passwege über die Hannibal ihrer Meinung nach kommen musste, Hannibal fand aber einen 3. Weg durch überschwemmtes Gebiet und Sümpfe und umging die römischen Stellungen. Das führte dann kurz danach zur Schlacht am Trasimerischen See.

    Oder das Jahr 213. Hannibal stand in Apulien. Heimlich entfernte er sich mit einer starken Abteilung von seiner Armee. Die Römer bemerken das zunächst nicht. Dann steht er nach 4 Tagen vor Tarent und kann die Stadt in einem Überraschungsangriff mit Hilfe einiger abtrünniger Tarentiner einnehmen. Es gibt noch zahlreiche andere Beispiele von Märschen, die hier genannt werden können.

    Hasdrubal steht 207 der römischen Armee des Konsuls Livius im Norden Italiens gegenüber. Er erkennt Anzeichen, dass die Römer von der 2. Armee des Konsuls Nero verstärkt worden sind. Auch ihm gelingt es, sich bei Nacht heimlich zu verdrücken. Aber seine ortskundigen Führer lassen ihn im Stich, dadurch können die Römer aufholen und ihn an ungünstiger Stelle (mit dem Metaurus Fluss im Rücken) zur Schlacht zwingen. Durch diese ungünstige Position wurde die Schlacht zur Vernichtungsschlacht, an anderer Position hätte Hasdrubal Aussichten gehabt seine Armee trotz Niederlage teilweise zu retten. Hannibal ist so was in 15 Jahren seines Aufenthalts in Italien nicht passiert.



    2: Führung in der Schlacht. Die berühmteste Schlacht des Krieges ist Cannae. Der historische Roman Darkness over Cannae vom einem Mitglied dieses Forums gibt ein plastisches Bild ab, worauf es in einer Umfassungsschlacht ankommt.

    Auch bei Cannae bestand immer die Gefahr, dass die Römer das karthagische Zentrum durchbrechen bevor die Umfassung gelingt. Die hohen Verluste der gallischen Truppen Hannibals dort, zeigen dass die Kämpfe im Zentrum sehr intensiv waren. Durch Hannibals persönliche Führung im Zentrum hielt es aber, bis die Zangen an den Flanken in Stellung waren um die Umfassung einzuleiten. Hannibal schaffte das, obwohl die Römer 2:1 überlegen waren.

    Weniger bekannt ist die Schlacht von Dertosa in der Nähe des Ebro, die Ende 216 oder nach anderen Quellen Anfang 215 stattfand. Dort versuchte Hasdrubal gegen die Scipio Brüder ein zweites Cannae mit einer zahlenmäßig etwa gleich starken Armee zu erreichen. Die Quellenlage zu dieser Schlacht ist wesentlich schlechter als zu Cannae.

    Livius schreibt, das Hasdrubal Pläne hatte mit seiner Armee nach Italien zu gehen. Die Spanier in Hasdrubals Armee waren dazu nicht bereit. Deswegen seien die spanischen Truppen im Zentrum von Hasdrubals Armee einfach davongelaufen und die Römer hätten dann die aus afrikanischen Truppen bestehenden Zangen auseinandergedrückt. Hasdrubals Armee verlor die Schlacht mit schweren Verlusten.

    Es gibt aber Probleme mit Livius Darstellung. Oben genannte moderne Historiker bezweifeln angebliche Pläne Hasdrubals zum Marsch nach Italien zu dieser Zeit. Livius Bericht liest sich so, als dass zum Zeitpunkt der Flucht der Spanier die Zangen von Hasdrubals Armee bereits in Stellung waren. Also müssen die Spanier im Zentrum einige Zeit gekämpft haben, bevor sie schließlich doch brachen.

    Das kann man durchaus der Führung Hasdrubals anlasten.



    Ich könnte zahlreiche weitere Beispiele nennen, wo Hasdrubal nicht die Fähigkeiten seines Bruders zeigte.

    Es gibt aber über die Jahre 214 bis 212 eine unsichere Quellenlage zu den Kämpfen in Spanien.

    Die Schlacht von Zama wurde durch das Eingreifen der Kavallerie Massinissas auf römischer Seite entschieden. Die Ursache für diese Niederlage beginnt schon vor der eigentlichen Schlacht.

    Der Karthagische Rat erteilte im Jahr 203 Hannibal den Befehl zum Abzug seiner Armee aus Italien. Wegen der Waffenstillstands Vereinbarung mit Scipio würden die Römer diesen Abzug nicht verhindern. Trotzdem schickte Karthago keine Transportschiffe, sondern Hannibal musste selber Schiffe bauen. Das war aber wohl nicht in ausreichendem Masse möglich. Infolgedessen musste Hannibal Truppen zurücklassen insbesondere auch seine Kavallerie Pferde.

    Hätte Hannibal seine Kavallerie aus Italien in Zama gehabt, wäre ein anderer Verlauf der Schlacht zu erwarten.





    Das Problem mit Alternate History ist aber, dass keiner von uns den anderen mit Quellen oder Ausgrabungsbefunden die Richtigkeit seiner These beweisen kann. Ich kann nur die Gründe nennen, warum ich zu meiner Timeline gekommen bin.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. August 2021
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wie gesagt: es wären keine iberisch-karthagischen Truppen in Italien gewesen, eine direkte Bedrohung Roms wäre ausgefallen, das Nachschubproblem für Hanniba‘al, welches den Karthagern stets Probleme bereitete, wäre ausgefallen, für die römischen Bauernsoldaten wäre der Krieg sinnlos gewesen. Dafür wäre die Position der Karthager auf der iberischen Halbinsel stärker gewesen.
     
  9. Udo Grebe

    Udo Grebe Mitglied

    An ELQ: Deine Argumente sind einleuchtend. Jedoch wäre auch die römische potientiell mobilisierbare Manpower wesentlich höher. Um grob 100 000 Mann, die in den ersten Kriegsjahren gegen Hannibal gefallen sind und um die Wehrkraft der Verbündeten, welche historisch zu Hannibal übergelaufen sind.
    Darf ich Dich so verstehen, dass Du Hannibals Angriff auf Italien für einen strategischen Fehler hälst?
    Deine Friedenssituation ist so wie vor dem Krieg. Ebrovertrag. Aber mit Barkidischer Dominanz über Karthago. Warum hat Rom denn Deiner Meinung nach überhaupt den Krieg erklärt?
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Darüber will ich mir eigentlich gar kein Urteil anmaßen.

    Ja, der status quo ante wäre wieder erreicht gewesen.
    Rom hat den Krieg erklärt, weil die römischen Falken, denen es ein Dorn im Auge war, dass Karthago 20 Jahre nach seiner verheerenden Niederlage im Ersten Punischen Krieg aufgrund ihres Zugriffs auf die Edelmetalle in der Sierra Morena und der spanischen Levante besser dastand, als je zuvor, eine Chance sahen, mit Sagunt den Karthagern ans Bein zu pinkeln. Hanniba‘als Zug nach Rom hat auch die Tauben auf die Seite der Falken bringen müssen, wenn der Krieg nur auf der Iberischen Halbinsel (PI) stattgefunden hätte, hätte dies womöglich zu einer Verschiebung des Gewichts zu Gunsten der Tauben und zu Ungunsten der Falken geführt.
     
  11. Udo Grebe

    Udo Grebe Mitglied

    An ELQ: Ich sehe es anders, aber auch Du hast gute Gründe für Deine Timeline. Ich stimme Dir zu, dass es in Rom und Karthago Fraktionen gab, deren Einfluss massgeblich war. Das betraf auch Scipio, den späteren Africanus, als der im Jahre 205 Pläne hatte, den Krieg nach Afrika zu verlagern, aber die Mehrheit des römischen Senats dagegen war.
     
  12. Udo Grebe

    Udo Grebe Mitglied

    Scipio Afrikanus im zweiten Punischen Krieg.



    Das Wirken von Scipio Afrikanus auf die römische Geschichte lässt sich in zwei große wichtige Bereiche einteilen. Der eine Bereich ist Afrika und der andere ist Spanien. Obwohl Spanien zeitlich vor Afrika lag, möchte ich dennoch mit Afrika beginnen, weil im Falle von Afrika die Wertung eindeutiger ist. Für das Jahr 205 wurde Scipio zum Konsul gewählt. Nach der Wahl wurden die Amtsbereiche der beiden Konsuln festgelegt. Dabei kam es zu erheblichen Diskussionen im Senat. Scipio wollte den Krieg nach Afrika verlegen. Der römische Senat angeführt von Quintus Fabius Maximus hielt es für dringender zuerst Hannibal aus Italien zu vertreiben. Hannibal sei in Italien leichter zu bekriegen als in Afrika. Scipio argumentiert dagegen, dass Hannibal von selber aus Italien abziehen würde, wenn er, Scipio in Afrika einen erfolgreichen Feldzug führen würde. Als Ergebnis der Senats Beratungen wollte der Senat für einen Feldzug in Afrika weder Truppen, noch Schiffe, noch Geldmittel bewilligen. Um Scipio nicht völlig vor den Kopf zu stoßen, bewilligte man ihm den Amtsbereich Siziliens. Scipio musste zurückstecken. Er hielt lediglich die Erlaubnis nach Afrika überzusetzen, wenn er der Meinung sei, dies „geschehe zum Vorteil des Staates“.

    Seinem Kollegen Crassus wurde der weitere Krieg gegen Hannibal in Italien zugewiesen.

    Ohne Mittel war Scipio auf die Rekrutierung von Freiwilligen, und Geldspenden angewiesen. Er hielt diese vor allem von den lateinischen Gemeinden, die im Jahre 209 Rom die Heerfolge verweigert hatten. Weiterhin gab es erhebliche Hilfe von den Etrusker. Mit diesen Freiwilligen trat er das Konsulat in Sizilien an. Dort beschaffte er sich weitere Geldmittel durch Spenden und ergänzte seine Armee mit den dort stationierten Legionen. Das waren hauptsächlich die Soldaten, die dort Strafdienst leistet. Er brauchte ein ganzes Jahr um auf diese Weise eine Invasionsarmee zusammenzustellen, die im Jahr 204 nach Afrika übersetzte.

    Das ist fast wie ein Privatkrieg des Scipio ohne staatliche Unterstützung aus Rom.



    Aus diesen Fakten folgere ich, dass ohne Scipio ein solcher Afrikafeldzug nicht stattgefunden hätte, oder zumindest für eine sehr lange Zeit keine militärische Option für Rom gewesen wäre. D.h. ohne Scipio wäre der Krieg auf andere Weise beendet worden. Karthago konnte zu dieser Zeit den Krieg nicht mehr gewinnen. Denkbar wäre also ein Friedensschluss, wo Rom als Sieger aus dem Krieg hervorgeht, aber Karthago seine politische Selbstständigkeit bewahren kann. Wegen römischer Kriegsmüdigkeit endet der Krieg mit dem Abzug der Heere des Hannibal und des Mago aus Italien gegen einen Friedensschluss, wo Karthagos Besitz in Afrika nicht angetastet wird. Spanien, Sizilien und Sardinien und andere Mittelmeerinseln verbleiben im Besitz der Römer.





    Dass der zweite Bereich in Spanien wesentlich komplizierter ist, liegt an der Kriegslage in den Jahren 210 und 209. Im Jahreswechsel 210 /209 übernahm Scipio den Oberbefehl über die römischen Legionen in Spanien. Mit Scipio gingen rund 10.000 zusätzliche römische Soldaten nach Spanien. Scipio trainierte die Fähigkeit der Legionen zu ungewöhnlichen Manövern. Unter seiner Führung waren die römischen Heere zu Aktionen fähig, die noch kein römischer Feldherr vorher vollzogen hat. Dennoch war die Situation für die römische Armee in Spanien nicht einfach. Es standen drei karthagische Armeen in Spanien. Eine unter Hannibals Bruder Hasdrubal, eine zweite unter Hannibals Bruder Mago, und die dritte geführt von einem weiteren Hasdrubal Sohn des Gisco. Außerdem eine starke Kavallerietruppe unter Massinissa. Die römischen Aussichten gegen eine dieser Armeen vorzugehen standen nicht gut, weil diese Armee den Kampf so lange hinziehen kann, bis die anderen Armeen als Verstärkung eintreffen. Die römische Armee läuft so Gefahr, von überlegenen gegnerischen Armeen eingekreist und vernichtet zu werden, ab. So ähnlich ist es ja bereits im Jahr 211 schon einmal passiert.

    So plante Scipio den Angriff auf ein wichtiges strategisches Ziel, welches nicht in der Nähe einer der karthagischen Armeen stand. Dieses Ziel war die Hauptstadt der Karthager in Spanien, Neu Karthago. Scipio nahm diese Stadt noch im Winter des Jahres 209 ein. Dies geschah mit einem Überraschungsmarsch, wo die Einnahme der Stadt erfolgte, bevor eine karthagische Armee eingreifen konnte. Durch diesen Sieg fiel Scipio nicht nur diese Stadt sondern auch die karthagische Kriegskasse und über 300 Geiseln in die Hände. Diese Geiseln waren Angehörige der wichtigsten Stammesfürsten in Spanien. Durch geschicktes Verhandeln über die Freilassung dieser Geiseln konnte Scipio zahlreiche spanische Stämme auf seine Seite ziehen. Das brachte die entscheidende Wende in Spanien und legte die Grundlagen für die späteren Siege Scipios gegen die karthagischen Armeen. Diese Siege wurden erzielt aufgrund von Scipios überragenden Führungsqualitäten in der Schlacht. Speziell in der Schlacht von Ilipia wandte er Taktiken an, die noch keine römische Armee vor ihm so durchgeführt hatte.



    Rom hatte (m.E.) keinen anderen Feldherrn von der Qualität des Scipio.



    Daraus ziehe ich den Schluss das ohne Scipio Rom Spanien nicht erobert hätte. Mit Spanien unter karthagischer Kontrolle kann Karthago den Krieg theoretisch unbegrenzt fortsetzen. Dort waren erhebliche Geldmittel in Form von Silber mit den Karthago in Afrika, Spanien, Gallien, aber auch in Italien immer weiter Truppen rekrutieren könnte.

    Konnte Rom den Krieg theoretisch unbegrenzt fortsetzen? Rom war es zwar gelungen den endgültigen Sieg Hannibals zu verhindern. Man hat den Aufstand in Sizilien niedergeschlagen und Hannibal in Italien wieder zurückgedrängt. Aber die Tauben, von denen ELQ in einem vorausgegangenen Beitrag bereits gesprochen hat, zeigten sich. Nicht im römischen Senat aber unter den römischen Verbündeten machten sich Anzeichen von Unzufriedenheit und Kriegsmüdigkeit bemerkbar. Im Jahr 209 weigerten sich zwölf latinische Gemeinden den Römern weitere Truppen zu stellen und forderten Friedensverhandlungen mit Hannibal. Die Latiner waren die engsten Bundesgenossen Roms! Auch unter den Etruskern machten sich im selben Jahr aufständische Tendenzen bemerkbar. Nicht nur die Weigerung weiterer Truppen zu stellen, sondern auch offenes Eintreten für Hannibal. Es gibt noch Münzen aus dieser Zeit, die von den Etrusker geprägt wurden, die auf der Rückseite einen Elefanten zeigten. Diese aufständischen Tendenzen waren so stark, dass die Römer dort Truppen stationiert mussten und sogar der römische Konsul Marcellus persönlich dort intervenieren musste. Auch nahmen die Römer Geiseln in einigen etruskischen Städten.

    Erste Anzeichen von Unzufriedenheit gab es auch bei den unmittelbaren Nachbarn der Etrusker, den Picenern. Auch die römische Manpower war nicht unbegrenzt. Üblicherweise stand für jede römische Legion eine verbündete Legion im Feld.

    Ein weiteres Zusammenbrechen der Moral der römischen Verbündeten kann die Römer so stark schwächen, dass sie keine andere Wahl haben, als einem Verhandlungsfrieden ohne entscheidenden Sieg mit Hannibal zuzustimmen. Hannibal war zu dieser Zeit bereits zu sehr geschwächt, um diese Lage aus eigener Kraft entscheidend ausnutzen zu können. Das änderte sich als Hannibals Bruder Hasdrubal im Jahr 207 in Italien einfiel. Diesen konnten die Römer zwar ohne Hilfe von Scipio besiegen, aber wenn Spanien weiterhin unter Kontrolle Karthagos gestanden hätte, könnten unbegrenzt weitere Armeen Karthagos in Italien einfallen. Daraus folgt für mich, dass Rom den Sieg im zweiten Punischen Krieg Scipio zu verdanken hat.
     
    Solwac und El Quijote gefällt das.

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