Diskussion um das Vorurteil "dunkles Mittelalter"

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Plinius, 4. November 2007.

  1. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Selbstmörder wurden beispielsweise nach ihrem Tod exkommuniziert und erhielten dann ein sogenanntes "Eselsbegräbnis". Über Henker habe ich gelesen, dass sie ebenfalls nicht in geweihter Erde beerdigt werden durften. Aber waren Henker von berufswegen alle exkommuniziert? Und wie sieht es mit anderen "unehrlichen Berufen" des Mittelalters und FNZ wie Totengräber, Prostitutierte, Bader, etc aus - wurden die auch nicht in geweihter Erde bestattet und waren die alle exkommuniziert?
     
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  2. Stradivari

    Stradivari Neues Mitglied

    Das Eselsbegräbnis galt mW nur für Selbstmörder, die sich dadurch der Bestrafung für ein schweres Verbrechen entzogen. Und es wurde bis ins 19. Jh. hinein in protestantischen wie katholischen Gegenden vollstreckt, ist also nicht spezifisch mittelalterlich. Es sollte vermutlich auch weniger die "geweihte Erde" schützen (die es in der evangelischen Theologie ohnehin so nicht gibt), sondern Delinquenten dazu nötigen, der Hinrichtung nicht durch Selbsttötung zu entrinnen. Öffentliche Hinrichtungen hatten schließlich eine bedeutende Funktion bei der Aufrechterhaltung und symbolischen Bekräftigung von Recht und Gerechtigkeit.
     
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  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Um vielleicht mal von den kirchlichen/religiösen Themen weg zu kommen und nochmal einen aderen Bereich aufzugreifen und das mit einer Zitatstelle bei Afflerbach untermauern:

    "[...]Hier drängt sich die Frage auf: Gab es einen Unterschied zwischen antiken und mittelalterlichen Belagerungen und Kapitulationen von Städten und ihrer anschließenden Behandlung?
    Offensichtlich dominierte die Habgier und Willkür des Siegers nach wie vor das Geschehen. Dennoch möchte ich vorsichtig dafür plädieren, dass es einen Unterschied gab. Trotz abstoßender Exzesse blieb im Mittelalter, anders als in der Antike, die vollständige Vernichtung der eroberten Gemeinwesen aus, und daraus könnte auf eine Wendung hin zu humanerem Verhalten geschlossen werden.
    Christliche Barmherzigkeitsideale und der ritterliche Verhaltenskodex mögen dabei eine Rolle gespielt haben; gegen Ende des Mittelalters war das Bewusstsein dafür, das Unbeteiligte zu verschonen seien, eindeutig vorhanden. Es gab zwar noch die deditio, doch war sie nun, anders als zu römischer Zeit sehr wohl an Bedingungen und Auflagen für den Sieger geknüpft. So kapitulierte Mailand gegenüber Friedrich Barbarossa, aber nicht bedingungslos; es schloss mit ihm einen Kapitulationsvertrag ab, eine conventio. Erst als die Mailänder merkten, dass die darin ausgehandelten Bedingungen, nämlich die Beherbergung des kaiserlichen Heeres in der Stadt, ihren wirtschaftlichen Ruin bedeuteten, unterwarfen sie sich einer deditio sine omne tenore, die aber anders als in der Antike, eine starke Verantwortung des Siegers für das Wohlergehen des Besiegen beeinhaltete [...]"


    - Afflerbach, Holger: Die Kunst der Niederlage, eine Geschichte der Kapitulationen, München, 2013, S. 84.


    Wenn man Afflerbach in seine Ausführungen in Summa folgt, könnte man durchaus für eine mindestens teilweise Humanisierung des Kriegswesens im Mittelalter gegenüber der Antike plädieren.
    Wobei hier vor allem zwei massive Einschränkungen zu machen sind:

    1. Im Bezug auf Belagerungen wird man in obigem Sinne vielleicht eine Humanisierung deutlich festmachen können, im Bezug auf anders geartete Schlachten nur dann, wenn es sich um Auseinandersetzungen vor allem von Adeligen untereinander handelte, weil die sich einschleifende Lösegeld-Praxis zunehmend eine sinnvolle Alternative zum wahllosen Töten und plündern darstellte.

    2. Reden wir hier noch nicht von kodifiziertem Recht, sondern allenfalls von Kriegsbrauch und Gewohnheitsrecht, so dass die Besiegten keine in diesem Sinne rechtssichere Handhabe hatten, um sich darauf berufen zu können.

    Auch bemerkt Afflerbach in den Kapiteln, die das Mittelalter betreffen einen Wandel im Wertebewusstsein des Mittelalters, dahingehend, dass Kapitulation gegenüber einem eindeutig überlegenem Feind nach hart geführtem Kampf seit dem Mittelalter eine zunehmende Akzeptanz erfahren habe und sich die in der Antike vorhandenen sozial akzeptieren Alternativen "Sieg oder Tod" zunehmend in die Alternativen "Sieg oder Kapitulation" wandelten.


    Je nachdem mit welcher Epoche man das Mittelalter im Hinblick auf die Zuschreibung "dunkel" nun vergleichen möchte, kann man darüber zu verschiedenen Schlussfolferungen kommen:

    Auch wenn Afflerbach vorsichtig eine erneute "Verrohung" der Kriegsbräuche zu Beginn der FNZ als Theorie mindestens ins Spiel bringt, wird man festhalten können, dass das nicht kodifizierte Gewohnheitsrecht des Mittelalters im Sinne einer humaneren Gestaltung des Krieges sicherlich nicht an die Kodifizierungen des 17. Jahrhunderts seit Grotius herankommen und man verglichen damit die Kriegsbräuche des Mittelalters durchaus für "finster" halten kann.
    Vergleicht man es allerdings mit der ja doch in vielen Dingen immer als fortschrittlich angepriesenen Antike würde ich in Übereinstimmung mit Afflerbach in dieser Hinsicht dafür plädieren wollen, dass "dunkle Mittelalter" als verhältnismäßig fortschrittlich aufzufassen.
    Sicherlich nicht in dem Sinne, dass die damit verbundenen Gepflogenheiten nach unseren Maßstäben human gewesen wären, in ihrer Konsequenz aber möglicherweise dann doch etwas humaner, als diejenigen der Antike.
     
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  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nach kirchlichem Recht sicher nicht.
    „Die kirchliche Bestattung wird Heiden, Juden und allen Ungläubigen, Häretikern und ihren Anhängern, jenen, die den christlichen Glauben ablehnen, Schismatikern und öffentlich Exkommunizierten unter großer Exkommunikation, Interdizierten und jenen, die an einem interdizierten Ort sind, so lange [die Interdiktion] währt, verweigert; [ebenso] den Selbstmördern, die sich aus Verzweiflung oder Jähzorn umbrachten (nicht aber wenn sie dies aus geistiger Verwirrung heraus taten), wofern sie nicht vor dem Tod Zeichen der Reue zeigten; den im Duell Gefallenen, auch dann, wenn sie vor dem Tod Zeichen der Reue zeigten; jenen, von denen öffentlich feststeht, dass sie nicht zumindest einmal im Jahr das Sakrament der Beichte und die Kommunion zu Ostern empfingen, und die ohne jedes Zeichen der Reue versterben; die Kinder, die ohne Taufe starben. Wo in den vorhergegangenen Fällen Zweifel auftauchen, ist der Ordinarius zu befragen."​
    (Rituale Romanum, zit. nach Romedio Schmitz-Esser, Der Leichnam im Mittelalter, Sigmaringen 2014, S. 478)

    Da wird eher die Ausgrenzung der Henker/Abdecker durch die städtische Gesellschaft eine Rolle gespielt haben. Die Gepflogenheiten dürften unterschiedlich gewesen sein.

    Hier habe ich eine Begebenheit aus dem Jahr 1738 gefunden, da blieb ein Abdecker drei Wochen lang unbestattet, weil niemand seinen Sarg tragen wollte. Schließlich schritt die Obrigkeit ein und verfügte unter Androhung einer Geldbuße die Bestattung; die Sargträger sollten durch das Los ermittelt werden:
    Bestattung eines Abdeckers
     
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