Emanzipation/Assimilation der Juden im 19./20. Jhd.

Dieses Thema im Forum "Judentum | Israel | Naher Osten" wurde erstellt von Gast, 29. März 2008.

  1. Gast

    Gast Gast

    hey, ich habe ein großes problem und hoffe, dass mir hier jemand helfen kann..

    auf grund einer schweren krankheit konnte ich eine größere geschichtsarbeit nicht mitschreiben und soll als ersatz einen vortrag halten.

    die aufgabenstellung lautet:

    Was bedeutet Assimlation und Emanzipation der Juden im 19./zu Beginn des 20. Jhds.?

    Stellen Sie diese Assimilation und Emanzipation der Juden in den Ländern Mitteleuropas an Beispielen dar. (Zeitraum "Neuere Zeit")


    Der Vortrag soll 5-7 Minuten dauern, aber die Informationsfülle reicht für 30! Irgendetwas überfordert mich daran, zumal ich noch einen weiteren, umfangreicheren Vortrag einstudieren muss..

    ich bedanke mich für jede art der hilfe! danke!
     
  2. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied

    Was hast du denn bislang so? Poste das doch bitte mal, dann können wir hier diskutieren, was unbedingt rein sollte und was man streichen kann.
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Beim überfliegen deines Beitrags fiel mir sofort spontan eine Persönlichkeit ein: Fritz Haber.

    Haber war Jude, und wie durchaus viele Juden, die 1870 endgültig in Deutschland gleichberechtigt wurden, glühender Patriot. Er war der festen Überzeugung, dass ein Wissenschaftler im Frieden der ganzen Menschheit, im Krieg aber nur dem eigenen Land, dem "Vaterland" verpflichtet ist. Habers ammoniaksynthese durch das Haber- Bosch Verfahren machte Deutschland 1915 unabhängig von Salpeter aus Chile. Im April 1915 organisierte er bei Ypern den Gaskrieg und ließ sich davon auch durch den Suizid seiner Frau nicht abhalten. Haber ist bis heute eine Persönlichkeit, an der sich die Geister scheiden. Für die einen ist er ein genialer Wissenschaftler und Freund Albert Einsteins, für die anderen der erste Wissenschaftler der sich in die Dienste des Militärs begab und persönlich den chemischen Krieg führte.

    1933 mußte er Deutschland wegen der Nazis verlassen.
     
  4. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Die massenweise Flucht der Ostjuden nach Westeuropa und Übersee trug zum Antisemitismus in diesen Regionen bei. Christliche und jüdische Religion näherten sich zudem nicht an.
    So wurden in den USA die Einwanderungsgesetze verschärft, gegen all die Volksgruppen die sich in den USA nicht assimilieren wollten.
    Es wurde zwischen ost- und westeuropäischen Juden in den USA getrennt. Die westeuropäischen Juden in den USA assimilierten sich leichter.
    In Westeuropa gab es keine nennenswerte verstärkte Assimilierung. Das Niveau war wie die Jahrhunderte zuvor niedrig.

    Wäre die Aufgabenstellung "Integration der Juden" gewesen, wäre es eine historisch sinnvolle Aufgabe dies zu erarbeiten. Emanzipation ist ok, da der Antisemitismus als Grundlage für den Zionismus (Emanzipation) gelten darf. Die Briten begannen 1922 die Balfour-Deklaration ("nationale Heimstätte des jüdischen Volkes") auf dem Gebiet des Völkerbundsmandat für Palästina umzusetzen.
    Ab 1921 wanderten in das heutige Israel bereits ca. 35000 sowjet-russische Juden ein (Antisemitismus unter der Sowjetdiktatur).
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 29. März 2008
  5. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Moin, noch ein kleiner Auszug aus dem Brockhaus für dich:

    Ausprägungen des Antisemitismus:

    Ursprünglich entzündete sich diese Feindschaft an der religiösen und sozialen Absonderung der Juden in den Gastländern, seit sie über die Welt verstreut wurden (Diaspora), sodass die jüdischen Minderheiten schon vor der Durchsetzung des Christentums als fremdartig erschienen. Von dieser traditionellen Judenfeindschaft (Antijudaismus; Judenverfolgungen im Römischen Reich, Kampf gegen das Judentum im Mittelalter, Judenabzeichen) ist der moderne, v. a. gegen die Judenemanzipation (rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung seit dem 18./19. Jahrhundert) gerichtete Antisemitismus zu unterscheiden. Er wurde vorwiegend wirtschaftlich und politisch begründet und benutzt (z. B. J. A. de Gobineau, H. S. Chamberlain). Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gewann der rassistische Antisemitismus v. a. in Deutschland, Österreich-Ungarn und auch in Osteuropa wachsenden politischen Einfluss. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er für breite Schichten in diesen Ländern zur irrationalen Schlüsselerklärung der sozialen und politischen Strukturkrise. Die hemmungslose antisemitische Agitation erklärte den Einfluss von Menschen jüdischer Herkunft und Tradition in Wirtschaft, Kunst und Literatur als »zersetzend«; sie stellte Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus nur als verschiedene Ausprägungen einer zielgerichteten, »parasitären« jüdischen »Unterwanderung« dar (Weltverschwörungstheorien, u. a. sogenannte Protokolle der Weisen von Zion). Dieser bereits in seiner Gesinnung gewalttätige Antisemitismus führte als fester Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie in Deutschland zu einer ständig sich steigernden Judenverfolgung von der Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben, der Rassengesetzgebung (Nürnberger Gesetze), der staatlichen Provozierung von Pogromen bis zum Holocaust, der Ermordung von etwa 6 Mio. Juden während des Zweiten Weltkriegs.

    und von Wolfgang Benz:

    Von der religiös-gesellschaftlichen zur rassistischen Ausgrenzung im 19. Jahrhundert


    In der Zeit der Aufklärung wurde mit der zum Beispiel von Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn propagierten Idee der Toleranz gegenüber Juden der Weg zur Emanzipation bereitet, die als »bürgerliche Verbesserung der Juden« gedacht war. Der Schriftsteller und Beamte in preußischen Diensten Christian Wilhelm Dohm fasste 1781 das Programm der aufklärerischen Judenemanzipation in die Worte: »Die der Menschlichkeit und der Politik gleich widersprechenden Grundsätze der Ausschließung, welche das Gepräge der finsteren Jahrhunderte tragen, sind der Aufklärung unserer Zeit unwürdig und verdienen schon längst nicht mehr, befolgt zu werden.«

    Die Emanzipation der Juden, also ihre Befreiung aus den sozialen und rechtlichen Schranken, war in Deutschland und Österreich kein revolutionärer Akt wie 1791 in Frankreich, sondern Ergebnis einer langwierigen Debatte, die sich vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis Ende der 1860er-Jahre hinzog. Als Bewegung gegen die rechtliche Gleichstellung der Juden und gefördert von gesellschaftlichen Krisen, kam es 1819 zu pogromartigen Ausschreitungen. Die »Hep-Hep-Verfolgungen« begannen in Würzburg und strahlten über ganz Deutschland bis nach Dänemark aus. Sie zeigten zugleich, dass Judenfeindschaft eine Form von sozialem Protest war, bei dem Aggressionen verschoben und gegen Juden gerichtet wurden.

    Judenfeindschaft erhielt im 19. Jahrhundert eine neue Dimension in Gestalt des rassistisch und sozialdarwinistisch argumentierenden modernen Antisemitismus, der sich als Resultat wissenschaftlicher Erkenntnis ausgab. Zu dessen Vätern gehörte Arthur de Gobineau mit seinem voluminösen Essay »Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen« (erschienen 1853 bis 1855 in vier Bänden), der zwar nicht gegen die Juden gerichtet war, aber instrumentalisiert wurde als Eckpfeiler einer Rassentheorie, die den modernen Antisemitis- mus scheinbar wissenschaftlich unterfütterte. Die Übereinstimmung der antisemitischen Theoretiker bestand darin, dass jede »Rasseneigenschaft« der Juden negativ war. Der Unterschied zur älteren Judenfeindschaft war die Überzeugung, dass Rasseneigenschaften anders als religiöse Bekenntnisse unveränderbar seien. Die Taufe konnte nach Überzeugung der Antisemiten den Makel des Judeseins nicht mehr aufheben. In der Diskussion über die »Judenfrage« spielten die Schmarotzermetaphorik und die Parasitenmetaphorik zunehmend eine Rolle, ungeachtet der Tatsache, dass die antiemanzipatorische Judenfeindschaft vor allem eine Bewegung gegen die Modernisierung der Gesellschaft und gegen den politischen Liberalismus war. Der Übergang vom religiösen Hass zur rassistischen Ablehnung war nicht abrupt, die Traditionen des religiösen Antijudaismus blieben wirkungsmächtig und verstärkten die neuen pseudorationalen Argumente des Rassenantisemitismus. Schließlich wurde Judenfeindschaft zum »kulturellen Code« (Shulamit Volkov), mit dessen Hilfe sich die Rechte im Wilhelminischen Kaiserreich verständigte.

    Intellektueller Höhepunkt der Auseinandersetzung war der Berliner Antisemitismusstreit, ausgelöst durch einen Artikel Heinrich von Treitschkes in den »Preußischen Jahrbüchern« im November 1879. Der angesehene Historiker hatte sich gegen die von ihm befürchtete Masseneinwanderung osteuropäischer Juden ausgesprochen und den deutschen Juden mangelnden Assimilationswillen vorgeworfen. Obwohl er nicht für die Rücknahme der Emanzipation plädierte, war Treitschke in der Argumentation und durch die Verwendung ausgrenzender judenfeindlicher Stereotypen - er verwendete einmal den Ausdruck »Deutsch redende Orientalen« - ins Lager der Antisemiten geraten. Auch angesichts der Wirkung, die Treitschkes kulturpessimistische Ausführungen hatten, ist die Diskussion, ob er selbst ein Antisemit war, ziemlich müßig, denn er machte zumindest die grassierende antisemitische Agitation, wie sie von drittrangigen Publizisten und eifernden Kleingeistern entfacht worden war, gesellschafts- und diskussionsfähig.

    Kurz zuvor, im Februar 1879, war Wilhelm Marrs politisches Pamphlet »Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum« erschienen, das im Herbst 1879 schon in der 12. Auflage verkauft wurde. Marr verwandte erstmals den Begriff »Antisemitismus«. Den Weg dahin hatten schon Autoren wie Otto Glagau bereitet, der im weit verbreiteten Wochenblatt »Die Gartenlaube« die Juden mit Verunglimpfungen wie »90 Prozent der Gründer und Makler sind Juden« als Verursacher der lang anhaltenden Wirtschaftskrise, die auf den »Gründerkrach« von 1873 folgte, denunzierte und in polemischen Artikeln die Juden zu Sündenböcken für aktuelles Ungemach stempelte. Die Pressekampagnen in der konserativen protestantischen Kreuzzeitung, aber auch in katholischen Blättern, deren gemeinsamer Feind der politische Liberalismus war, vertieften seit 1874/75 die judenfeindlichen Ressentiments. ...

    viel glück.
     
  6. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Als Quelle über die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland ist D. Goldhagen (Hitlers willige Vollstrecker; hier Teil 1, Kapitel 2) wertvoll und dürfte in jeder Bibliothek stehen. Auf S. 96 zitiert er eine Untersuchung. Von 55 Schriften prominenter Autoren, zwischen 1861 - 1895 (sic) in Deutschland erschienen, forderten 28 "Lösungen der Judenfrage", davon 19x die "physische Vernichtung". Der Holocaust war keine Erfindung der Nazis, sondern gedanklich bereits vielfach vorweg genommen. Das wird heute oft vergessen.
     
  7. Hulda

    Hulda Gast

    Ich möchte zu dem Thema Sammy Gronemann sprechen lassen:

    "Und wir Juden haben das gleiche Recht auf Verbrecher, Idioten und Narren wie alle Völker. Wenn wir von diesem Recht nur einen sehr beschränkten Gebrauch machen,mag`s angehen, aber von Gleichberechtigung kann man nicht reden, solange allenfalls ein Einstein oder Schnitzler, ein Disraeli oder Liebermann akzeptiert werden, solange man uns aber das Recht, auch widerwärtige Leute zu produzieren, abspricht."

    (Sammy Gronemann, Schalet. Beiträge zur Philosophie des "Wenn schon!", Berlin 1927, S. 51f., auch zu finden in: Juden in Deutschland, hrsg. von L. Heid u. J. H. Schoeps)
     
  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Judenemanzipation und Gleichberechtigung der Juden in vielen europäischen Ländern führte innerhalb des Judentums zu einer Kontroverse. Viele deutsche oder französische Juden waren ausgesprochene Patrioten die sich stark mit dem Gastland, das sie als Heimat betrachteten, identifizierten. Viele Juden glaubten, noch bestehende Vorurteile und Antisemitismus durch Anpassung an die Normen der Mehrheit ausräumen zu können, und viele Juden waren durchaus nicht erfreut über den Zuwachs an orthodoxen Juden aus Osteuropa.
     

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