Ende der Antike

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Altertum" wurde erstellt von Nakharar, 26. Juli 2008.

  1. Nakharar

    Nakharar Neues Mitglied

    Was glaubt ihr: Wann war der Übergang der Antike zu Mittelalter?
    Die wissenschaftlichen Theorie reichen ja über einen Zeitraum von fast 250 Jahren, von den letzten Olympischen Spielen der Antike (393) bis zum Beginn der islamischen Expansion 632. In der modernen Wissenschaft haben sich mittlerweile scheinbar drei strittige Kandidaten herausgebildet: Die Absetzung des letzten römischen Kaisers Romolus Augustulus 467, was häufig als Untergang des weströmischen Reiches deklariert wird, der Tod Justinians 595, der als letzter klassischer Kaiser mit universellem Herrschaftsanspruch gilt, und schließlich der Beginn der arabischen Expansion 632, da dies besonders für das oströmische Reich eine entscheidende Zäsur bedeutete.
    Darüber hinaus gibt es noch einige weitere Enddaten, die aber von recht wenigen Historikern getragen werden: 395 (Reichsteilung), 486 (Niederlage Syragius' gegen Chlodwig), 529 (Gründung des ersten Benediktinerklosters und Schließung der Platonischen Universität oder 568 (Einfall der Langobarden in Italien)
    Also, welche These ist die glaubhafteste?
     
  2. Locke der Große

    Locke der Große Neues Mitglied

    Ich denke mal das die Absetzung des Kaisers Romulus Augustus das ende der Antike ist, da somit das Römische reich ja eigl. endgültig zerfallen war.
     
  3. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Welches der genannten und mehrerer anderer Jahre (oder möchte man es doch kieber auf den Tag genau wissen?) man wählt, hängt von der Definition, was "Antike" eigentlich sein soll, ab.

    Dies erfordert zuerst mal eine Definition des Raumes, der betrachtet werden soll: Persien? Nordafrika? Spanien? Irland? In allen diesen Gebieten "tut sich was" zwischen 300 und 600. Für die Britischen Inseln ist sicherlich 412 ein geeigneter Termin für den Anfang vom Ende der "Antike". Wieso ist Italien denn das "Herz" der Antike oder des Mittelalters??

    Zweitens hänt es davon ab, was man als "typische antike Verhaltensmuster" ansieht, die durch "typsche mittelalterliche" abgelöst werden. Religionsausübung ist ein ganz wesentlicher Teil des Verhaltensrepertoirs eine Bevölkerung, und der Übergang zum Christentum, z.B. im Übergang zur "Staatsreligion" eine ganz wesentliche Zäsur, also 380.

    Seit dem 5. Jh. wird eine Abnahme des Alphabetisierungsgrads, in manchen Gebieten sogar der Bevölkerung verzeichnet. Baumaßnahmen lassen nach, die Römischen Straßen werden nicht mehr in Stand gehalten... Datum schwer zu setzen... Vielleicht die Auflösung des "Reichsverkehrs- oder Kultusministeriums"?

    Sehr gut sind auch immer Plünderungstermine von Rom!

    Das spannende bei solchen Fragen ist vor allem die Beschäftigung mt dem Thema :)
     
  4. askan

    askan Neues Mitglied

    Eigentlich wäre es logisch, die panarabische Vereiningung durch den mekkanischen Kaufmann als Ende der Antike angesehen werden. Durch dies Ereignis kollabierte das alte Persien und die Süd- und grosse Teile der Ostgebiete des römischen Imperium wurden bis heute besetzt. Ich denke, dies Ereignis war weit mehr einschneidener als ein paar Plünderungen des Mittelmeergebiets durch einige mitteleuropäische Warlords. Seit dem Erscheinen des Islams sind die alten antiken Strukturen der Geschichte anheimgefallen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2008
  5. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Das alte Persien ist öfter kollabiert.... Und soo alt ist es auch wieder nicht, wenn wir mit den Achämeniden anfangen. Warum also gerade diese Eroberung? Außerdem hat die persische Kultur die Islamische Kultur stark überprägt.Wenn wir heute an "1001 Nacht" denken, dann sind das persische und indische Vorstellungen, weniger "arabische"...
     
  6. askan

    askan Neues Mitglied

    Seitdem sind die einst stolzen Perser unter arabischer Fuchtel!
     
  7. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Aber nein! Seither (etwa 749) sind die Araber unter der iranischen Fuchtel. Ab den Buyiden (ca 945) gibt es auch keinerlei offiziellen politischen Einfluss mehr.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Araber haben ihren eigenen Begriff für die Zeit vor dem Islam: ǧāhiliyya, von ǧāhil, 'unwissend'. Ich habe in einem anderen Thread mal versucht, die Epochen durch die Art der Quellen voneinander abzugrenzen, konnte mich damit aber offensichtlich nicht durchsetzen ;).
     
  9. Nakharar

    Nakharar Neues Mitglied

    Also kann man sagen, dass die Antike SPÄTESTENS mit der arabischen Expansion 632 endete. Das persische Sassanidenreich, dass von Kaiser Herakleios 628 schwer geschlagen wurde und alle zuvor eroberten Gebiete wieder abgeben musste, war nicht mehr in der Lage sich den angreifenden Arabern entgegenzustellen, was auch für die Byzantiner zutrifft. Für diese kann man das Ende der Antike auch hier ansetzen (als Übergang vom antiken oströmischen Reich zum mittelalterlichen Byzantinischen Reich), aber auch der Tod Justinians 595 (Tod des letzten "klassischen" Kaisers, der einen Universalanspruch vertrat) oder der Verlust Italiens an die Langobarden 568 wäre denkbar. Für Resteuropa kann man schon 467 als Ende der Antike sehen, wobei ich neulich gelesen hat das die meisten Menschen von Augustulus Absetzung kaum Kenntnis genommen haben, daher wäre auch ein früheres Datum denkbar.
     
  10. Benowar

    Benowar Neues Mitglied

    Es gibt nicht ein eindeutiges Datum. Wie stellt man sich das vor? Am 4.9.476 um 1 Uhr Mittags sagten alle: "nun ist die Antike vorbei, schauen wir mal, was da kommt". ;-) Nein, das würde keiner ernst meinen. Alle Epochendaten sind zunächst einmal recht willkürlich und meistens anfechtbar. Für den Übergang von der Antike zum Mittelalter sowie vom Mittelalter zur Neuzeit ergeben sich noch ganz spezielle Probleme: Das "Ende der Antike" kann man ganz unterschiedlich ansetzen, je nach welchem Kriterien man vorgeht und welche Region man betrachtet. Literaturwissenschaftler nehmen andere Daten als Historiker, die sich mit dem Osten der Mittelmeerwelt beschäftigen, die wiederum ganz anders argumentieren als Historiker, die vor allem aus der mediävistischen Ecke kommen. Als jemand, der sich auch professionell noch nach dem Studium damit herumschlägt, kann ich nur sagen, dass man die alten Forschungsmeinungen (Stichwort 476) eher ad acta legen kann.

    Man muss eher eine Zeitschiene betrachten, die im Westen noch ganz klar das frühe 6. Jahrhundert umfasst (denn das West- und Ostgotenreich sowie das frühe Merowingerreich hatten noch einen recht starken spätantiken Charakter), während man für den Osten mindestens bis zum Tod Justinians (565), maximal bis in die Regierungszeit des Herakleios ausgreift (610-641). Das ist auch die neuere Forschungsmeinung (etwa in den neueren Handbüchern: Demandt, Averil Cameron, Mitchell, Peter Brown etc.).

    Es gibt mehr als ausreichend Literatur zu diesem Thema. Ein Großteil des akademischen Diskurses findet allerdings in Fachzeitschriften statt. Die m. E. beste Gesamtdarstellung aus mediävistischer Sicht ist Bd. 1 der ''New Cambridge Medieval History" (2005). Aufgrund des Preises lohnt sich der Weg in eine Unibibliothek. Aus althistorischer Sicht bietet sich weniger Peter Heathers gelungene Darstellung vom Fall Roms an (denn der Fall des weströmischen Reiches bedeutete nicht automatisch das Ende der Antike, wie noch Seeck meinte); besser wäre Guy Halsall "Barbarian Migrations and the Roman West" (2007) - eine sehr gelungene, auf dem aktuellen Forschungsstand beruhende Darstellung der Zeit bis zum Langobardeneinfall. Für den Osten, also Byzanz, ist John Haldons Darstellung unverzichtbar ("Byzantium in the seventh century", 1997) - nicht immer lesbar, aber die disperate Quellenlage noch am besten gehandhabte Darstellung. Und wer es allgemeiner mag: Mischa Meier (Hg.), "Sie schufen Europa" (2007).
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. August 2008
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  11. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Letzterem kann ich uneingeschränkt beipflichten!

    Im Lexikon des Mittelalters wird die Diskussion, was M. eigentlich sei, auch unterteilt nach Begriff, Raum und Epoche. (Wenn man sich übers M. einigt, ergeben sich Antiken-Ende und Neuzeit-Anfang von selbst.:)) Interessant finde ich den Hinweis, dass in unserem Kulturkreis der Hallenser Historiker Christoph Cellarius 1688 als erster das 3er-Schema (AN-MA-NZ) auf die allgemeine Geschichte angewendet haben soll.

    Was sofort zur Frage führt: Was bringt diese Art von Periodisierung überhaupt?
    Erste These: "Drei" ist halt eine magische Zahl.
    Zweite These. Man versucht dadurch einen - wie immer gearteten - Progress in der Geschichte zu verdeutlichen.
    Dritte These: Es ist "nur" eine sprachliche Konvention ohne tieferen Sinn.
     
  12. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Natürlich brauchte man das "Mittelalter" erst, als das Bewusstsein einer "Neuzeit" entstand, mithin einige Jährchen nach dieser Zäsur, die ja gar keine ist...

    Vorher reichte die binäre Unterscheidung "alt"/"neu": Ein neues Reich, ein neues Gesetz, eine neue Zeitrechnung (!). Für Europa war der wesentliche Einschnitt das Christentum, zuerst (etwas abwegig, aber bequem) ab Diokletian (284), dann ab Christi Geburt ("ab incarnatione Domini", d.i. als Jesus etwa 4 Jahre alt war :) ) Vorher die "heidnische", danach die "christliche" Zeit.

    Eine Zäsur durch das Ende des Weströmischen Reiches (also "unserer" Antike) wurde offenbar nicht so stark empfunden. Das Reich Karls des Großen setzte nach einer kurzen Zeit der Wirren dort wieder an; das Oströmische Reich bestand ja sowieso kontinuierlich, jedenfalls bis 1204.

    Eine periodische Dreiteilung wird durch vielerlei psychologische und methodische Randbedingungen nahegelegt: Ein "Übergangszeit" entschärft die problematische Abgrenzung. Erkauft wird dies i.d.R. durch eine Abwertung dieser Übergangszeit:
    Paläolithikum = Zeit der Menschwerdung und der Faustkeile
    Neolithikum = Ackerbau, Viehzucht, Keramik, erste Städte ...
    Mesolithikum = Äh, was war das doch noch gleich?

    Didaktisch ist eine Dreiteilung aber offenbar von hohem Nutzen, insbesondere die Geologie benutzt(e) diesen Trick: Paläozoikum, Mesozoikum, Känozoikum; Trias, Jura, Kreide; Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper =)

    Der Wikipedia Artikel Christoph Cellarius ? Wikipedia gibt viele Anregungen, ist aber etwas undurchsichtig in seiner Aussage...
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. August 2008
  13. bender

    bender Gast

    Im deutschen Raum nimmt man doch üblicherweise den Beginn der Völkerwanderung, den man (warum auch immer) auf 375 datiert.

    Dazu: Stefan Krautschick: Zur Entstehung eines Datums. 375 – Beginn der Völkerwanderung. In: Klio 82 (2000), S. 217–222.
     
  14. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Die Fiktion ist, dass der Hunneneinfall der "germanischen Völkerwanderung" den Schwung gegeben hat....

    Die zweite Fiktion, dass dies der Anfang vom Ende war (Das stimmt wahrscheinlich sogar ...)
     
  15. DerGeist

    DerGeist Neues Mitglied

    Das Ende der Antike.
    Ich beschränke mich mal auf Mitteleuropa.
    Einen festen Punkt gibt es nicht, der markiert das die Antike vorbei ist und die nächste Epoche anfängt.
    Besonders das "gallo-römische" Gebiet (heutiges Frankreich) zeigt als ein mögliches Beispiel die Entwicklung von der Antike zum Mittelalter hin.
    Da sich im Laufe der Romanisierung auch in den Jahrhunderten nach Christus auch immer mehr germ. "Föderaten" aber auch angeworbene Truppen aus dem sog. freien Germanien befanden spricht man auch von der Barbarisierung der Römischen Heeres. Dies führt dann soweit das ab dem 2/3 Jh.n.chr die höchtsten militärischen Ämter im weström. Reich an "Germanische Könige" vergeben wurde. Ebenso war die Leibwache des Röm. Kaisers nicht immer aber sehr häufig rein aus germ. Truppen zusammengesetzt.
    In den Zeitraum des 3-5 Jh.n.chr. wiederum beginnt eben auch bei den "Germanischen Oberschichten" eine Romanisierung die sich vor allem in den Gräbern niederschlägt (Haßleben-Leuna, Marwedel, Gommern u.A.).
    Durch den langsamen Zerfall der röm. Autorität (inbes. der militärischen) in den Jahren nach 300 konnten sich eben jene germ. Magister militium starke Positionen innerhalb der römischen Gesellschaft (z.T. auch poltische Positionen) erarbeiten.
    Durch Verbindungen zum gallo-röm. Adel (vor allem an damals neu enstehenden Christl. Verwaltungszonene) bildet sich dann in einem langwierigen Prozess die frühmittelalterliche Gesellschaft heraus.
    Folgendes Buch kann ich zum Thema als Einstieg empfehlen:
    Patrick J. Geary "Europäische Völker im frühen Mittelalter" Fischer (Frankfurt a.M, 2000).
     
  16. Jack Smith

    Jack Smith Gast

    Übergänge der Epochen

    Hallo Leute. Kann mir jemand Gründe der Übergänge in andere Epochen nennen. Ich meine damit, wieso das Altertum um 500 n. Chr. aufgehört hat und dann das Mittelalter angefangen hat.
     
  17. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Das ist schon wieder schwer.
    Warum hat jemand Eisen in der Bronzezeit erfunden?
     
  18. Tiberius Caesar

    Tiberius Caesar Neues Mitglied

    Oder warum hat der gute Gutenberg mit dem Buchdruck nicht gewartet, bis die Neuzeit angefangen hat?

    s.d.caes.
     
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ist das denn hier gefragt?

    Es war doch eher die Frage dannach, warum die Historiker an dem und dem Zeitpunkt die Epochengrenze ziehen. Da gibt es dann verschiedene Argumente (Ende des Weströmischen Reiches, Feudalismus usw. ...).
     
  20. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Es gibt ja auch gute Gründe, bestimmte Ereignisse als Zäsur zu bestimmen wie das Ende des Westreichs, die Schließung der platonischen Akademie in Athen, der Aufstieg des Islams etc.

    Die zeitliche Einordnung kann mitunter grenzwertig sein wie das Jahr 1492.

    Den Abschluss der Reconquista und die Einnahme der letzten maurischen Festung Granada würde ich eher noch im Mittelalter einordnen, die Wiederentdeckung Amerikas durch Kolumbus und den Vertrag von Tordesillas aber in die neuzeitliche Geschichte.
     

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