Entwicklung vom Kastell zum Burgus

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Apvar, 13. September 2009.

  1. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Hallo Zusammen

    Mich interessiert die Entwicklung vom römischen Kastell zum Spätantiken Burgus. Wer kann darüber etwas sagen oder Literatur angeben?

    Bis Neulich

    Apvar
     
  2. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Zur Entwicklung in Großbritannien und Deutschland kann ich ein wenig beitragen.
    An den Limites in beiden Regionen gab es die typischen "Spielkarten"-Kastelle - die klassisch römische Lagerbauweise, angelegt mehr für die langfristige Besatzung ohne direkte Gefahr durch Feinde. Ab der Zeit von Marc Aurel häuften sich die militärischen Konflikte. Die "Spielkarten"-Form der Kastelle blieb zwar noch beibehalten, aber es gibt hier bereits die ersten Anzeichen, dass die Kastelle funktional besser angepasst werden. Beispiele dazu etwa aus der Commodus-Zeit:
    1. das so genannte Annex-Kastell in Osterburken. Diese Beifügung an ein bestehendes Kohortenkastell verstärkte die Garnison um einen Numerus und ist eines der wenigen Beispiele am Limes, bei denen sich die Mauerführung dem Gelände anpasst (dadurch hat es einen trapezförmigen Grundriss).
    2. das Kastell in Niederbieber für zwei Kohorten - mit vorspringenden Türmen und dem Badegebäude bereits im Inneren des Kastellgeländes gelegen.
    Diese Tendenzen zur Differenzierung der Kastelle setzen sich - teils geplant, teils durch die Anforderungen bedingt - im 3. Jahrhundert fort.
    Zu nennen wären etwa South Shields bei Newcastle, dass unter Septimius Severus zu einer regelrechten "Speicherstadt" umgebaut wird. Oder der merkwürdige so genannte "Burgus" bei Burgsalach:

    Burgsalach Römischer Burgus

    Er stammt aus dem frühen 3. Jahrhundert und ist von seinem Aufbau völlig eigenständig für den Raum; die Parallelen liegen in Afrika und Syrien.

    Wohl ein Beispiel für aus der Not heraus geborene Veränderungen sind die Umbauten im Limeskastell Kapersburg. Hier wurde ein verkleinerter Bereich des Kastells durch Mauern gesichert; die Ausgräber vermuteten auch, dass eine geschrumpfte Besatzung und die Zivilbevölkerung in diesem Restkastell lebten.

    Insgesamt blieben diese Veränderungen noch punktuell und führten lediglich hin zu den späteren Perspektiven. Der Hadrianswall zeigt auch als schönes Beispiel, dass dort, wo es möglich war, die ursprüngliche Bauweise weiter beibehalten wurde: hier behielten die Kastelle ihren ursprünglichen Grundriss bis in die Spätantike.

    Die Bürgerkriege und Germaneneinfälle führten zu einem weitgehenden Zusammenbruch der alten Militärorganisation in Germanien - nur ganz wenige Einheiten hatten die Wirren bis zur diokletianischen Wende überlebt.

    Die Plünderungszüge führten zu einem Bedürfnis nach stärkeren Befestigungen, was zuerst auf dem zivilen Sektor zum Tragen kam - erinnert sei etwa an die aurelianische Mauer, aber auch etwa die Anlage der Mainzer Stadtmauer mit Anschluss an das Legionslager.

    Die großen militärischen Bauprogramme setzten dann unter Diokletian, Konstantin und in Britannien auch durch die Usurpatoren Carausius und Allectus.
    Diese beiden Usurpatoren waren beteiligt am Ausbau des "litus saxonicus", der so genannten Sachsenküsten-Kastelle, Diese sind deshalb sehr interessant, weil sie sehr gut den Übergang von den klassischen Lagern zu den Formen der Spätantike zeigen. Hier mehr dazu:
    Sachsenküste ? Wikipedia

    In Germanien/Rätien zeichnet sich die konstantinische Zeit durch sehr unterschiedliche Lagerformen aus.
    Es gab hier bereits, besonders am Donau-Iller-Limes, die polygonalen, dem Gelände angepassten Kastelle - etwa Bettmauer/Isny oder Kellmünz mit seine beeindruckenden, Schildmauerartigen Frontmauer; aber auch die Kastelle in Zurzach und Reinheim.

    Diese Kastelle sind m.e. aber noch nicht die Regel. Es entstehen am Rhein
    auch noch viele Kastelle rechteckiger Form, zum Teil mit gewaltigen Mauern und Ausmaßen - dazu zählt etwa das Tricensimae-Kastell, dass innerhalb der einstigen Colonia Ulpia Traiana/Xanten entsteht, das Kastell von Boppard oder die Legionsfestung in Kaiseraugst.

    Dazu erhalten zahlreiche Siedlungen mächtige Umwehrungen. Dies gilt besonders für die Belgica, man denke etwa an Jünkerath, Bitburg oder Neumagen. Hier stellt sich die Frage, wie stark das Militär dort präsent war.

    Die eigentlichen "Burgi" entstehen erst ab dem mittleren 4. Jahrhundert, wobei der Begriff vielseitig auslegbar ist. So firmieren auch private Kleinfestungen, wie man sie im Umfeld mancher Villen gefunden hat, als Burgi.

    Jene Burgi, wie man sie aus Biblis-Zullestein, Ladenburg oder auch von der Donaugrenze kennt, entstehen erst zur Zeit von Valentinians gewaltigen Befestigungsprogrammen. Aus dieser Zeit gibt es auch einige Kastelle wie Altrip oder Alzey. Bemerkenswert bei diesen finde ich, dass die Innenbebauung mit den Befestigungsmauern eng verbunden wird, was tatsächlich schon mehr an mittelalterliche Burgen erinnert.
     
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  3. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Vielen Dank für die Antwort

    Habe ich das richtig verstanden, das die Entwicklung der Burgi erst mit der Militärreform Dioklitians losging?
    Dachte es währe ein kontinuierliche Entwicklung gewesen. Nach dem 9 n. Chr der rechtsrheinische Teil der Provinz (?) Germania Inferior geräumt worden ist, hätte klar sein müßen, das man Lager benötigt, die gegen eine Belagerung besser gewappnet sind.
    Damit erklärt sich mir auch, das es bei der Bataverschlacht bei Gelduba 69 n. Chr. fast wie bei einer offenen Feldschlacht zugegangen sein muß.

    Bis Neulich

    Apvar
     
  4. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Die Burgi sind in der Tat eine spätrömische Entwicklung. Wie gesagt, als früheste derartige Anlage im germanisch-rätischen Raum. gilt der Bau von Burgsalach aus dem frühen 3. Jahrhundert, der auch schon sehr stark befestigt war, aber für lange Zeit der einzige seiner Art blieb.

    Trotz der Verluste in der Varusschlacht war die Kriegsführung im Westteil des Reiches dergestalt, dass die herkömmlichen Kastelle lange Zeit ausreichten. Die Germanen drangen nie tief ins Reichsgebiet vor. In Britannien war das etwas anders, die römische Herrschaft war in der ersten Zeit durch pausenlose Aufstände und Kleinkriege sehr gefährdet - der größte war der Boudicca-Aufstand. Doch auch hier wurden die alten Lagertypen beibehalten.
    Der Bataver-Aufstand ist ein Sonderfall. Die Bataver hatten um 69 schon eine lange Tradition als "Soldatenvolk" in römischen Diensten - sogar die Leibwachen der julisch-claudischen Kaiser waren mit etlichen Batavern bestückt. Sie waren also in der römsichen Kriegsführung geübte, gefährliche Gegner - und tatsächlich gelang es ihnen ja, zahlreiche Lager zu erobern und zu zerstören. Sogar das Legionslager Vetera wurde erfolgreich belagert. Diese Lager musste nach dem Aufstand neu erbaut werden.

    Der Hauptgrund für die Verstärkungen der Festungen ab dem 3. Jahrhundert war meines Erachtens weniger militärische Schwäche gegenüber den Germanen. Vielmehr waren die herkömmlichen Verteidigungskonzepte nicht mehr ausreichend gegen die tief ins Reich zielenden Plünderungszüge. Es gab nun ein viel höheres Bedürfnis, gegebenenfalls auch die Zivilbevölkerung zu schützen. Diesem Schutzbedürfnis trug man selbst im damals noch unbehelligten Rom Rechnung, als die gewaltige - vielleicht sogar überdimensionierte - Aurelianische Mauer gebaut wrude.

    Anders die Lage im Osten: in den so entwickelten wie auch oft heftig umkämpften Gebieten Kleinasiens und der Levante waren alle Seiten in Belagerungskämpfen geübt. Dort gab es auch schon im 1. Jahrhundert n. Chr. gewaltige Festungen - man denke an Herodion oder Masada. Die Garnison der Römer in Jerusalem, die Burg Antonia, hatte bereits gewaltige Türme (war allerdings auch kein römischer Bau, nur später von den Römern bezogen). Dennoch wurden auch im Osten während des 3./4. Jahrhunderts die Städte und Festungen enorm verstärkt.
     
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  5. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Vielen Dank für die Antwort

    Da stellen sich mir direkt die nächsten fragen.

    - Ist das römische Militär zu diesm Zeitpunkt mit dem Modell Hilfstruppen gescheitert?

    - Sind die Völker, die die Hilfstruppen gestellt haben, zu gut ausgebildet worden?

    - Oder ist die Herresreform ein "Schuß in den Ofen" gewesen und hat den anstürmenden Plünderern erst recht die Chance gegeben zu plündern?

    Xanten und Köln und die anderen Städte wahren wohl vorher auch schon stark befestigt.

    Bis Neulich

    Apvar

    P.S. Wo wahr eigenlich die Bataverinsel? In den Populärwissenschaftlichen Büchern, die ich habe sind nur moderne Karten enthalten und ich weiss das sich die Topographie an der Küste und am Rhein mehrfach geändert hat.
     
  6. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Du meinst den Zeitpunkt des Bataveraufstandes; nein, eigentlich fing es da erst an. Die diversen Limites des Reichs wurden ausschließlich mit Auxiliartruppen bestückt, und man kann davon ausgehen, dass die meisten Einheiten zur flavischen Zeit entstanden sind. Manche Forscher behaupteten, die Hilfstruppen seien bewußt außerhalb ihrer Heimatgebiete stationiert gewesen. Nun gab es tatsächlich z.B. am obergermanischen Limes Syrer oder Briten - dennoch lässt sich diese Ansicht nicht generell bestätigen. Nun sind die Bataver für die frühe Kaiserzeit ein Sonderfall, weil sie in besonders starkem Ausmaß Truppen stellten, ohne dass ihr Gebiet schon eine Provinz des Reiches geworden wäre. Zu einem gewissen Teil rührte der Aufstand der Bataver und Treverer daher, althergebrachte Sonderstellungen der Völker zu verteidigen.
    In der Spätantike wurde es dagegen Usus, dass Soldaten von außerhalb des Reiches in der römischen Armee dienten - auch in den regulären Einheiten und manchmal bis in die höchsten Offiziersränge.

    Die batavischen Einheiten waren - zumindest zu Beginn ihrer Zeit in römischen Diensten - eigenständig. Offenbar gab es dort schon länger eine Kriegerschicht, die ihre Erfahrungen vielleicht während der Wirren der Germanenkriege sammelte. Das wäre auch nicht so ungewöhnlich, denn es gab in der Antike immer wieder einzelne Barbarenvölker, die besonders schlagkräftige Söldnereinheiten für die mittelmeerischen Zivilisationen lieferte (man denke etwa auch an die norditalischen Kelten, die Hannibal unterstützten).

    Da weiß ich jetzt nicht genau, was du meinst. Der Bataveraufstand stand natürlich in Verbindung mit dem römischen Bürgerkrieg des Jahres 69 und sicher profitierten die Aufständischen auch davon, dass etliche der Einheiten am Rhein im Heer des Kaisers Vitellius nach Italien marschierten.


    Die römische Kolonie Xanten hatte von Anfang an eine Stadtmauer erhalten, Köln wahrscheinlich einige Jahre zuvor. Auch Trier hatte ab dem 2. Jh. n. Chr. eine Stadtmauer, ebenso wie einige Städte im Limesgebiet. Ich denke, in diesen Fällen sind die Stadtmauern eher als eine Art "Statussymbol" zu sehen; es ist nichts über dauerhafte Garnisonen bekannt und die Pläne folgen noch geometrischen Schemen, nutzen also nicht natürliche Gegebenheiten aus, um die Befestigungen stärker zu machen. Dies sieht man besonders in Trier, wo die Stadtmauer hart am Hang der südöstlich und östlich aufragenden Berge verläuft.

    P.S. Wo wahr eigenlich die Bataverinsel? In den Populärwissenschaftlichen Büchern, die ich habe sind nur moderne Karten enthalten und ich weiss das sich die Topographie an der Küste und am Rhein mehrfach geändert hat.
     
  7. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Entschuldigung das ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe.:red:
    Hatte mich auf die Herresreform Dioklitians bezogen, deshalb die frage ob die Reform ein "Schuß in den Ofen" war.

    Apvar
     
  8. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Unterschiedliche Aufgaben

    Ashigaru hat sehr schön viele Besonderheiten im Militärwesen und der Entwicklung von römischen Konzeptionen und Wehrbauten aufgezählt. Das ist im Sinne der Entwicklung wichtig!

    Ich möchte zum besseren Verständnis noch mal einen gewaltigen Schritt zurückgehen, denn es gibt gravierende Unterschiede zwischen den alten Kastellen der Auxilien und dem späteren Typ des Burgus. Ihnen liegen völlig unterschiedliche Konzeptionen zugrunde.

    Die Kastelle waren in der frühen Kaiserzeit meist nicht viel mehr als befestigte Kasernen für dort stationierte Truppen. Ihr Wert als selbstständige Festungen war recht gering, man verließ sich mehr auf die Kampfkraft der dort stationierten Truppen als auf raffinierte fortifikatorische Anlagen. Von hier aus rückten die Truppen zu ihren Einsätzen aus um Feinde in der Feldschlacht zu stellen oder um ihren Routinedienst auszuüben.

    Der Typus des Burgus dagegen ist vielschichtiger und ich kann ihn sie nur Ansatzweise skizzieren. Sie sind immer weit kleiner als Kastelle. Als ihre Vorläufer kann man wohl die Kleinkastelle für Numerus-Einheiten ansehen, wie sie entlang des Limes errichtet wurden, sowie vielleicht die Türme entlang des Limes. Diese Kleinkastelle waren jedoch auch noch eher befestigte „Kasernen“ als eigenständige Festungen.
    Die spätantiken Burgi beginnen als befestigte Kontrollstellen für Überwachungsaufgaben und zur Weiterleitung von Nachrichten. Sie stehen an Flussgrenzen und Straßenknotenpunkten sowohl zur Überwachung, als auch - wie bei Schiffsländen - als Stützpunkt/Versorgungsstützpunkt für mobile Truppen (in diesem Fall Flussschiffe/flotillen). Man kann sie also bis zu einem gewissen Grade als Polizeistellen und Nachrichtenrelais-Stationen bezeichnen. Die Besatzung eines Burgus war wohl in der Regel deutlich kleiner als jene von Kleinkastellen. Daher waren sie häufig auch so ausgebaut, dass sie auch von Wenigen gegen feindliche Trupps gehalten werden konnten. Als Festung gegen ganze Heere taugten sie dagegen kaum einmal. Trotzdem konnten sie Engstellen sperren und damit die Bewegungsfähigkeit feindlicher Gruppen einengen. Dieses spätantike Verteidigungskonzept wurde durch befestigte Städte und Festungen im Hinterland verstärkt, was das Sammeln und den Einsatz von Reserven im Hinterland erlauben konnte.

    Den drei genannten „Befestigungstypen“ (Kastell, Burgus und Festung) stehen also völlig unterschiedliche militärische- und administrative Aufgaben zugrunde. Was die Limestürme für die Truppen in den Kastellen waren, leisteten in weit vielschichtigerer Weise die Burgi für die befestigten Grenzregionen der Spätantike. Das Kastell steht für grenznahe Reaktionskräfte. Die Burgi dagegen sind notwendig, um nach dem Inneren des Reiches hin mit befestigten Plätzen den Rückhalt für eine „Verteidigung in der Tiefe“ zu ermöglichen, welche durch Eingreifreserven gestützt werden. Dieses „Bewegungsheer“ erkennt man am Besten in den Comitatenses nach den Militärreformen des Diokletian und Konstantin.
     
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  9. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Mit den Burgi konnte also kleinere Einheiten aufgehalten werden. Bei Übergriffen von größeren Verbänden, waren diese "nur" befestigte Nachrichtensammler und Übermittler.
    Gab es im Landesinneren, an Strategisch entscheidenen Stellen auch Burgi? Oder waren sie nur der Reichsgrenzen zu finden?

    Bis Neulich

    Apvar
     
  10. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    "Sperren & Aufhalten" sind meist zu große Begriffe

    Deine Frage ist sehr schwierig und wieder grundsätzlicher, teils allgemein militärischer Natur. Ich will versuchen Antworten zu finden und hie und da etwas mehr Farbe ins trockene Bild zu bringen…

    Je nach Gelände konnte es auch Burgi weiter im Landesinneren geben, aber nur an wirklich geeigneten Stellen wie etwa einem Pass oder Flussübergang, sowie an den Einfallachsen hin zu besonders schützenswerten Gegenden (wie etwa der zeitweiligen Residenzstadt römischer Kaiser in Trier)… Die meisten Burgi aber waren eher in Grenznähe und in einer gewissen Zone weiter ins Landesinnere hinein. Im Landesinneren hätten doch „Polizeiposten“ und vielleicht ein paar Türme auf billigere Weise, ähnlich gute Dienste leisten können?

    Die Befestigungsanlagen der Burgi dienten natürlich zum Selbstschutz. Insofern ermöglichten sie es ihrer Besatzung sich gegen angreifende, kleinere feindliche Gruppen zur Wehr zu setzten. Aber Aufhalten? Wie sollten sie das machen und warum? Unter "kleineren Gruppen" verstehe ich zuerst einmal Plünderungstrupps, Streiftrupps, Späher oder Räuber und für die gab es in einem Burgi wohl nur sehr wenig zu holen oder zu suchen. Es lag wohl eher in ihrem Bestreben möglichst unbemerkt vom feindlichen Militär ihre Ziele zu erreichen und die Beute fort zu schaffen. Also war es im Interesse solcher Leute, die Nähe der Burgi zu meiden, während deren Befestigung und Besatzung es wenig ratsam machte, den störenden Posten mit Gewalt auszuschalten! Die Burgi konnten also Gegner „aufhalten“, indem sie ihre Aktionen vielleicht verlangsamten.

    Also nötigte alleine die „funktionierende“ Existenz eines Burgi mögliche Gegner zu Umwegen, Zeitverlust oder dazu ganz auf diese Route zu verzichten. Im strategischen Rahmen ist das auch der Zweck einer Festung… Und entsprechende „Vorposten“ erhöhen wieder den Wert solcher Festungen. Aber Letzteres ist für jene Zeit etwas zu dick aufgetragen.

    Grenznahe Beobachtungsposten konnten auch bereits das Aufziehen der Gefahr erkennen, noch bevor er wirklich das eigene Gebiet oder natürliche Hindernisse wie Flüsse oder Gebirge überschritten hatte. So könnten bereits die Einsatzkräfte rechtzeitig an einem Ort sein, wo der Gegner mit einer Schlacht gestellt oder zum Rückzug gezwungen werden konnte. Es standen häufig Burgi an den „nassen Grenzen“ der Flüsse, wo ein Nebenfluss aus dem „Barbaricum“ in den eigentlichen Grenzstrom (wie Rhein oder Donau) mündet. Einige solcher Burgi sind, wie bereits von Ashigaru ausgeführt, auch mit Schiffsländen versehen, wodurch der Einsatz von Patrouillenbooten erleichtert wurde. An solchen Nebenflüssen boten sich für Invasoren eigentlich unbemerkte Vorbereitungen für einen Flussübergang an. Etwa indem sie dort Boote/Flöße bauten oder versammelten. Das war somit zu bemerken, deutlich bevor der Gegner mit den eigentlichen, aggressiven Handlungen beginnen konnte…

    Hatte der Gegner das eigene Territorium erreicht, boten sich die „schnellen“ Verkehrswege wie Flüsse oder gut ausgebaute Römerstraßen zum Vormarsch an. Immerhin lagen an diesen wohl auch die lohnendsten Ziele von Invasoren: Reiche Städte, die mit Beute oder der Möglichkeit zur Kontrolle angestrebtem Siedlungsland lockten! Gleichzeitig waren im grenznahen Bereich auch die eigenen Reaktionskräfte in der Regel an solchen Punkten stationiert… Weiter im Hinterland wurden in der Spätantike einige Festungen erreichtet, oder es hatten befestigte Städte eine ähnliche Aufgabe zu erfüllten.

    Wie bereits gesagt sollten gut bemannte und ausgebaute Festungen (oder entsprechende Städte) die Bewegungsfreiheit feindlicher Invasoren einschränken. Denn Festungen müssen in der Lage sein hartnäckigen Widerstand zu leisten, vielleicht auch günstige Passagen zu sperren und sollten, (mit entsprechender Mannschaft versehen) auch selbst zu kleineren Unternehmen in der Lage sein. Die Festungen „kanalisierten“ also im Idealfall die Marschroute des Gegners und kosteten ihn Zeit. Beides ermöglichte den Reserven sich zu sammeln um die Entscheidung in der Feldschlacht zu suchen.
    Wieder wird das ganze Konzept dieses Systems deutlich: Den Gegner genau kennen zu lernen und Zeit für deren Bekämpfung zu gewinnen.
     
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  11. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Zuzufügen ist noch, dass die Burgi eine typische Erscheinung des spätantiken Rhein- und Donaulimes sind; in Britannien und im Osten gibt es meines Wissens diese Anlagen nicht. Sie stammen in der Masse aus der Zeit Kaiser Valentinians und sind funktional nicht losgelöst vom strategischen Gesamtkonzept zu betrachten. Wie Tejason denke ich auch, dass sie nicht alleine eine defensive Funktion hatten; sie dienten oft auch als befestigte Häfen oder Vorpostenkastelle.
    Es gibt aber auch einige Burgi, welche die Straßen sicherten. Ein Beispiel ist dieser hier:
    Versunkenes Kloster: Ein Burgus im Reichswald an der Niers bei Asperden (Goch, Kreis Kleve)

    Es gibt zudem einige Anlagen, wo man annimmt, dass sie durch private Villenbesitzer gebaut wurden (z.B. Froitzheim und, ich glaube auch, Ungstein).
     
  12. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Nach Auskunft eines Archäologen, welcher in einem Burgus im Elsass gegraben hat, wohnten die Angehörigen der Limitates in dem Burgus. Dagegen wurde bei einem Kastell die "Angehörigen"* immer in einem Lagervicus - außerhalb der Lagerwälle - untergebracht.

    * da ja lange Zeit das Eheverbot für Soldaten bestand, ist die familiäre Situation der Militärs in der späten Kaiserzeit eine andere als in der frühen oder mittleren Kaiserzeit.
     
  13. cyrus

    cyrus Mitglied

    Hallo allerseits, ich würde gerne einige Informationen wissen: Auf der anderen Seite des Rheins in der Nähe des Nebenflusses Wied, südlich von Remagen, befindet sich ein spätantiker Burgus? (Achtung: Ich meine nicht den Neuwied-Burgus!).
     
  14. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    An der Stelle kann ich in der Liste Liste der Kastelle des Donau-Iller-Rhein-Limes – Wikipedia und der dazugehörigen Karte keinen Burgus finden. Die Mündung der Wied in den Rhein ist ja fast gegenüber von Andernach (Antunnacum). Von daher wäre rechtsrheinisch ein Brückenkopf durchaus vorstellbar.

    Ein wenig weiter stromabwärts ist der Burgus Neuwied-Engers – Wikipedia . Ich vermute, das ist der von Dir erwähnte "Neuwied-Burgus", den Du nicht meinst.
     
  15. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

  16. cyrus

    cyrus Mitglied

    Meine Frage ergab sich aus der Beobachtung einer Karte der spätantiken germanischen Provinzen in "T. FISCHER 2000, Die germanischen Provinzen in der Spätantike, in
    WAMSER 2000, Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer. Zivilisationale Erbe einer europäischen Militärmacht (Rosenheim 2000), Mainz. pp. 207-212.
    (Ich habe die Karte nicht in diesem Buch gefunden, aber in einer akademischen Untersuchung, die das Bild der Karte allein ohne weitere Informationen zeigt).
    Sie können sehen, dass sich rechts von Remagen (Nummer 20) eine Festung befindet. Wenn Sie das Bild vergrößern, können Sie sehen, dass sich die Festung in der Nähe des Wied befindet, es sich jedoch nicht um den Neuwied-Burgus handelt (Es könnte möglicherweise in Rheinbrohl sein).
     

    Anhänge:

  17. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    Ich vermute ebenfalls, dass es sich dabei um Kleinkastell Rheinbrohl – Wikipedia handelt.

    Beim Blick auf die Karte aus dem Wiki-Artikel kann das eigentlich nur das Kleinkastell in Rheinbrohl sein.
     
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  18. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Da die Karte sich auf die Spätantike bezieht, wird mit dem eingezeichneten Burgus sehr wahrscheinlich schon Rheinbrohl gemeint sein, auch wenn das Kleinkastell aus früheren Limes-Zeiten vielleicht nicht mehr vorhanden war.
    Auch jüngere Quellen nennen den (Lände-)burgus von Rheinbrohl zusammen mit Neuwied-Engers und Niederlahnstein.

    Kaiser Valentinian I. (364-375) ließ erneut auf dem rechten Rheinufer Befestigungen anlegen, die man in in den spätrömischen Burgi, dem »alten Kloster« südlich Rheinbrohl, dem »Heidenmäuerchen« bei Engers und dem Burgus bei Niederlahnstein wiedergefunden hat.
    https://www.regionalgeschichte.net/westerwald/westerwald/geschichte-des-westerwaldes.html

    oder in:
    Die Küstenwachtürme in Nordengland, die Ländeburgi und Wachtürme an Rhein und Donau - Zeugnisse des 'großen valentinianischen Festungsbauprogramms'? , Patrick Jung, 2007

    wird der Ländeburgus von Rheinbrohl als vermutet" aufgeführt:
    Sicher: Neuwied-Engers, Lahnstein-Niederlahnstein, Zullestein, Mannheim-Neckarau. – Vermutet: Rheinbrohl, Koblenz-Niederberg (Grunwald 1997, 312 mit weiterer Literatur)...
    Zu Grunwald 1997:
    Von Valentinian I. bis Karl dem Großen . Spätantike und frühmittelalterliche Spuren um Stadtgebiet von Neuwied - Engers , in Heimat - Jahrbuch Neuwied ( 2000 )
     
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  19. cyrus

    cyrus Mitglied

    Vielen Dank Carolus und Naresuan.
    Es kann daher bestätigt werden, dass alle Burgus jenseits des Rheins auf dem Gebiet des alten Dekumatlandes gebaut wurden (mit Ausnahme der Festung Divitia); Ich hoffe, dass in Zukunft neue Burgus jenseits des Rheins gefunden werden können, um die militärische Präsenz der Römer in den Gebieten der Alemannen besser zu verdeutlichen (man könnte sogar, wie ich gelesen habe, von einer "Provincia Alamannia" sprechen).
     
  20. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Aber befindet sich Rheinbrohl tatsächlich im "alten Dekumatland"? Kennzeichnend für das Dekumatland dürfte doch die Aufgabe dieser Region durch die Römer während der Reichskrise des 3.Jahrhunderts gewesen sein.
    Naresuan weist aber daraufhin, dass im 4.Jahrhundert in Rheinbrohl römische Präsenz anzunehmen ist.

    Das verstehe ich nicht. Die Alamannen waren doch diejenigen, deren dauerhafte Angriffe die Römer dazu bewogen haben, das Dekumatland zu verlassen. Vor 213 werden auch keine Alamannen erwähnt. Tacitus charakterisiert die Bewohner des römischen Dekumatlandes als Gallier:
    "Nicht unter die Völker Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die die agri decumates bearbeiten, obwohl sie sich jenseits von Rhein und Donau niedergelassen haben. Die abenteuerlustigsten Gallier, die die Not kühn gemacht hat, haben den Boden, dessen Besitz umstritten war, besetzt; seitdem dann der Limes angelegt und die Grenzwachen weiter nach vorn verlegt worden sind, bilden sie einen Vorposten unseres Imperiums und einen Teil der Provinz.“
     
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