Frage an die Kenner des Friedenssaales zu Münster.

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648)" wurde erstellt von Ralf.M, 4. November 2022.

  1. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Frage an die Kenner des Friedenssaales zu Münster.

    Da es wiedermal Zoff gibt, frage ich hier mal.

    Im Friedenssaal in Münster steht ein Ratskreuz (Kruzifixus) auf einen Podest.

    In den katholischen Nachrichten "Kirche + Leben" lese ich:
    „Das Kreuz stammt nach Angaben der Stadt Münster aus dem Jahr 1540 und ist damit über 100 Jahre älter als der 1648 im Friedenssaal geschlossene Westfälische Friede.“.

    Meine Frage, weiß jemand woher dieses Kruzifixus kommt?
     
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  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich weiß jetzt nicht speziell woher das Kreuz stammt. Aber die Aufregung ist natürlich künstlich. Zumal sich offensichtlich niemand derjenigen, welche die Entfernung des Ratskreuzes in Münster jetzt so lautstark bemängeln sich mit der Münsterschen Geschichte eingehend befasst hat.
    Wir befinden uns hier zeitlich in der Epoche von Reformation und Glaubensspaltung. Der Kaplan Bernhard Rottmann, der zunächst mit den Ideen Luthers und Melanchthons liebäugelte, kommt mit den radikaleren Täufern in Berührung. Ab 1533 kommen immer mehr Täufer auf dessen Einladung nach Münster, übernehmen über den Rat die Herrschaft in Münster. Die altgläubige Bevölkerung wird nach und nach vertrieben. Der Prophet Jan Mathis (Mattis, Matthijz) sagt für Ostern 1534 den Weltuntergang voraus und erklärt Münster zum neuen Jerusalem. Die Stadt wird von den bischöflichen Truppen belagert, Jan Mathis, entweder im Wahn oder weil er weiß, dass er nur verlieren kann, leitet einen Ausfall gegen die Belagerer und stirbt dabei. Nun schwingt sich Jan van Leiden oder auch Jan Bokelson zum König von Münster auf. Er führt in Münster die Vielweiberei ein (eine seiner Frauen lässt er später zum Tode verurteilen) und er führt in der belagerten Stadt eine Willkürherrschaft. Den Täufern erklärt er, dass der von Jan Matthis geweissagte Weltuntergang ein innerer Weltuntergang gewesen sei, also stattgefunden habe. 1535 fällt die Stadt schließlich den Truppen des Bischofs in die Hände. Wir haben dazu einen extrem parteiischen Augenzeugenbericht (Kerßenbrock), im Abstand einiger Jahrzehnte geschrieben), aber auch eine Reihe von Verhörprotokollen, die tw. unter der Folter gemachte Aussagen wiedergeben. Am Ende wurden 1536 einige prominente Wiedertäufer auf dem Prinzipalmarkt zu Tode gemartert, mit glühenden Zangen wurde ihnen das Fleisch von den Knochen gezwackt. Münster wurde wieder katholisch. (Funfact: Franz von Waldeck, seines Zeichens Bischof von Münster (außerdem Minden und Osnabrück), hatte durchaus Sympathien für die gemäßigte lutherische Reformation, die er in Osnabrück gewähren ließ. Aber dort waren die Reformatoren auch mit gezogenen Mützen und gesenktem Haupt als Bittsteller vor ihm aufgetreten und hatten freundlich angefragt, die neuen Ideen auch in Osnabrück zu verbreiten.) nach der Wiedereroberung der Stadt strömten altgläubig gebliebene Bürger wieder zurück. Das Kreuz stammt also aus einer Zeit, in der Rat der Stadt Münster, der als Institution einen gehörigen Anteil an der Machtübernahme der Täufer hatte (man müsste schauen wer vor 1533 und nach 1535 im Rat Münsters saß, die meisten Räte dürften das, wenn die die Wirren 1534\5 biologisch überlebt hatten, kaum politisch überlebt haben), ein großes Interesse daran hatte, dem Stadtherrn Bischof Franz zu Wohlgefallen zu sein. 1540 waren die Ereignisse allen noch frisch in Erinnerung.
     
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  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich kenne mich nicht aus, aber es wird wohl aus der Werkstätte eines münsterischen Schnitzers stammen. Die Raumausstattung wurde 1577 erneuert, dabei hat man auch einige ältere Werkstücke übernommen.

    Die Stirnseite (Nordwand) des Raumes wird beherrscht von der Schrankwand, dem Richtertisch und der Bürgermeisterbank. Im Rücken dieser Bank sind in zwei Reihen übereinander kleine Wandschrankfächer eingebaut, links zwölf, auf der rechten Seite zehn an der Zahl. Besondere Kostbarkeiten sind deren 22 Türen, die mit ihren Reliefs zu den wenigen erhaltenen Werken der münsterischen Handwerkskunst des 16. Jahrhunderts zählen. Ein besonderes Leitthema ist in dieser Vielfalt von biblischen Szenen, Heiligenfiguren, aber auch Illustrationen von menschlichen Lastern, nicht zu erkennen. Die Türen scheinen um 1536, einige vielleicht schon früher geschnitzt worden zu sein. Vermutlich wurden sie aus einer früheren Möblierung des Saales für die neue Vertäfelung von 1577 übernommen und eingefügt.
    https://www.stadt-muenster.de/filea...er/80_tourismus/pdf/muenster-historisch_d.pdf
     
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  4. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Auffallend:
    Auf dem Gemälde Westfälischer Friede in Münster (Gerard ter Borch 1648) kann man das Kreuz im Hintergrund nicht erkennen oder es ist durch ein Tuch abgedeckt.
    Für den Eid der Niederländer wurde ein kleineres silbernes Kreuz benutzt, auf dem Buch zu sehen.
    [​IMG]
    Laut Schweizer Monatshefte : Zeitschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur soll das Kruzifix aus der Schweiz stammen. Ich konnte keine weiteren Hinweise dafür finden.
     
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