Frage zum 1. Weltkrieg - Einsatz des Landsturms ausserhalb der eigenen Stammdivisionen oder Regimentern

C

Charlemagne027

Gast
Würde gerne die Hilfe von Experten zum Thema Kaiserliche Armee im 1. Weltkrieg in Anspruch nehmen.
Der Urgroßvater meiner Frau ist im August 1916 in der Somme-Schlacht nördlich von Longueval gefallen.
Er ist als Landsturm Rekrut in den Verlustlisten des 121. Württembergischen Infanterie Regiments (Alt Württemberg) verzeichnet.
Was mich dabei wundert, ist, dass er aus Krefeld (damals Crefeld) stammte und nur dort gelebt hat.
Wieso taucht er dann in einer Liste eines Regiments aus Württemberg auf?
Nach der Einteilung der Armeekorps im Kaiserreich hätte ich eher einer Zuteilung zu einem Infanterieregiment aus dem Rheinland oder aus Westfalen erwartet.
Mein Großvater, der aus dem Raum Neuss stammte, verbrachte im 2. Weltkrieg seine Militärzeit praktisch komplett bei der 253. Infanteriedivision (rheinisch-westfälische) und wurde wiederholte zwischen Ersatzeinheiten und Front hin und her versetzt. Er wurde aber nie zu Einheiten aus einer ganz anderen Region versetzt.
Wurde dies im 1. Weltkrieg anders gehandhabt und konnte vielleicht Landsturm Ersatzeinheiten jedem beliebigen Regiment zugeteilt werden?
Wurde der Soldat damit fest dem neuen Regiment zugeordnet (im Gegensatz zu einer kurzfristig gebildeten Kampfgruppe in WK2) ?
Oder war dies vielleicht eher eine Ausnahme aufgrund der militärischen Krisensituation während der alliierten Somme Offensive?

Über eine Erklärung würde ich mich freuen und bedanke mich schon im Voraus.
 
Wurde dies im 1. Weltkrieg anders gehandhabt und konnte vielleicht Landsturm Ersatzeinheiten jedem beliebigen Regiment zugeteilt werden?
Wurde der Soldat damit fest dem neuen Regiment zugeordnet (im Gegensatz zu einer kurzfristig gebildeten Kampfgruppe in WK2) ?
Oder war dies vielleicht eher eine Ausnahme aufgrund der militärischen Krisensituation während der alliierten Somme Offensive?
Im Ersten Weltkrieg dürfte schon deswegen einiges anders gehandhabt worden sein, weil es in Fiedenszeiten ein "deutsches Heer" überhaupt nicht gab, sondern mit der Preußischen, der Sächsischen, der Würtembergischen und der Bayerischen Armee gleich vier verschiedene Armeen existierten, die nur im Kriegsfall unter gemeinsames (Preußisches) Kommando zusammentraten.
In diesem Sinne war es nicht ungewöhnlich, dass innerhalb Deutschlands angehörige eines Landes (eine einheitliche deutsche Staatsübergerschaft gab es damals nämlich auch noch nicht, dass war über die Einzelstaaten geregelt), in der Armee eine Staates Dienst taten, dem sie überhaupt nicht angehörten (z.B. wurden die badischen Kader in die würtembergische Armee integriert).

In diesem Fall wird es sich allerdings anders verhalten.

ich denke in deinem Fall, wird man die speziellen Eigenheiten des 1. Weltkriegs berücksichtigen müssen:

Durch den Stellungskrieg und bestimmte Schwerpunkte der Kämpfe in Gegenden die sich geographisch noch einigermaßen für Durchbrüche eigneten (während an anderen Abschnitten die Kämpfe weniger hart waren), dürften die Verluste bestimmter Einheiten extrem hoch gewesen sein, entsprechend auch die Personalfluktuation.
Und da es im Kaiserreich nicht nur einfach Wehrbezirke, sondern die vier getrennten Armeen gab, die auch zunächst mehr oder weniger geschlossen also solche aggierten (die Würtembergische Armee kämpfte an Anfang des Krieges mehr oder weniger geschlossen im Bereich der Ardennen und in den blutigen Grenzschlachten in Lothringen), kann es durchaus sein, dass die würtembergische Armee insgesamt, dadurch oft an heiklen Abschnitten mit schweren Kämpfen eingesetzt zu sein überproporrtional große Verluste hatte.

Ich meine mich daran erinnern zu können, dass Herfried Münkler bei einer Besprechung seines Buchs über den Ersten Weltkrieg in einer Sendung oder einem Internetauftritt mal erwähnt hatte, dass von den 4 Armeen, die das Kaiserreich hatte, die Würtemberger die höchsten Verlustquoten gehabt hätten.
Ich kann aber leider ad hoc nicht sagen, wo genau er das geäußert hatte.

Wenn das zutrifft, mag es sein, dass die Rekrutierungsbezirke der Würtembergischen Armee nicht mehr genug rekruten liefern konnten, um die Verluste auszugleichen ohne dass man die Belastung der Region gegenüber anderen im Kaiserreich drastisch erhöht hätte und dass man sich deswegen dazu entschlossen hat, um die Lasten einigermaßen gleichmäßig zu verteilen preußische Kader als Ersatz in Verbände der Würtembergsichen Armee einzugliedern.




Im Zweiten Weltkrieg würde man dieses Problem nicht mehr gehabt haben, weil es im zweiten Weltkrieg das Nebeneinander der deutschen Einzeltaaten mit ihren Herrscherhäusern und deren Empfindlichkeiten nicht mehr gab, auf die man hätte Rücksicht nehmen müssen.
Der Umstand, dass es diese 4 Armeen im Kaiserreich gab, war stark dem Bedürfis der Einzelstaaten geschuldet ihre Eigenständigkeit gegenüber Preußen zu unterstreichen und sich als gleichberechtigte Partner innerhalb des Reiches darzustellen.
Das erforderte eine Unterstellung unter preußisches Kommando so weit als möglich zu vermeiden. Man akzeptierte zwar das preußische Oberkommando, hielt aber Wert darauf, die Kader der eigenen Armeen zusammen zu halten und selbst die direkt kommandierenden Offiziere der Armee und ihrer Truppenkörper zu stellen.
Diese politisch motivierte Tendenz die gesamte Armee zusammenzuhalten, musste natürlich aber auch dazu führen, dass es daduch nicht möglich war die Belastungen einigermaßen gleichmäßig zu verteilen.

Im Prinzip der gleiche Effekkt, wie wenn auf kleinteiliger Ebene beschlossen wird, Rekruten aus den gleichen Ortschaften auch in die selben Einheiten zu stecken.
Das erhöht tendenziell den Zusammenhalt, und kann auch das Selbewustsein einer bestimmten Region stärken. Bekommt es diese Einheit dann allerdings an der Front richtig ab, kann das dazu führen, dass ganze Jahrgänge einzelner Ortschaften dabei über die Klinge springen, während die Verluste in den Nachbarbezirken gering sind.
Ein Problem, dass wenn der innere Frieden erhalten bleiben solle besser ausgeglichen wird.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird man die Erklärung hier suchen dürfen, oder aber in der besonderen Situation der Somme-Schlacht, in der Reserven heran mussten und auf Protokoll wenig Rücksicht genommen werden konnte.
 
Vielen Dank für die Antwort. Wahrscheinlich läuft es auf diese Erklärung hinaus. Not kennt kein Gebot.....
 
Zum unterschied bei der Marine, die dem Kaiser unterstand. Der Etat wurde vom Reichstag beraten. Also eine Bundesangelegenheit. Das Kaiserreich war schon kompliziert.
 
Zum unterschied bei der Marine, die dem Kaiser unterstand. Der Etat wurde vom Reichstag beraten. Also eine Bundesangelegenheit. Das Kaiserreich war schon kompliziert.
Naja, bei der Marine gab es ja nicht so viel Raum für Eifersüchteleien auf Ebene der Einzelstaaten, weil bis auf das 1867 durch Preußen geschluckte Hannover ja keiner der größeren Mittelstaaten eine eigene Küste hatte, lediglich Mecklemburg-Schwerin und Oldenburg waren da als Flächenstaaten noch übrig aber die waren nicht groß und wohlhabend genug um ernstlich an ein eigenes Heer oder eine eigene Marine denken zu können, und für die drei Stadtstaaten machte das noch weniger Sinn.

Aus Sicht er Einzelstaaten machte eine Reichsmarine sicherlich Sinn um nicht das Flottenprestige und die überseeischen Angelegenheiten völlig Preußen zu überlassen (und es damit mindstens prestigemäßig aufzuwerten), für Preußen machte das auch Sinn, weil das Modell die Flotte über das Reich aufzubauen und zu organisieren es erlaubte die Einzelstaaten ohne eigene Küste, die eigentlich für ihre Angelegennheiten und die Verteidigung ihres Territoriums keine Flotte benötigten, bzw. deren Bevölkrung in die Finanzierung der Flotte mit einzubinden und damit den preußischen Etat zu entlasten.
 
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