Frage zum Manifest der Kommunistischen Partei

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von oweidfkg4353345, 10. Mai 2017.

  1. Moin, Marx fordert ja im Manifest der Kommunistischen Partei die "Vermehrung der Nationalfabriken, Produktionsinstrumente, Urbarmachung und
    Verbesserung der Ländereien nach einem gemeinschaftlichen Plan."
    Geht es hierbei um eine Planwirtschaft? Der Plan bezieht sich ja in diesem Zitat eher auf die Produktionsmittel, weniger auf die Produktion selbst? Wie seht ihr das?
    Vielen Dank im Voraus!
     
  2. hacege

    hacege Mitglied

    Ein paar Anmerkungen:
    In Wirklichkeit fordert er es nicht, sondern zählt es als einen der "Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse" auf, die - nachdem das Proletariat die "politische Herrschaft" erobert hat - "in den fortschrittlichsten Ländern" "allgemein in Anwendung kommen können" (alle Zitatschnipsel: MEW, Bd. 4, S. 480f; Hervorhebung von mir).

    Ob man das schon als Planwirtschaft bezeichnet ist Definitionssache. Nach den o.g. Zitaten ist die Gesellschaft, in der sich das abspielt, ja noch immer kapitalistisch strukturiert und Marktbeziehungen (Angebot/Nachfrage/Preismechanismen) sind aufrecht. Insofern würd ich es eher als "Verstaatlichung von Großindustrien und rigider Wirtschaftsdirigismus" bezeichnen. Oder, wenn man so will: eher China 2017 als Sowjetunion 1930.

    Das halte ich jetzt für weit hergeholt bzw. für klassische "I-Tüpferl-Reiterei": Wenn ich die Produktionsinstrumente (also Werkzeuge, Maschinen, Anlagen, Fabriken etc.) planmäßig verbessern will, dann ja wohl dazu, daß ich mit Ihnen anschließend vermehrte (und/oder verbesserte) Produkte erzeuge.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der Kontext der Interpretation ist ein wenig eng gezogen und ermöglicht kaum ein Verständnis der Sicht von Marx, zu dem Zeitpunkt, auf seine Gesellschaftsanalyse.

    Industrialisierte Gesellschaften haben einen Bedarf an Gütern. Dieser Bedarf ist entsprechend in einer industrialisierten kommunistischen Gesellschaft zu planen. Es ist damit die Instanz, die das Angebot und die Nachfrage regelt. Zu den Mechanismen dieser Regelung hat Marx, meines Wissens, sich nicht geäußert. Und das erklärt auch, warum die UdSSR vor dem Problem stand, entsprechende praktische Verfahren zu entwickeln.

    Grundsätzlich liegt jedoch - vor allem dem frühen Marx (vgl. "Pariser Manuskripte" - Marx ein anderes Weltbild zugrunde, das von anderen Rahmenbedingungen der Reproduktion ausgeht wie in kapitalistischen Gesellschaften (vgl. From: Mar`s Concept of Man)

    1. Es gibt keine Nationalstaaten mehr und deshalb auch keine Konflikte, die durch Militär gelöst werden müßten.

    2. Es ist somit auch nicht mehr notwendig, einen Staat im klassischen Sinne zu unterhalten, sondern eine Administration, die sich um die Belange und Befriedigung des Bedarfs und der Bedürfnisse der Bürger kümmert.

    Insofern ist es ein Mißverständnis anzunehmen, dass Marx die Vermehrung nationaler Fabriken forderte. Der Grad der Industrialisierung ist die notwendige Voraussetzung für eine Umgestaltung einer kapitalistischen Gesellschaft in eine kommunistische, losgelöst vom Modell des Nationalstaats!

    Exkurs: In diesem Kontext argumentiert L. Lih: "Lenin", dass sich Lenin nach der gescheiterten Revolution in Deutscland bzw. vor den Toren von Warschau eingestehen mußte, dass das Projekt einer "kommunistischen Gesellschaft" in sehr weite Ferne gerückt war, da es kurzfristig als gescheitert angesehen werden mußte.

    3. Das "entfremdete" Individuum wird nicht mehr motiviert, "künstliche Bedürfnisse" zu entwickeln, sondern wird nach Wegen zur "Selbstverwirklichung" suchen. Nicht mehr primär materielle Bedürfnisse stehen im Vordergrund, sondern kulturelle. Das Ziel ist ein "selbstverwirklichtes" Individuum.

    4. Der "Mehrwert" durch die Produktion von Gütern kommt nicht mehr "dem Kapitalisten" zu Gute, sondern wird den Bürgern zur Verfügung gestellt. Über die Verwendung wäre durch die entsprechenden Einrichtungen - demokratisch - ähnlich wie bei der Pariser Commune, zu entscheiden.

    Wie die Commune ohnehin der wohl wichtigste Schlüssel ist für ein Verständnis, welche praktischen politischen Modelle von Marx präferiert worden wären.

    Und noch eine Anmerkung zur Interpretation von Marx. Er ist neben M. Weber und Durkheim einer der Begründer der modernen Gesellschaftsanalyse. Seine Bedeutung bemißt sich hauptsächlich in der Herleitung bestimmter Ideen. Insofern stehen seine Analysen häufig am Anfang einer "Ideengeschichte". Und das bedeutet, dass vieles von dem was er gesagt hatte, für aktuelle Befunde nicht mehr hilfreich ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Mai 2017
  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    [FONT=&quot]So ähnlich kenne ich das auch.[/FONT]
    [FONT=&quot]Wenn ich mich nicht irre, hat wohl K. Marx neben dem Manifest etwas zum Sozialismus/Kommunismus in der “Kritik zum Gothaer Programm“ geschrieben (Diktatur des Proletariats, Aufgabe Klassenlose Gesellschaft, Übergangsphase Sozialismus, Ende der Diktatur mit Erreichung der klassenlosen Gesellschaft, Gesamtgesellschaftlichen Plan usw.).[/FONT]
    [FONT=&quot]Siehe „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ (geschrieben April – Mai 1875).[/FONT]

    [FONT=&quot]Das war wohl auch der Grund weshalb die Ideen/Gedanken von Lenin einen breiteren Raum im Schulwesen der DDR einnahmen. Lenin war Führer der russischen Revolution. Diese war siegreich und die Bolschewiki begannen unter seiner Führung den Sozialismus aufzubauen. [/FONT]
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Mai 2017
  5. steffen04

    steffen04 Gesperrt


    Ohne mich hier einmischen zu wollen: Zwei Fragen am Rande
    - Was ist der "Grad der Industrialisierung"? Ein Index Bauern-Arbeiter?
    - wir hoch muss nach Marx der Grad sein, um den Switch vom Kapitalismus zum Sozialismus möglich zu machen?
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine schnelle Antwort.

    Im Prinzip ist es ja eine evolutionäre und deterministische Gesellschaftsentwicklung, die Marx seiner Analyse zugrunde legt.

    Durch die Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus wächst automatisch der Anteil des Proletariats und wird durch die veränderte Zusammensetzung der Klassen zur quantitativ dominanten Klasse. Die Proletarier bilden dabei die stärkste gesellschaftliche Klasse in dieser "revolutionären" Phase. Eine Sichtweise, die für Engels und die Sozialdemokratie bis 1914 das Geschichtsbild geprägt hatte. Man mußte nur die weitere Veränderung der Sozialstruktur abwarten und dann sollte eigentlich alles von selber gehen. Der Kaiser hätte sicherlich Verständnis gehabt in die innere Logik des "Unabänderlichen".

    Aus dieser gesellschaftlichen Majorität der Klasse des Proletariats folgt die Legitimation der "Diktatur des Proletariats" als mehr oder minder automatische demokratische Legitimationsbasis. Und der Marx`sche Begriff der "Diktatur" ist auch nicht in seiner späteren Bedeutung im Stalinismus zu verstehen.

    Nach Marx können somit keine Revolutionen "gemacht" werden, sondern sie ergeben sich aus einer Mischung der eigenen Machtbasis des Proletariats und der Intensität der inneren Widersprüche des kapitalistischen Systems.

    Lenin wies allerdings in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das kapitalistische System lernfähig sei, und Mechanismen entwickeln kann, die den historisch-materialistischen "Geschichts-Automatismus" ad absurdum führen könnte.

    Ob Marx, oder andere Schwellenwerte der Industrialisierung berechnet haben, die erreicht sein sollten, kann ich so nicht beantworten. Wie überhaupt die Marx`sche Theorie sehr einseitig auf die Industrialisierung ausgerichtet war. Ein Problem, das für lange Zeit die theoretische Achillesverse in der UdSSR sein sollte und das Klassenverständnis in den zwanziger und dreißiger Jahren geprägt hatte. Erst die Arbeiten von Bukharin versuchten das Marx`sche Defizit auzugleichen und die Bauern mit den Proletariern als Klasse gleich zu stellen.

    Wichtig ist dabei sicherlich auch eine Überlegung von Bernstein, der scharfsichtig und sehr pragmatisch die Frage der Kompetenz zum Führen von Unternehmen durch die Proletarier angesprochen hat. Und dem politisch und wirtschaftlich reifenden Proletariat eine "Lernphase" anriet, in der es von den "Kapitalisten" die "Ökonomie" - als Manager auf Probe - verstehen lernen sollte.

    Ein Problem, das für den Übergang vom Zarismus in die Sowjetunion ebenfalls zentral war. Und man sollte betonen, dass die Mehrheit der ex zaristischen staatlichen Stellen bzw. Verwaltungen (inklusive viele Militärs) mit den Bolschewiken kooperiert hat und damit die Revolution überhaupt erst erfolgreich werden konnte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Mai 2017
  7. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Danke. Besonders auch für die Hinführung von der proletarischen Mehrheit zur "Diktatur", die ja dann bei Marx eine Mehrheitsregoerung wäre.
     

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