Französische Sprache in Deutschland

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Multivista, 17. November 2007.

  1. Multivista

    Multivista Gesperrt

    Ein sehr lesenswerter Beitrag heute zum Thema
    Sprache & Identitätsbildung einer Nation, am Bsp. Frankreichs, heute in der NZZ:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/das_lange_franzoesische_gedicht_1.585531.html

    Das bringt mich auf meine Frage HIER:

    Das französische war ja praktisch das "Lateinisch" der deutschen Intellektuellen und auch Politiker (Bismarck), ja der "gehobenen" Schichten, vor allem im 19. Jhdt.!

    Wie kam es dazu?

    Es ist für mich um so überrachender, als das doch Frankreich eher als "feindlich" angesehen wurde. Lag es an den Napoleonischen Streifzügen Anfang des 19. Jhdts.? (Wieso wurde auch in Russland das französische von der Intellektuellenschicht bevorzugt?)

    Gruss
    Michael "MultiVista"
     
  2. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

  3. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Weil französisch vor allem an den Höfen in war, egal wie man politisch zu Frankreich stand. Frankreich war ab dem 17. Jh. das nachahmenswerte Beispiel (Versailles) und jeder Duodezfürst, wer was auf sich hielt, versuchte das in seinem Rahmen nachzuahmen. Hinzu kommt, dass man sich vom gewöhnlichen Volk abheben wollte. Deutsch und Russisch galten als grobe, primitive Sprachen. Eine Nationalliteratur entstand erst im Bürgertum während der Aufklärung. Selbst Friedrich Wilhelm der I. und sein Sohn Friedrich der II, wahrlich nicht frankophil, korrespondierten in Französisch. Deutsch redeten sie höchstens mit ihren Soldaten und Bauern und auch das recht fehlerhaft.
    Kurzum, Französisch war im 17. bis zu Beginn des 19.Jh. das, was vorher Latein darstellte und heute Englisch ist.
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Da gingen allerdings die Meinungen auseinander. Karl VI. beispielsweise förderte das Erlernen des Deutschen, wenngleich es ihm selbst kaum gelang und seine eigenen Zeugnisse eine recht eigenwillige Rechtschreibung bezeugen. In der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu den bedeutenden Disputen v.a. Leipzig und Wien waren Zentren der Bewegung, welche eine Reformierung und Vereinheitlichung der deutschen Sprache und mindestens eine Gleichstellung mit der Lateinischen und Französischen anstrebten.

    Zu Leipzig: Johann Christoph Gottsched - Wikipedia
    Gottsched, Johann Christoph/Theoretische Schriften/Grundlegung der deutschen Sprachkunst - Zeno.org

    Zu Wien: Antesperg, Johann Balthasar von

    Der Höhepunkt der höfischen Kultur des Rokoko und der sprachwissenschaftlichen Diskussion der Aufklärung in Deutschland fielen also zeitlich zusammen. Da die Sprachwissenschaftler durchaus von höherer Stelle gefördert wurden, spricht für mich für ein Bewusstsein auch dort, um einen Wert der deutschen Sprache.

    Die Ursache für den Erfolg des Französischen sehe ich in mehreren Aspekten. Sicherlich darf man nicht unterschätzen, dass einfach Frankreich in Europa zu den bevölkerungsstärksten Staaten zählte. Außerdem hatten gerade die Dichter und Dramaturgen Frankreichs des 17.Jh., also des Zeitalters Louis XIV., einen großen Erfolg. Corneille, Racine, Molière sind auch in ihrer Wirkung auf die angrenzenden Staaten nicht zu unterschätzen, wobei dieser Erfolg französischer Dichtung etc. durch die franz. Aufklärer allen voran Voltaire fortgesetzt wurde. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass die franz. Sprache bezüglich ihrer Vereinheitlichung recht früh einen Vorsprung gegenüber den anderen Sprachen in Europa gewann, welcher sich auch vorteilhaft ausgewirkt habe.
     
  5. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Leider müsste ich die Quellen dazu erst zusamensuchen, wenn ich mich aber recht entsinne war unter den Kaisern Leopold I., Joseph I. und Karl VI. Italienisch und eingeschränkt Spanisch Hofsprache. Franzöisch wurde in Wien erst unter Maria Theresia gesprochen da es Muttersprache Franz Stephans war.
    Joseph II. setzt dann mit der Grünung des "teutschen Nationaltheaters nächst der Burg" überhaupt neue Akzente, das ist aber eine andere Geschichte.
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die grosse Bedeutung von Französisch im 18. Jahrhundert sehe ich vor allem in der Bedeutung als Bildungs- und Diplomatiesprache. In Russland gewann Französisch innerhalb des Adels seit Katharina II. grosse Bedeutung als Salonsprache innerhalb der St. Petersburger und Moskauer Gesellschaft. Wie sicher sich manche russischen Aristokraten in französischer Sprache und Kultur bewegten, sieht man ja auch in Tolstois Roman "Krieg und Frieden".

    Bei vielen Leuten waren die französischen Kenntnisse allerdings eher oberflächlich, und die Orthographie war ohnehin ein ganz eigenes Kapitel. Viele Zeitgenossen pflegten einen Stil, der gewisse Ähnlichkeit mit heutigem "Denglisch" hat und mit französischen und lateinischen Fremdwörtern gespickt war, die man da so schrieb, wie man sie sprach.

    Ganz witzig war das Beispiel eines hessischen Offiziers, der die Briten um Verstärkung bat und mitteilte:

    "le Courier porte la lettre avec".


    Deutsch als "Bildungssprache" hat allerdings auch eine durchaus lange Tradition. So forderte man schon im 17. Jahrhundert Deutsch als Unterrichtssprache an Universitäten, und an vielen deutschen Hochschulen fanden die Vorlesung in Deutsch statt. Bekannt sind auch Sprachgesellschaften, die sich schon im 17. Jahrhundert der Reinheit der deutschen Sprache angenommen haben. In vielen Schulbüchern wird das ein bisschen ins lächerliche gezogen, etwa wenn man Nase durch "Gesichtserker" ersetzen wollte, aber ein eingedeutschtes Wort, das "Jahrhundert" hat sich im Gegensatz zum lateinischen "Saeculum" durchgesetzt.

    Auch als Literatursprache nahm Deutsch im 18. Jahrhundert an Bedeutung zu, daran ändert auch die ebenso inkompetente wie ungerechte Kritik von Friedrich II. nichts, der Goethes "Götz von Berlichingen" einfach nur furchtbar fand, der demonstrativ nicht zur Aufführung der "Minna von Barnhelm" in Berlin kam und Schiller, ebenso wie seinen Landsmann Emanuel Kant kaum dem Namen nach kannte.
     
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  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Aber der Kaiser sprach doch in seiner Funktion als Römischer Kaiser deutsch oder war das eine Ausnahme unter Karl VII.?:grübel:

    Wie aber hatte sich das mit der existierenden Hofsprache verständigen lassen?:confused:
     
  8. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Das barocke Wien orientierte sich an Italien, kein Zufall daher dass der Hofpoet Karls VI. und auch der jungen Maria Theresia der gebürtige Römer Pietro Metastasio waren. Karl VI. sprach sicher deutsch, ebenso wie seine Vorgänger seit Maximilian II., va. die Ferdinande.
    Ich bewege mich nun aber auf dünnem Eise, ohne vorher auf Quellensuche zu gehen (irgendwo hab ich ein Buch dazu) halt ich mich lieber zurück.
     
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  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zwar ein sehr schlechtes, wie ein Tagebuch von ihm belegt, welches in der Ausstellung zum HRRDN in Berlin 2006 präsentiert wurde, aber er sprach es und schrieb es auch.

    Zum Vorteil des Französischen:
    Zum einen hatte sich in Frankreich früher als in den anderen Staaten die innenpolitische Lage unter Henri IV und Louis XIII endgültig mit der Niederwerfung der Hugenotten in den 1620ern stabilisiert, wenngleich unter moralisch fragwürdigen Umständen. England holte nach der Englischen Revolution auf und so verwundert es vielleicht nicht, dass Frankreich als innerlich "befriedetes" Land sowohl eine expansive Politik nach außen, aber auch eine kulturelle Blüte nach Innen wie Außen erlangen konnte. Wenn man allein von der Bev.zahl Frankreichs ausgeht, erscheint es nicht ungeschickt für einen Autoren des 18.Jh. die erste Auflage seines Buches ersteinmal im Französischen zu verfassen, da er damit nicht bloß die gebildete Oberschicht seiner Heimat, sondern auch die bevölkerungsstarke Leserschaft Frankreichs erreichen konnte. (Ich glaube das Thema Erstauflage in Französisch hatten wir schonmal irgendwo im Forum.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. November 2007
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  10. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Es gibt im übrigen ein ganz pragmatisches Argument für die gemeinsame "Hof-Sprache". Der europäische Hochadel war nun einmal stark verbandelt. Schon allein aus diesem Grund machte es Sinn, eine gemeinsame Sprache zu sprechen und vor allem zu schreiben. Das enthob einen (ich spreche da aus eigener Erfahrung, denn in unserer Familie werden 4 Sprachen gesprochen) z.B. wenn man an der Post an die diversen Familienmitglieder, Cousins, Onkel und Tanten saß, der ständigen Überlegung, in welcher Sprache man sich gerade befand, und wie das gesuchte Wort nun hiess und geschrieben wurde.

    Auch in England gehörten Französisch, Italienisch, und sogar Deutsch(?) zu den modernen Sprachen, die eine gebildete junge Dame der Gentry um 1800 herum beherrschen sollte.

    Und dann waren da auch noch die Hugenotten ...
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Juni 2010
  11. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    An der Stelle möchte ich auf das Stück "The Importance of Being Earnest" von Oscar Wilde hinweisen. In diesem Theaterstück muß die Protagonistin Cecily als gebildete, junge Dame Deutsch lernen und quält sich zu ihrem Mißfallen durch deutsche Konjugationen. In der Verfilmung dieses Stückes mit Reese Witherspoon als Cecily wird in der deutschen Synchronfassung Latein zur Cecilys Qualsprache.

    Mais maintenant retour à notre thème:

    Wenn ich die einzelnen Postings mal zusammenfasse, dann sind verschiedene Einflußfaktoren für das Französische in Deutschland wichtig.

    • Kultursprache (Nacheifern der Civilisation française), vom Preußenkönig bis hin zu kleinen Fürstentümern wurde französisches Savoir-faire, Savoir-vivre, Savoir-règner & Savoir-bâtir kopiert. Nach der Französischen Revolution war es für die Unterdrückten die Sprache der liberté (später dann aber auch die Sprache der französischen Besatzer unter Napoleon.
    • Diplomatensprache & internationales Kommunikationsmittel
    • Verwaltungssprache: die Eroberungen durch Napoléon Bonaparte schufen einen einheitlichen Rechtsraum, in dem der Code Napoléon galt. In Deutschland galt der Code Civil noch bis Ende des 19. Jahrhunderts.
    • Sprache der Immigranten: die o. g. Hugenotten brachten ihre Sprache mit und in Berlin hat sich ja noch der ein oder andere Ausdruck erhalten: Bullette, Trottoir. Letzter Ministerpräsident der DDR war Lothar de Maizière, Nachfahre einer Hugenottenfamilie.
    Noch heute wird häufig auf Gymnasien zumeist bei der zweiten Fremdsprache Latein oder Französisch den Schülern zur Wahl gestellt.
     
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  12. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Der Parvenü

    Ich wollte wegen einem Wort nicht einen eigenen Thread aufmachen.

    Was genau bedeutet Parvenue oder so ähnlich im französsichen, bzw. wie wird das Wort abgeleitet?
    In einem Roman zu einer preussischen Gräfin werden nichtsnutzige bzw unehrenhafte Grafen, Fürsten etc. als Parvenü bezeichnet. Aber was war die ursprüngliche Bedeutung des Wortes? :grübel:
     
  13. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi Caro

    Ein Parvenue (oder Parvenü) ist so ein "neureicher Schnösel"... :winke:

    Gruss Pélzer

    .
     
  14. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    Ich glaub', wenn mich meine mangelnden Französischkenntnisse nicht täuschen, dann ist es das Partizip Perfekt (?) von "parvenir", was so viel wie "ankommen" oder "erreichen" bedeutet. Also würde es einen Neuankömmling bezeichnen.
     
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  15. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ein Neuankömmling ist es nicht, sondern ein Emporkömmling (siehe Langenscheid Französisch-Deutsch): Parvenu substantif Emporkömmling masculin
     
  16. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    Danke für die Verbesserung. :yes:
     
  17. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    Absolument parfait: parvenu ist das Participe Passé von parvenir. Meinem Sprachgefühl ist das eher der "Emporkömmling".

    Wenn es um die Aristokratie geht, könnte ich mir eher vorstellen, daß mit "Parvenu(s)" Leute gemeint sind, die einen nicht allzu beeindruckenden Stammbau haben oder sogar:nono: Bürgerliche sind, aber "trotzdem" in Positionen gekommen sind, die sonst Angehörigen "besserer" Gesellschaftsschichten vorbehalten waren.

    NACHTRAG:

    die gute, alte Wiki hat auch eine Definition von Parvenü: http://de.wikipedia.org/wiki/Parven%C3%BC
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Juli 2010
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  18. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Mal eine Frage an die Franz.- und Geschichts-Cracks hier:

    Heute gibt es im deutschen Sprachgebrauch das "Handy" das man, wenn überhaupt, im angelsächsischen Sprachraum von den Deutschen übernommen hat.
    Gab es solche "Wortschöpfungen" mit umgekehrten Vorzeichen ca. Ende des 18. Jahrhunderts auch? Damals natürlich auf französisch.
     
  19. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Wie meinst Du das? Französische Worte im Deutschen oder deutsche Worte im Französischen? Im Französischen gibt es z. B. das Wort "lansquenet" (aus Landsknecht) oder "vasistas" (aus "Was ist das?" für Dachfenster). Hier eine Liste mit deutschen Fremdwörtern im Französischen.

    Das englische Adjektiv "handy" heißt handlich bzw. bequem, aber nicht Mobiltelefon. Mobiltelefon heißt auf Englisch "mobile phone" oder einfach "mobile". Das ist auch kein reimportiertes Wort (wenn wir von den Angelsachsen als "Erst-Exporteure" absehen). Zur Erklärung der Wortherkunft gibt es verschiedene Ansätze.
     
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  20. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Genau das meine ich:

    ob es solche "Fremdkreationen" auch damals gab.
    Logischerweise französisch.
     

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