Globalgeschichte und ihre aktuelle Bedeutung für die Historiographie

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von thanepower, 5. April 2015.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Diese Sichtweise trifft wohl kaum zu! Mit der Moderne und einer zunehmend differenzierter agierenden und komplexer werdenden Realität ergibt sich zunehmend das Interesse an objektiven und validen Deutungsmustern, die der Komplexität und der Dynamik der Realität einen Sinn geben.

    Die zentralen Faktoren dieser komplexitätserzeugenden Entwicklung sind dabei u.a. die zunehmende Bedeutung der Nationalstaaten, das zunehmende Bevölkerungswachstum, die deutliche Zunahme der industriellen Produktion und die Wahrnehmung der ökölogischen Kosten dieser Entwicklung.

    Vor diesem Hintergrund argumentiert Wallerstein m.E. völlig zu Recht, dass diese komplexen Prozesse nicht durch die isolierten Sichtweisen von Teildisziplinen, wie die Historiographie, die Wirtschaftswissenschaften, die Politologie oder die Soziologie alleine zu erklären sind, sondern durch einen holistischen Zugang zu allen Bereichen der Weltgesellschaft erklärt werden sollten [13, bes. Kapitel 1]. Diese holistische Analyse hat er dann im Rahmen eines undogmatischen neo-marxistischen Ansatzes im Rahmen einer – international anerkannten – mehrbändigen Edition vorgelegt.

    Neben ihm, so Conrad, hat die Globalgeschichte der Entwicklung der Menschheit deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen und liefert wichtige Informationen, die basierend auf der Vergangenheit, der wichtigste brauchbare Prediktor für mögliche alternative Zukünfte bietet [6].

    Ein aktuell diskutierter alternativer neo-liberaler Ansatz, der eine holistische Sicht auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bietet, liegt in der Arbeit von Acemoglu vor [2]. In Anlehnung an Arbeiten von Lipset argumentieren er und Robinson, dass bestimmte Verteilungsmuster in kapitalistischen Wirtschaftssystemen in Kombination mit demokratischen Strukturen die nachhaltigste Befriedigung einer Gesellschaft bietet [1].

    Ein dritter Ansatz, der von Mann, setzt sich durch den Bezug auf Max Weber von den beiden vorherigen Ansätzen ab und erklärt im Rahmen einer ebenfalls mehrbändigen Edition die Funktionsweise von Gesellschaften durch das Vorhandensein von Eliten, die mit bestimmten, rivalisierenden Machtquellen ausgestattet [beispielsweise 12].

    In ähnlicher Weise versuchen beispielsweise Jared [beispielsweise 7] und Ferguson [8] komplexe Erklärungen vorzunehmen, wie die Entwicklung von Gesellschaften erklärbar werden kann und welche Einsichten sich daraus für die Zukunft gewinnen lassen.

    Und genau das ist der entscheidende Punkt, auf den vor allem auch Wallerstein verweist, dass die Legitimation von Wissenschaften sich auch daraus generiert, dass sie – neben der Grundlagenforschung - auch für die sozialen und politischen Anspruchsgruppen in einer Gesellschaft Informationen und Wissen bereitstellen, die für die politischen Entscheidungen relevant sein sollten.

    Dass die Moderne sich mittlerweile in eine „zweite Moderne“ „verwandelt“ hat, belegen beispielsweise die Arbeiten von Albrow [3], von Giddens [9, 10] oder auch sehr deutlich die Thesen zur Risikogeselllschaft von Beck [4, 5]. Und vor diesem Hintergrund lösen sich traditionelle Strukturen der Moderne auf und es bildet sich eine neue globalisierte Gesellschaft heraus, die durch neue politische, soziale und ökonomische Bedingungen gekennzeichnet ist (vgl. dazu beispielsweise die Arbeiten von J. Rifkin oder von M. Castells)

    Vor diesem Hintergrund tiefgreifender Veränderungen ist beispielsweise auch die Diskussion zu verstehen, die die „New Left“, angeregt durch Toni Blair, geführt hat [11]. Und unter Schröder in die "Agenda 2010" einmündetet. Gerade in dieser Diskussion der sozialdemokratischen Parteien wurden die komplexen Diskussionstränge, die auch bei Wallerstein eine zentrale Rolle in der Darstellung gespielt haben, einem gesellschaftlichen Diskurs unterworfen und es wurde versucht, angemessenen Handlungsstrategien zu formulieren.

    Und in diesem Sinne ist es die Sinnstiftung durch Globalgeschichte, die den politischen Entscheidungsträgern hilft zu verstehen, welche Wirkungen ihre Entscheidungen haben können, um die Möglichkeit nicht-intendierten Folgen möglichst aus dem Weg zu gehen.

    Globalgeschichte und Zeitgeschichte | bpb

    1. Acemoglu, Daron; Robinson, James A. (2006): Economic origins of dictatorship and democracy. Cambridge, New York: Cambridge University Press.
    2.Acemoglu, Daron; Robinson, James A. (2012): Why nations fail. The origins of power, prosperity, and poverty. 1st ed. New York: Crown Publishers.
    3.Albrow, Martin; Fellinger, Raimund (1998): Abschied vom Nationalstaat. Staat und Gesellschaft im globalen Zeitalter. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition zweite Moderne).
    4.Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. 1. Aufl., Erstausg. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    5.Beck, Ulrich (2008): Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. 1. Aufl. Frankfurt: Suhrkamp
    6.Conrad, Sebastian (2013): Globalgeschichte. Eine Einführung. München: Beck
    7.Diamond, Jared M. (1997): Guns, germs, and steel. The fates of human societies. New York: W.W. Norton & Co.
    8.Ferguson, Niall (2011): Civilization. The West and the rest. 1st American ed. New York: Penguin Press.
    9. Giddens, Anthony (1995): Konsequenzen der Moderne. 1. Aufl. Frankfurt am Main:
    10.Giddens, Anthony (2001): Entfesselte Welt. Wie die Globalisierung unser Leben verändert. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    11.Jackson, Ben (Hg.) (2013): Twenty Years of Renewal: Labour, New Labour, social democracy. Labor Party. London: Lawrence and Wishart Ltd.
    12.Mann, Michael (2012): The sources of social power. Vol. 1. A history of power from the beginning to AD 1760. Cambridge: Cambridge University Press.
    13.Wallerstein, Immanuel Maurice (2004): World-systems analysis. An introduction. Durham: Duke University Press.
    14.Wallerstein, Immanuel Maurice (2011): Centrist liberalism triumphant, 1789-1914. Berkeley, Calif., London: University of California Press (The modern world-system).
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2015
  2. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Dem möchte ich zustimmen. Und noch das Werk anführen, das nach Jahren der Abstinenz mein Interresse an Geschichte wieder geweckt hat:

    Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der grossen Mächte von 1987. Kennedy führt Wirtschaft und Historie zusammen und erklärt ökonomisch die Machtverteilung in der westlichen Welt (Europa und USA).
    Zeitraum der Betrachtung: 1500 bis in die nahe Zukunft. Ansatz: Wirtschaft als Basis für politische und militärische Macht. Fokus: Die westliche Welt

    Und damit vielleicht eine Lesehilfe eröffnen:

    Ian Morris, Wer regiert die Welt (2010). Der deutsche Untertitel “Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden” führt in die Irre. Das Buch beschreibt die Tiden zwischen Europa und Asien (China) und warum mal die eine, mal die andere Kultur die Nase vorn hat(te). Zeitraum der Betrachtung: vom Peking-Mensch bis heute. Morris erklärt Geschichte mit Geographie, beziehungsweise die Vor- und Nachteile, die eine bestimmte geografische Lage mit sich bringt (beispielsweise wanderte das europäische Machtzentrum von Ost (Goldener Halbmond – domestizierbare Tiere und Pflanzen) nach Westen (die Atlantikanrainer Spanien und Grossbritannien können leicht die einträglichen amerikanischen Gestade erreichen)

    Zeitraum: Frühzeit bis heute. Erklärungsansatz: Geografie. Fokus: Eurasien und Amerika

    Der von Thanepower angeführte Acemoglu fokussiert auf die Entstehung und Wirkung von Institutionen, etwa einem verlässlichen Beamtenapparat oder einer unabhängigen Justiz, generell einer funktionierenden Gewaltenteilung. Er unterscheidet zwischen exklusiven (ausbeuterischen) Systemen und inklusiven, “gerechten”.

    Zeitraum: Neuzeit. Erklärungsansatz: Institutionen. Fokus; global

    Jared Diamon “Arm und Reich” betrachtet die Ökologie als Basis für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Er vergleicht die unterschiedlichen Entwicklungen der Kontinente, betrachtet z.B. Eurasien im Gegensatz zu den anderen hier angeführten Autoren, die hier noch einmal zwischen Ost und West unterscheiden, als (erfolgreiche) Einheit.

    Zeitraum: Frühzeit. Erklärungsansatz: Ökologie. Fokus: Global, dabei Kontinente als Einheiten

    Wenn der Leser also mit Diamond beginnt, mit Morris weitermacht, dann Kennedy zur Hand nimmt, um dann bei Acemoglu zu landen, ist er auf dem besten Weg zum Weltverständnis.
     
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  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wobei man feststellen kann, dass sich das Objekt der Betrachtung Realität mit permanent steigender Geschwindigkeit verändert.
    Dynamik und Komplexität sind nicht mehr zu trennen. Ist das die "zweite Moderne"?
    ..
    (...und auch die rasant steigenden Verbreitung der Fähigkeit den Mitmenschen seines Lebens zu berauben..musst ich einfach mal drauf hinweisen :) )

    Das ist ein besonderer Ansatz scheint es. Man wird ja versucht sein den Historiker zu einer einflussnehmenden Zukunftsbetrachtung zu bewegen, und der Historiker wird selbst die Versuchung haben.

    Grüße hatl
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hierzu eine Ergänzung, weil ich die Einordnung etwas anders vornehmen würde.

    Acemoglu würde ich als Neo-Institutionalisten bezeichnen, der - mit anderen Makroökonomen seit den 1990ern - den wachstumstheoretischen Institutionen-Ansatz sicherlich radikaler verfolgt als mit der theoretischen Erneuerung seit den 1970ern ansonsten anzutreffen.

    In der Betrachtungsweise liegen seine Wurzeln in den Arbeiten von Douglass Cecil North. Überschneidungen mit
    1. sozioökonomischen Betrachtungen liegen auf der Hand, sein Ansatz basiert aber allein auf empirischen makroökonomischen Arbeiten.
    2. der Gegensatz des Institutional Growth ergibt sich zu den älteren theoretischen wachstumstheoretischen Modellen und empirischen arbeiten, die stark auf geografischen, klimatischen oder Ressourcenbezogenen Betrachtungen basierten.
    3. die "institutions" sind nicht alles, Norths wie später Acemoglus etc. Betrachtungen versuchen vielmehr, diese als entscheidende Rahmenbedingungen (sozusagen ein deep devolpment) neben weiteren Einflussfaktoren anzusehen.

    Insofern würde ich ihn nicht in die ohnehin umstrittene Kategorie Neo-Liberalist einordnen, was seinen theoretischen und empirischen makro- und mikroökonomischen Arbeiten nicht gerecht wird, mal ganz abgesehen von Aspekten wie negative Konnotation und dem politischen Streit um diese Kategorie.

    Am Rande sei erwähnt, dass auch der Ansatz von North nichts Neues ist, sondern sich rudimentär schon bei Adam Smith findet, und die Beschäftigung der Wachstumstheorie mit "institutional growth" lange Tradition hat.
     
  5. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    Ich würde thane hier beipflichten wollen, denn Acemoglu ist von seiner ideologischen Ausrichtung her neoliberal. Der Begriff bezieht sich heutzutage nicht mehr auf eine wissenschaftliche Schule, deshalb könnte man ihn ohne weiteres auch als (wirtschaftswissenschaftlichen) Neo-Institutionalisten beschreiben. Diesen Begriff gibt es jedoch schon in den Internationalen Beziehungen. Meinst Du vielleicht so etwas wie einen Neo-Institutionenökonomen, im Unterschied zu den klassischen und neuen Institutionenökonomen?

    Zu 2. Acemoglu unterscheidet sich aber vor allem auch darin von älteren Ansätzen, dass er auch die Kultur als eine wichtige Determinante für Wirtschafstwachstum und selbst für das Werden von Institutionen marginalisiert. Er und Robinson wenden sich etwa ganz dezidiert gegen Weber und Landes, die geistige Kultur einer Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen rückten.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das war mir bisher nicht aufgefallen. Könntest Du mir da einen Hinweis geben zum nachlesen, da Weber in seinen ganzen Spielarten des Neo-Weberianismus fast Standard ist.

    Ansonsten, ohne diese Diskussion vertiefen zu wollen, der Versuch einer Präzisierung. Es ist natürlich richtig, dass Acemoglu zu den „Neo-Institutionalisten“ zählt und nicht direkt zu den „Neoliberalen“ Marktfundamentalisten der „Reaganomics“ zu rechnen wäre. Andererseits ist es auch richtig, - in einem erweiterten Sinne – ihn als „Neoliberalen“ zu addressieren, allerdings ohne die Absicht zu verfolgen, ihn zu einem „Chicago-Boy“ zu stigmatisieren.

    Begründung: Im Rahmen seiner „Introduction….[1] referiert Acemoglu in seiner „Zusammenfassung“, ausgehend von der Frage, warum ab dem 18. Jahrhundert in Europa im Vergleich ein höheres Wachstum stattfand wie in anderen Regionen der Welt seine zentralen Thesen.

    Diese Überlegungen hat er zusammen mit Robinson in zwei weiteren Büchern systematisch dargestellt [2 und 3]. Entscheidend ist m.E. seine Einordnung als „Neoliberalen“ die Ausführungen über die traditionelle Rolle von Staat und den Marktakteuren, also dem Produzenten und dem Konsumenten. Den Erfolg der Entwicklung der europäischen bzw. nordamerikanischen Wirtschaft, so Acemogu, kann man dabei als permanenten „kreativen Zerstörungsprozess“ im schumpeterschen Sinne sehen. Der Erfolg dieses Prozesses wird durch das Agieren des Staates als Institution erleichtert bzw. gefördert oder verhindert und erklärt Innovationen als Motor für Wirtschaftswachstum.

    Diese Erklärung würde ich als – im weitesten Sinne – neoliberale Prämisse verstehen, da sie die Rolle des Staates als Innovators systematisch übersieht und ihn nur in der Rolle des Garanten der Spielregeln des Marktes zuläßt.

    Anders bei – beispielsweise Mazzucato, die die aktive und auch produktive Rolle des Staates als aktiver Teilnehmer am innovativen Marktgeschehen sieht [4]. Sie sieht es als notwendig an, die schumperterchen Ausführungen zur zentralen Rolle von Innovationen durch keynesianische Ideen zur Rolle des Staates zu ergänzen. Und diese Rolle des Staates als Motor für zentrale Innovationen wird systematisch unterbewertet.

    Folgt man beispielsweise den m.E. zentralen technologischen Trends der Nachkriegszeit, so sind es nicht unerheblich Technologien und Managementpraktiken des „Kalten Krieges“, bei denen der Staat die innovative Rolle des Auftraggebers übernommen hatte oder sie weiter entwickelt hatte.

    Das kann man für die Verwertung der Erfahrungen mit Massenproduktion und Logistik, für den Bereich der Flugzeugtechnik und noch viel deutlicher im Bereich der Atom- bzw. im Bereich der Computertechnologie und der damit zusammenhängenden Miniaturisierung. Die letzte Entwicklung aus dem Sektor der staatlichen – militärischen Forschung ist dann die zivile Nutzung der Internettechnologie.

    Google, facebook oder amazon wären ohne diese staatlichen Investitionen in die Internettechnologie nicht denkbar, da das Venturekapital für Startups eine schnelle und eine hohe Renditeerwartung hat, wie Keese es erhellend beschreibt [5]

    1.Acemoglu, Daron (2009): Introduction to modern economic growth. Princeton: Princeton University Press.
    2.Acemoglu, Daron; Robinson, James A. (2006): Economic origins of dictatorship and democracy. Cambridge, New York: Cambridge University Press.
    3.Acemoglu, Daron; Robinson, James A. (2012): Why nations fail. The origins of power, prosperity, and poverty. 1st ed. New York: Crown Publishers.
    4.Mazzucato, Mariana (2014): The entrepreneurial state. Debunking public vs. private sector myths. Revised edition. London, New York: Anthem Press
    5. Keese, Christoph (2014): Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt. München: Knaus.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. April 2015
  7. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    Im zweiten Kapitel von Why Nations Fail wenden sich die Autoren den Theorien zu, die ihrer Auffassung nach nicht funktionieren: solchen, die geographische Faktoren benennen, also v.a. Diamond, und solchen, die kulturelle Faktoren benennen, darunter Weber und Landes. Auch hier nachzulesen: http://economics.mit.edu/files/4469 S.401f. und 419.


    Genau das meinte ich, die sogenannten inklusiven Institutionen sind diejenigen, die neoliberale Ökonomen und Politiker als Funktionsbereich des Staates ansehen: Wettbewerbsordnung, Antimonopolgesetz, Vertragssicherheit, Patentwesen auf ökonomischer Ebene, Justiz, Landesverteidigung, Bildung, Infrastruktur, Wahlen etc. auf politischer Ebene.
    Ich würde die Rolle des Staates allerdings noch über die eines Innovators hinaus sehen, das wäre aber ein eigener Fred.

    Mazzucato gehört zu den Vetretern des entrepreneurial states, die noch eine vergleichsweise große Menge an Übereinstimmung mit den Neoliberalen haben. Sie nehmen die Wissenschafts- und Bildungspolitik, Verbesserungen der Bedingungen für ausländische Unternehmen, Fachkräfte und angehende Unternehmer im Inland in den Fokus und stehen damit nicht unbedingt konträr zu den Ansichten der heutigen Neoliberalen. Eine solche Politik ist ökonomisch notwendig geworden, da sich die neueste Technologie in globalen Innovationsnetzwerken enwickelt, in die sich zu integrieren der entscheidende Faktor für Wachstum und Beschäftigung ist. So ist beispielweise die Einkommensverteilung in innovativen Regionen sehr viel gleicher als in weniger innovativen.
    Was dagegen gegen die neoliberale Haltung gerichtet ist, ist die aktive Innovationspolitik des Staates. Hier dürften gerade auch im Bereich Patente Unterschiede zu Acemoglu bestehen. Insgesamt ist diese Literatur jedoch stark auf Innovation und Unternehmertum fokussiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. April 2015
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vielen Dank für den Hinweis und auch den Link.

    Gut, auf einer halben Seite "beschäftigt" er sich mit Weber. Das wars und diese kursorische Betrachtung habe ich wohl mittlerweile vergessen, da sie mir doch ein wenig "oberflächlich" erscheint.

    Es sind gerade Autoren wie Bendix, Michael Mann oder auch Schluchter, die gerade auf den Ausführungen von Weber zur "Bürokratie" ihre historischen Betachtungen basieren.

    Und im Fall von Mann, als Neo-Weberianer, ein sehr umfangreiches Konzept zur Beschreibung von Gesellschaften basiert.

    Entscheidender ist, wie Käsler m.E. zu Recht feststellt, dass nicht nur die "protestantische Ethik" eine zentrale Rolle für die Ausbildung des Kapitalismus in Europa spielte, sondern damit zusammenhängend alle Aspekte des Lebens einer "okzidentalen Rationalisierung" unterlagen (D. Käsler: Einführung in das Studium Max Webers. S. 172).

    Aus dieser Tiefenströmung, auch verstärkt durch die Aufklärung und die damit zusammenhängende "Moderne", ergibt sich das Potential nach objektivierenden Prozessen, die frei sind von Subjektivität und Willkür. Und daraus erklärt sich, folgt man Weber und den Neo-Weberianern, die Dynamik der Entstehung von "Bürokratie" bzw. von Institutionen, auch im Sinne von Acemoglu.

    Dass es in der Folge auch in Staaten, im Sinne eines "Innovationstransfers" aufgrund von Wettbewerb bzw. Rivalität, zur Übernahme von "Institutionen" kommt, folgt anderen Prinzipien wie denen, die die ursprüngliche Genese erklären wollen.

    Somit erkennt, so meine Vermutung, Acemoglu nicht das Potential, das in der Argumentation von Weber, inklusive Neo-Weberianer, steckt zur Untermauerung seiner eigenen These zur zentralen Rolle von Institionen für die Entwicklung von wirtschaftlich dynamischen und politisch freiheitlichen Gesellschaften.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. April 2015
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Frage der Wirkung staatlicher Investitionen bzw. des Staates als endogenem Akteur sollten wir aufschieben. Sie ist hier nicht strittig, aber aus der Betonung in der Antwort unterstreichst Du die oben fett markierte Grundthese.

    Hier liegt ein Missverständnis bzw. eine falsche Interpretation des Standes der Wachstumstheorie von Acemoglu vor. Deshalb ein Überblick, worum es geht:

    Bereits die 800 Seiten Betrachtungen in dem von Dir zitierten Werk machen inhaltlich doch völlig klar, dass es Acemoglu darum geht, zunächst (ausschließlich) die exogenen Wirkungen von "institutions" darzulegen. Im Übrigen geht das über den Staatsbegriff hinaus und wird umfassend verstanden, wenn Acemoglu mit Bezug zB auf North auch ausdrücklich de facto institutions einbezieht (das kann zB ein religiöses Wertgerüst, eine "Kultur", ein hanseatisches Kaufmannsverständnis, der "Druck der Straße" etc. pp. sein, wenn sie nur normativ wirkt und (mindestens "de facto"- ) "institutions" begründet).

    ___________________________________________________________________________
    Einschub: Um das inhaltlich zu verdeutlichen, geht es bei Acemoglu bzw. den Neo-Institutionalisten um:
    1. Wachstum als eine Ursache (jeweils) aktueller (d.h. auch historisch realisierter, "aktueller") Ungleichverteilungen von Einkommen zu begreifen

    2. Die Bedeutung von Realkapital, Human Capital und Technologie modellhaft und empirisch für die Wachstumstheorie nachzuweisen.

    3. bei gegebenem, empirisch aufgerissenen (2.) das Entstehen von Investitionsentscheidungen endogen zu erklären. (Exogene Wirkungen werden nicht ausgeschlossen).

    4. Endogene Faktoren technologischen Fortschritt methodisch und empirisch zu untersuchen: Fixkosten, Wettbewerb und Schumpeters "kreative Zerstörung", institutioneller Kontext und Ressourcen für quantitative und qualitative Technologieentwicklung. Exogene Faktoren werden nicht ausgeschlossen.

    5. Ausbau des Modells auf gesellschafts- (bzw. Institutionen-)übergreifende Links: pimalDaumen sind das cross-country-Beziehungen, resp. der exogene Faktor einer Außenwirtschaft. Der für die endogene Betrachtung gesetzte (exogene) institutionelle Rahmen bleibt dabei unberührt. Insbesondere werden endogene (realwirtschaftliche oder auch monetäre) Staatsaktivitäten nicht ausgeschlossen.

    6. Empirische und modellartige institutionelle (!) "Erklärungen" für das Kippen von Wachstum in Stagnation oder zu Schrumpfung.

    7. Berücksichtigung von Institutionsänderung und Transformation(als exogene Faktoren!) für das endogene Wachstumsmodell. Der Staat als Marktakteur wird dabei nicht ausgeschlossen, sondern die Betrachtung wird auf die (exogene) Änderungswirkung der "institutions" beschränkt.

    8. Erklärungsmodell für Institutions- und Politikentscheidungen als Ausgangsgrundlage für beobachtete Veränderungen, sozusagen der "Einbau" der Wachstumstheorie als "Institutionel Growth" in die politische Ökonomie. Mit dem Staat als "Marktakteur" hat das wiederum nichts zu tun, vielmehr mit dem erweiterten Blick auf den Staat auch als standardsetter für Institutions, über den "Anbieter" oder "Nachfrager" hinaus.
    /Einschub
    ___________________________________________________________________________


    Damit wird völlig klar, was hier offen und bislang nicht untersucht wurde (was nichts mit einem Ausschluss in dem von Dir angesprochenen Sinn zu tun hat): die endogenen Aktivitäten von (für economic growth exogener Institutionen (so auch des Staates!) - sehr verengt also: der Staat in Angebot und Nachfrage, in Geldpolitik und Außenwirtschaft, das alles im Modell der Neo-Institutionalisten. Ausdrücklich von ihnen unterstellt werden Verschiebungen von (dynamischen= ) multi-periodischen Equilibrii und die Stimulation von Technologie, Handel, Faktoreinsätzen usw. usf.

    Ergebnis:

    (A) Empirisch offen, und (B) bislang nicht in die Modelle eingebaut, aber (C) ausdrücklich nicht ausgeschlossen sind folgende Aspekte:

    1. Wirkungsketten von de jure (Staat!) und de facto-Institutionen auf (Wirtschafts-)Politik und economical institutions, in Form von Stimuli bzw. Incentives für Güter- und (ggf. auch) Fianzmärkte

    2. Änderungen von de jure (Staat!) und de facto-Institutionen durch den Umstand, dass sie in Interaktion mit Güter- und Finanzmärkten sowie Technologieentwicklungen treten: ich würde das als "Rückschlagswirkung" aus ökonomischen, nicht-institutionellen Aktivitäten bezeichnen

    3. Klärung, warum exogene (zB politische) Institutions empirisch belegbar nicht in der Lage sind, kontinuierliches economical growth quantitativ wie qualitativ zu gewährleisten, warum einige "institutions" in diesem Modell Blockwirkungen entfalten, Technologieentwicklungen verhindern und exonomical growth in der Folge entgleist.

    Das ist nicht als soziologisches bzw. soziopolitisches Frage- und Erklärungsmodell zu verstehen, sondern als makroökonomisches.


    Mit diesem Zwischenstand gemäß Einschub 1. bis 8. und unter Berücksichtigung der gerade dargestellten offenen Wirkungsketten 1. bis 3. ist die bisherige Erklärungsstand der Institutionalisten (im Rahmen der Wachstumstheorie) zu verstehen. Mit (politisch und wissenschaftlich umstrittenen Schubladen wie) Neoliberalismus hat das nichts zu tun.

    Wir können das aber weiter detailliert aufreißen, falls da unterschiedliche Verständnisse bestehen. Dem hier kann ich mich jedenfalls keineswegs anschließen:
    Wie gezeigt, wird dies nicht übersehen, und auf keinen Fall "systematisch" übersehen. "Nur Zulassen" kann ich gleichfalls nicht teilen, das wären Aussagen zur Wirtschaftspolitik, die über den Forschungsstand hinausgehen, bzw. überhaupt nicht berührt werden. "Garanten der Spielregeln des Marktes" ist eine völlig verengte Betrachtungsweise, die dem offenen (exogenen) Ansatz von economic institutions zuwider läuft, während endogene Aktivtäten überhaupt nicht betrachtet werden.



    P.S. und am Rande:
    1. Mit dem Streit um den Staat als Akteur in Klassik, Neoklassik, Keynesianismus etc. hat das nichts zu tun.
    2. bezüglich JetLeechan: Es geht hier nicht um die Institutionalisten in der Tradition der 1920/30erm wie oben klar erkennbar ist. Dazu noch später mehr.
    3. Sollten Probleme mit "growth" bestehen, kann man dies auch - etwas neutraler und evt. unbelastet - durch "development" ersetzen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. April 2015
  10. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    Als der Wissenschaftler der er ist, wird er sich vermutlich intensiver mit Weber auseinandergesetzt haben, als die zwei Seiten das vermuten lassen. Seine Haltung ist jedenfalls eindeutig.

    Mir geht es darum, dass Du einen Begriff eingeführt hast, der in der sozialwissenschaftlichen Forschung bereits doppelt besetzt ist, nämlich "Neoinstitutionalism" (Internationale Beziehungen, Soziologie). Im Falle Acemoglus und anderer wird aber in der großen Mehrheit vom "New Instutionalism" gesprochen, um diese Position eben abzugrenzen von den klassischen Institutionalisten a la Veblen und den "New Institutional Economics" a la North. Nun gibt es aber das Problem das North und co z.T. ebenfalls als "New Institutionalists" und Acemoglu, Rodrik und andere eben mit dem selben Begriff oder als "second generation New Institutionalists" bezeichnet werden. Deinen Begriff neu einzuführen trägt da kaum zur Klarheit bei, weshalb ich mich sicherheitshalber erkundigt habe.

    1. Ideologische Position
    Weder thanepower noch ich haben das Modell der - ich übernehme jetzt Deinen Begriff - Neo-Institutionalisten als ein soziologisches oder soziopolitisches beschrieben. Das ist es eindeutig nicht, es ist ein politisch-ökonomisches.

    Das dies mit Neoliberalismus nichts zu tun habe, ist allerdings nicht wahr. Der Begriff beschreibt einen ideologischen Standpunkt und keine wissenschaftliche Schule, womit jedoch nicht gesagt ist, dass er für die Wissenschaft keine Rolle spielen würde. Zwar tun gerade Ökonomen gerne so, als seien sie und vor allem ihre Forschung ideologisch neutral, dem ist aber nicht so. Das kannst du bereits bei August Oncken: Adam Smith und Immanuel Kant, 1877, Karl Polanyi: The Great Transformation, 1944 oder den zahlreichen Veröffentlichungen von Robert Wade und Susan Strange nachlesen.

    2. Kritik an der Klassifizierung der Insitutionen

    Und genau hier setzt ein Teil der Kritik an, denn die Beispiele Acemoglus inklusiver Institionen, d.h. jener, die dem Wirtschaftswachstum auf lange Sicht zuträglich sind, die Glorious Revolution, Patentwesen etc. zeichnen doch ein relativ klares Bild neoliberalen Verständnisses der Rolle des Staates. Deutschland und Japan werden ausgeblendet und der Charakter der japanischen und asiatischen Institutionen insgesamt systematisch verzerrt, indem sie dem Modell untergeordnet werden, was ebenfalls ein starkes Indiz für eine neoliberale Position ist, die in der Entwicklungsökonomischen Literatur, vor allem bei Mainstreamökonomen, sehr beliebt ist. Diese blenden die Rolle von Kultur und staatlicher Industriepolitik, letztere ist je wohl ein genuin endogener Faktor, systematisch aus und behaupten, die Liberalisierung und die Faktorausstattung und hohe Sparraten (wiederum beeinflusst durch liberale Institutionen im North'schen Verständnis als Spielregeln wie Liberalisierung, Privatisierung etc) habe das Wachstum Japans und der Tigerstaaten ermöglicht. Es geht also um sein Charakterisierung "guter Institutionen". Das ist meine Kritik und so habe ich thanepowers Einwurf bzgl. Mazzucato ebenfalls verstanden; ohne das thanepower hier eine Wertung versucht hätte, sondern lediglich auf eine abweichene Position hingewiesen hat.

    3. Kritik an dem Postulat von Institutionen als dominierendem Faktor

    Das berührt Deine Aufzählung von Wirkungsketten also nur insoweit, als die Wahrnehmung dieser Ketten ideologisch vorgeprägt ist. Und auch hier stimme ich Dir zu, dass Wachstum als Ursache für die Wohlstandsunterschiede unter Nationen angesehen wird, wobei in der Tat die Faktorausstattung und ihre Nutzung und daraus abgeleitet Investitionsentscheidungen eine wesentliche Rolle spielen. Das impliziert aber automatisch, dass die Unterschiede, die a priori bestünden, keine wesentliche Rolle spielen. Und nochmal, um das klar zu stellen, Acemoglu schließt andere Faktoren nicht aus, verweist sie aber, in guter neoklassischer Tradition, in den "Datenkranz" des Modells und spricht ihnen eine wesentliche oder gar die hauptsächliche Wirkung ab! Damit werden Geographie, Kultur, Gesellschaft etc. sofort als maßgebliche Einflussfaktoren negiert.

    4. Wissenschaftliche Kritik

    Ich habe kein Problem damit, dass jemand einen bestimmten ideologischen Standpunkt vertritt, auch nicht, wenn dieser neoliberal ist. Das Problem bei Acemoglu ist, dass er entgegen Deine Darstellung, eben nicht einfach nur der falsch dargestellte "neutrale" Wissenschaftler ist, sondern ganz intensiv an seiner eigenen PR arbeitet und in zahlreichen Interviews (die auf youtube zu finden sind) und Rezensionen und Antworten auf Rezensionen seine Position ziemlich dogmatisch vertritt, beispielsweise gegenüber Diamond: http://www.nybooks.com/articles/archives/2012/aug/16/why-nations-fail/

    Ich persönlich neige eher zu Acemoglus, als zu Diamond und stimme seiner These, dass geographische Faktoren die Wohlstandsentwicklung bis in die historische Zeit besser beschreiben, als danach, aus vollem Herzen zu. Etwas weniger Übereinstimmung herrscht für mich bei den kulturellen Faktoren und noch weniger bei der Definition von extraktiven und inklusiven Instiutionen. Das Acemoglu jedoch für seine weitreichenden These kritisiert wird, wo er sich solche Probleme durch ein etwas devoteres Auftreten gespart hätte, ist sein eigenes Verdienst. Vor allem könnte er seine ideologische Position, so wie das Jared Diamond am Anfang von Guns, Germs, and Steel gemacht hat, einfach darlegen und nicht den heiligen Schein von der Neutralität zu bewahren versuchen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. April 2015
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  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vielen Dank für die kompetenten Gegendarstellungen, Ergänzungen oder auch Weiterführungen des Gedankens.

    Im Kern sind wir uns dennoch einig, dass Acemoglu ein innovatives und anregendes Thema fortgeführt hat und interessante Thesen in den Raum gestellt hat.

    Dass er einen Teil seiner Theorie - und Silesia wies auch darauf hin - noch ausarbeiten will, kann man den Ausführungen im "Epilog" zu "Introduction to Modern Economic Growth" entnehmen, in denen er zur weiteren Forschung zu den "Endogenous political institutions" etwas sagt.

    " For a more complete understanding of world economic growth ...we therefore need to study 1. how political instititions affect policies and economic institutions, thus shaping incentives for firms and workers 2. how political institutions themselves change, ....and 3. why political institutions did not lead to sustained economic growth throughout history..." (Pos. 33893)

    Sicherlich ein spannendes Programm für die Zukunft.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. April 2015
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Genau der Punkt war mir wichtig, und Teil des beispielhaften inhaltlichen Überblicks oben.

    1. "Unfertig"

    Das Zitat weist auch schlaglichtartig darauf hin, dass Hypothesen der Neo-Institutionalisten unabgeschlosssen sind, analytisch sowohl

    a) auf einer mikroökonomischen Ebene in der Verbindung verschiedener "Schulen" der Neo-Institutionalisten (oder auch "frühe" und "späte" Neo-Institutionalisten, originäre und radikale, etc.), wenn man die North/Williamson-Bezüge überhaupt mit solchen Schubladen belegen will

    "In particular there is no theory describing satisfactorily the interaction between the North’s institutional framework (the scaffolding for human transactions) and Williamson’s structure of governance (the matrix in which the integrity of a transaction is organized). Any synthesis between these two schools of thought must address a lot of issues (see Ménard 2001) that will likely shape much future research. One central question is: how do the (Northean) rules that determine the security and functioning of property rights or the laws that affect contractual credibility and enforcement shape the choice of (Williamsonian) modes of governance and of the ways to organize transactions? A related question is: what are the comparative costs of different institutional schemes, such as different judicial systems for implementing contractual laws?...

    Besides the need to bridge the gap between the general institutional framework and specific transactions and modes of governance, there are other research areas where NIE is still underdeveloped. One such area is innovation, specifically: how do different modes of organizing transactions at both the microanalytical level and at the level of the institutional framework affect the development of capabilities and the dynamics of innovation? Related to this question is the enigma of institutional change."

    Siehe Menard/Shirley: New Institutional Economics - From Early Intuitions to a New Paradigm?

    b) auf einer eher makroökonomischen Ebene:
    Übernahme neoklassischer Bezüge?, Solow-Wachstumsmodell?, Gleichgewichtshypothesen?
    Vermengt sich hier auch die Debatte ins Unkenntliche: "In the 1990’s there was also an upsurge in papers by mainstream economists that incorporated institutions into neoclassical models, prompting John Nye to comment sardonically, “We are all institutionalists now.”"
    (Quelle siehe oben) - dazu auch Hodgson, mit dem Versuch, klare Abgrezung und zugleich Rückbezug auf die Alt ("Original")-Institutionalisten vorzunehmen: On fuzzy frontiers and fragmented foundations: Some reflections on the original and new institutional economics.

    Drei wesentliche Punkte des "Unfertigen" sind oben benannt. Andere Institutionalisten ergänzen das. Zum Beispiel nach Hodgson:
    "- Proponents of the NIE have so far failed to provide a clear and convincing picture of its own conceptual and theoretical boundaries. This problem of identity and boundaries also afflicted the original institutionalism, and was one of the factors in its eventual decline
    - Concepts identified at the core of the NIE – particularly transaction costs, property rights, and contracts – are disputed, problematic and so-far ill-defined.
    - Some NIE economists have degraded the vital concept of a market, by referring to ‘political markets’ or ‘markets for ideas’, which are not true markets.
    - Much work in (all kinds of) institutional economics suffers from a lack of clarity and consensus concerning key concepts and definitions"

    Letztendlich ist es eine nur oberflächliche, von den Modelldiskussionen und den empirischen, ökonometrischen Studien entfernte Debatte, die diese "Sortierungen" zum Ziel hat. Wie es inhaltlich besser geht, zeigen die Ausführungen von Hodgson. Solche Schubladendebatten sind natürlich für Politik und Medien der erste Aufgriffspunkt, ersetzt es doch den Blick auf die Inhalte.

    2. "Unklar"

    Die modellbezogenen Schnittpunkte der Neo-Institutionalisten mit der klassischen Makroökonomie werden offenbar derzeit erst ausgetestet. Als konstruktives Beispiel der jüngste Disput zwischen Piketty und Acemoglu/Robinson zu den Thesen in Pikettys "Capital in the 21st Century". Der Streit hier ist fundamental: es geht um die Frage ökonomischer Gesetzmäßigkeiten (siehe die ungeklärten mikro- und makroökonomischen Bezüge). Das wäre eine separate Diskussion wert. Piketty ist oben angesprochen worden. Der Disput mit den Neo-Institutionalisten entbrennt hier:
    Acemoglu/Robinson: The Rise and Decline of General Laws of Capitalism
    NBER Working Paper No. 20766, Dez. 2014
    The Rise and Decline of General Laws of Capitalism

    Es liegt hier also eine höchst fragmentarisierte Strömung vor, aufgrund von vier Nobelpreisen in 20 Jahren und dem Ausgreifen ins Populärwissenschaftliche (Why Nations Fail würde ich zB nicht als "akademische" Arbeit einstufen, schon gar nicht als Massstab für die Beurteilung des wissenschaftlichen Arbeitens von A/R, was nicht ausschließt, dass Teile daraus für wissenschaftliche Arbeiten zitierfähig sind) eine medial sehr beachtete.

    Das alles war Kontext, um inhaltlich in die Modellbetrachtungen und wirtschaftshistorisch empirischen Analysen einzusteigen, und etwas von der formalen, medial und politisch geprägten Etiketten-Diskussion wegzukommen. Solche Dispute werden von der Öffentlichkeit in gewisser Weise dramatisiert und politisiert, als es bei solchen Modellkontroversen gleich um Weltversteherformeln zu gehen scheint.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2015
  13. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    Mir ist nicht klar, warum Du immer wieder von Acemoglus akademischer Arbeit sprichst und diese von einer angeblich fehl geleiteten öffentlichen Diskussion trennen möchtest; eine Trennung, die den Charakter eines Strohmann-Arguments trägt*: die akademische Diskussion wird hier, wie es nur selten der Fall ist, in der Öffentlichkeit geführt! Die zahlreichen Rezensionen nahmhafter Wissenschaftler, auch innerhalb der allgemeinen Presse, legen ein beredtes Zeugnis dafür ab. Und Acemoglu hat sie selbst aktiv dorthin getragen. (Wenn auch sicherlich nicht alleine.) Niemand, auch nicht die vehementesten Gegner, werfen ihm dabei vor, ein schlechter Wissenschaftler zu sein. Sie kritisieren seinen Dogmatismus, seinen ideologischen Standpunkt und Teile seiner Thesen, ein vollständige Ablehnung ist mir bisher nicht begegnet.

    Ich weiss nicht, ob Du vielleicht der, m. E. veralteten (und schlichtweg unmöglichen) Ansicht anhängst, das Wissenschaftler keinen ideologischen Standpunkt haben sollten und daher die Kritik an solchen als eine Art "existentielle" wissenschaftliche Kritik verstehst, aber das war nicht meine Intention. In der Geschichtswissenschaft ist die Reflexion des eigenen Standpunkts der Beginn der Quellenkritik und daher meine ich, Acemoglus historische Arbeiten (alle, nicht nur Why Nations Fail, sondern gerade auch die Economic Origins of Democracy and Dictatorship) würden erheblich von einer solchen Reflexion profitieren. Bisher, und hier stimme ich Dir voll zu, sind gerade die grundlegenden Konzepte des Neo-Institutionalismus noch sehr unscharf.

    *Das möchte ich nicht Dir vorwerfen, aber eine solche Argumentation ist im ökonomischen Mainstream, auch bei bei Marxisten, bei Kritik an den eigenen Positionen, weniger bei Kritik an denen anderer, sehr häufig anzutreffen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2015
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der Blick auf den methodischen Kern zeigt, dass das ein Missverständnis ist. Bei den Neo-Institutionalisten ist "Kultur" vielmehr ein integrierter und breit akzeptierter Einflussfaktor der Institutionen. Das ist zu unterscheiden davon, ob man "Kultur" aus methodischen Gründen, "formalistisch" als brauchbaren Begriff im Modell verwendet.

    Das ist auch nicht als Marginalisierung zu verstehen, sondern aus Sicht der Empiriker vielmehr eine Operationaliserung der Einflüsse von Kultur "via Institutionen" auf ökonomische Entwicklung. Als einer Grundlage von real existierenden, de jure und de facto-Institutionen wird sogar der "Channel" des kulturellen Einflüssen ausdrücklich bejaht. Hier muss man unterscheiden: die Kritik, Kultur eigne sich nicht als operationale Determinante von ökonomischer Entwicklung (weil ihre Wirkungen nur diffus greifbar sind - weswegen nach "Manifestationen" in Forum von "institutions"/Standardsetter/Normgeber/institutioneller Rahmen ökonomischer Entscheidungen etc. gesucht wird), heißt ausdrücklich nicht, dass "Kultur" als Einflussgröße ausgeblendet oder in ihrer Bedeutung heruntergespielt wird. Sie ist vielmehr bestimmend für Regelsetzung in einer Gesellschaft/Ökonomie. Zudem ist sie - bei gegebenen (und auch kulturell geprägten) "Institutions" - bestimmender Faktor des wirtschaftlichen Verhaltens und ggf. Determinante bei ökonomischen Entscheidungen (zB Konsumverhalten, etc.). Beides wird ausdrücklich festgestellt.

    Nur so ist auch zu verstehen, warum zB (auch von anderen) Kritik an ökonomischen Vorstellungen über Protestantismus als Treiber von Wirtschaftsleistung geäußert wird (ohne dass damit konstatiert wird, er sei es nicht gewesen). Die methodische Kritik betrifft die Operationalität, und wird durch empirische Vergleiche begründet (das ist nicht einmal etwas Spezifisches der Institutionalisten, sondern die Kritik kommt auch aus anderen "Ecken").

    Auszug zur Verdeutlichung:
    "By “culture,” I refer to beliefs, values, and preferences that influence individual economic behavior. Differences in religious beliefs across societies are among the clearest examples of cultural differences that may affect economic behavior. Differences in preferences, for example, regarding how important wealth is relative to other status-generating activities and how patient individuals should be, might be as important as—or even more important than—luck, geography, and institutions in affecting economic performance. Broadly speaking, culture can affect economic outcomes through two major channels.

    First, it can influence the willingness of individuals to engage in different activities or to tradeoff consumption today versus consumption tomorrow. Via this channel, culture influences societies’ occupational choices, market structure, saving rates, and individuals’ willingness to accumulate physical and human capital.

    Second, culture may also affect the degree of cooperation and of trust in society, which are important foundations for productivity-enhancing activities.

    [By “institutions,” I refer to rules, regulations, laws, and policies that affect economic incentives and thus the incentives to invest in technology, physical capital, and human capital.]
    ...
    There is a clear connection between institutions and culture. Both affect individual behavior, and both are important determinants of incentives. Nevertheless, a crucial difference between the theories in these two categories justifies their separation. Institutions are directly under the control of the members of the society, in the sense that by changing the distribution of resources, constitutions, laws, and policies, individuals can collectively influence the institutions under which they live. In contrast, culture refers to a set of beliefs that have evolved over time and are outside the direct control of individuals. Even though institutions might be hard to change in practice, culture is much harder to influence, and any advice to a society that it should change its culture is almost vacuous.
    ...
    The final fundamental explanation for economic growth emphasizes the idea that different societies (or perhaps different races or ethnic groups) have distinct cultures because of different shared experiences or different religions. Culture is viewed by some social scientists as a key determinant of the values, preferences, and beliefs of individuals and societies and, the argument goes, these differences play a key role in shaping economic performance. At some level, culture can be thought of as influencing equilibrium outcomes for a given set of institutions. Recall that in the presence of multiple equilibria, there is a central question of equilibrium selection. For example, in the simple game discussed in Section 4.3.1, culture may be one of the factors determining whether individuals coordinate on the high- or the low- investment equilibrium. “Good” cultures can be thought of as ways of coordinating on better (Pareto-superior) equilibria. Naturally, the arguments discussed above—that an entire society being stuck in an equilibrium in which all individuals are worse off than in an alternative equilibrium is implausible—would militate against the importance of this particular role of culture. Alternatively, different cultures generate different sets of beliefs about how people behave, and these distinctions can alter the set of equilibria for a given specification of institutions (e.g., some beliefs allow punishment strategies to be used whereas others do not)."
     
  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dass ich hier die Ökonomie und nicht sonstige Bereiche angesprochen habe, ist wohl klar. Die Zweifel kamen von Dir:
    Den Begriff habe ich so grob verwendet, wie er sich fließend in der ökonomischen Literatur anbietet. Mal new, mal neo, mal modern. Um - strittige - Feinunterscheidungen ging es mir hier nicht, etwa nach "frühen" und "späten" Neo-Institutionalisten. Ebensowenig ging es mir um Differenzierung zwischen Neo-Institutionalists oder New Institutionalists oder Modern Institutionalists, oder zwischen radikalen und gemäßigten, sofern diese überhaupt brauchbar sind.

    Das kann man sicher auch anders sehen, ist aber nicht meine Blickrichtung gewesen.
     
  16. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    D'accord und ich habe selbst deutlich in Teil 3 von Beitrag 10 hingewiesen, dass das nicht mit einer vollständigen Ausblendung der Kultur gleichzusetzen ist. Dennoch wird sie den Institutionen hinten angestellt und insofern wird sie als der "maßgebliche" Faktor ganz deutlich nicht anerkannt, wie aus zahlreichen Zitaten hervorgeht.

    Im Vordergund stehen ja ganz deutlich die Institutionen im politisch-wirtschaftlichen Nexus und ihre Auswirkungen auf wirtschaftliche Entscheidungen. Das die genannte Operationalisierung aus Sicht kultur-zentrierter Ansätze als Marginalisierung wahrgenommen wird, ist wohl dennoch kaum zu bestreiten. Ein Modell impliziert nunmal immer auch eine Verengung des Gegenstandsbereichs und die Art und Weise, wie Acemoglu und Robinson ihr Modell aufbauen und die Begriffe, mit denen sie es beschreiben (Operationalisieren), würde aus einer solchen Sicht wohl kaum der Komplexität von Kultur gerecht werden. Ich persönlich sehe das nicht so extrem wie einige Vertreter kultur-zentristischer Ansätze, aber kann mich mit Acemolgus Ansichten auch nicht anfreunden. Vielleicht werden wir uns einig, dass wir unterschiedlicher Meinung sind, hinsichtlich dessen, wie der Umgang Acemoglus mit Kultur zu bewerten ist.

    Du musst schon entschuldigen, aber wenn Du einen neuen Begriff in eine Diskussion einführst, dass man nachfragt. Aus Deinem Beitrag mit der Nr. 4 wird das für mich alles anderes als klar, was Du meintest. Du selbst sprachst von den Unklarheiten der Zuschreibung bestimmter Etiketten und wirfst auf einmal North in den Raum, auf den Acemoglu zurückgreift. Mir war nun nicht klar, ob Du ihn jetzt in dieselbe Schublade wie North àla eines übergreifendes New Institutionalism steckst, oder ob Dein Neo-Institutionalism eine grundsätzliche Erweiterung darstellt, das hat erst der folgende Beitrag geklärt! Ich stimme Dir zu, dass der Begriff sich anbietet, nachdem er geklärt wurde. Zumindest in meinem Studium verwendeten Makroökonomen den Begriff nicht und auch die Literatur, die ich bisher rezepiert habe, bringt Acemoglu, wenn der Begriff Neo-Institutionalismus fiel, eher in den Kontext der soziologischen Variante des Begriffs. Wobei man sich hier natürlich auch die Frage stellen kann, ob eine solche Unterscheidung zwischen ökonomisch und soziologisch bei den Erweiterungen der Ökonomik noch sinnvoll sein kann. Wie dem auch sei, dass ist ja nun geklärt.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dann haben wir das geklärt. Eine Überschneidung mit soziologischen oder politologischen Konzepten war nicht angesprochen. Acemoglu und andere sehe ich hier zumindest im teilweisen Bezug auf North und als Mischung (wenn man überhaupt von North- und Williamson-Schulen reden möchte).

    Zur Verwendung noch ein (beliebiges) Zitat:

    "Institutions remain under-theorised objects in economics, as neoclassical economics progressively marginalised old institutionalism and the multidimensionality of its perspective (Rutherford, 2001), as well as its legacies – e.g., evolutionary economics and concepts such as path dependence, learning or cognitive routines (Nelson and Winter, 1982, 2002). When using the concept of institution, economics – including development economics – tends to follow the definitions and reflections put forward by neoinstitutional economics, which gained full recognition after the 1990s and the awarding of the Nobel Prize to Douglass North and Robert Fogel in 1993. As is wellknown, in line with Coase (1937), Alchian (1965) or Demsetz (1964, 1967), institutions have been explained through a limited number of concepts, in particular those of property rights and transaction costs. Distributive issues do not matter here and if property rights are well-defined, outcomes are Pareto efficient (Stiglitz, 2000). According to Douglass North’s oft-quoted definitions, institutions are constraints that structure political, economic, and social interactions and consist of informal - i.e., selfenforcing - constraints (sanctions, taboos, customs, traditions, codes of conduct) and formal regulations (constitutions, laws, property rights). Institutions take the form of regulations as well as ethical and behavioural norms. Functionalism is at the core of the neoinstitutionalist paradigm, and the functions of institutions constitute an intrinsic part of their definition: the major function of institutions is to reduce uncertainty by “establishing a stable (but not necessarily efficient) structure to human interaction” (North, 1990: 6). A conception of human interactions as transactions and games, and of activities as motivated by incentives is also at the core of the neoinstitutional approach: defined by North as ‘rules of the game’ shaping the incentives of the players as to how to transact, institutions have thus been widely analysed in game-theoretic perspectives, focusing on notions of enforceability in terms of Nash-equilibria, shared beliefs, and contracts (Aoki, 2001a). Interestingly, North increasingly views institutions as outcomes of mental models and learning processes (North, 2005)."

    Ebenso beispielhaft: Nee, in: The New Institutionalsm (Handbook of Economic Sociology) verwendet new instituionalists und neo-institutionalists synonym, ebenso wie Jamie Ros in: Rethinking Economic Development, Growth and Institutions. Oder Elgar Companion to social Economics, S. 349.
    Oder Perlman, History of Ideas and Economics: Tabelle 38.1 der ökonomischen Schulen, S. 652: School of Neo-Institutionalists: Richter, North, Williamson (Blackwell Companion to the History of Economic Thought)
    Daher:
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wir scheinen da tatsächlich zu anderen Wertungen zu kommen.

    Acemoglus "Two-channel-approach" für Kultur als prägenden Kontext für "institutions" hatte ich erläutert. Was daran einschränkend oder marginalisierend sein soll, habe ich unverändert in Deinen Erläuterungen nicht verstanden. Der Ansatz bedeutet vielmehr umfassende Einbeziehung.

    Dazu kommt, dass Ac. hier in direkter Übernahme von Norths Thesen zu sehen ist (wenn Du das nicht so siehst, würde ich um eine aufhellende erläuterung bitten), und der Two-Channel-Approach nur eine Präzisierung darstellt. Folglich müsste sich die Kritik auch gegen North richten.

    North führt dazu ("arteficial structures") aber fundamental aus:

    "As noted earlier, culture consists of the intergenerational transfer of norms, values, and ideas. But the role of culture we are concerned with here is described by Hutchins and Hazelhurst as “a process that permits the learning of prior generations to have more direct effect on the learning of subsequent generations” (1992, 690). Thus they speculate that a population over many generations could be capable of discovering things that no individual could learn in a lifetime (ibid., 690). That which was transmitted and put in place by past generations is described by them as the artifactual structure. This artifactual structure is the learning of past generations transmitted as culture into the belief structure of present generations. While the formal rules a society puts in place will reflect this heritage, the informal constraints embodied in norms of behavior, conventions, and self-imposed codes of conduct are the most important “carrier” of the artifactual structure. Formal rules can be changed overnight (by a revolution for example); informal constraints change much more slowly and play a critical role in the evolution of polities. “Local learning” is derived from the specific environment (both physical and intellectual) of a society. As changes occur in that environment they are gradually assimilated into the socio-cultural linguistic inheritance and embodied in the artifactual structure. Hayek maintained that culture is “the transmission in time of our accumulated stock of knowledge” (Hayek 1960, 27). He included in knowledge all the human adaptations to the environment which were derived from past experience—habits, skills, emotional attitudes, as well as institutions. Hayek’s theory of cultural evolution largely involved a spontaneous process since he believed the ability of human beings to comprehend the ever more complex structure of human interaction was limited. ...

    Any discussion of the role of beliefs and values in shaping change inevitably turns to Max Weber’s pioneering work. His Protestant Ethic and the Spirit of Capitalism emphasizes the religious origins of such values...."

    Douglass C. North: Understanding the Process of Economic Change, 2005, S. 50ff.

    Das Ganze gipfelt - zugespitzt - in der Operationalisierung des Kulturbegriffs zwecks Greifbarkeit für den Einfluss von "institutions" auf economic growth für Zwecke der empirischen, transregionalen ökonometrischen Vergleiche der Neo-Institutionalisten, in Zeitvergleichen mit Richtung auf Globalgeschichte. Hier wirkt eher Webers Protestantismus-Bezug limitierend, und ist daher auch Kritik ausgesetzt gewesen (nicht nur von lateinamerikanischen oder asiatischen Ökonomen, die damit ihre "Probleme" hatten :devil: )


    Wo nun liegt genau Dein Einwand betreffend Marginalisierung, den ich gern verstehen möchte?
     
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  19. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    Ich versuche es vielleicht einmal von meinem Standpunkt aus zu erkären. Ich studiere Geschichte und Volkswirtschaftslehre und sehe mich häufig in der sprichwörtlichen Bredouille: auf der einen Seite Historiker, die formale Modelle scheuen und versuchen, sich ihrem Untersuchungsgegenstand in seiner Komplexität zu nähern, auf der anderen Seite Ökonomen, die sich elaborierter Theorien, stringenter Modelle und vor allem quantitativer Methoden bedienen, die historische Realität aber stark reduzieren.

    Vorneweg: ja, für North gilt die gleiche Kritik, nicht umsonst gibt es zahlreiche Versuche der kulturalistischen Erweiterung der Neuen Institutionenökonomik. Dennoch gebührt ihm und auch Williamson, Coase und anderen, das Verdienst, Begriffe entwickelt zu haben, die eine Anschlussfähigkeit der Ökonomik an die Geschichte erlauben, jedenfalls eine eingeschränkte.

    Nichtsdestotrotz entfernt sich North nicht wesentlich von der Neoklassik und ihrem methodischen und begrifflichen Instrumentarium (North selbst sah in seiner Institutionentheorie ja eine Erweiterung der Neoklassik. Man spekuliert, dass dies der Grund sei, aus dem er und Robert E. Vogel den Nobelpreis erringen konnten), dem folgendes, genauso wie Acemoglu, vorgeworfen werden kann:

    Im Prinzip handelt es sich bei ihren Modellen um einen großen Trichter, in dem oben viele Faktoren reinkommen, das sind die Kultur und die Geographie, aber auch die Ideologie und weitere. Alle diese werden in wenigen Begriffen und Schlüsselmechanismen operationalisiert, wie Du ja schön dargelegt hast. Dadurch wird der Kultur-Begriff seiner Komplexität beraubt. Es wird zwar beteuert, welche Rolle Kultur spielen kann, aber unten kommt wenig Kultur raus. Acemoglu spricht ihr den zentralen Einfluss deutlich ab; Institutionen sind es, die entscheidend sind. Er tut das, um die von ihm favorisierte Methodik anwenden zu können. Mit komplexen Begriffen lassen sich keine ökonometrischen Tests durchführen, sie lassen sich nicht für spieltheoretische Analysen fruchtbar machen und interkulturelle Vergleiche mit großen Samples funktionieren so auch nicht. Ich und auch die kulturalistische Kritik behaupten ja nicht, er beschäftige sich nicht mit Kultur, dass ist offensichtlich falsch, aber er ordnet sie eben aus kulturalistischer Sich auf fragwürdige Art und Weise seinem Modell unter. Darin besteht die Marginalisierung und darin sehe ich kein Missverständnis, sondern unterschiedliche methodologische Positionen. Falls Dir der reine Begriff 'Marginalisierung' nicht behagt, können wir uns aber auch gerne auf einen anderen einigen. Ich verwendete ihn aus kulturalistischer Sicht; aus neoklassischer Sicht dagegen gewinnt die Kultur bei Acemolgu und North an Bedeutung, das steht außer Frage.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. April 2015

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