Grabbeigaben

Dieses Thema im Forum "Archäologie" wurde erstellt von Sascha66, 26. Februar 2009.

  1. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    Heute wurde im MDR mal wieder eine archäologische Entdeckung als Sensation gefeiert.

    Kurfürstengrab aus 14. Jh. in Wittenberg entdeckt | MDR.DE

    Das Grab von Kurfürst Rudolf II nebst Ehefrau und Tochter wurde in Wittenberg gefunden. Was in dem Artikel nicht steht aber in der Sendung von einem Archäologen als eigentliche Sensation dargestellt wurde, sind die Grabbeigaben - sein Schwert und sein Siegel. Das "Sensationelle" daran ist, das es nicht üblich gewesen sein soll jemandem so etwas beizulegen.

    Warum war das denn unüblich? Was ist schon dabei jemandem sein Siegel und sein Schwert mitzugeben?
     
  2. Thomas Trauner

    Thomas Trauner Neues Mitglied

    Ich denke, das Ungwöhnliche liegt eben darin, dass in einer christlichen Bestattung tatsächlich Grabbeigaben liegen. Das ist im christlichen Bereich nicht üblich, wenn man von der Kleidung und wenigen persönlichen Schmuckstücken (Ehering..) mal absieht....

    Thomas
     
  3. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    Also nach dem Motto: Jeder tritt gleichermaßen nackt vor Gott, ohne Zeichen irdischer Macht.

    Dann wäre jetzt wohl die Frage ob er sich selbst oder jemand anderes ihn "erhöhen" wollte.
     
  4. Sascha

    Sascha Neues Mitglied

    Ganz so einfach ist dies nicht.
    Die Sichtweise ändert sich, man bekommt die Sachen nicht mehr für ein Leben nach dem Tot.
    Aber Zeichen des Standes werden ab und an mal mitgegeben.
    Oder Seine Lieblingssachen, heute oft mal das Kuscheltier oder die Taschenuhr oder ähnliches, wenn es die Friedhofsordnung erlaubt.
    Historisch wird oft auch ausgebuddelt und neu eingekleidet, gerade bei berühmten Persönlichkeiten. So wurde die Gruft Karls des Großen mehrfach geöffnet und auch bei Heiligen etc wird gerne mal verziert.
    Im der Schatzkammer des Kölner Domes, gibt es eine Galerie, welche Schädelreliquiare enthält, die immer wieder ausgebessert wurden. Meistens wird das Gefäß einfach mit neuen Textilien umgeben.
     
  5. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    Naja, das Schwert oder zumindest das Siegel sind ja wohl auch Zeichen seines Standes gewesen.

    Kann es auch sein, das man das Siegel (in der Sendung war es zerbrochen) mitgab um einen nachträglichen Mißbrauch zu verhindern?
     
  6. Sascha

    Sascha Neues Mitglied

    Sicher, wenn es ein persönliches Siegel war...
     
  7. Das ist doch spatmittelalterlich.Das sind doch vom Fundaufkommen echte Nudistengräber.Hab ihr nicht was merowingerzeitliches.Zonenrandfibeln,Silber,feuervergoldet mit Almadinen,lechs....z.B Erstein im Elsaß oder die Gräberfelder der Picardie...
     
  8. Krtek

    Krtek Neues Mitglied

    Eliten im Mittelalter und volle Gräber in der Neuzeit

    > Warum war das denn unüblich? Was ist schon dabei jemandem sein Siegel und sein Schwert mitzugeben?

    Das (mehr oder wenige) ungewöhnliche dabei ist, dass die Bestattung eindeutig einer historischen bekannten Person zugewiesen werden kann. Das kommt nur sehr selten vor und erleichtert natürlich die Datierung, die nun sogar auf das Jahr und manchmal auf den Tag genau vorgenommen werden kann.

    Bei mittelalterlichen Eliten, vor allem Königen und (Kur-)Fürsten, aber auch geistlichen Eliten wie Bischöfen und Äbten, ist es völlig üblich, in der Kleidung und mit den entsprechenden Insignien wie Schwert, Krone, Szepter, Ring, Bischofs- oder Abtsstab etc. bestattet zu werden.

    Keine ganz leichte Kost, aber meines Erachtens sehr lesenswert ist die Dissertation von

    Thomas Meier, Die Archäologie des mittelalterlichen Königsgrabes im christlichen Europa. Mittelalter-Forschungen 8 (Stuttgart 2002). ISBN 3-7995-4259-0 .

    Er ist mittlerweile Professor für Ur- und Frühgeschichte in Heidelberg, auf der Website sind weitere Artikel von ihm zu dem Thema genannt:
    Prof. Dr. Thomas Meier

    In einer Rezension von Bernd Thier in: H-Soz-u-Kult, 15.10.2002 Rez. MA: T. Meier: Archäologie des mittelalterlichen Königsgrabes - H-Soz-u-Kult / Rezensionen / Bücher findet sich ein kurzer Abriss des Buchinhaltes.

    In der nächsten Zeit werden zwei Habilitationen im Druck erscheinen, zum einen die von Bernd Päffgen, nun Prof. für Vor- und Frühgeschichte in München, über die Bestattungen von Erzbischöfen und Bischöfen in Spätantike, Mittelalter und Neuzeit. Unter seinen Publikationen sind bereits einige Arbeiten dazu, aber auch zu Klerikergräbern:
    Prof. Dr. Bernd Päffgen - Ludwig-Maximilians-Universitt Mnchen

    Zum anderen die Habil. von Markus Sanke, Privatdozent in Bamberg, zum Thema "Die Gräber geistlicher Eliten Europas in Mittelalter und Neuzeit. Archäologische Studien zur materiellen Reflexion von Jenseitsvorstellungen und ihrem Wandel."

    Ab der Renaissance fängt es langsam an, dass auch die Gräber "normaler" Menschen, also von Stadtbürgern, wichtigeren Personen dörflicher Gemeinschaften wie Amtmännern, Pfarrern und anderen mehr, wieder "voller" werden, d.h. Kleidung und persönlichen Besitz enthalten. Im Barock sind zumindest die Gräber relativ wichtiger und damit natürlich reicherer Leute dann meist richtig gut bestückt. Grabbeigaben finden sich dann aber auch bei ganz normalen Leuten Leuten bisweilen noch bis ins beginnende 20. Jahrhundert. Bisweilen handelt es sich dabei nicht um Beigaben im eigentlichen Sinne, sondern um Belassungen, z.B. Gefäße und Kämme, die bei der Totenwaschung verwendet und danach tabu waren oder Medizinflaschen mit Mitteln, die ganz offensichtlich nicht geholfen haben.
    Dazu gibt es gerade aus den letzten Jahren ziemlich viel Literatur, meist Grabungsberichte, leider noch relativ wenig übergreifendes und zusammenfassendes. Hier nur ein paar Berichte, die mir gerade online unter die Augen gekommen sind:

    Jörg Ansorge, Bestattungen mit Tabakspfeifen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Vorpommern
    Hauke Kenzler, Tabakspfeifen als Grabbeigaben. Neuzeitliche Bestattungsbräuche auf dem Friedhof von Breunsdorf, Lkr. Leipziger Land
    Heinz Gruber, Zwei Tonpfeifen aus dem barocken Friedhof von Gallspach in Oberösterreich
    Simon Kramis, Tonpfeifenraucher aus Basler Friedhöfen - anthropologische und historische Aspekte des "Tabaktrinckens"
    Arne Åkerhagen, Pfeifen aus Gräbern des Domfriedhofs von Linköping
    Natascha Mehler/Ralf Kluttig-Altmann, Tonpfeifen als neuzeitliche Grabbeigaben. Überlegungen zu den Ursachen dieser Beigabensitte

    alle Beiträge im KnasterKOPF 19, 2007: KnasterKOPF - Fachzeitschrift für Tonpfeifen und historischen Tabakgenuss

    Eine Bamberger Proseminar(!)-Hausarbeit von
    Svenja Muche, Protestantische Friedhöfe. Protestantische Bestattungs- und Beigabensitte im gräberarchäologischen Befund (2008). ISBN 3638912124, 9783638912129
    die anscheinend als Buch vertrieben wird, zumindest eine eigene ISBN hat, mit folgender "Buchübersicht":
    Der archäologische Wert neuzeitlicher Gräberfelder wurde lange Zeit unterschätzt, da man bei christlichen Gräbern von einer beigabenlosen Gleichförmigkeit mit geringem Informationswert ausging. Wie falsch diese Einschätzung war hat nicht zuletzt die Fülle an Beigaben, die sich spätestens seit dem 17. Jh. in vielen Gräbern findet, bewiesen. Die in den letzten Jahren vermehrt durchgeführten Ausgrabungen neuzeitlicher Bestattungen haben darüber hinaus das Wissen um den Wandel im Totenritus vergangener Jahrhunderte in nicht unerheblichem Maße ergänzt. Inwieweit auch die Religiösen Konflikte und Umwälzungen des 16. Jh. gräberarchäologisch nachweisbar sind, soll im Folgenden näher beleuchtet werden.
    Protestantische Friedhfe ... - Google Bcher

    Hier gegen Geld als e-book oder gedrucktes Buch zu bestellten:
    GRIN - Protestantische Friedhöfe - Hausarbeit*

    Zu dem hier behandelten Friedhof von Breunsdorf siehe die Arbeiten von Hauke Kenzler (Bamberg):
    Otto-Friedrich-Universität Bamberg: Vita Dr. Hauke Kenzler und die Monographie

    Judith Oexle (Hrsg.), Kirche und Friedhof von Breunsdorf. Beiträge zu Sakralarchitektur und Totenbrauchtum in einer ländlichen Siedlung südlich von Leipzig. Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte 35 (Dresden 2002). Oexle, Judith (hrsg.): Kirche und Friedhof von Breunsdorf. Beiträge zu Sakralarchitektur und Totenbrauchtum in einer ländlichen Siedlung südlich von Leipzig

    Für Berlin und Brandenburg z.B. eine Reihe von Aufsätzen und Webartikeln von Blandine Wittkopp, für Böhmen von Milena Bravermannová (meist in tschechisch mit englischer Zusammenfassung), für (Alt)-Bayern von Florian Eibl, und so weiter und so fort. Eins nenne ich noch, weil es es ein schönes Buch ist:

    Georges Descoudres / Andreas Cueni / Christian Hesse / Gabriele Keck, Sterben in Schwyz. Beharrung und Wandlung im Totenbrauchtum einer ländlichen Siedlung vom Spätmittelalter bis in die Neuzeit. Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 20/21 (Basel 1995).

    Ich denke, dass reicht fürs erste, Nachschlag ist aber immer möglich ;-).

    Roman
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. August 2009
  9. Krtek

    Krtek Neues Mitglied

    Die Schüssel im Grab

    Bei der Neuzeit will ich wenigstens noch den wichtigen Aufsatz zu Schüsseln und Tellern im Grab nennen:

    Bernd Thier, Die Schüssel im Grab. Eine archäologisch-volkskundliche Betrachtung zu keramischen Grabbeigaben im christianisierten Mitteleuropa. In: Sebastian Brather u.a. (Hrsg.), Archäologie als Sozialgeschichte. Festschrift für H. Steuer (Rahden 1999) 139-149.
    Inhaltsverzeichnis: [IA-Sh 9] Archäologie als Sozialgeschichte | VML Verlag Marie Leidorf

    Mit den Funden von Keramikgefäßen in Gräbern aus Böhmen, Mähren und Österreich beschäftigt sich mein Freund und Kollege Jan Kypta aus Prag intensiver, z.B. zusammen mit

    Ondřej Chvojka, Novověký hrob s nádobou v interiéru kostela v Trhových Svinech (Neuzeitliches Grab mit einem Gefäß in der Kirche von Trhové Sviny). Archeologické výzkumy v jižních Čechách 19, 2006, 325-338.

    Und bei der Gelegenheit fand ich doch noch eine Literaturliste, von der ein paar Arbeiten bereits genannt wurden:
    http://www.uni-bamberg.de/fileadmin...raturlisten/Literaturliste_Sachkultur_doc.pdf
     
  10. Krtek

    Krtek Neues Mitglied

    "... und ward begraben in großer Wirdigkait..."

    Eins doch noch :autsch::

    Am 17. und 18. Juli 2003 fand in Bamberg ein von Markus Sanke organisiertes wissenschaftliches Kolloquium zu dem Thema statt:

    "... und ward begraben in großer Wirdigkait..." Archäologische Forschungen zum "christlichen Grab" in Mittelalter und Neuzeit.

    Clevererweise :red: habe ich die Kurzbeschreibung und das Programm der Tagung vor einiger Zeit noch in einem ähnlichen Thread bei Tempus-Vivit!-gepostet, denn sonst wäre es völlig aus dem Netz verschwunden. Das wäre schade gewesen, denn die Tagung gab einen sehr guten Überblick über den Forschungstand, der aber nun bereits wieder sechs Jahre alt ist.

    Gottesacker und das Ende
    Tempus vivit! Gottesacker und das Ende
     

Diese Seite empfehlen