Griechische Expansion und Kolonisation

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von Poxxxx, 13. August 2012.

  1. Poxxxx

    Poxxxx Neues Mitglied

    Hi Gentleman,

    ich habe vor einigen Tagen in einem Radiobeitrag in einem Nebensatz einige kurze Wortfetzen aufgefangen, die mich sehr interessierten. Es ging um die Griechische Expansion im Mittelmeer Raum. Da diese in dem Beitrag nur sehr beiläufig erwähnt wurde machte ich mich selber im Internet auf die Suche nach Infos zu dem Thema.

    Inzwischen bin ich so schlau:
    - Die Griechen kolonialisierten neues Land wenn in ihren Heimatstädten Überbevölkerung herrschte
    - Über Ziel und Art der Reise, wurde das Orakel von Delphi befragt
    - Die etwa 200 Männer die für die Kolonie Gründung notwendig waren wurden ausgelost.
    - Baumaterial und Waffen wurden mit auf den Weg gegeben

    Allerdings sind das ziemlich dünne Infos, mich interessieren einige Dinge mehr... wie wurde sichergestellt dass das nötige KnowHow in Sachen Architektur, Wirtschaft und Politik mitgenommen wurde? Wie sah denn der Gründungsprozess an neuen Ufern aus? Wie wurden die Leute ausgelost die eine neue Kolonie gründen mussten, wie war das Kulturelle Miteinander der ansässigen Bevölkerung und den neu angekommenen Griechen... usw, je mehr Infos es zu diesem speziellen Thema gibt, desto besser :)

    hoffe ihr könnt mir helfen :)
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. August 2012
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Einleitend möchte ich festhalten, dass unser Wissen über die griechische Kolonisation begrenzt und unsicher ist. Das liegt daran, dass die meisten Kolonien (wenn man die vorangegangene Kolonisation im Ägäisraum beiseite lässt) in der Zeit vom 8. bis zum 6. Jhdt. gegründet wurden, wir aber kaum zeitnahe Quellen über Koloniegründungen haben. Die meisten schriftlichen Quellen, die auch über die Kolonisation berichteten, entstanden erst ab dem 5. Jhdt. v. Chr. Gerade die Gründung vieler Kolonien war zu dieser Zeit bereits mythisch umwölkt.

    Das war oft, aber nicht immer der Hauptgrund. Manchmal ging es auch eher um die Anlage von Handelsstützpunkten in einer bestimmten Region oder um das Loswerden einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.

    Meist, aber nicht immer. Die Überlieferung berichtete zwar meist von einem entsprechenden Orakelspruch, aber dabei könnte es sich auch um spätere Erfindungen zur Legitimierung des Landerwerbs ("Apollon hat uns dieses Land gegeben") oder zur Erklärung, warum man sich gerade dort niederließ, handeln.

    Manchmal wurden unerwünschte Elemente zwangseingeteilt, manchmal setzte man vor allem auf Freiwillige, manchmal loste man z. B. einen Sohn aus jeder Familie mit mehreren Söhnen. Mit der Leitung der Koloniegründung wurde ein "Oikistes" beauftragt.

    Die Kolonisten kamen unter der Leitung des "Oikistes" an, opferten, steckten den Plan für die neue Stadt ab, legten die einzelnen Grundstücke fest und verlosten sie (meistens). Eine Verfassung musste natürlich auch festgelegt werden. Da die meisten Kolonien in einer Zeit entstanden, in der die meisten Mutterstädte aristokratisch regiert wurden, waren anscheinend auch die meisten Kolonien nach ihrer Gründung Aristokratien. Eine bekannte Ausnahme ist Kyrene, das lange Zeit eine Monarchie war.

    Höchst unterschiedlich: mal friedlich, mal feindlich, mal so, mal so.
    Die Errichtung einer griechischen Kolonie war für die Einheimischen des betroffenen Landes nicht nur von Nachteil. Z. B. konnten sie mit der Kolonie Handel treiben. Manchmal gaben die Griechen ihnen wohl auch etwas fürs Land. Soferne das Land dünn besiedelt war und die Einheimischen an der Küste ohnehin nicht interessiert waren, weil sie z. B. keine Seefahrt betrieben, mussten sie die Errichtung der Kolonie nicht zwangsläufig als Störung empfinden. Aber freilich, wenn es sehr wohl zu einer Konkurrenzsituation ums Land kam, die Kolonie ins Landesinnere expandierte oder sich die Kolonisten gar an den Einheimischen vergriffen (Unterwerfung, Versklavung, Frauenraub ...), dann gab es Ärger.
    Kulturell konnten die Einheimischen aber auch profitieren. Z. B. profitierte nach und nach ganz Gallien von Massalia, z. B. indem es die Münzprägung und die griechische Schrift übernahm. Die unmittelbaren Anrainer Massalias waren allerdings weniger begeistert, da die Stadt zeitweise eine sehr expansive Politik ins Landesinnere betrieb. Verschiedene einheimische Völkerschaften Italiens übernahmen von den süditalienischen griechischen Kolonien das griechische Alphabet und entwickelten es zum lateinischen weiter. Auch die Römer übernahmen, obwohl sie nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer griechischen Kolonie lebten, von den Griechen Süditaliens so manches, z. B. vermutlich die Münzprägung oder die Sitte, sich zu rasieren und die Haare eher kurz zu tragen.
     
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