Hauptstädte der fränkischen Reiche?

Dieses Thema im Forum "Die Franken" wurde erstellt von Gast, 17. August 2005.

  1. Gast

    Gast Gast

    Welche Städte hatten die Frankenreiche, also

    das fränkische Reich, vor der Zerteilung
    das westfränkische Reich
    das ostfränkische Reich
    und das mittelfränkische Reich

    ?
     
  2. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Hallo Gast,

    ich nehme einmal an, die folgende Frage

    bezieht sich auf die Residenzen des Gesamtreiches und der fränkischen Teilreiche :fs:

    Grob gesagt lassen sich die folgenden Plätze als Residenzen ausmachen (vereinfachte Abhandlung!!!):
    zunächst die Residenz des Frankenreiches an sich - diese ist zuerst Reims, danach Metz und schließlich (etwa ab 800(?)) unter Karl dem Großen Aachen.
    Dann gibt es um 511 vier Residenzen gleichnamiger Teilreiche: Reims, Paris, Orleans und Soissons; um 561 wird dem fränkischen Gebiet außerdem das Burgunderreich "einverleibt".
    Um 567 bildet sich eine sogenannte Ländertrias heraus:
    Austrien/Austrasien (Ostteil) - Reims, dann Metz
    Neustrien (Westteil) - Soissons, dann Paris
    Burgund (mittlerer Teil) - Orleans, dann Chalon-sur-Saone
    Diese Residenzen gelten ab der karolingischen Reichseinheit (um 751) dann jedoch nicht mehr...

    Nachzulesen u.a. bei Mittelalter Genealogie Frankenreich

    Danach wird es schwierig, da der Vertrag von Verdun 843 die Dreiteilung neu festlegt (abweichende Grenzen) und bspw. das Gebiet an Rhein und Maas erst nach dem Vertrag von Mersen (870) zum Ostfränkischen Reich "zurück" kam.
    Grundsätzlich ist aber ab 843 für das Ostfrankenreich keine feste Residenz mehr nachweisbar (und wohl im Hinblick auf eine fehlende feste Residenz im späteren HRR auch unwahrscheinlich), für das Regnum Lotharingii (Mittelreich) bis 870 Aachen, danach zerfällt dieser Reichsteil mehr oder weniger, einzig für das Westfrankenreich bleibt es bei der neustrischen "Tradition" (Paris).

    Das alles ist an der Stelle jedoch stark vereinfacht dargelegt und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit; außerdem bitte ich um Korrekturen, falls ich etwas übersehen habe...

    In diesem Sinne

    Timo
     
  3. Sheik

    Sheik Neues Mitglied

    #Wenn ich mich recht entsinne war Paris nach 500 Herrschersitz Chlodwigs davor, zumindest in der Anfangszeit, dürfte es Tournai gewesen sein, was zwischen Chlodwigs Machtantritt als Teilkönig in Tournai und der Herrschaft über Gallien (Paris) lag vermag ich nicht zu sagen.
    Nach Chlodwigs Tod gabs die von Timotheus genannte Vierteilung unter dessen Söhnen, wobei die Burgunder glaub ich schon 534 den Franken unterlagen, und diese dann 536 auch noch die Provence von den Ostgoten eroberten. Nach Chlothar entstanden dann langsam die von Thimotheus genannten drei Teilreichen, mit Reims Paris und Orleans als Hauptresidenzen.
    Für die Karolinger lass ich mal andere ran, da bin ich mir nimmer so sicher ;)
     
  4. Brecht

    Brecht Neues Mitglied

    Für die Liudolfinger würde ich zu mindest in deren Frühzeit noch Quedlinburg und Magdeburg ergänzen, obwohl ich sowieso riesige Probleme beim Begriff der "Hauptstadt" im Früh und Hochmittelalter habe...
     
  5. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Für das ostfränkische Reich wäre in jedem Fall noch Regensburg zu nennen, das in der Spätzeit (Ludwig der Deutsche, Arnulf, Ludwig das Kind) die bevorzugte Residenz der Herrscher war ; etliche von ihnen sind ja auch in St. Emmeram begraben.
     
  6. Strupanice

    Strupanice Neues Mitglied

    Wenn man sich die Itinerare der Könige ansieht, waren es reine Wanderkönige, die zwar sicher ihre "Lieblingspfalzen" hatten, die sie auch schon mal öfters besuchten, aber generell ihre ganzes Herrscherleben immer auf Achse waren.
     
  7. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Ludwig der Deutsche wurde zwar in Lorsch begraben, aber seine Frau Hemma liegt in St. Emmeram. Was Ludwig das Kind betrifft, ist man sich nicht sicher, wo er begraben liegt. Im Internet kursiert zwar die Meinung, dass er in St. Emmeram liegt, das ist jedoch nicht zu beweisen. Bleibt also von den etlichen nur Arnulf von Kärnten. :)
     
  8. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Zu der Zeit herrschte man noch aus dem Sattel - Reisekönigtum. Da hat es wenig Sinn, von Residenzen zu sprechen, es sei denn, man zählt z.B. alle Pfalzen auf.
     
  9. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Ja, da hast du recht. Einziger Maßstab könnte sein, dass besonders viele Urkunden an einem Ort ausgestellt wurden, was darauf schließen lässt, dass sich der König an bestimmten Pfalzen besonders häufig aufgehalten hat. Die Funktion einer Hauptstadt im heutigen Sinne versteht sich darunter aber auch nicht.

    Trotzdem hatten die meisten Könige eine Lieblingspfalz und für einen Landeshistoriker gibt es doch nichts schöneres als Orte in seinem Zuständigkeitsbereich als ehemalige Hauptstädte zu verkaufen. ;) Von der Hand zu weisen ist es aber nicht, dass manchen Städten eine herausragende Stellung zukam.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. September 2006
  10. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Liegt da nicht im Chor der Emmeramskirche eine entsprechende Gedenktafel für Ludwig das Kind? War schon geraume Zeit nicht mehr da...
     
  11. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Puh, bin ich jetzt überfragt, kann ich aber mal nachschauen gehen, wenn ich drüben bin. Jedenfalls ist es historisch nicht gesichert, dass er dort auch liegt.
     
  12. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Wikipedia behauptet es jedenfalls auch (was nicht unbedingt was heißen will) ; meinen Baedeker, in dem die Tafeln erwähnt sind, habe ich erst amWochenende wieder verfügbar. Aber seis drum...
     
  13. reisensburg955

    reisensburg955 Neues Mitglied

    Ich zitiere mal aus "St. Emmeram" Schnell&Steiner Verlag:
    "Die Gräber des Kaisers Arnulf, +899, (rechts beim Hochaltar) und König Ludwig des Kindes, +911, (in der Mitte des Hauptchores) sind seit 1786 nur durch barocke Inschriften gekennzeichnet."

    In "Baedekers Regensburg" heißt es es zu den Grabdenkmälern:
    "Einfache Inschriftenplatten im Fußboden des Hochchors erinnern an die 1642 zugrunde gegangenen Grabmale der letzten Karolinger, des Kaisers Arnulf von Kärnten und seines Sohnes Ludwig d. Kind."
     
  14. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Genealogie Mittelalter sieht das etwas anders:

    http://www.mittelalter-genealogie.d...ig_4_das_kind_ostfraenkischer_koenig_911.html
     
  15. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Da sind die beiden Autoren wohl beide dem gleichem Mythos aufgesessen. Ausgeschlossen ist es nicht, dass Ludwig in Emmeram liegt, zu beweisen ist es aber auch nicht. Ich persönlich halte es für unwahrscheinlich, da ich Wilfried Hartmann, der die von mir zitierte Stelle auf genealogie-mittelalter verfasst hat, mehr vertraue:

    http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-4-174
     
  16. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Ob Wikipedia recht hat oder Genalogie, kann ich als Nichtexperte nicht entscheiden ; hinweisen wollte ich nur darauf, daß die Grabstätte Ludwigs des Kindes laut einer Gedenktafel im Chor von St. Emmeram genannt wird ; die entsprechenden Hinweise darauf wurden ja soeben genannt. Nebenbei, wo wir gerade bei Regensburg sind: die Staaatsbibliothek München zeigt gerade eine Ausstellung über Bucheinbände, bei der auch Regensburger Stücke zu sehen sind, vor allem der Uta-Codex
     
  17. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Das ist so m.E. nicht ganz richtig. Es wird davon ausgegangen, dass sich das Reisekönigtum erst zurzeit der Karolinger entwickelt wurde. Während der Merowingerzeit hielten sich die Könige meist an den Residenzen auf, dies wurde dann nur für Kriegszüge unterbrochen. Das Pfalzensystem entwickelte sich wohl erst unter Karl dem Großen; verschiedentlich haben Historiker, vor allem Willi Görich, vermutet, dass es schon zuvor Etappenstationen im Reich für die Könige gegeben hat, was die weitere Forschung m.E. nicht bestätigt hat.
     
  18. fingalo

    fingalo Aktives Mitglied

    Merowinger?
    Es war nach dem fränkischen Reich vor der Aufteilung (also Karolinger), und dann nach der Aufteilung gefragt. An Merowinger dachte ich in diesem Zusammenhang nicht. Die waren zwar auch "vor der Aufteilung", aber doch viel weiter davor.
     
  19. CrisP

    CrisP Neues Mitglied

    Hallo Ashigaru,
    gab's da nicht einen (einige) Artikel im Ausstellungskatalog "Die Franken" von 1994, in dem über Grabungsergebnisse zu den "curtis regia" berichtet wurde? Komme so schnell nicht dran, vielleicht hat aber jemand Zugriff drauf...
    LG, Chris
     
  20. Horst

    Horst Neues Mitglied

    Soissons war seit dem Jahr 511 vorübergehend Hauptstadt eines merowingischen Teilreiches. Einhard berichtet im Leben Karls des Großen über den letzten merowingischen König: er durfte die Gesandten anhören, die von überall her kamen. Der König besaß fast nichts, das er sein eigen hätte nennen können, außer dem wertlosen Königstitel und einem unsicheren Lebensunterhalt, den ihm der Hausmaier gewährte. Auch gehörte ihm ein Landgut, das aber nur ein geringes Einkommen brachte. Auf diesem Landgut hatte er sein Wohnhaus mit einer kleinen Anzahl von Dienern, die ihm die nötigsten Dienste leisteten. Wenn er eine weitere Reise machen mußte, wurde er von einem Knecht nach Bauernart in einem Wagen gefahren, den ein Ochsengespann zog. So fuhr er zum Königshof, so auch zu den öffentlichen Volksversammlungen, die zweimal im Jahre zum Wohle des Reiches abgehalten wurden, und so pflegte er wieder nach Hause zurückzukehren.
     

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