Herrschaftsformen außerhalb Athens

Dieses Thema im Forum "Antikes Griechenland" wurde erstellt von Maxima, 12. Mai 2013.

  1. Maxima

    Maxima Neues Mitglied

    Hallo,

    Über die athenische Demokratie wurde bereits ausgiebig diskutiert. Laut M. Stahl gibt es zwei Möglichkeiten den Charakter der athenischen Demokratie zu bestimmen:
    a) die athenische Demokratie als singuläres Ereignis im Kontext seiner Zeit betrachten> Frage nach den spezifischen Eigenarten

    b) die athenische Demokratie als erste derartige Staatsform, die die Zukunft Europas bedeutet > Frage nach Merkmalen staatlicher Ordnung, die auf dem Willen des Volkes gründen


    Mich würde daher interessieren, wie es im restlichen Griechenland im 5. Jahrhundert aussah! Wie wurde die athenische Demokratie von den Nachbarstaaten wahrgenommen? Wie sah das "typische" Herrschaftsmodell im restlichen Griechenland aus? Die Athener empfanden ihre Demokratie um die Mitte d. 5. Jh. als Erfolgsmodell, wie haben sie dies nach außen transportiert?


    Ich mache die athenische Demokratie im Examen (in 3 Tagen!) und wäre euch sehr denkbar für qualifizierte Beiträge ;-)
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das "typische" Herrschaftsmodell im restlichen Griechenland gab es im 5. Jhdt. v. Chr. nicht, sondern eine Vielzahl von Herrschaftsformen und Mischvarianten. Außerdem kann man das 5. Jhdt. v. Chr. nicht über einen Kamm scheren, da gab es in vielen Staaten auch Veränderungen. Das Problem ist aber, dass wir über die Verfassung der meisten Staaten nur lückenhaft informiert sind. Ich will aber einmal versuchen, zumindest einen Überblick über einige wichtige Städte im 5. Jhdt. zu geben:

    Recht gut Bescheid wissen wir über Sparta: Sparta ? Wikipedia
    Eine Aristokratie/Oligarchie gab es in Argos und Herakleia Pontike.
    In Korinth gab es meist eine Oligarchie, zeitweise eine Tyrannis.
    In Sikyon scheint es immer oder zumindest meist eine Tyrannis gegeben zu haben.
    Theben war eine Oligarchie.
    Syrakus war zuerst eine Tyrannis, dann eine Demokratie und dann wieder eine Tyrannis.
    Auf Samos gab es zuerst eine Tyrannis, dann wechselten sich Oligarchie und Demokratie mehrmals ab.
    In Elis gab es zuerst eine Aristokratie, dann eine Demokratie.
    In Pherai gab es meist eine Aristokratie, ab Jahrhundertende dann eine Tyrannis.
    In Akragas gab es zu Jahrhundertbeginn eine Tyrannis, dann eine Demokratie. Ebenso in Gela.
    In Salamis (nicht die Insel, sondern die bedeutendste griechische Stadt auf Zypern) gab es eine Monarchie.

    Man darf auch die Athener nicht über einen Kamm scheren. Als Erfolgsmodell wurde die Demokratie von ihren Profiteuren empfunden, also den breiten Massen und den Politikern, die mithilfe der breiten Massen Erfolg hatten. Andere, z. B. viele Wohlhabende, hätten eine Oligarchie, in der nur sie die Macht haben, bevorzugt. Auch viele Intellektuelle standen der Demokratie als "Pöbelherrschaft" eher kritisch gegenüber und hätten lieber eine Oligarchie der Gebildeten (also faktisch der Angehörigen der Oberschicht, die sich eine gute Bildung leisten konnten) gesehen. Es gab natürlich auch Nostalgiker, die der "guten alten Zeit" nachtrauerten, als es noch eine Aristokratie aus edlen Familien, die von Göttern oder Heroen abstammten, gab.

    Nach außen transportiert wurde die Demokratie, indem sie z. B. manchen Mitgliedern des Attischen Seebundes (z. B. Samos) aufgezwungen wurde.

    Man sollte übrigens nicht den weitverbreiteten Fehler machen, Athen quasi als Mutter der Demokratie zu sehen, von der aus sie sich in andere Städte ausgebreitet hätte. Viele Städte entwickelten eigenständig eigene Formen der Demokratie. Singulär war die athenische Demokratie jedenfalls nicht.

    Ohnehin lassen sich Demokratie und Oligarchie nicht immer scharf voneinander abgrenzen. Der wesentliche Unterschied zwischen Oligarchie und Demokratie ist nach modernem Verständnis, dass in einer Demokratie alle die gleichen politischen Rechte und die gleichen Mitwirkungsmöglichkeiten haben, z. B. ein allgemeines und gleiches Wahlrecht, während in der Oligarchie der Zugang zur Macht rechtlich oder faktisch auf eine kleinere Gruppe beschränkt ist. Es kam aber immer wieder vor, dass die politischen Rechte auf eine kleinere Personengruppe eingeschränkt oder auf eine größere ausgeweitet wurden, z. B. dass alle (aber eben nur) Grundbesitzer politische Rechte hatten. War das dann eine Demokratie oder eine Oligarchie? Viele Personen (Zuwanderer, Frauen, Sklaven) waren ohnehin auch in Athen von den politischen Rechten ausgeschlossen. Auch historisch gesehen entstand auch in Athen die Demokratie nicht schlagartig, sondern indem zunehmend immer mehr Bürger immer mehr Rechte erhielten und Standesschranken allmählich abgebaut wurden. Auch da kann man die Frage stellen, ab wann man eigentlich von einer Demokratie sprechen kann.

    Das Problem ist, dass wir hauptsächlich athenische Quellen haben, wir also kaum Zeugnisse darüber, wie die athenische Demokratie von den Nachbarstaaten wahrgenommen wurde.
    In den oligarchisch regierten Staaten war die Führungsschicht natürlich nicht von der Strahlkraft der athenischen Demokratie angetan. Daher lehnten sich viele Oligarchien an Sparta an, das umgekehrt bei seinen Verbündeten eine oligarchische Herrschaftsform förderte, weil eine kleine Gruppe mächtiger Männer berechenbarer und leichter kontrollierbar war als eine Volksmasse. Athen andererseits förderte bei seinen Verbündeten die Demokratie, nicht nur, weil man davon überzeugt war, dass sie besser sei, sondern auch weil man hoffte, dass die in einer Demokratie regierenden Politiker und Volksmassen sich an Athen anlehnen würden, um ihre oligarchisch (und oft prospartanisch) gesinnten Mitbürger besser in Schach halten zu können.
    Es gab auch traditionell gesinnte Kreise, die eine Aristokratie altadliger Familien bevorzugten und angewidert waren von der Vorstellung, dass wie in Athen der "Pöbel" regiert.
     
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  3. Maxima

    Maxima Neues Mitglied

    Vielen Dank für die ausführlichen Infos!!!!

    Natürlich kann man nicht alle Athener über einen Kamm scheren, sicherlich muss das Verhältnis der Athener zur Demokratie auch in den jeweiligen Phasen differenziert betrachtet werden. Dennoch wurden die außenpolitischen Erfolge seit der Entwicklung zur Demokratie (etwa seit Kleisthenes) als Referenzrahmen bezüglich der inneren Verhältnis wahrgenommen und daher zum großen Teil positiv aufgefasst.
    Würdest du dem zustimmen?
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Im Großen und Ganzen ja. Aber natürlich galt das auch umgekehrt: Außenpolitische Misserfolge, insbesondere die zunehmenden Schwierigkeiten im Peloponnesischen Krieg, wurden auch der Demokratie (als zügelloser Herrschaft wankelmütiger und unvernünftiger Massen sowie populistischer Demagogen, die Athen in immer neue imperialistische Aktionen stürzen) angelastet und zunehmend die Oligarchie (als Herrschaft weniger kriegslustiger, dafür aber gebildeterer und vernünftigerer Angehöriger der Oberschicht) als Lösung angepriesen. 411 v. Chr. kam es dann ja auch zu einem kurzlebigen oligarchischen Umsturz.

    Das demokratische Athen betrachtete sich durchaus auch als Führerin der "freien Welt" - und leitete daraus aber auch einen Führungsanspruch in der freien Welt ab, der rasch in Imperialismus und Unterdrückung von Städten, die aus der athenischen freien Welt ausscheren wollten, umschlagen konnte.
     

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