Historische Fakten in Fernaus "Sprechen wir über Preußen"

Dieses Thema im Forum "Geschichtsmedien und Literatur" wurde erstellt von Jani, 25. Februar 2006.

  1. Jani

    Jani Neues Mitglied

    Hallo! :winke:
    Ich habe einmal eine Frage zu Joachim Fernaus "Sprechen wir über Preußen". Weiß zufällig jemand, inwiefern Fernau sich an historische Fakten hält? Konkret beziehe ich mich im Moment auf seine Schilderungen der Ereignisse während des Deutsch-Französischen Krieges und der Kaiserproklamation. Dort berichtet Fernau unter anderem, dass Ludwig die Kaiserproklamation Wilhelms mit der Forderung verknüpft habe, weiterhin die Rechte an der bayerischen Eisenbahn inne zu haben und weiterhin Breifmarken mit seinem Portrait zu verbreiten. Dies wird so geschildert, als ob dies seine einzigen Forderungen wären und als ob die "jährliche Rente" lediglich als kleines Zugeständnis von Seiten Bismarcks noch dazugekommen sei. Diese Darstellung hat mich irritiert. :S Inwiefern kann man sich denn zum Beispiel im Unterricht auf Fernau beziehen? :grübel: Oder ist es generell eher ungünstig, sich auf Fernau zu beziehen, da er ja meines Wissens auch Nationalsozialist war und das Preußentum von ihm generell als ziemlich heroisch beschrieben wird...

    LG
    Jani
     
  2. hyokkose

    hyokkose Gast

    So ist es sicher falsch. Bayern hatte weitaus mehr Sonderrechte:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Reservatrechte_(Kaiserreich)


    Fernau ist zwar mitunter ein unterhaltsamer Schriftsteller, aber ganz sicher keine seriöse Geschichtsquelle. (Das Preußen-Buch habe ich nicht gelesen, aber "Rosen für Apoll", "Cäsar läßt grüßen", "Halleluja" und "Deutschland, Deutschland..." kenne ich recht gut.)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 25. Februar 2006
  3. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Es kommt bei Referaten, Vorträgen u.dgl. ganz gut an, möglichst mehrere Quellen zu zitieren, zeigt das doch dem Lehrer, dass man sich mit dem Thema beschäftigt und nicht nur in wikipedia nachgelesen hat.

    Sind die Quellen jedoch ungeeignet, kann der Schuss ganz schnell nach hinten losgehen. Du hast schon recht, Jani, wenn Du da bei Fernau Bedenken anmeldest. Er war nunmal kein Historiker und hat seine "historischen" Bücher - so amüsant sie stellenweise auch zu lesen sind - in der flotten Schreibe eines Boulevardreporters verfasst. Seine NS-Verwicklung (er war Propagandajournalist bei der SS!) weist auch nicht gerade auf ein objektives Geschichtsbild hin.

    Meine Antwort auf Deine Frage, ob Du Fernau zitieren solltest (und da stimme ich hyokkose voll und ganz zu): Lass es bleiben.

    Grüße,

    Jacobum
     
  4. Jani

    Jani Neues Mitglied

    Danke für den Link :winke: Leider führt der selbst nicht zum Ziel, aber mit etwas Phantasie schafft das ja jeder halbwegs vernünftige Mensch :cool: Also sollte man, bevor man Fernau zitiert, lieber noch einmal andere Quellen heranziehen.
    Wie sieht das bei Fernau denn in "Deutschland, Deutschland...." aus mit seiner nationalsozialistischen Vergangeheit? Bei "Sprechen wir über Preußen" musste ich nämlich manchmal ob des Patriotismus (nennen wir es einfach einmal so) ziemlich schmunzeln.... Wenn es dann jedoch um die Zeit von 1933 bis 1945 geht, könnte ich mir vorstellen, dass ein solcher Patriotismus unangebracht ist und dass wohl keiner mehr unbedingt schmunzeln würde...

    LG
    Jani
     
  5. Jani

    Jani Neues Mitglied

    Hallo, Jacobum!
    Unsere Antworten hatten sich wohl überschnitten. Danke auch für deinen Beitrag :) Dass Fernau sogar Propagandaredakteur war, wusste ich nicht und schreckt mich deshalb auch etwas ab.... Wobei ich auf das Buch aufmerksam geworden bin, als mein Lehrer in der 9.Klasse aus ebendiesem Werk vorlas und wir so die Barrikadenkämpfe in Berlin 1848 und den Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 erarbeitet haben.

    LG
    Jani
     
  6. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Hallo Jani,

    hier noch ein Link zu Fernau:

    http://www.br-online.de/wissen-bildung/kalenderblatt/2001/09/kb20010911.html

    Den wikipedia-Beiträg über ihn hast Du wohl sicher schon gelesen, da steht auch noch was über seine Kriegsvergangenheit geschrieben.

    Der Schriftsteller Peter Wapnewski schrieb über Fernaus Propagandatätigkeit im 2. WK:

    " ... "Der Sieg ist wirklich ganz nahe" – wer das diesem Volke im August 1944 versprach, ist entweder ein Schwachkopf von unvorstellbarem Format – oder aber ein infernalischer Lügner. Das eine wie das andere: Zwingt es nicht dazu, das Handwerk des Schreibens zu lassen, die Kunst der Prophetie aufzugeben, vor der Geschichtsdeutung zu kapitulieren, das eigne Volk mit Bestandsaufnahmen künftig zu verschonen?"
    (abgedruckt in der "ZEIT" am 22.09.2005)
     
  7. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Naja, bei einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Buch, kann das Zitieren eigentlich nicht schlecht sein. Immerhin zeigt es, daß man sich zu dem Thema umfassend informiert hat und in der Lage ist solche Literatur in den historischen (oder eben unhistorischen) Kontext einzuordnen.
     
  8. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Im Prinzip richtig, doch sollte die zitierte Quelle auch über eine gewisse Kompetenz verfügen. Wenn ich eine Facharbeit Medizin verfasse, zitiere ich ja auch nicht "Fragen Sie Dr. Müller" aus der Frauenzeitschrift...
     
  9. hyokkose

    hyokkose Gast

    Ach ja, immer diese Klammern. Ich habe den Link repariert.
     
  10. hyokkose

    hyokkose Gast

    Leseprobe:

    Man glaubt es nicht: Hitler ein Innenpolitiker, der von Außenpolitik gar nichts wissen wollte, sondern nur das beste für sein Volk wollte und schuf. Und alles wäre so wunderbar gewesen, wenn sich nicht das böse Ausland gegen ihn verschworen hätte.

    Dieses Credo zieht sich durch das ganze Buch: Demokratie ist Mist, man braucht nur einen rücksichtslosen "starken Mann" an der Spitze, dann läuft alles ganz super, nur leider verschwören sich immer diese fiesen Ausländer gegen das arme, arglose Deutschland.

    Kleine Nebenbemerkung: Das mit dem "Devisen stapeln" ist barer Propagandaunsinn. Das Gegenteil ist richtig:
    http://www.glasnost.de/autoren/schoen/nswirt.html

    Siehe auch den aktuellen Pfad http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?p=149048
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 18. Februar 2007
  11. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Es ist schon unglaublich, dass Fernau so "Kleinigkeiten" wie Parteienverbote, politische Verfolgung, Konzentrationslager, Judenverfolgung und schließlich den Holocaust in seinem "Deutschland über alles" nicht einmal erwähnenswert findet... Dabei waren gerade einmal 7 Jahre seit Kriegsende vergangen.
     
  12. Brecht

    Brecht Neues Mitglied

    Lieber hyokosse,

    nicht nur das mit den Devisen ist sachlich falsch, bzw. ein Euphemismus. Die "Befreiun" aus dem Versailler Vertrag war ein klarer Rechtsbruch und hätte schwere Folgen für Deutschland haben können.

    Der Völkerbund war weder nebulös sonst noch irgendwas, er war der Erste Versuch einer Internationalen Demokratischen Friedensordnung.
    (Chronologisch käme aber das vor dem anderen, aber naja)

    Zu Olympia für die Jugend brauche ich nciht weiter kommentieren. Die propagandaistische Ausschlachtung dürfte jedem geläufig sein.
    Und das die K.D.F.-Fahrten, auf die er anspielt nun nicht gerade die Kleinen Leute nach Madeira für, sondern nur die treuen genossen, sollte eigentlich auch klar sein.

    Und das Hitler die Aussenpolitik vergessen hat, widerspricht sich selbst. Was ist denn die Besetzung des Rheinlandes und der Austritt aus dem Völkerbund? Ringelpietz mit anffassen?

    Also dieser Fernau ist echt quälend...
     
  13. hyokkose

    hyokkose Gast

    Schon klar, ich wollte nicht auf den ganzen Müll eingehen, sondern die Gelegenheit nutzen, mit meiner kleinen Nebenbemerkung auf die gerade laufende Diskussion aufmerksam zu machen.

    Trotzdem vielen Dank für Deine Ergänzungen.
     
  14. Brecht

    Brecht Neues Mitglied

    Nichts zu danken, hatte auch keine Lust noch mehr und näheres dazu zu schreiben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand auf sowas noch reinfällt...
     
  15. hyokkose

    hyokkose Gast

    Nun, die Konzentrationslager erwähnt Fernau schon noch, aber in einem ganz anderen Zusammenhang, nämlich der Masche "Diese ausländischen Pharisäer, was fällt denen ein, uns zu kritisieren?"
    Die Frage, warum die Deutschen die Konzentrationslager, in denen die Juden umgebracht wurden, übersehen bzw. hingenommen hätten, wird von Fernau als "Unsinn" bezeichnet:
    Also, die Amerikaner sollen von den Toten ihres Bürgerkriegs nichts mitbekommen haben. Und damit ist die Frage nach dem Holocaust für Fernau abgehakt...
     
  16. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Hallo Jani,

    ich kann mir vorstellen, dass Du bei jedem weiteren Beitrag ein bisschen blässer geworden bist.

    Also, vergiss das lieber mit Fernau im Unterricht.
     
  17. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Warum nicht? ;) Als schlechtes Beispiel...
     
  18. Jani

    Jani Neues Mitglied

    Ja, ich glaube, das wäre besser :D Nach wissenschaftlichem Arbeiten im LK würde das bestimmt nicht mehr aussehen ;) Allerdings hatte wie bereits erwähnt mein Geschichtslehrer einmal in der Jgst. 9 aus dem Preußen-Buch vorgelesen, von daher dachte ich mir "warum nicht".... Allerdings scheint es ja, dass die Realität in dem Deutschland, Deutschland-Werk noch stärker verfälscht wurde. Von daher sollte ich mir das Geld wohl eher sparen und mein Vorhaben, es mir auch einmal zu kaufen, auf Eis legen. Außer natürlich zu wissenschaftlichen Zwecken - nämlich Fernau zu entkräften, wie es auch schon einmal jemand oben erwäht hat. Wäre auch ein schönes Thema für eine Facharbeit gewesen =)

    LG
    Jani
     
  19. EMCioran

    EMCioran Neues Mitglied

    Hallo,

    Ich würde hier gerne ein paar Dinge über Joachim Fernau zusammen fassen und ggf. korrigieren, die in diversen Threads herum geistern.
    Der Grund liegt darin, dass Fernau zusammen mit Engelmann, Haffner & Fest meine “Einstiegsdroge” ins Fach “Geschichte” war.

    Vorab: Fernau war m.E. kein Demokrat, jedoch auch kein Nazi.

    In seinen Worten (“In dem Hause auf dem Berge... Briefwechsel mit Lesern”, Herbig 1992):
    “Nun will ich Ihnen noch Ihre letzte Frage beantworten, nämlich meine Beziehung zum Dritten Reich. Ich war nicht Parteimitglied. Ich war auch nicht Verfolgter, wenn wir davon absehen, dass ich 1933 wegen Nichteintretens in die Partei sofort aus einer Verlagsstellung flog und mir zwei Jahre später dasselbe noch einmal passierte. Aber es wäre albern das verfolgt zu nennen. Von da ab lebte ich gänzlich abseits, ich habe auf alles Vorwärtskommen und alle Vorteile verzichtet, bin dafür aber auch niemals in eine `Nische´getreten, um einen Treueeid entgehen zu müssen. (...) Dennoch kenne ich die Mentalität und das Ideengut des Nationalsozialismus recht gut, denn ich wurde mitten im Kriege aus der Wehrmacht, zu der ich eingezogen war, zwangsweise zur Waffen-SS versetzt, als Kriegsberichter. Ich muss Ihnen doch wohl nicht extra sagen, dass (...) Gegner meiner Bücher diesen Umstand (...) zu einer Art Charakterfehler stempeln.”

    Von 1936 bis 1939 war Fernau mit Hilde Horn, einer Jüdin zusammen, ab 1937 verlobt. Damit verstieß er gegen die “Nürnberger Gesetze”. 1939 wandert Hilde Horn nach England aus. Fernau folgt ihr am 27.05.39 um einen Nachzug zu sondieren. Er kehrt Ende Juni 1939 zurück. Der Kriegsausbruch machte jede Ausreise unmöglich.

    1.9.1939: Gestellungsbefehl als Hilfspolizist in Berlin
    im Nov. 1939: 103. Polizei-Bataillon, Posen
    noch 1939: Ersuch um Verwendung als Kriegsebrichterstatter
    Feb. 1940: Versetzung zur KBK der Waffen-SS (Ausbildung in der “Leibstandarte Adolf Hitler”)
    1941: Unabkömmlichkeitsstellung. Misslungener Versuch zurück zur Wehrmacht versetzt zu werden.
    Mitte 1942: Waffen-SS (Kessel von Demjansk)
    Herbst 1942: Frankreich
    März 1943: Charkow
    noch 1943: Propaganda-Einheit “Skorpion”, Paris
    August 1944: Aufsatz : “Das Geheimnis der letzten Kriegsphase” - Das ist der berüchtigte Aufsatz, auf welchen sich 1967 Wapnewski in der “Zeit” bezieht.

    Fernau hat Anfang 1962 bzgl. dieses Aufsatzes auf einen Leserbrief folgendermaßen geantwortet:
    “Was Sie seinerzeit in der Kieler Zeitung gelesen haben, wird, obwohl ich nie für eine Kieler Zeitung geschrieben habe, dennoch von mir gewesen sein: Wahrscheinlich `Das Geheimnis der letzten Kriegsphase´. Ich kann Ihnen aber nicht recht geben, dass der Inhalt schlechter war als die Form. Sie müssen nur den Zusammenhang kennen, dann werden Sie meiner Meinung sein. Ich war damals in Paris, der Aufsatz war als Radio-Rede verfasst, die in französischer Sprache von Radio Paris aus in die Partisanengebiete gestrahlt wurde und erreichen sollte, die Siegeszuversicht der Partisanen und ihre für uns furchtbare, heimtückische Tätigkeit zu erschüttern. Sie werden sich erinnern, wie schwer unsere Verluste im Herbst 44 durch Partisanen waren. Es war eigentlich ein verzweifelter Versuch mit unzulänglichen Mitteln, aber sein Erfolg war frappierend. Es gibt keinen Grund, nicht stolz darauf zu sein, auf diese Weise viele Soldaten vor dem Hinterrücks-Erschossenwerden bewahrt zu haben. Der Erfolg sprach sich wie ein Lauffeuer herum, auf den weiteren Gang der Dinge hatte ich als Soldat keinen Einfluss. Die Truppenkommandeure bedienten sich seiner für ihre Frontsender, dann zur Moralstärkung der Truppe, dann zur Dämpfung des Rückzugs-Chaos und schließlich gelangte er in die Heimatzeitungen, für die er nicht gedacht gewesen war.”


    Es ist ja nicht so schwierig. Über Fernaus Einstellung zur Demokratie kann man in seinem Buch “Fibel der Demokratie (1953)” nachlesen. Sein Geschichtsbild ist von Spengler & Nietzsche geprägt. Seine Bücher wurden nicht unter “Sachbücher” sondern “Belletristik” geführt. Man kann an seinen Büchern vieles kritisieren und seine Einstellungen ablehnen, aber ein Nazi war er nicht... .

    Gruß
    EMCioran
     
  20. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Dieses:
    kontrastiert zumindest mit diesem:

    Vor 1942/1943 war die Waffen SS ein reiner Freiwilligenverband, die Wehrmacht achtete auch sehr darauf, dass keine Soldaten dorthin versetzt wurden.

    Ich habe den "Der Sieg ist wirklich ganz nahe"-Beitrag noch nie irgendwo im Vollzitat gefunden, doch bezweifle ich, dass im August 1944 an der Westfront Partisanen-Einheiten das größte Problem waren und Fernau damit die Wirkung auf die Soldaten erzielte, die er nachträglich behauptete.
     
    1 Person gefällt das.

Diese Seite empfehlen