Historische Literatur der DDR

Dieses Thema im Forum "Geschichtsmedien und Literatur" wurde erstellt von Köbis17, 22. Februar 2010.

  1. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Ich lese gerade von Paul Herbert Freyer - Sturmvögel- Rote Matrosen 1918/19
    Hierbei geht es um Ereignisse, Tatsachen und Zusammenhänge der Revolution in den Jahren 1918/19 in Deutschland, vor allem aus der sicht der Matrosen der kaiserlichen Marine jener Jahre.

    Es ist im Stil eines Dokumentarischen Romans geschrieben und sehr Interessant zu lesen.
    Interessant nicht wegen der historischen Ereignisse, sondern es ist ein Buch aus der DDR. Erschienen im Militärverlag der DDR im Jahre 1975.

    Die subjektive Sichtweise der Ereignisse durch den Autor und des "Geraderückenden" sozialistischen Anschauungen jener historischen Ereignisse der Novemberrevolution, sind beinah "entzückend".

    Verklärt wird hier das Bild der politischen Matrosen sowie der Mythos um die Spartakusgruppe und den ach so wichtigen Aufbauen von Volksvertretungen sowie Arbeiterräten und Soldatenräten nach bolschewistischem Vorbild. Gekonnt werden Sachverhalte falsch bezeichnet und es werden aus kleinen Dingen große Dinge und aus großen kleine Dinge.

    Die Geschichte wird entweder verdreht oder es werden Ereignisse anders interpretiert als wirklich geschehen, oder sie werden einfach weg gelassen.

    Dies ist nur ein Beispiel für historische DDR Literatur und wird immer wieder verfolgt von der sozialistischen Ideologie, in der die gewachsene Geschichte gerade des Kommunismus falsch dargestellt wird.

    Habt ihr auch beispiele für solche Literatur in der historische Themen zur sozialistischen Weltanschauung missbrauch oder falsch dargestellt werden?
     
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  2. Schlumpi

    Schlumpi Neues Mitglied

    zwei Beispiele

    Führend ist in der DDR die Verherlichungsliteratur zu Ernst Thälmann gewesen.
    In Kaufmann, Bernd: Der Nachrichtendienst der KPD 1919-1937. Berlin. 1993. wird ausführlich dazu Stellung bezogen wie Ulbricht seinen Konkurrenten Thälmann im Gefängnis hat verrecken lassen obwohl die Befreiungspläne bis hin zu Nachschlüsseln, angeworbenen Wärtern und falschen Fotos mit Thälmann in der Tschechei während er in Norddeutschland untertauchte gediegen waren.
    Geht man weiter zurück kommt das Thema Deutscher Bauernkrieg auf. Wenn man weiß, dass es dazu schon eine Schrift des kommunistischen Vordenkers Friedrich Engels gab so dürfte die Stoßrichtung der DDR klar sein. Hier der proletarische Bauer dort der frühkapitalistische Ausbeuter. Dazu Müller, Laurenz: Diktatur und Revolution. Reformation und Bauernkrieg in der Geschichtsschreibung des Dritten Reiches und der DDR. Bern. 2003.
     
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  3. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich habe ein schon arg angegilbtes Kinderbuch aus der DDR: Till Eulenspiegel, Abenteuer und Erlebnisse eines Bauernsohnes; Kinderbuchverlag Berlin, 1953.

    Aus dem Nachwort: "Halt", wird jetzt ein ganz kluger unter euch rufen, "mir ist etwas aufgefallen. Warum hat Till eigentlich nie die Bauern verspottet? Warum immer nur Handwerker und Fürsten?"
    Und ein anderer, der ebenso gut aufgepasst hat, wird sicher erwidern: "Das ist doch klar! Eulenspiegel gehörte selbst zu den Nauern, gleich in der ersten Geschichte wird es erzählt. Die Bauern aber werden auf Handwerker und Fürsten nicht gut zu sprechen gewesen sein."
    Und damit hat er recht...

    Damit macht man aus ihm schon fast einen Klassenkämpfer, obwohl er doch eher ein Anarchist war. Das er Bauern so gar nicht auf den Arm nahm, stimmt auch nicht. Allerdings bevorzugte er tatsächlich Handwerker und Geistliche. Das liegt dann wohl auch eher an den Umwälzungen der Zeit um 1500, als die Geschichten um Eulenspiegel populär wurden.
     
  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Dieses Buch kenne ich nicht, aber es dürften von den vielen Eulenspiegel-Geschichten etliche durchs Raster gefallen sein, das ist sicher auch heute noch "politisch korrekt" bearbeitet worden. In Wismar hat er z.B. angeblich einen betrügerischen Juden (Pferdehändler) geleimt.

    Ein entsetzliches Kinderbuch war für mich "Der doppelte Theo", in dem ein Loblied auf die industialisierte Landwirtschaft inkl. der damit verbundenen Landschafts- und Umweltverhunzung gesungen wird.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Februar 2010
  5. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich habe mich gerade noch mal durch meine Bücher gewühlt und von diesem Autor auch was gefunden: "Der Tod auf allen Meeren", Deutscher Militärverlag, 2. Auflage, 1971. Kartendruckgenehmigung des MdI der DDR Nr. 1020/70 steht da noch.
    Was ich an dem Buch beim Kauf interessant fand, ist ein Register mit dem Verlust/Verbleib der Boote.
    Die Geschichten habe ich nur vage in Erinnerung. Als Grundton: alle U-Boot-Fahrer waren Faschisten und damit ihrem Naturell folgend Verbrecher.
     
  6. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    @Rurik, dann solltest du es nochmal lesen, weil das so nicht stimmt. Wer dort allerdings gar nicht gut wegkommt, ist Dönitz.

    Interessant: Groehler: Geschichte des Luftkriegs
    Der Autor versucht mit allen möglichen Tricks, die Rolle der Westalliierten klein zu reden und die sowjetische Luftwaffe andererseits zu heroisieren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Februar 2010
  7. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich zitiere mal aus dem Buch, ohne es noch mal ganz lesen zu müssen. Jedenfalls habe ich in noch keinem Buch das Wort Faschist oder faschistisch so oft gelesen. Da ist ja sogar (zwischen den Zeilen) der Tiefenmesser faschistisch.

    Na ja, das Buch ist wohl eher im folgenden Sinne geschrieben worden: "Mit dem Sieg über den deutschen Imperialismus hatten die Völker der antifaschistischen Koalition auch die Voraussetzung dafür geschaffen, die Bedrohung der Weltmeere und der Schiffahrt durch Seestreitkräfte des deutschen Imperialismus für immer zu bannen. Wie weit das gelang, hing von den Machtverhältnissen in Deutschland selbst ab. Gelang es hier dem Volk, die Verantwortlichen für zwei Weltkriege - und damit auch für den uneingeschränkten und totalen UBootkrieg - zu entmachten, bestanden reale Aussichten, daß aus dem Wunsch der Völker Wirklichkeit würde. Aber nur den Werktätigen im Osten Deutschlands gelang es mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht, eine Ordnung zu errichten, die allen imperialistischen Weltherrschaftsplänen den Boden entzog. Viele Menschen in der Westzone glaubten, 1945 würde auch in diesem Gebiet der Kreislauf zwischen maßlosen Forderungen, Krieg und ernster Niederlage durchbrochen werden. Wer aus der Vergangenheit gelernt hatte, konnte jedoch bald feststellen, daß die Kräfte des Gestern in Westdeutschland nur zurückgedrängt, nicht aber vernichtet waren."
     
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Dorsten/Wünsche "Der erste Weltkrieg"
    aus dem Militärverlag der DDR
    der "andere" Blickwinkel erscheint mir sehr interessant.

    Das "Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte" selber Verlag 2 Bände möchte ich eigentlich nicht missen.

    Zur Technikgeschichte sind sehr gute Sachen im Transpressverlag erschienen.
    "Als die Oldtimer flogen" zur Geschichte des Flugplatzes Johannisthal.
    Die Autoren Paul Gränz und Peter Kirchberg haben sehr kompetente Werke zur Geschichte des deutschen Automobil und Motorradbaus veröffentlicht.

    Liste ist erheblich verlängerbar


    Wenn man "unbeleckt" an diese Bücher herangeht, kann dies vielleicht ein Problem sein, wenn aber entsprechendes Basiswissen vorhanden ist, halte ich diese etwas andere Sichtweise für sehr interessant. Kacki wird es natürlich bei purer Propaganda. (Sind die von mir angeführten jedoch nicht)
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Februar 2010
  9. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Es gab in der DDR relativ preiswerte Themenhefte zu geschichtlichen Ereignissen, so zu Waterloo, das Ende in der Reichskanzlei, die Französische Revolution etc.
    Leider entsinne ich mich nicht so recht, wie die Reihe hieß.
    Die GST-Zeitung "Sport & Technik", 1x monatlich für 30 Pf, enthielt immer ausführlich militärhistorische Themen und zwar keineswegs nur aus dem 20. Jahrhundert.
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @ balticbirdy

    Ich fand die Reihe: "Kleine Militärgeschichte : Kriege" vom Militärverlag der DDR ganz gut, wovon ich das Buch "Europäische Befreiungskriege 1808-1814/15 - militärischer Verlauf" von Helmert/Usczek und das zu den Kriegen Friedrich II. und das zu den Kriegen der Antike schon gelesen habe.
    Natürlich muss man die vor allem im Vorwort bediente Feudalismusschelte und sonderbare Schlussfolgerungen aufgrund der politischen Sichtweise der Autoren außen vor lassen.

    Ich kann mich aber auch an die Reihe entsinnen, die Du meinst. Da ging es zumeist quasi wie bei der Osprey-Campaign-Reihe immer um bestimmte historische Ereignisse wie Schlachten, die dann kurz zusammengefasst wurden. Ich habe diese Bücher damals verschlungen. (War auch einfacher als sich durch die dicken Wälzer zu quälen und durch die bunten Bilderchen unterhaltsamer.)

    PS: Hieß die Reihe, die Du meinst vielleicht "Militärgeschichtliche Skizzen"?
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Februar 2010
  11. Repo

    Repo Neues Mitglied

    In dem Buch über den Flugplatz Johannisthal wird der Arbeiter- und Soldatenrat Nov. 1918 natürlich sehr heroisiert. Die ruhmreiche Sowjetarmee die im April 45 was weiß ich wie viele Geschütze auf dem Flugplatz in Stellung bringt "den faschistischen Widerstand zu brechen" (sie werden auch etliches an Arbeiter-Wohnungen zerdeppert haben) stört mich nicht weiter, das sind max 3-4 Spalten, und da kann ich ja drüber weg lesen. Irgendwie musste der Autor ja die Druckgenehmigung kriegen.

    Der Rest des Buches ist sehr gut.
     
  12. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    Ich fand und finde die Reportagen von Harry Thürk über die Kriege in Fernost nicht schlecht. Da fehlte (zumindest in meinen Augen) der moralisierende marxistische "Finger".
    Auch in "Der Krieg im Südatlantik" von Rainer Lambrecht über den Falklandkonflikt war da angenehm zurückhaltend.
    Ganz im Gegensatz zu "der Bürgerkrieg in den USA 1861-65" von Leah Ireland-Kunze.
    Da kann man große Teile der Auswertung nur schwer über sich ergehen lassen.
    Aber wie @Repo schon sagt, muß man diese Teile auch nicht lesen. Und wer vom schreiben in der DDR leben wollte, mußte zumindest eine "marxistisch-leninistischen Zusammenfassung" der Dinge mit einfließen lassen.
     
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Daran konnte ich mich nicht mehr so gut erinnern, müsste ich aber auch gelesen haben haben.
    Waren die Auflüge in die politischen Ansichten eher im Vor- und Nachwort?
    Kann es sein, dass darin auch die Indianerkriege kurz verdammt wurden?
     
  14. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Das ist wohl wahr. Selbst auf naturwissenschaftlichen Fachkonkressen musste zumindest im offiziellen Gruss- und Schlusswort sowas einfließen. Oder was bitteschön haben 1982 Wasservögel mit dem NATO-Doppelbeschluss zu tun gehabt?
    Da lieferten aber auch Marx und Engels als Zeitzeugen und Autoren der "Times" durchaus scharfsichtige, jeweis zeitnahe (ca. 2-3 Wochen nach den Ereignissen, so schnell die Nachrichten aus Amerika kamen) Analysen zum Thema. Diese Steilvorlagen durfte man in der DDR nicht ignorieren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Februar 2010
  15. Sascha66

    Sascha66 Neues Mitglied

    In der "Einleitung" und in "Ergebnissen und Nachwirkungen", immer mal mit Querverweisen auf Engels und Marx.
    Indianerkriege kommen nur kurz in den "Auswirkungen auf die Streitkräfte" vor.
    Auf dem Umschlag steht unter anderem "Leah Ireland-Kunze legt hier die erste deutschsprachige marxistisch-leninistische militärgeschichtliche Gesamtdarstellung dieses für die Entwicklung der USA so bedeutsamen Krieges vor".
    Wenn man von Passagen in diesem Stil absieht, ist es ein sehr informatives zum Teil sehr detailliert geschriebenes Buch mit vielen Fotos, Schlachtskizzen usw.
     
  16. Repo

    Repo Neues Mitglied

    In einem Buch von Gränz oder Kirchberg oder beiden??, aus den 70ern,
    es geht um Autos produziert auf dem Gebiet der späteren DDR aus den 30ern,
    ist der Satz zu lesen:
    "Wenn aus Gründen die hier nicht zu untersuchen sind, diese Fahrzeuge heute noch am Straßenverkehr teilnehmen, so...." er verlangt dann Respekt vor diesen "technischen Denkmälern", auch wenn sie inzwischen zum Verkehrshindernis geworden sind.

    Oder an anderer Stelle:
    "Der Gang der Geschichte ist bekannt, der Betrieb wurde am .... 1947 gemäß dem Gesetz über die Enteignung der Kriegsgewinnler..."


    Formulierungen die ich richtig gelungen finde,
     
  17. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    "Der Weg ins All, Tatsachen und Probleme des Weltraumfluges", Heinz Mielke, Verlag Neues Leben Berlin, 1956.
    Sehr gutes Buch. Darin ist keinerlei Propaganda (die Sowjetunion bastelte noch heimlich). Es beschäftigt sich mit der Physik und Technik der künftigen Raumfahrt. Interessant ist es vor allem, weil zu dem Zeitpunkt noch nichts ins All geschossen worden war. Man versucht sich auch medizinisch an die vermuteten Probleme der Schwerelosigkeit heranzutasten. Erstaunlich, wie viel man schon vorausahnte. Man macht sich auch Gedanken über die damals noch Ultrastrahlung genannte Kosmische Strahlung, da kurz vorher entdeckt wurde, dass sie hochenergetische Gammastrahlung enthält.
     
  18. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Ja ja, damals bis in die 1970er war es ein beliebtes Thema im Zeichenunterricht der DDR: Meine Stadt im Jahr 2000.
    Ein Weltraumbahnhof und eine Einschienenbahn war das mindeste, was wir Kinder unserem Kaff gönnten. Mein zukünftiger Beruf war als Thema schwieriger umzusetzen, alle wurden Kosmonauten - und ich Afrikaforscher.
     
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein gar nicht so schlechtes Buch ist für mich von Förster&Paulus: Abriss der Geschichte der Panzerwaffe, Militärverlag der DDR, 1978.

    Sehr viele Fakten und auch die spezfische Sichtweise der historischen Entwicklung, aber die ist nicht sehr dominant.
     
  20. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Das war in der DDR-Zeit die einzige Quelle, um vernünftige Daten und Risse von den deutschen Panzertypen des WK II. zu bekommen.
     

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