Historische Stätten sind (meistens) langweilig

Dieses Thema im Forum "Ausstellungen | Historische Sehenswürdigkeiten" wurde erstellt von collo, 9. September 2019.

  1. collo

    collo Aktives Mitglied

    Bewusst als Provokation und Anregung zur Diskussion gemeint:

    Die meisten historischen Stätten, die ich besucht habe, fand ich langweilig.

    1. Man sieht nix mehr, so erging es mir z.B rund um Leipzig oder in meiner Heimststadt, einer Bundesfestung
    2. Wenn man was sieht, sind es Texttafeln mit viel zu viel Text. In meiner Familie steh ich übrigens in Verruf, alle Tafeln lesen zu müssen.
    3. Oder es gibt ein Museum, was kein modernes Ausstellungskonzept verfolgt und einfach nur viele Gegenstände zeigt.
    4. Geburtshäuser, ein Graus, hat das Baby/Kind da drin was geleistet und was hat das Haus mit der späteren Leistung zu tun?
    5. Schlösser und Burgen, hat man ein paar davon besichtigt, stellt man fest, wie viel sich wiederholt, überall die gleichen Möbel, Bilder etc.
    5. Die meisten historischen Orte sind nur von lokaler Bedeutung.
     
    flavius-sterius gefällt das.
  2. Korbi

    Korbi Mitglied

    Auch wenn der Beitrag schon etwas her ist, ich finde das ein interessantes Diskussionsthema. Schade, dass das wohl (bisher) keinen Anklang gefunden hat. Deswegen geb ich mal meinen Senf dazu ab, jedenfalls zu einigen Punkten :)
    1. +2. Das ging mir vor allem in Süddeutschland so (zumindest kenne ich das vor allem von hier). Ganz besonders bei den römischen Kastellresten, die ja zum Teil nur noch aus Erdwällen bestehen. Mittlerweile hat sich das "gebessert" - wohl vor allem zu verantworten durch mein Studium der Klassischen Archäologie. Allerdings finde ich es wesentlich spannender, mir selbst die Reste anzuschauen, mögliche Schlüsse zu ziehen, als die Texttafeln ausführlich zu lesen. Das erledigen in meiner Familie andere ;-)
    Nebenbei, da bin ich in einem kleinen Konflikt zwischen Restauration und Wiederaufbau. Letzterer entspricht nicht mehr den heutigen Zielen der Wissenschaft, ist aber natürlich (für das Auge) wesentlich interessanter.
    4. Kurz nur dazu, da hat deine Aussage meine volle Zustimmung. Eventuell ist das etwas anderes, wenn zum Beispiel Mozart in seinem Geburtshaus auch Klavier gelernt hat und man daraus ein schönes Museum macht. Aber grundsätzlich habe ich das Konzept der "Geburtshäuser" nie verstanden, das ja selbst durchgezogen wird, wenn da heute ein völlig anderes Haus steht.
    Zum letzten Punkt: Das ist jetzt wirklich interessant. In der Tat, manches ist nur lokal wichtig, manches steht gefühlt mitten im Nirgendwo und interessiert niemanden außer ein paar Archäologen/Historiker. Aber ich denke, man muss auch nochmal unterscheiden zwischen der damaligen Bedeutung der Stätten und ihrer heutigen Bedeutung für die Wissenschaft wie auch für das Land (schließlich kann eine Stätte in jedem der drei Punkte ganz woanders auf der Skala stehen). Letzteres ist ja besonders ausgeprägt in Griechenland, wo die Leute und der ganze Staat sich stark über die antike Kultur definiert (die Elgin Marbles sind da für mich immer das stärkste Beispiel). Aber da komme ich jetzt zu weit vom Thema ab.

    Also, als kurzes Schlusswort: ja, durchaus. Ich könnte die Bauten der Antike spannend finden, selbst die Erdwälle der Kastelle, und trotzdem die "immer gleichen" Burgen aus späterer Zeit todlangweilig finden. Letztlich ist das alles eine Frage der eigenen Perspektive und Interessen.
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich finde historische Stätten (meist) nicht langweilig. Auch wenn ich als Laie nicht viel sehen und erkennen kann (weil z. B. nur noch ein paar niedrige Mauerreste vorhanden sind), überkommt mich dennoch ein Gefühl, an einem besonderen Ort zu sein, der gewissermaßen Alter und Erhabenheit atmet.
    Ich kann es nicht wirklich in Worte fassen. Ein rationaler Zugang ist das natürlich ohnehin nicht.


    Bei einem Museum bin ich übrigens froh, wenn es kein "modernes" Ausstellungskonzept verfolgt und einfach nur viele Gegenstände zeigt. Ich will keinen "Event" mit allerlei Firlefanz, sondern Ausstellungsstücke sehen und erklärt bekommen. (Ich bin auch jemand, der immer alle Texttafeln liest.)
     
  4. Korbi

    Korbi Mitglied

    Ja, das kenne ich mittlerweile gut, geht mir auch so. Aber noch gar nicht lange. Wenn ich mich heute mit Stätten beschäftige, an denen ich früher schon war, frage ich mich oft, wie ich damals so teilnahmslos dagestanden sein kann oder sogar vorbeigegangen bin. Das beste Beispiel ist wohl die Akropolis von Athen, bei der ich bei meiner ersten Reise dorthin das gesamte Erechtheion völlig ignoriert habe.
    Mittlerweile sieht das in zweierlei Form anders aus: Erstens als Archäologiestudent, ich kenne zumindest die Grundlagen bisher und finde es spannend, dort zu arbeiten, wo nur wenig übrig ist. Völlige Kehrtwende zu früher (natürlich finde ich besser erhaltene Stätten nach wie vor beeindruckend). Und zweitens eben, wie du es sehr schön beschreibst finde ich, diese gewisse "Aura", die man einfach fühlen kann, obwohl das rational Schwachsinn ist. Ich würde insgesamt einfach sagen, meine Sinne für alte Stätten wurden geschärft, rational und emotional. Aber da will ich jetzt wirklich nicht von der Wissenschaft abdriften, das ist ja alles persönliches Empfinden.
     
  5. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    auch ich finde historische Stätten selten langweilig, wobei ich meist versuche, wenn möglich sogenannte Touristenführungen. zu vermeiden und interessante Aspekte und Details selbst zu entdecken. Und dann sind auch Orte von lokaler Bedeutung durchaus von Interesse insbesondere wenn sie Besonderheiten aufweisen, die nicht im Prospekt stehen..
    Probleme hab ich mit wohlgemeinten aber schlecht gemachten Restaurierungen und Nachbauten wie sie Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts usus waren und mit Museen, die den Eventcharakter zu Lasten der Präsentation übertreiben .
     

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