Hurriter / Mitanni - Was erwartet uns?

Dieses Thema im Forum "Hochkulturen Mesopotamiens" wurde erstellt von Pope, 5. Juli 2006.

  1. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Die Hurriter lebten in kleineren Stadtstaaten zwischen den Großreichen der Assyrer und Hethiter im Norden Mesopotamiens. Ihre Sprache kennt bislang keine Verwandte. Irgendwann um 1700 v.Chr. hat sich scheinbar eine indo-iranisch sprechende Gruppe dort als Elite installiert, deren Sprache eine Nähe zum Sanskrit verrät. Nur wenige Texte zeugen von dieser Sprache und ihren Sprechern, denn sie wurde relativ schnell zugunsten des Hurritischen aufgegeben. Ab etwa 1500 v.Chr. gelang während einer Phase der Instabilität der Griff zur Macht: das Königreich von Mitanni wurde geboren. Für einige Jahrhunderte standen die Herrscher auf Augenhöhe mit Ägyptern, Hethitern und Assyrern, bis das Reich um 1250 im Assyrischen Großreich aufging. Von der Sprache und der Kultur überdauerte nur wenig die Jahrhunderte der Besatzung und Deportation, die Kultur ist scheinbar nahezu restlos ausgestorben.

    Es gibt Vermutungen, dass der Streitwagen von den Hurritern in Mesopotamien eingeführt wurde. Sie waren jedenfalls geschickte Pferdezüchter, wovon ein frühes Buch zur Pferdehaltung kündet.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Mitanni
    http://de.wikipedia.org/wiki/Mitanni
    http://www.angelfire.com/nt/Gilgamesh/hurrian.html

    Das faszinierende an den Hurritern ist, dass sämtliche ihrer Hauptstädte noch auf die Entdeckung warten. Archive und Monumente, Abbilder und Alltagsgegenstände liegen unberührt im Staub der nordirakischen Landschaft.

    Erwartet uns eines Tages eine Sensation? Vielleicht nur ein weiteres Steinchen im mesopotamischen Kulturmosaik, oder sogar der Schlüssel zum Gesamtkomplex?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wirklich? Im Zuge der postsaddam'schen Anarchie wurden und werden archäologsiche interessante Stätten des Iraq doch mehr oder weniger organisiert geplündert. :motz:
     
  3. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Was noch nicht gefunden wurde, ...
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Du hast völlig Recht, Pope! Viele Rätsel um das Reich Mitanni sind nach wie vor ungelöst, weil Funde. und Quellenlage mager sind. Besonders die Hauptstadt Wassukanni wird noch immer im Wüstensand gesucht und bestimmt wird man eines Tages Erfolg damit haben.

    Die Hurriter werden über einen Zeitraum von über 1000 Jahren in den Quellen der Staaten Kleinasiens und Vorderasiens erwähnt, wobei die älteste Inschrift der Hurriter auf 2230 v. Chr. datiert wird. Die Herkunft dieses Volks vermutet man aus dem Kaukasus und es gibt sogar Forscher, die die Hyksos mit der hurritischen Elite identifizieren. Das ist freilich umstritten.

    Besonders faszinierend finde ich die merkwürdige Symbiose im Reich Mitanni, an der anscheinend eine indo-arische Herrenschicht sowie das hurritische Volk beteiligt waren. Da der Staat um 1500 v. Chr. gegründet wurde, muss es sich bei diesen Indo-Ariern wohl um einen Teil jener Migranten handeln, die etwa zu gleicher Zeit inach Nordindien einströmen.

    Um 1350 v. Chr. war die Herrlichkeit des Mitannireichs jedoch schon beendet, denn Hethiter und Assyrer teilten den Kuchen unter sich auf. Neuere Forschungen sollen übrigens eine Zugehörigkeit des Hurritischen zu den ostkaukasischen Sprachen wahrscheinlich machen, aber genaueres ist mit darüber nicht bekannt. Bislang galt das Hurritische stets als isolierte Sprache.
     
  5. hyokkose

    hyokkose Gast

    So ganz neu sind die Forschungen mittlerweile nicht mehr, es handelt sich um:

    I. M. Diakonoff und S. A. Starostin, Hurro-Urartian as an Eastern Caucasian language, München 1986.

    Das Büchlein ist zwar methodisch recht solide aufgebaut, das von Diakonoff und Starostin präsentierte Material ist aber quantitativ und qualitativ doch etwas dünn. Bei der Lektüre (vor einigen Jahren, mir sind nicht mehr alle Details in Erinnerung) ist mir aufgefallen, daß es sich bei etlichen äußerlich eindrucksvollen Wortgleichungen um ausgesprochene "Kulturwörter" (z. B. Bezeichnungen von Bauwerken) handelte. Da ist es doch wahrscheinlicher, daß diese Wörter als Lehnwörter in die ostkaukasischen Sprachen eingedrungen sind.

    Ganz isoliert ist das Hurritische übrigens nicht; es hat im Urartäischen eine Schwestersprache (wie bereits aus dem Buchtitel hervorgeht).
     
  6. Pope

    Pope Neues Mitglied

    1. Interessant finde ich die geflügelte Sonne im Siegel des Königs Sauschtatar. Selbiges findet sich 1000 Jahre später bei den persischen Königen wieder. Nur ein Zufall? http://idcs0100.lib.iup.edu/WestCivI/mitanni_language.htm

    2. Hier haben wir ein seltenes (?) Beispiel für das Absterben eines indoeuropäischen Superstrats - trotz zunehmendem Aufstieg des Reiches. Wäre schön zu wissen, wieso hier das indo-iranische Sprachelement nicht keimen konnte.

    3. Gehört das Hurritische vieleicht zu den Ursprachen des Zweistromlandes vor 3.000 v.Chr.?

    4. Sind die später auftauchenden Meder aus der selben (sprachlichen) Linie, wie die indoeuropäischen Mitannier? Und die Kurden?

    5. Nicht ganz zum Thema: Wieso ist Armenisch ein urartäischer Volksstamm, der eine IE-Sprache spricht?
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Besten Dank für die präzise Nachlese, hyokkose!

    Die Urartäer sind in der Tat ein mit den Hurritern verwandtes Volk und errichteten im 9. Jh. ein Reich Urartu südlich des Kaukasus bzw. im Hochland von Armenien. Das Reich Urartu hatte einen schweren Stand gegenüber den Assyrern, die es aber überdauerte, bis es schließlicht von den Medern erobert wurde.

    Die Vertreter der indo-arischen Elite Mitannis erkennt man an Namen wie z.B. Shuttarna, Saushtatar, Artatama, Artashumara usw. Erstaunt habe ich soeben gelesen, dass eine der berühmtesten Frauen der Welt Hurriterin war, nämlich Nofretete, die Tochter des mitannischen Königs Tushratta (14. Jh.). Man konnte das anhand von Tushrattas diplomatischer Korrespondenz mit Ägypten feststellen, die im Palastarchiv von Akethaton (El Armana), einer zwischenzeitlichen Hauptstadt Ägyptens, gefunden wurde. Tushratta hatte Nofretete Amenophis III. zur Frau gegeben, nach dessen Tod sie sein Sohn Amenophis IV. in seinen Harem übernahm.
     
  8. Pope

    Pope Neues Mitglied

    :grübel:

    Wiki sagt:

    Herkunft

    Es wird immer gesagt, dass ihr Name, „die Schöne ist gekommen“, auf eine ausländische Abstammung hindeutet. Dies ist erwiesenermaßen falsch; der Name geht auf einen altägyptischen Mythos zurück. Nofretete stammt aus einer nebenköniglichen Linie in Achmim, aus der auch schon die Königsgemahlin Teje stammt.
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Soeben hat sich dein Posting mit meinem gekreuzt, Pope.

    Soweit ich weiß, zählt das Hurritische als kaukasische Sprache nicht zu den frühen Sprachen Mesopotamiens, sondern ist weiter nördlich anzusiedeln. Das gilt auch für verwandte kaukasische Sprachen wie z.B. die der Urartäer, Albaner oder Apsilen.

    Es soll allerdings humangenetische Ähnlichkeiten im Profil der Nordwestkaukasier und der Basken geben, ferner auch lexikalische Parallelen zwischen den kaukasischen Sprachen und dem Baskischen. Diese Ähnlichkeiten könnten Spuren einer uralten Verbindung zwischen der Kaukasusregion und Westeuropa sein. So ist vorstellbar, dass Populationen des Homo sapiens vor etwa 35 000 Jahren über Vorderasien und den Kaukasus nach Westeuropa abwanderten, wo sie in einem langen ethnischen Fusionsprozess an der Ethnogenese der Basken beteiligt waren.

    All das sind natürlich nur Hypothesen und Spekulationen, die keineswegs wissenschaftlich erhärtet sind.
     
  10. hyokkose

    hyokkose Gast

    Bei solchen Angaben pflege ich immer ein wenig nachzuhaken: Gibt es dazu einen handfesten Beleg oder gehört das eher zum Bereich "Hypothesen und Spekulationen" ohne wissenschaftliche Basis?

    (Mal abgesehen davon, daß es selbstredend zwischen jedem beliebigen Volk X und jedem beliebigen Volk Y irgendwelche humangenetischen Ähnlichkeiten gibt.)


    Auch irgendwelche lexikalische Parallelen finden sich immer zwischen zwei x-beliebigen Sprachen. Der Sprachwissenschaftler Gerhard Doerfer schrieb einmal sinngemäß: Gib mir zwei Wörterbücher - meinetwegen Eskimo und Hottentottisch, es darf auch eine Sprache vom Sirius sein - und ich "beweise" dir, daß die beiden Sprachen verwandt sind.

    Die Versuche, die kaukasischen Sprachen und das Baskische genetisch zu verbinden, haben ja recht krause Blüten getrieben. Man hat nämlich auch Anknüpfungspunkte zum Chinesischen gefunden und - man höre und staune! - ebenso welche zu den Na-Dene-Sprachen in Nordwestamerika.

    Da tun sich noch ganz andere Spekulationsmöglichkeiten auf, nur leider hat das alles weder Hand noch Fuß.


    Und mit den Hurritern hat es natürlich auch nichts mehr zu tun.
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich habe leider nur die Behauptung gefunden, dass es solche Untersuchungen gegeben habe, die die kaukasischen Sprachen an das Baskische anschließen wollen. Welche Wissenschaftler das nun betrieben haben, bleibt leider im Dunkeln und das Ganze muss ohnehin unter Spekulation einsortiert werden.
     
  12. hyokkose

    hyokkose Gast

    Nach den sprachlichen Theorien hatte ich ja eigentlich nicht gefragt, sondern nach den humangenetischen Theorien.

    Daß die kaukasischen Sprachen schon mit allen möglichen Sprachen verglichen worden sind, war mir ja bekannt. Einen kleinen Überblick gibt es hier:

    http://titus.uni-frankfurt.de/personal/manana/kaukas/kauk.pdf

    Hier heißt es auch, daß diese Theorien größtenteils von Forschern entwickelt wurden, "die entweder das kaukasische Sprachmaterial oder die wissenschaftliche Methode der Sprachvergleichung nicht beherrschten (oder sogar keine von beidem)".
     
  13. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Hi Pope,

    is' zwar schon ein paar Tage her, dass du deine fünf-Punkte-Fragen formuliert hast.
    Stützig machte mich die letzte, wieso die Armenier nun ein urartäischer Volksstamm sein sollten, und dann auch noch eine indeoeuropäische Sprache sprechen. Da hast du wohl etwas zu schnell gelesen. In dem einen Artikel im Internet (knowhow-library bei e-bay) vermute ich den Ursprung eines solchen Mißverständnisses, wo es heisst, dass die "indoeuropäischen" Armenier das kultuerelle Erbe von Urartu antraten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juli 2006
  14. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Hallo auch!

    Falls des nicht zu verlinken geht: Könntest Du das Datum der Erscheinung und den Autor einstellen?

    Eine Google-Suche mit den Begriffen Armenier und Urartu zeigt, dass es nicht nur ein Artikel gewesen sein kann, der zu meinem 'Missverständnis' führte. Leider habe ich es mal wieder versäumt, den betreffenden Artikel abzuspeichen. Darin wurde - soweit ich mich erinnere - 'Armenien' über eine urartäische Stammesbezeichnung hergeleitet.

    Dass die Armenier mit dem Raum auch die dort wohnhaften Menschen einverleibten, erscheint mir doch logisch.
     
  15. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Hallo Pope,
    hier die Seite mit den Armeniern in Urartu (hatte ihn erst gestern ausgedruckt):

    http://urartu.know-library.net/

    Aber wenn du dir so sicher bist, wird es eine andere Erklärung geben. Auf jeden Fall sind die Armenier nach hegemonialer Theorie indogermanischer Herkunft oder besser: sprechen eine solche Sprache.
     
  16. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Ich bin mir nur sicher, dass ich es gelesen hatte. Daher auch meine Nachfrage ...

    Und klar, die armenische Sprache ist IE.
     
  17. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Ich wollte mal deiner ersten Frage nachgehen; mangels vorhandener Literatur über die persischen, die angeblich dasselbe Siegel wie König Sauschtatars, wollte ich deinem Link folgen; dort war aber nur etwas über Mitanni; antworte dann irgendwann nochmal, wenn ich fündig werde.
    Zufall halte ich aber schon jetzt für unwahrscheinlich, schließlich gibt es eine - wenn auch gebrochenen Herrschaftstradtion von der churritischen Zeit über Mannai und Medien zu den Pesern.
     
  18. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Sorry, hatte ich bei Mitgliedern, die sich für Mitanni interessieren vorausgesetzt, dass sie die gelügelte Sonne des Zoroaster kennen würden.

    Dürfte im Netz eigentlich zu finden sein. Ich guck auch mal ...
     
  19. askan

    askan Neues Mitglied

  20. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Danke Askan. Es gibt dieses Symbol auch ohne "Mann in der Mitte", z.B. im Thronsaal von Susa.

    Habe auch gelesen, dass es in Luwischen Hieroglyphen auftaucht. Vielleicht ein 'indoeuropäisch'-mythologisches Relikt?
     

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