Ideologische Rechtfertigungen der imperialistischen Politik Englands

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von Felix I., 12. Februar 2012.

  1. Dog Soup

    Dog Soup Neues Mitglied

    Cooles Zitat, das du da ausgegraben hast, und wichtiger Punkt! Ich denke auch, dass der Sozialimperialismus es als Theorieansatz hier nicht so wirklich bringt.

    Über diese intime Verflechtung von innen und außen bin ich ähnlich wie du heute auch ganz zufällig beim Lesen gestolpert, und zwar in Ulla Haselsteins "Die Gabe der Zivilisation." Da geht es um eine konterpunktische Analyse "des Wilden" im imperialistischen Kontext, sprich um einen Quellenvergleich von Standardquellen und "kleinen Quellen", also Tagebücher, Briefe usw.

    Auch hier wird die intime Verflechtung von "innen" und "außen" immer wieder betont, besonders prägnant lustigerweise schon auf der ersten Seite der Einleitung, wo Haselstein ihre wichtigste Referenzliteratur und die Grundannahmen ihrer Analyse herleitet:

    "Greenblatt hebt hervor, dass die Begriffe, mit denen die Differenz der "Anderen" gegenüber der eigenen Kultur diskursiv modelliert wird, auch innerhalb Europas zur Anwendung kommen (so werden in vielen Texten des 16. Jahrhunderts die "Wilden" und die einheimischen Bauern in ihrer kulturellen Distanz zu den "Zivilisierten" gleichgesetzt; der Diskurs über die "Wilden" begleitet die Eroberung Irlands usw.), und integriert damit die Forschungen der politischen Ökonomie, die längst den Nachweis geführt hat, dass die Expansion Europas und die dadurch ermöglichten Prozesse der Kapitalbildung die Voraussetzung der radikalen Umstrukturierung der europäischen Gesellschaften in der Moderne bildeten."

    Also auch hier: Wechselwirkung ja, Kausalbeziehung nein. Haselsteins Quellenanalyse selber ist auch ein gutes Beispiel für diese Position.

    Übrigens ist im Zitat Stephen Greenblatt gemeint.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Interessante Randaspekte zum Thema:

    Marita Knödgen: Die frühe politische Nietzsche-Rezeption in Großbritannien,
    1895-1914, Eine Studie zur deutsch-britischen Kulturgeschichte, Dissertation Trier 1997, ua. mit Ausführungen zum sozialdarwinistischen Konservativismus und zum Sozialismus.

    http://ub-dok.uni-trier.de/diss/diss30/20000817/20000817.pdf

    Und ein weiterer Randaspekt des Themas, ökonomisch fokussiert, ohne Begrenzung auf Commonwealth bzw. Kolonien: das britische globale Interesse an Eisenbahn-Investments, "investment hungry public" verbunden mit "imperial dreams"?

    http://www.docutren.com/archivos/semmering/pdf/13.pdf
    Drummond: Sustained British Investment in Overseas Railways 1830-1914
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Oktober 2012
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die ideologischen Rechtfertigungen des britischen Imperialismus spiegeln sich auch in der Historiographie. Dazu ist die Untersuchung von Koditschek aus 2011 interessant, der zT anhand von bislang nicht untersuchten Schriftnachlässen von Historikern vorgeht.

    Koditschek geht der Frage nach, wie die zum "Weichen Imperialismus" bzw. zum liberalen Imperialismus tendierende Politik die Geschichtsschreibung beeinflusst hat, und wie die umgekehrten Effekte der Beeinflussung der Politik durch die Historiographie nachweisbar sind.

    Koditschek: Liberalism, Imperialism and the Historical Imagination, 2011.
    H-Net Reviews
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Noch ein Nachtrag, ein schichtenbezoger Ansatz der Betrachtung:

    Andrew Thompson, The Empire strikes back? The Impact of Imperialism on Britain from the Mid-Nineteenth Century
     

Diese Seite empfehlen