Industrialisierung und Strukturwandel

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Geschichte.1234, 4. Juli 2016.

  1. Hallo! Ich habe einige Fragen zu folgendem Thema: Industrialisierung und Strukturwandel

    1. Was versteht man unter Kundenproduktion? Welche Folgen hatte sie für den einzelnen Arbeiter?
    2. Welche individuellen Freiräume konnten sich Menschen im 19. Jahrhundert schaffen?
    3. Woher kam das notwendige Kapital für die beginnende Industrialisierung in Dortmund?
    4. Was versteht man unter Taylorisierung?

    Vorab Danke, für hoffentlich hilfreiche Antworten :)
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Aus welchem Kontext entnimmst du Kundenproduktion?

    "Taylorisierung" ist positiv betrachtet eine Ökonomisierung der Arbeit im Sinne der Ausschaltung unproduktiver Zwischenabläufe, negativ betrachtet die Degradierung des Menschen zum maschinenartigen Fließbandarbeiter. Das kannst du aber bitte so nicht übernehmen, das Thema ist viel komplexer.
    Die Folge ist beispielsweise Monotonisierung. D.h. du merzt zwar unnötige Arbeitsschritte aus, aber der Mensch langweilt sich schneller, weil er immer nur dieselben Handgriffe oder Fußbewegungen macht und so eben die erhoffte Ertragssteigerung allenfalls kurzfristig andauert. Langfristig kommt es zu körperlichen, psychologischen und psychosomatischen Schädigungen.

    Individuelle Freiräume: Schua mal nach den vom-Stein-Hardenbergschen Reformen.
     
  3. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Je besser die Fragen gestellt werden, desto hilfreicher könnten die Antworten sein. :winke:
    Soll hier der Zeitraum von ca. 1850 bis 1914 betrachtet werden?

    Zu 1. und 4. käme man auch durch Benutzung einer Suchmaschine (wie G.......) ans Ziel. Wobei ich mit "Taylorisierung" Probleme habe: Wenn damit vor allem die Arbeitsteilung gemeint ist, müsste da der Name Adam Smith stehen; wofür Taylor bekannt wurde, nämlich seine Arbeits- und Zeitstudien und die darauf beruhende Arbeitsorganisation/-entlohnung, so haben sich die hierzulande erst später ausgewirkt.

    Zu 2. Hierzu würde ich mich primär zur Entwicklung der Länge des Normalarbeitstages kundig machen; wenn Du 12 Stunden oder mehr arbeitetest, ist's schwierig mit Freiräumen.

    Zu 3. "Schwääre Frage", denn über die Kapitalisierung der Dortmunder Unternehmen im betreffenden Zeitraum gibt es meines Wissens (was aber nichts heißt) keine konzise Studie. Für die Provinzebene kann man zurückgreifen auf den Handbuchbeitrag von Teuteberg [1]. Einige Stichworte: Ausbreitung von Aktiengesellschaften, Engagement zuerst von staatlichen, dann von Privatbanken, Umwandlung von Spargeldern in Unternehmensanteile, für die Schwerindustrie besonders wichtig: Kapitalanleger aus Frankreich, Belgien, England und Schottland (Namensbeispiel: W. T. Mulvany). Eine sprunghafte Erhöhung des Kapitals kann erst fürs Ende der 1890er Jahre angenommen werden.


    [1] Vom Agrar- zum Industriestaat (1850-1914), in: Westfälische Geschichte, Band 3, S. 163-311, insb. Kap. 5 Geld, Kapital, Kredit. (S. 249 ff.).
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich hoffe ich kann teilweise ein wenig helfen.

    Zu 4. so wie ich es zu verstehen glaube:
    Taylor beschäftigt sich wissenschaftlich mit Produktionsabläufen.
    Bei der Gelegenheit analysiert er mit statistischen Methoden den Zeitbedarf verschiedener menschlicher Tätigkeiten.
    Henry Ford weist die wirtschaftliche Nützlichkeit der Taylor´schen Ansätze durch erfolgreiche Anwendung nach: insbesondere durch die Produktion des Ford Model-T.
    Wenn Du heute durch Betriebe mit (teil)manueller Fertigung gehst, dann findest Du einen REFA-Fachmann.
    Der weiß wie lange es dauert ein Auge zu bewegen, einen Gegenstand zu greifen, zu platzieren oder zu fügen (und läuft mit der Stoppuhr herum).
    Das ist wissenschaftlich untersucht und die Methode geht auf Taylor zurück.
     
  5. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Der erwähnte REFA-Mann würde vermutlich darauf hinweisen, dass es wissenschaftliche Arbeits- und Zeitstudien schon vor Taylor gab und dass dessen Arbeiten sehr kritisch zu sehen sind. [1]

    Es ist zu Recht auf die besondere Situation zu Taylors Zeit hingewiesen worden: In den USA "war der Mangel an Arbeitskräften maßgeblich für eine wachsende Arbeitsteilung und eine damit verbundene Mechanisierung der Produktion" [2] und führte zu besonderen arbeitswissenschaftlichen Problemlösungen, von denen die Fließ(band)produktion à la Ford die bekannteste ist.


    [1] Siehe zur historischen Entwicklung und zur (harschen) Kritik an Taylor insbesondere die zahlreichen Publikationen von Rolf Hackstein.
    [2] Rainer Bokranz, Kurt Landau: Einführung in die Arbeitswissenschaft. Stuttgart 1991, S. 29
     
  6. hatl

    hatl Premiummitglied

    Taylorisierung

    Vielleicht ist damit geholfen:
    " Taylorisierung bedeutet vor
    allem dreierlei:
    - Dequalifizierung der Arbeiter bei gleichzeitiger Qualifizierung
    des Managements,
    - Verteilung von Planung und Ausführung auf verschiedene Personengruppen
    und
    - Nutzung des Qualifikationsmonopols des Managements zur minutiösen Lenkung des Arbeitsprozesses."
    http://www.ssoar.info/ssoar/bitstre...ylorisierung_der_verantwortung.pdf?sequence=1

    Mei, ich weiß es selber ja nicht, hatte aber auf unterer Ebene ein wenig mit dem Vorgang zu tun. Und das vom Lempert passt ganz vortrefflich auf meine etwas verschwommene Vorstellung.. :D
    Immerhin wär es eine Definition,
    knackig und von einem leibhaftigen Professor mit Quellenbeleg.
    Da könnte es der Schüler doch mal krachen lassen =)

    Danke JSchmidt für Deine Hinweise.
    Der Taylor war wohl nicht der erste.
     

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