Ist Napoleon der Vollender oder Verräter der französischen Revolution?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von goldstückgießen, 4. Januar 2018.

  1. Hallo,
    ich bin in der 10. Klasse und muss eine Hausarbeit zu Napoleon machen.
    Die Frage für die Arbeit seht ihr oben.
    Ich soll diese Frage mithilfe des Werdegangs von napoleon und seiner Politik im Zeitraum von 1799-1806 beantworten.
    Ist Napoleon der Vollender der Revolution oder der Verräter?
    Dankii
     
  2. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Verrat ist ein sehr starker aber auch allgemeiner Vorwurf, den man näher begründen müsste.

    Die Errungenschaften der Revolution wie z.B. Gleichheit vor dem Gesetz sind ja - zunächst mal* - erhalten geblieben, und die schlimmen Auswüchse ("Die Revolution frisst ihre Kinder") beendet worden.

    * Man könnte ja schauen, ob und ggf. wann welche Errungenschaften wieder ausgehebelt wurden.
    Spontan fällt mir die Pressefreiheit ein.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zu einem Verräter fehlt mir, dass er sich einmal als Revolutionär profiliert hätte. Fouché z.B. könnte man als Verräter bezeichnen. Bonaparte hingegen hatte nie aus seiner Kritik an der Revolution einen Hehl gemacht - z.B. als er mal kommentierte, man müsse den mal wieder die Tuillerien stürmenden Pöbel einfach mit Kartätschen zusammen schießen.
    Verrat oder ein militärisches Fehlverhalten kann man Bonaparte vor allem in Ägypten nachweisen. Er ist ohne Befehl von dort geflüchtet und hat die Armee im Stich gelassen. Dass er dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, verdeutlicht die Unfähigkeit des Regimes in Paris sich durchzusetzen. Es hatte schon ehedem nicht vermocht die Siege Bonapartes in Italien in einem Kontext einer gesamtfranzösischen Strategie zu vermitteln. Dadurch ist Bonaparte schon 1797 wie ein Staatsmann aufgetreten und hat den Direktoren das Heft aus der Hand genommen.

    Die Frage, ob Bonaparte ein Vollender der Revolution war, suggeriert, dass diese klar definierte Ziele gehabt hätte. Das ist aber mitnichten der Fall. Die Revolutionäre hatten ganz unterschiedliche Schwerpunkte und Forderungen. Vieles was Bonaparte tat lief den Absichten führender Revolutionäre der Zeit bis zur Verfassung des Jahres 3 (1795) zuwider: Einschränkung der Pressefreiheit wie muheijo es schon nannte oder gar die Wiedereinführung der Sklaverei.
     
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  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der Französischen Revolution, als Teil der Aufklärung, die Zielsetzungen abzusprechen, wäre eigentlich eine Erklärung wert. Für mich ist diese Aussage absolut nicht nachzuvollziehen und ich wüßte auch nicht, dass selbst konservative Historiker dieses so pauschal getan haben, aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. In diesem Sinne: Die Pluralität der Vorstellungen einzelner Akteure (wenn es denn wirklich die zentralen gewesen sind), die Irrungen und Wirrungen politischer Ideologie und der Verirrungen der Durchsetzung der Revolution u.a. im Bürgerkrieg oder per Schafott, sind kein Argument, der Französischen Revolution "klar definierte Ziele" abzusprechen.

    Es gab zentrale Ziele dieser bürgerlichen Revolution, die ganz wesentlich dem Prinzip der Meritokratie in Frankreich zum Durchbruch verhalfen und die Privilegien durch Geburt - also den Adel - formal beendete und die Rolle der Kirche begrenzte. Ein Schritt, der symbolisch wichtig war für die weitere Universalisierung der Menschenrechte.

    Und mit der Meritokratie die Rechte des Individuums in seiner Entscheidungsfreiheit gestärkt wurde und damit einem Wirtschaftsliberalismus, der die kapitalistische Umgestaltung Frankreichs nach der napoleonischen Ära im Rahmen der Industriellen Revolution erleichterte, den Weg ebnete.

    Und deswegen ist folgendes Resümee nach wie vor m.E. richtig:
    Und damit ist es das Verdienst von Napoleon, als Realität, als Legende und als Mythos, um Tulard (S. 504) aufzugreifen, den Kern der Revolution, die Modernisierung der französischen Gesellschaft, vorangetrieben und konserviert zu haben. Und der Restauration der Monarchie in Frankreich für die Zukunft die Legitimität entzogen zu haben.

    Und es war gerade das Bürgertum, dass sich in der Folge - folgt man z.B. Tulard - restaurativen Tendenzen entgegenstellte, da diese auch die neuen Freiheiten des Bürgertums einschränkten und sie negative Folgen auch für ihre wirtschaftlichen Ambitionen befürchtete.

    Gerade auch die nachträgliche Mythenbildung wirkte im Rahmen eines populistischen Bonapartismus als objektiviertes subjektives Weltbild viele Franzosen (als nachträgliche positive Verklärung) weiter, der vom Charisma eines Mythos Napoleons getragen wurde und erst 1871 mit der "Commune de Paris" auch ideologisch seinen Abschluss fand.

    Tulard, Jean (1978): Napoleon oder der Mythos des Retters. Eine Biographie. Tuebingen: Wunderlich.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Januar 2018
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich bin zwar nicht Brissotin, aber so, dass er der Französischen Revolution abspricht, dass sie keine Zielsetzungen gehabt hätte, habe ich seinen Beitrag keineswegs verstanden. Er hat ja nur geschrieben, dass diese Zielvorstellungen nicht klar definiert waren. Dafür war sie auch viel zu heterogen, dafür hatte die Revolution zu unterschiedliche Phasen, zu unterschiedliche Akteure und Antriebskräfte. Fast alle Gebildeten in ganz Europa, und nicht nur dort blickten mit Faszination oder auch Schrecken, auf das, was sich in Frankreich abspielte, und viele Beobachter, darunter so unterschiedliche Charaktere wie Friedrich Schiller und Edmund Burke wendeten sich angesichts des Terrors davon ab, durchaus mit plausiblen Motiven. Keine Zielvorstellungen hatte die Revolution sicher nicht, eher wird man sagen können, dass sie in manchem daran scheiterte, dass sie sich nicht mit erreichbaren, maßvollen Zielen begnügte. Welche das waren, welche das hätten sein sollen, hätten sein können, darüber lässt sich trefflich streiten, auch über den Zeitpunkt wo sie eigentlich ihren Anfang und ihr Ende nahm. Bei der Einberufung der Generalstände? Beim Bastillesturm?

    Als das Volk die Bastille stürmte, hatte sicher selbst der Kühnste nicht daran gedacht, Ludwig XVI. und Marie Antoinette zu exekutieren. Eine gerechtere Einkommensverteilung, Mitbestimmung des 3. Standes, eine konstitutionelle Monarchie, bezahlbare Brotpreise und "Zuckererbsen, bis die Schoten platzen" wie Heinrich Heine sagte, damit wären die meisten zufrieden gewesen, und damit hätte es sein Bewenden haben können.
    Hatte es aber nicht. Auf dem Höhepunkt schien es, als ob alles möglich sein könnte, als ob man alles ändern könnte, selbst die Natur des Menschen. Die Französische Revolution war ein Jahrhundertereignis, das die Welt in die Moderne katapultierte. In der Retrospektive formulierte einer, der ein fast biblisches Alter erreichte, sagte Goethe: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen." Das wusste Goethe, der das Ancien Regime, das Direktorium, Napoleon und die Restauration erlebte, bei der Kanonade von Valmy 1792 natürlich nicht, das hätte keiner damals abschätzen können. Aber in der Retrospektive hatte er durchaus recht. Die Revolution, sie begann als eine Revolte und endete in einer Plutokratie und damit hätte es enden können, aber da kam ein Militärdiktator Napoleon- Hegel erschien er wie der "Weltgeist zu Pferde", der das alte Europa so gründlich aufmischte, dass es nicht wusste, wie ihm geschah. "Er atmete Preußen an, und Preußen hörte (beinahe) zu bestehen auf" schrieb Heinrich Heine, der Napoleon ein positives Andenken bewahrte. Kein Wunder, er führte die Emanzipation der Juden ein, machte sie zu gleichberechtigten Bürgern. Das wurden sie in Deutschland endgültig erst nach Bismarcks Reichsgründung 1870. Napoleon exportierte die Ideen die Aufklärung, ordnete Europa neu, bis sich diese Ideen gegen seinen Beherrscher wendeten. Als Beherrscher Europas ist er dann schließlich gescheitert, wie bisher noch jeder gescheitert ist, der sich an diesem Projekt versuchte. Aber so ganz austreten ließen sich die Ideen der Französischen Revolution auch nicht, als man beim Wiener Kongress die Uhren wieder zurückzudrehen versuchte, ganz so, als habe die Französische Revolution niemals stattgefunden.
    Die Erklärung der Menschenrechte, sie hatte Bestand, auch wenn sie letztlich eine Utopie blieb, vielleicht bleiben musste. Aber wie alle Utopien entfesselte sie gewaltige Antriebskräfte. Als man die Sklaverei wieder einführte- in den französischen Kolonien endete sie erst 1848- erhoben sich in Haiti die Sklaven, und es kam dort zu einem der zahlreichen Sklavenaufstände, der einer der wenigen war, der gelang. 1802 änderten sich zwar letztlich nicht die Herrschaftsverhältnisse, aber doch die der Herren, die die Herrschaft ausübten. Als Napoleon in Spanien einfiel, mischten Simon Bolivar und Jose´de San Martin das spanische Kolonialreich auf, brachten Südamerika mit den Ideen der Französischen Revolution die Unabhängigkeit.

    Wie war doch mal die Eingangsfrage? War Napoleon der Vollender oder Verräter der Französischen Revolution? Was für eine blöde Frage! Wer denkt sich so einen Schwurbelquark nur aus, um arme Pennäler damit zu quälen, als gäbe es nur die beiden Alternativen! Vollendet hat Napoleon die Revolution nicht, er hat sie beendet. Hätte er sie vollendet, wäre er vielleicht nicht auf Sankt Helena gestorben, und niemand würde sich erdreisten, ihn einen Verräter zu nennen. Es ist die Frage, ob er sie verraten hat. In gewisser Weise hat er die Ideen der Revolution von der Utopie in Realpolitik umgesetzt und hat ihr Geltung verschafft. So etwas hat natürlich immer etwas unschöne Züge: Pressezensur, Autokratie, Wiedereinführung der Sklaverei, Etablierung des modernen Polizeistaates mit einem Typen wie Fouché an der Spitze.

    Er hat aber auch moderne Rechtsstaaten geschaffen. Als Eroberer ist Napoleon letztlich gescheitert, nicht aber als Staatsmann. Seine Departements gibt es heute noch. Ebenso den Code Civil Napoleon. Der war im Rheinland gültig bis in den 1890ern das BGB eingeführt wurde. Im Grunde basieren fast alle modernen bürgerlichen Gesetzbücher nicht nur Europas auf Grundlagen, die im Code Civil entwickelt wurden. In Napoleons Staaten konnte man sogar aus der Kirche austreten, die Zivilehe wurde eingeführt, und erstmals waren alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Als 1813 einer von Napoleons Gegnern, Kurfürst Wilhelm I. von Hessen zurückkehrte, jubelte ihm das Volk zu, denn Napoleon und sein kleiner Bruder der "König Lustig" Jerome hatten sich unbeliebt gemacht, obwohl der Modellstaat des Königreichs Westphalen mit der Hauptstadt Kassel viele moderne Züge hatte. Der große Bruder in Paris hatte rücksichtslos auf die Ressourcen des Landes zurückgegriffen. 2012 kehrten anlässlich einer Ausstellung, die man Jerome widmete erstmals Kunstschätze zurück, die Napoleon 1806 hatte mitgehen lassen, und sie kehrten nach der Ausstellung auch wieder nach Paris zurück. Schlimmer noch, durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht mussten zahlreiche Hessen, Thüringer Westfalen und andere Deutsche in Kriegen kämpfen, die nicht die ihren waren. Sie wurden heftiger verheizt, als das je einer der im Soldatenhandel tätigen Landgrafen gewagt hätte. Aus Moskau und Spanien kamen nur Trümmer der westphälischen Armee zurück. Soldatenspielerei liebte Wilhelm I. von Hessen viel zu sehr, um seine Truppen so zu verheizen. Als er zurückkehrte, unter Jubel der Bevölkerung, die sogar für lau jubelte, machte er alles, aber auch alles rückgängig, was an die Revolution erinnerte. Er führte buchstäblich alte Zöpfe wieder ein. Im hessischen Militär wurde die Frisur aus der Zeit des Alten Fritz wieder Pflicht, aber die Justiz, die Napoleons kleiner Bruder reformiert hatte, die beließ Wilhelm, was letztlich auch für ihre Qualität sprach. Vorher hatte als Strafrecht noch die immer wieder reformierte Constitutio Criminalis Carolina aus der Zeit von Kaiser Karl V. gegolten. Es wurde moderne Prozessführung, Urteilsfindung auf Indizienbasis statt auf Geständnis, Qualifizierung des Justizpersonals, moderne Gendarmerie eingeführt.

    War Napoleon nun ein Verräter? Dazu lässt sich pragmatisch sagen, jemand, nach dem man edle Cognacs nennt, ohne sich lächerlich zu machen oder Proteststürme zu entfachen, wird man niemals einen Verräter nennen können, ohne Gegenwind zu bekommen. Bei Bismarck hat es nur zu einem Hering gereicht, und Hitler könnte man nicht auf Cognacetiketten kleben, selbst wenn der in Russland erfolgreicher, als Napoleon gewesen wäre.
     
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  6. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Wie verträgt sich dies mit der Kaiserkrönung Napoleons? War die Heirat mit Marie Luise nicht der Versuch, seine Familie in dem Kreis der "altehrwürdigen" Adelshäuser zu etablieren?
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Das ist natürlich ein Treppenwitz der Geschichte. Wenige Jahre nach der Abschaffung der Monarchie und der Hinrichtung des Königspaares wird Frankreich wieder Monarchie und Ehefrau des Empéreur Napoléon wird ausgerechnet Marie-Louise, die Nichte von Marie-Antoinette, der 1793 hingerichteten Königin.

    Allerdings war Napoléon nicht Kaiser a deo gratia wie die Bourbonen, sondern wurde nach einem Referendum zum Kaiser gekrönt a populo gratia (na ja, eigentlich krönte er sich selber, sozusagen Empéreur grâce à l'empéreur). Auch als Titel führte er den "Empéreur des Français" (Kaiser der Franzosen) im Gegensatz zum "Roi de France" (König von Frankreich) des Ancien Régime.


    Da muß ich doch an Lubitschs Film (Sein oder Nichtsein (1942) – Wikipedia ) denken. Einer der Protagonisten äußerte, dass nach Napoleon ein Cognac, nach Bismarck ein Hering benannt wurden und nach Hitler ein Harzer Käse benannt werden würde lol.gif .
     
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  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Auch hat er sich geweigert, auf dem Aachener Thron Platz zu nehmen. (Wobei er das natürlich auch eine Ablehnung allen Deutschens gewesen sein kann. Weiß jemand genaueres?)

    @Spirituosen: Als anständiger Märker hat der Eiserne Kanzler immerhin einen Korn.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    "Warum Napoleon" als Fortführung der Französichen Revolution? Vor ihm waren Dumouriez und La Fayette gescheitert und geflohen. Das waren, wenn man denn diesen Begriff wählen möchte, "Verräter".

    Der Aufstieg von Napoleon und sein Umgang mit dem Erbe der Revolution war das Ergebnis seiner revolutionären Gesinnung, seines Charisma, seines Opportunismus und vor allem durch das richtige Timig. Frankreich wollte, so teilweise die Sicht in der Literatur, die Erfolge der Revolution als "Gewinn" für die Gesellschaft realisieren. Und diesem Anforderungsprofil entsprach er zu dem Zeitpunkt am ehesten, wie gesagt auch als "Mythos des Retters". Und an dieser Legende wurde sehr früh "gebastelt".

    Anders Tulard (S. 163): "Zu diesen Gründen, die das "Memorial" aufzählt, ist die revolutionäre Vergangenheit Bonapartes hinzuzurechnen - seine Boschüre "le souper de Beaucaire" gegen die Girondisten, die seine jakobinistische Gesinnung reflektierte, seine Haltung bei der Belagerung von Toulon und danach im Vendemiaire und im Fructidor -

    Natürlich waren sie definiert, was nicht heißt, dass sie nicht dem politischen Konflikt unterlagen und dass sie durchaus - im demokratischen Sinne - einer Entscheidung durch eine Mehrheit unterlagen.

    Ansonsten sollte man nicht Ziele mit einzelnen Maßnahmen verwechseln.

    Es geht um die Veränderung der politischen Kultur in Frankreich nach der Revolution und um die Frage, wer die Träger dieser neuen Kultur waren. Und wie sich diese neue Klasse während der napoleonischen Phase und während der Restauration verhielt. In diesem Sinne schreibt Hunt: "Die neue politische Kultur, die für die Gleicheit der Bürger, für universalistische Werte und für die Beseitigung regionaler Privilegien eintrat....."(Hunt, S. 215) wurde von einer neuen politischen Klasse getragen.

    Und sie ist dann nach dem Niedergang Napoleon auch ein zentraler Gegenspieler zu den Intentionen der "Ultras".

    Und das ist der Hintergrund für meine Äußerung. Die Monarchie konnte in der nach-napoleonischen Phase nie wieder eine allgemein akzeptierte Position einnehmen. Nicht zuletzt weil es die Wiedereinführung von Privilegien bedeutet hätte, für deren Abschaffung sich diese neue Klasse und ihr Glaube an die Meritokratie eingesetzt hatte.

    Diese Veränderung der politischen Kultur ist ein Erbe der Revolution, die durch die napoleonische Ära zementiert wurde und Frankreich in seinen Konflikten bis in die Phase der "Volksfront-Regierung" von "Blum" bis zum WW2 geprägt hat.

    Hunt, Lynn (1989): Symbole der Macht, Macht der Symbole. Die Französische Revolution und der Entwurf einer politischen Kultur. Frankfurt am Main: S. Fischer.
    Tulard, Jean (1989): Frankreich im Zeitalter der Revolutionen 1789 - 1851. Stuttgart: DVA.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Januar 2018
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  10. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Na ja, erfunden hat der Napoleon nicht unbedingt alles, zB hat schon Josef II. Sondergerichte und die Privilegien des Adels vor Gericht abgeschafft.

    PS: Und zu Code civile, die Habsburger haben das ganze 18. Jhd am Zivilrecht gebastelt und nach 15 jähriger praktischer Erprobung als Westgalizisches Gesetzbuch 1812 das ABGB in ihren Landen eingeführt, und das gilt grundsätzlich heute noch. Es beruht auf römischen Recht wie auch der Code civil und das Zivilrecht der meisten europäischen Länder.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Januar 2018
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wirkliche Gleichheit vor Gericht ist natürlich auch eine Utopie, jeder der schon mal vor Gericht stand, weiß das. Ich sage ja auch nicht, dass alles völlig neu war, was Napoleon tat. In der Judenemanzipation ging Joseph II. weiter, als Preußens großer Friedrich, wo Juden für ihre Duldung bezahlen mussten, wo auch nur der älteste Sohn einen Schutzbrief erwerben konnte. Eine Persönlichkeit wie Moses Mendelsohn konnte trotz seiner Verdienste nicht Mitglied der Akademie der Wissenschaften werden. Der Göttinger Historiker Rudolf von Thadden war ein Bewunderer der Französischen Revolution, war aber auch der Meinung, dass der aufgeklärte Absolutismus in Preußen oder Österreich die Notwendigkeit einer Revolution überflüssig gemacht hätte. Von den Reformen Joseph II. mussten allerdings die meisten wieder zurückgenommen werden.
    Was die Judenemanzipation betraf, wird man wohl schon eingestehen müssen, dass da Napoleon weiter ging, als irgendein aufgeklärter Monarch oder eine Monarchin vor ihm das getan hatte. Joseph II. mag vielleicht Sondergerichte und Privilegien des Adels abgeschafft haben, die ständische Gesellschaftsordnung anzutasten, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Ich bin kein Jurist, aber im Vergleich des Allgemeinen Preußischen Landrechts mit dem Code Civil, erscheint mir ersteres tatsächlich mehr als eine Bastelei, verglichen mit der Reform und Gestaltung des Code Civils. Ein Parlament einzurichten, dessen Mitglieder von Staatsbürgern (Citoyen) nach dem gleichen geheimen Wahlrecht gewählt wurde, wäre weder Friedrich II., noch Joseph II., geschweige denn Katherina II. in den Sinn gekommen. Der aufgeklärte Absolutismus lässt sich mit dem Motto zusammenfassen alles für, aber nichts durch das Volk" Mir erscheint der Begriff des aufgeklärten Absolutismus ohnehin problematisch.
    Der Monarch mochte die Folter abschaffen, Pressefreiheit (vielleicht für den Kulturteil) einführen, und mit Philosophen korrespondieren, aber an den wirklichen Herrschaftsverhältnissen änderte sich herzlich wenig, mochte sich auch ein(e) Monarch(in) als Philosoph gebärden. In der Armee konnte weder in Österreich, noch in Preußen von einer Gleichheit zwischen Adel und Bürgertum eine Rede sein. Die Junker wurden schließlich gezwungen, die Macht der Krone zu akzeptieren. Als Ausgleich dafür wurde ihnen die Dominanz in der höheren Verwaltung und im Offizierskorps eingeräumt und gestattet, in ihrem eigenen Bereich weiterhin schalten und walten zu können wie sie wollten. Die Patrimonialgerichtsbarkeit wurde erst durch Napoleon beseitigt. Von einer wirklichen Abschaffung der Leibeigenschaft, von einer Bauernbefreiung war auch der absolute Absolutismus weit entfernt, wenn auch in einigen Gebieten wie Ostfriesland freie Bauern existierten und ein bedeutendes Maß an Emanzipation und Mitbestimmung erreichten. Dafür war die Lage in Schlesien oder Ostpreußen um so schlimmer, Friedrich selbst gab zu, dass die Lage der Bauern, außer auf seinen Domänen, der von Sklaven gleichkam, und mit graduellen Unterschieden galt das auch für die Österreichischen Territorien oder Russland, wo Katherina II. die Herrschaftsverhältnisse gar nicht hätte antasten können, wollte sie nicht riskieren, wie ihr Mann ermordet zu werden oder die Feindschaft des Offizierskorps zu riskieren und unfähig, eine Armee ins Feld führen können. In diesen Punkten konnte kein aufgeklärter absolutistischer Monarch mit den Errungenschaften der Französischen Revolution konkurrieren.

    Aber auch Napoleon wäre es natürlich niemals in den Sinn gekommen, die Macht mit dem Volk zu teilen. Er ergriff die Macht durch einen Staatsstreich, weil er der Stärkste war. Er machte sich zum Ersten Konsul auf Lebenszeit und schließlich zum Kaiser (Empereur). Die Annahme des Kaisertitel bedeutete einen universalen Anspruch auf politische Hegemonie. Könige und Fürsten von Geblüt gab es etliche, aber üblicherweise nur einen Kaiser, und dieser rangierte in der Hierarchie über Königen. Die Amerikanische und die Französische Revolution bedienten sich ausgiebig an Symbolen der Römischen Republik. Die Jakobinermütze glich dem Pilleus, einer phrygischen Kappe, die die Römer an den Saturnalien als Freiheitssymbol trugen. Napoleon kannte natürlich die römische Geschichte genau. Caesar war ermordet worden, weil man ihm die Etablierung einer hellenistischen Monarchie zutraute, Augustus aber ergriff als Princeps (Senatus) die Herrschaft, als Erster unter Gleichen, der gerade beanspruchte, die Republik wiederhergestellt zu haben. Augustus hatte als überaus brutaler Machtmensch seine Feinde und Widersacher beseitigt, dann aber die Pax Romana errichtet und dem Imperium eine lange Periode des Friedens und der Stabilität beschert. Es stellt sich die Frage, ob dies nicht ein extremer Widerspruch zu den Ideen der Revolution war. Ein Kind der Revolution war Napoleon aber schon. Niemals hätte er ohne sie diesen kometenhaften Aufstieg erreicht. Er mochte sich Kaiser nennen, aber ein Fürst von Geblüt war er damit noch lange nicht. Niemals hätten ihn die Monarchen des europäischen Hochadels als einen der Ihren akzeptiert. Allein seine Macht zwang sie, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, und das war nur solange der Fall wie er sie dazu zwingen konnte. Man betrachtete ihn als Emporkömmling und Usurpator. Immerhin erreichte er, dass schon sein Sohn aus der Ehe mit Marie Louise von seinem Großvater Franz I. zu einem Herzog von Reichstadt ernannt und akzeptiert wurde. Dynastisch gesehen wäre dann die Annahme des Kaisertitels und die Verbindung mit einer Prinzessin von Geblüt durchaus kein "Treppenwitz" wie Carolus sagte, sondern eine folgerichtige Entscheidung, die zumindest seinen Nachkommen in relativ kurzer Zeit den Eintritt in den exklusiven Club der Monarchen garantierte.

    Napoleon setzte als Monarch eine Reihe von Reformen und Errungenschaften der Revolution durch. Er erhob Marschälle und Generale zu Fürsten und Königen wobei Verdienste und nicht Geburt vorrangig waren. Die Nachkommen eines seiner Marschälle regieren seit 1818 als Könige von Schweden. So gesehen war die Verbindung Napoleons und die seiner Satrapen mit dem europäischen Hochadel nachhaltig, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn er sich mit dem Titel eines Konsuls begnügt hätte.

    Es ist aber auch festzuhalten, dass er despotisch regierte, dass seine Herrschaft tyrannische Züge trug. Den Völkern Europas erschien seine Herrschaft schließlich unerträglich. Jedenfalls mussten die Besiegten die Kosten für seine Kriege tragen, rücksichtslos griff er auf die Ressourcen der Satellitenstaaten zurück. Er belastete damit deren Erfolgsaussicht. Vieles im Königreich Westphalen, um nur einen der napoleonischen Satellitenstaaten zu nennen, war modern, war egalitär, war zum Nutzen der Bürger. Um aber die Verhältnisse zu konsolidieren, um die Besiegten auszusöhnen, hätte Europa dringend Frieden gebraucht. Was ich selbst und Thanepower geschrieben haben, ist zutreffend, bildet aber die retrospektive Perspektive des Historikers ab, der die Dinge vom Ende her betrachtet. Die Zeitgenossen hatten eine andere Sicht, und diese Sicht war natürlich stark von der Perspektive des Betrachters abhängig.

    Für einen Juden oder Polen war Napoleon ein Befreier von entwürdigenden Rechtsverhältnissen oder der Fremdherrschaft der Preußen, Österreicher und Russen. Die Herrschaft Napoleons und seiner Angehörigen und Satrapen wurde aber selbst zur Fremdherrschaft. Wer Französisch sprach, Gebildeter war, in gesicherten Lebensverhältnissen sich befand, der konnte wie Goethe das Kreuz der Ehrenlegion mit Stolz tragen. Gute Gesetze, Emanzipation und Bauernbefreiung, eine geordnete Verwaltung und die Etablierung moderner rechtsstaatlicher Verhältnisse konnten aber Einquartierungen und Erdrückung durch die Truppen Napoleons nicht aufwiegen. Spanien konnte er erobern, es zu beherrschen war er nicht in der Lage. Die Zeichnungen von Franciso Goya "Los Desastros de la Guerra", sie ähneln denen von Jaques Callot aus dem Dreißigjährigen Krieg, und sie sind durchaus authentisch. In Spanien hat Napoleon bis heute keinen guten Ruf. Die Spanier hatten ja auch durchaus ein moralisches Recht, die Soldateska zu bekämpfen, die in ganz Europa den Bürgern die Speisekammern leerfraßen, die Ernten wegnahmen oder vernichteten, ohne zu fragen, die sich bei den neuen Staatsbürgern einquartierten und ihnen die Weinkeller leerten und das Tafelsilber klauten. Bei Vergeltungsmaßnahmen, wenn oft durch "friendly fire" oder Missverständnisse französische Truppen aufeinander schossen oder aus irgendeinem Dorf ein Schuss fiel, wurden Geiseln genommen. Dem einen wurde der Vater erschossen, anderen die Schwester oder Mutter vergewaltigt, die Brüder zwangsrekrutiert und auf fernen Schlachtfeldern verheizt. Auf diese Art, konnten die Bürger nicht gewonnen werden, mussten sich die Franzosen unbeliebt machen und als Besatzer, als Unterdrücker erscheinen.

    Der Historiker Thomas Nipperdey schrieb einmal: "Am Anfang war Napoleon". Nipperdey meinte damit, dass das moderne Europa ohne Napoleon nicht denkbar ist. Er beendete die Französische Revolution und übernahm mit einem Staatsstreich die Macht. Er importierte die Ideen der Revolution und mobilisierte gewaltige Antriebskräfte auf politischen, militärischen, juristischen und kulturellen Gebieten. Diese Kräfte wendeten sich aber gegen ihn selbst. Unter dem Eindruck der Niederlage, des Untergangs des Heiligen Römischen Reichs begannen die Brüder Grimm damit, Märchen und Sagen zu sammeln, Wörterbücher zu erarbeiten, um den Eigenwert der deutschen Kultur zu betonen. Ihre Gewährsleute waren meist Damen der Kasseler Gesellschaft mit hugenottischen Vorfahren. Viele Märchen, die manche für urdeutsch halten, sind französischen Ursprungs Rotkäppchen, der gestiefelte Kater, Hänsel und Gretel und andere, stammen aus .
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  12. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Ich hab die verschiedenen Verdienste Napoleons nicht bestreiten wollen, ich wollt nur darauf hinweisen dass manche Sachen schon "in der Luft gelegen" sind.
    Btw: Was die Brüder Grimm betrifft, die waren nicht einfach "Märchensammler" sondern eher eine Art Wissenschaftler, zB "Irische Elfenmärchen" enthält eine ausführliche Beschreibung der traditionellen irischen Geisterwelt.
     
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    "Es bemerkt Hegel irgendwo, daß sich alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen das erste Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce" So äußerte sich Karl Marx in seiner Streitschrift "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte erschienen 1852, in der Marx den Staatsstreich Napoleons III. ironisch sarkastisch aufs Korn nimmt und mit dem seines Onkels vom 9. November (18. Brumaire des Revolutionskalenders) 1799 vergleicht.

    Insgesamt sind es dann aber doch gut 50 Jahre geworden (1815-1830, 1830-1848 und 1852-1870) in denen Frankreich im 19. Jahrhundert monarchisch regiert wurde von Vertretern der Bourbonen, einem Spross der Nebenlinie Orleans und dem Neffen Napoleons. Ganz sicher nicht "allgemein akzeptiert", war die Restauration der Bourbonen unter Ludwig XVIII. und Karl X. Louis-Philippe I. wurde auch gerne als Birne karikiert, und noch länger, als ein gewisses politisches Schwergewicht des 20. Jahrhunderts hat er sich halten können. Er genoss zeitweise recht große Popularität innerhalb des liberalen Bürgertums, nicht nur in Frankreich. Napoleon III. war ein gewiefter Populist, der sowohl über Rückhalt innerhalb der konservativen Landbevölkerung, aber auch in Kreisen des Besitzbürgertums verfügte. Addiert man die Regierungszeit des Sohns von "Philippe Egalité" und die von Napoleon III. sind das immerhin doch 36 Jahre, also etwa so lange wie die "Ära Adenauer" und die von Kohl zusammengenommen. Das ist doch schon eine ganze Menge.
     
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Dass sie die moderne empirische europäische Ethnologie/Volkskunde und Germanistik mitbegründet haben, hab ich doch geschrieben. Außerdem haben sie sehr große Verdienste für ihre rechtsgeschichtlichen Forschungen, schon allein für ihre Sammlung "Deutsche Rechtsaltertümer" verdienen sie Achtung, außerdem gehören sie zu den "Göttinger Sieben". Das waren 7 namhafte Professoren, die gegen die Aufhebung der 1833 eingeführten liberalen Verfassung protestierten, dafür riskierten sie nicht nur Gehalt und Pension-alle wurden entlassen, 3 von denen, Dahlmann Gervinus und Jacob Grimm wurden zusätzlich des Landes verwiesen. Kein Dozent der 1968er Bewegung hat solche Repressalien befürchten müssen.
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nunja. Während der Apo war die wehrhafte Demokratie deutlich sensibler - vor allem auf den linken Auge- und hat sich massiv und militant zur Wehr gesetzt. Im Rahmen des Radikalenerlasses. Wie hat es mich gereitzt einen aktuellen Bezug herzustellen :D

    Aber das ist eigentlich ein anderes Thema, wenngleich ein spannendes.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Radikalenerlass
     
  16. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Als 1813/14 der Kurfürst Wilhelm I. nach Hessen zurückkam, jubelten ihm die Leute zu, und sie taten es ehrlich und für lau. Wilhelm, der mal durchaus hoffnungsvoll als Regent begonnen hatte, indem er in Hessen endgültig die Folter verbat, da machte er alles, aber auch wirklich alles rückgängig, was Napoleon und Jerome Bonaparte an Reformen eingeführt hatten. in der hessischen Armee wurden "alte Zöpfe" wieder eingeführt und den Truppen die Frisur zur Zeit des Alten Fritz verordnet. Eines jedoch ließ der Kurfürst und das war das Justizwesen. Bis Napoleon kam, galt im Strafrecht immer noch die Peinliche Halsgerichtsordnung, die Constitutio Criminalis Carolina aus der Zeit Karl V. Die war immer wieder reformiert worden und die Rechtspraxis war besser, als sie heute klingt, zu Beginn des 19. Jahrhunderts war sie aber trotzdem zum Anachronismus geworden. Es wurde ein qualifiziertes Justizpersonal ausgebildet und eine Gendamerie gegründet. Die Westphälischen Justizbehörden beließ man Es wurden Geschworenengerichte und im heutigen Bundesland Hessen zwei große Gerichtshöfe in Kassel und Marburg gegründet. Die Reformen Jerome Bonapartes hatten Bestand bis Kurhessen 1866 von Preußen annektiert wurde. Auch Preußen verschwand von der Landkarte, die Gerichtsbezirke gibt es aber heute noch, das Landgericht Kassel und das Landgericht Marburg. Das spricht für die Qualität und Nachhaltigkeit der Justizreformen Napoleons.
     

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