Jugendbewegungen 20. 21. Jh

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Lisalu, 30. April 2020.

  1. Lisalu

    Lisalu Gast

    Hallo,

    ich soll Ursachen, Wirkungen und Folgen von Jugendbewegungen im 20. und 21. Jh darstellen.
    Sind meine Ideen gut oder habe ich was wichtiges vergessen oder falsch gemacht?

    Ursachen:
    • Abgrenzung/Unzufriedenheit/Ärger bzgl. Autoritäten, wie Erwachsenen oder gesellschaftlichen Konventionen
    • politische/wirtschaftliche/gesellschaftliche/kulturelle Fragen, Meinungen, Überzeugungen, Entwicklungen
    • Emotionen, wie Frust und Ärger
    • Sorge um Zukunft
    • Dynamik, Leidenschaft, Charakter der Jugend
    • keine Auslebungsmöglichkeiten gegeben: mangelnde sinnvolle Freizeitbeschäftigung, schlechte Wohnsituation, schlechte Lebensverhältnisse (Hunger, Armut, Gewalt)

    Wirkungen:
    • Zusammenschluss Gleichgesinnter, Gleichaltriger in sozialen Bewegungen (eher nicht instituational)
    • Organisation von Protesten, Gruppen usw.
    • kurzfristige Wirkung

    Folgen:
    • Gewalttaten, radikale Auseinandersetzungen, blutige Aufstände
    • friedliche/stille Aufstände, Proteste
    • Zusammensein der Gleichgesinnten: Ausweisung durch Tragen von Symbolen/Kleidung etc., Ausleben gemeinsamer Interessen wie Sport oder Musik, gemeinsame Lebensstile und Trends
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wir sind ja hier ein Geschichtsforum, insofern wäre es interessant, wenn du konkrete Beispiele benennen würdest, bei welcher Jugendbewegung du was genau beobachtet hast. Zudem scheint mir Jugendbewegung und Jugendsubkultur nicht hinreichend voneinander abgegrenzt. Zwar mag das eine das andere bedingen, doch erscheint mir eine Zugehörigkeit zu einer Subkultur eher ein Gefühl oder eine Selbstdefinition zu sein, wohingegen die Zugehörigkeit zu einer Bewegung ein organisatorisches Moment (wie locker das auch sein mag) zu sein. Der Wandervogel z.B. war eine Jugendbewegung, die durchaus auch von jugendsubkulturellen Selbstdefinitionen getragen wurde, ein Punk ist aber zunächst einmal ein Individuum, das einen bestimmten Musikstil mag und sich vielleicht auch im äußerlichen Aussehen dem anpasst, aber deswegen noch lange nicht Teil einer Bewegung (auch wenn die Hosen das in ihrer Punk-Zeit sangen: Früher war alles besser, früher war alles gut, da hielten alle noch zusammen, die Bewegung hatte noch Wut... - nun, da Johnny Thunders 1991 von uns gegangen sind, ist Andreas Frege von der Bürde, ein Punk zu sein, befreit (solange Johnny Thunders lebt, solange bleib ich ein Punk)).

    "Ursachen von Jugendbewegungen" - korrekt wäre Ursachen für die Entstehung von Jugendbewegungen
    "Wirkungen von Jugendbewegungen" - Was Jugendbewegungen bewirkten
    Folgen von Jugendbewegungen
    könnte man stehenlassen, vielleicht aber auch mal die Folgen für die die Jugendbewegten sich ansehen. Etwa wenn man sich die 68er ansieht (wenn man die im Ursprung denn als Jugendbewegung begreifen möchte), die heute vielfach diffamiert werden und zwar nicht nur die, die sich radikalisierten und kriminell wurden, sondern die "gesamte" "Generation" (absichtlich in zwei verschiedenen Anführungszeichen), oder die Edelweißpiraten, die teilweise bis in die 1980er jahre als "schwul" verschrieen waren. Die Folgen für die waren Verfolgung, Prügel und in extremen Fällen auch KZ und Erschießung.
     
  3. Lisalu

    Lisalu Gast

    Hi, ich habe die wichtigsten Jugendbewegungen mal kurz und knapp zusammengestellt. Habe ich das Wesentliche erfasst oder fehlt etwas? Danke!!


    Wandervogel-Bewegung, frühes 20. Jh.


    Soziale Herkunft:
    -GymnasiastInnen, Bürgerliche

    Ziele:
    -Wandern, einfaches Leben in der Natur, gemeinsame Freizeit, Gesundheit, Vitalität

    Mittel:
    -Schülerfahrten: Camping im Freien/Scheune, Selbstverpflegung, Musik, Tragen spezieller Kleidung/Farben und Wanderstock
    -Gründung Verein


    Jugendbewegungen des 21. Jahrhunderts
    Soziale Herkunft:
    -sämtliche Schichten

    Ziele:
    -gesellschaftliche und eigene Probleme beheben: z.B. Klima verbessern
    -auf sich aufmerksam machen
    -gegen Autoritäten streben

    Mittel:
    -Demos, Proteste, eigener Lebensstil



    Gemeinsamkeiten der Jugendbewegungen
    -Jugend als Hauptakteure: schließen sich zusammen
    -wollen etwas bewirken/haben ein Anliegen
    -Nachdenken über Themen, die für Jugend wichtig erscheinen: Politik/Gesellschaft/Wirtschaft/Kultur
    -Bewegungen sind spezifisch, kurzfristig


    1968er-Jugendbewegung
    Soziale Herkunft:
    -Studierende

    Ziele:
    -gg. Autorität Staat, gg. steife Gesellschaft + Wirtschaft (z.B. Kritik an Konsumleben, Rollen in Ehe), gg. traditionelle Autoritäten
    -partizipative Politik, Solidarität mit 3. Welt
    -autonomes Jugendzentrum in ZH

    Mittel:
    -Straßenschlachten, Demos, Proteste (u.a.Globuskrawall)


    1980er-Jugendbewegung
    Soziale Herkunft:

    -vermutlich bürgerliche Jugend

    Ziele:
    -Schaffung von Freiräumen/Treffpunkten außerhalb staatl. Strukturen
    -autonome Jugendzentren

    Mittel:
    -Jugendunruhen, radikale/rebellische Haltungen (u.a. Opernhauskrawall)
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es wurden Jugendbewegungen benannt und es wurden durchaus richtige Beobachtungen diesen Bewegungen zugeordnet. Allerdings unsystematisch.

    Im Prinzip ist generell festzuhalten, dass Jugend, als Phase des Lebenszyklus, ein relativ "junges" Konstrukt ist, das mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft einherging.

    Die Wahrnehmung von Jugend ging einher mit dem Versuch der Erklärung, was im Rahmen der Pubertät - die "Adoleszenzkrise" - passiert. Und wurde u.a. von Mannheim als Element seiner Wissenssoziologie als "Generationslagerung" präzisiert. Also das, was die bewußte Abgrenzung einer Generation von der vorhergehenden betrifft. Jede Generation macht während ihrer Sozialisation Erfahrungen, die sich von den Erfahrungen vorheriger Generationen unterscheidet. Und daraus resultieren neue Sichten, neue Werte und daraus resultieren u.a. die Generationskonflikte.

    https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0100_gen&object=context&l=de

    Damit ist zentral auf Konzepte der Jugendsoziologie, psychoanalytischen Ansätzen und vor allem auch auf die Entwicklungspsychologie (Piaget etc.) verwiesen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungspsychologie

    Damit wird erklärt, dass Jugendliche sich abgrenzen wollen, um u.a. ihre "Identität" zu finden. Das erfolgt u.a. im Rahmen von "Rollenmustern", in denen die Varianz von Verhaltenssytilen "ausprobiert" wird. Und dem jugendlichen Individuum eine Rückmeldung gibt über sich und seine Umwelt.

    Vor dieser Prämisse haben die konkreten historischen Ereignisse, den Jugendlichen unterschiedliche Formen angeboten, um sich als Individuum, in ihren "Peer-Groups" in größeren Gruppierungen zu bewegen. Um 1900 unterschieden sich die Rahmenbedinungen von 1920 oder auch von 1950 und machten unterschiedliche kollektive Handlungsmuster wahrscheinlich.

    Es kommt ein zweites Moment hinzu, das mit "Gelegenheitsstruktur" zu beschreiben ist (vgl. Collins, Opp und Tilly) Bewegungen können in dem Moment entstehen, zu dem an einem Ort zu einem Zeitpunkt eine ausreichende Menge an Menschen vorhanden sind. So sind in früheren Jahrhunderten Bauernrevolten oder Revolutionen entstanden.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Political_opportunity

    Diese Gelegenheitsstruktur hat durch die Rolle von Medien, ursprünglich Bücher etc., teilweise ihre intellektuellen Impulse erhalten und im mentalen Sinne die kollektive Mobilisierung bewirkt.

    Diese beiden Stränge zusammen bieten einen Zugang an, um zu verstehen, warum aus der Jugend "Kulturen" entstehen, die sich distinguieren und unter gewissen Umständen auch gegen vorherrschende politische Ideologie wehren.
    _______________
    Opp bietet eine breite Übersicht über unterschiedliche Erklärungsansätze.

    Collins, Randall (2008): Violence. A micro-sociological theory. Princeton: Princeton University Press
    Opp, Karl-Dieter (2009): Theories of political protest and social movements. A multidisciplinary introduction, critique, and synthesis. London, New York: Routledge.
    Tilly, Charles (2003): The politics of collective violence. Cambridge, New York: Cambridge University Press
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Mai 2020
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  5. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Nach meinem Eindruck ist das Werk von Siegfried Bernfeld für die Jugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts sehr aussagekräftig. Spannend ist, dass Bernfeld sowohl als "Führer" mehrerer Jugendbewegungen als auch als psycho- und sozialwissenschaftlicher Theoretiker in Erscheinung tritt.
    Als wesentliche Ursache u.a. sah Bernfeld die "gestreckte Pubertät" des Bürgertums. Während Arbeiterkinder nach 8 Pflichtschuljahren direkt ins Erwerbsleben wechselten, ergaben sich für die Akademikerkinder noch Jahre der Bildung und selbstbestimmten Freizeit.
     
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  6. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Da wollte ich schon halb empört bemerken, dass die Pfadfinderbewegung überhaupt nicht erwähnt wurde... Ich habe aber innegehalten, da ich mich nun selbst frage: Ist es überhaupt eine Jugendbewegung? Sicher, es ist eine Organisation für Jugendliche, Gründer aber ein Erwachsener, also jedenfalls ursprünglich keine Organisation von Jugendlichen.
    Wie seht ihr es?

    Gruss, muheijo
     

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