Julikrise/Kriegsausbruch

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von juli-kri, 4. September 2014.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hätte, hätte, Fahrradkette.

    Bis zum Ultimatum ÖUs und selbst in dessen Verlauf ist in Großbritannien die krisenhafte Eskalation und Kriegsgefahr nicht erkannt und daher unterschätzt worden.

    Die Eskalationsrunden Blankoscheck, etc. liefen (in erster Linie in den Staaten der drei Cousins) verdeckt ab. Die offen getragenen Eskalationen folgten mehr oder weniger den diversen Kriegskrisen zuvor.

    Mglw. wäre - hätte, hätte... - Großbritannien tatsächlich der einzige Player gewesen, der mit einem kraftvollen Auftritt und einem bündnispolitische Allesodernichts die Kriegstreiber zur Zurückhaltung und Räson gebracht hätte.

    Mit viel Phantasie ist da einiges denkbar, an weiß es nicht. Diese massive Strategie haben Grey&Co. nicht verfolgt, zunächst aufgrund von Fehleinschätzungen und fehlenden Informationen, sowie verdeckten Karten der kriegslüsternen Fraktionen.
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Hast Du Dich mit der sehr kurzen Phase beschäftigt, in der eine Mehrheit des Kabinettes von einer "contra" Position zu einer "pro" Position gewechselt ist. Die Vermutungen von "Franz-Ferdinand" zur Entscheidungsfindung bzw. den Machtverhältnisse im Kabinett waren nicht so simpel, wie es seine Annahmen vermuten lassen.

    Gerade die britische Sicht ist kürzlich ausführlich dargestellt worden, vgl. die letzten Beiträge aus 19

    https://geschichtsforum.de/thema/ha...angriff-auf-belgien-beigestanden.28474/page-3

    Die Phase in den letzten Juli/August-Tagen gehört zu dem Aspekt der ultra-kurzen Wege in den Krieg und beleuchtet vor allem das Versagen der Kommunikation zwischen den wenigen beteiligten Akteuren. Und die extreme Beschleunigung in der Entscheidungsfindung und die "schlechte Qualität" der getroffenen Entscheidungen. Auf allen Seiten ging man von absolut falschen Blaupausen zum Krieg aus, die sich schnell verflüchteten. Wie GB - lediglich - Anfang August 1914 von einem Handelskrieg mit Beteiligung der RN, ergänzt durch 2 Divisionen im Rahmen der BEF ausging.

    Und wenn man schon bei "Wenn" und "Hätte" ist, es gab sehr viele Optionen, noch viel entschiedener die "langen Wege" in diesen Krieg in eine noch kooperativere Richtung zu intensivieren, wie bei Silesia angeklungen.

    Und es ist ja gerade die Absurdität des Jahres 1914, dass die grundsätzlichen Signale aus Frankreich oder Deutschland eher in Richtung auf Kooperation deuteten und das Wahlergebnis in Frankreich hätte eigentlich eine Verstärkung der Annäherung erwarten lassen können.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. September 2019
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  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied



    In letzter Instanz könnte man hier bemerken, dass die Zentralmächte letztendlich den Konflikt ja selbst in dem Moment nicht scheuten, als sich die britische Intervention abzeichnete.
    Mit dem "Halt-in-Belgrad-Szenario" gab es ja immerhin noch eine Denkfigur, wie die Angelegenheit in letzter Instanz noch zu stoppen gewesen wäre. Ob sie tatsächlich die Lage noch hätte entschärfen können, ist eine andere Frage, aber wenn man den Konflikt mit Großbritannien um jeden Preis hätte verhindern wollen, würde ich meinen, hätte sich in diese Richtung wohl etwas mehr Engagemrnt angeboten, mindestens sollte man ds erwarten.

    Im Hinblick auf etwaige Ankündigungen der britischen Seite, musste man auch so zu jedem Zeitpunkt davon ausgehen, das bei einem Verletzen der belgischen und luxemburgischen Neutralität reale Interventionsgefahr besteht und bei einem Krieg gegen Frankreich und Russland hatte man sich von deutscher Seite her einmal auf den West-Plan festgelegt und damit war die Verletzung dieser Territorien beschlossene Sache. Verglichen mit dem ursprünglichen Schlieffenplan, war das in dieser Hinsicht ja noch die Lightversion

    Dann kommt in der Auslegung deiner Ausführungen noch ein anderes Problem zum tragen, nämlich das den Franzosen Serbien zwar herzlich egal sein konnte, aber Russland nicht.
    Selbst wenn Paris die serbische Angelegenheit links liegen gelassen hätte, wäre für Frankreich eine deutsche Kriegserklärung an Russland der casus foederis gewesen , weil bei den europäischen Bündniskonstellationen, nach denen für Frankreich an Österreich-Ungarn als Bündnispartner nicht heranzukommen war und man sich im offenen Gegensatz nicht nur zu Deutschland sondern auch zu Italien (Nizza, Korsika, Tunis) befand. man von französischer Seite her Russland als einzigen starken kontinentalen Verbündeten nicht untergehen lassen konnte, daran hing die eigene Position als Großmacht ersten Ranges für die Franzosen.

    Ob die Briten das verletzen der belgischen Neutralität als solches hätten hinnehmen können, sei dahingestellt, aber eine deutliche Kräfteverschiebung auf dem Kontinent in Richtung einer längerfristigen deutschen Hegemonie, war definitiv nicht im britischen Interesse und soviel musste auch Berlin und Wien klar sein.
    Die einzige theoretische Option Krieg gegen Frankreich zu führen und Großbritannien da vollständig heraus zu halten, wäre gewesen den Briten glaubhaft zu machen, dass man keine Veränderung des kräftemäßigen Status Quo in Europa anstrebte. Das versuchte man ja auch, in dem man Erklärungen über die Wiederherstellung Belgiens und Luxemburgs nach dem Krieg abgab, aber wer sollte diese Erklärungen allein glauben?
    Zumal bedenkt man die antideutsche Stimmung im Empire und Teilen des Kabinetts.

    Insofern hätte ein Ausschließen von Hilfe für Frankreich im Falle einer französischen Agression den britischen Interessen auf die Füße fallen können, wenn Frankreich diesen Krieg verloren hätte.


    Die Bündnissituation sicherlich, aber die Interessenlage nicht und an der Stelle sollte man sich einfach bewusst machen, das sich in Ersterer letztere manifestiert und dass das Bündnissystem keine grammatische Konstruktion der Vertragswerke oder informellen Absprachen (im Sinne der Entente) zum Selbstzweck ist, sondern die Angelegenheit durchaus teleologisch einem bestimmten Zweck zuläuft.

    Bedenken wir hierbei auch, dass britische Bündnissystem (wenn man so will) war durch die zeitgleiche vertragliche bzw. faktische Verbindung auf verschiedenen Ebenen zu einerseits Russland und anerereseits Japan in sich wiedersprüchlich.
    Russland hatte drei theoretische Stoßrichtungen in die es seine expansiven Energien lenken konnte.

    1. Richtung West, Balkan, Osmanisches Reich und Österreich-Ungarn.
    2. Richtung Süd, Persien, Indien, Afghanistan, Tibet.
    3. Richtung Ost, Mandschurei, Korea, Mongolei.

    Das Funktionieren der Trippelentente, setzte dabei strukturell vorraus, dass sich die Russen auf den westlichen Schwerpunkt festlegten, weil nur dieser Schwerpunkt die Blockbildung innerhalb Europas in dieser Weise aufrecht erhielt.
    Bei einem anderen Schwerpunkt würde sich der russische Konflikt mit Österreich-Ungarn entschärfen, womit der Wert Frankreichs als Bündnisparnter für Russland gering gewesen wäre, was das Bündnis in Frage gestellt hätte.
    Ein Fokus in die anderen Richtungen hätte sämtliche Einigungen Russlands mit Großbritannien in Frage gestellt oder aber die Briten vor die Entscheidung gestellt sich zwischen Russland und Japan als Partner zu entscheiden und den jeweils anderen künftig gegen sich zu haben oder beides.

    Der West-Fokus der Russen konnte aber nur dann aufrecht erhalten werden, wenn Frankreich als Gegengewicht zum Dreibund als Großmacht unversehrt erhalten blieb. Ansonsten hätte sich Russland in Richtung Westen alein gegen den Block der Zenralmächte behaupten müssen und den Versuch hätte es gar nicht unternehmen brauchen um zu wissen, dass das nicht funktionieren würde.

    Insofern war die Erhaltung Frankreichs nicht nur conditio sine qua no für die kontinentale Machtverteilung und die Verhinderung einer Hegemonie innerhalb Europas, sondern für die gesamte britische Außenpolitik überhaupt.


    Es hätte aus den angeführten Gründen sich eine Schwächung Frankreichs in dieser Konstellation nicht leisten können, gleich wer sie lostrat, wollte es seine globale Politik nicht vollkommen neu ausrichten und vor den Trümmern seines alten Systems stehen.
    Gedenkt man der Tatsache, dass man ja nicht mit einem Jahrelangen Abnutzugskrieg rechnetet, der das europäische Mächtesystem vollkommen umstürzen würde, sind diese Bdenken auch verständlich, denn wäre man im bestehenden System auf Grund mangelnder Tragbarkeit/mangelndem Nutzen der Abkommen Frankreich und Russland gezwungen gewesen sich mit den Zentralmächten zu arrangieren, hätten diese die Bedingungen diktiert.

    Insofern hätten die Briten so eine Haltung Frankreich gegenüber verbal einnehmen, aber kaum durchhalten können.

    Was widerrum die deutsche Seite angeht, hier musste man nicht unbedingt darauf setzen die Briten vollständig aus dem Konflikt heraushalten zu können.
    Man hätte sie nur so lange heraushalten müssen, bis man in der Lage gewesen wäre Frankreich einen entscheidenden Schlag zu versetzen, was die Briten dazu hätte bringen müssen ihre Intervention zu überdenken oder diese hätte stattgefunden, möglicherweise aber keine ausschaggebende Wirkung mehr im Westen gehabt.

    Auch vor dem Hintergrund fraglich ob ein schärferes Warnen Deutschland tatsächlich zum Einlenken gebracht hätte oder man hier darauf gesetzt hätte die britische Intervention so lange hinauszögern zu können, bis sie ihre Wirkung einbüßen würde.

    Ich sehe einen einzigen Schritt, den die Briten (allerdings nur im Zusammenspiel mit der belgischen Regierung) theoretisch hätten gehen können um Deutschland präventiv in die Parade gefahren und dass wäre die vorzeitige Sicherung der belgischen Neutralität durch Truppenpräsenz gewesen.
    Man hätte versuchen können die belgische Regierung dazu zu bringen wegen des sich anbahnenden Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich Großbritannien als dritte vertraglich Garantiemacht anzuhalten die gegebene Garantie durch Entsendung von Expeditionstruppen einzulösen.
    Die britische Expeditionsstritmacht im Raum östlich Brüssel, noch vor Abschluss des Aufmarsches, hätte die Deutsche Seite durch völliges durchkreuzen des Zeitplans viellicht zu einem Rückzieher gebracht, aber das sind theoretische Gedenkenspiele.

    Wie ich das sehe, hätte die Demonstration Frankreich im Zweifel beizustehen, allein die deutsche Seite nicht unbedingt entscheidend geschreckt. Dazu hätte es wahrscheinlich eher der Demonstration bedurf Frankreich augenblicklich, wenn es zum Krieg kommt beistehen zu wollen und zu können.
    Das widerrum hätte bei aller Antipathie gegen Deutschland aber mitunter in der öffentlichen Meinung in Großbritannien zu Problemen führen können, weil das wiederrum beinahe den Charakter eines Blancosheks für Frankreich gehabt hätte und man daraus hätte schließen können, dass das Feld der diplomatischen Aktionen Großbritanniens ins Schlepp der französischen Politik geraten sei, was wiederrum die Entente sicherlich nicht besonders populär gemacht hätte.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist gerade das Problem: Entscheidung unter Unsicherheit, und lediglich ein skaliertes "Abzeichnen".

    Dieser Risikokurs basierte auf der deutschen Annahme, Großbritannien "irgendwie" aus dem Krieg heraushalten zu können, bis der eine Teil des Zweiverbands F-RUS in der "plangemäßen" Kurzkampagne die Waffen streckt.

    Die Annahme war andererseits selbst Teil der Strategie, mit einer vorsätzlichen Eskalation den "Ring" aufbrechen zu können, ergo: die sich abzeichnend verfestigenden Bündnisse gegen den deutschen Machtblock mit dieser Politik in Stücke zu brechen. Dass man GB raushält (raushalten kann), würde - bei Kriegsvermeidung in letzter Minute - anschließend dafür sorgen, die Interessenten auseinander zu treiben.

    Dieses (deutsche) Vabanque-Spiel hatte keinerlei politische oder militärische Antwort auf die Frage, was im Fall eines Kippens der britischen Linie im Hinblick auf Beistand und Kriegseintritt erfolgen sollte. Wie Lambert gezeigt hat, war für die ökonomiefixierten Briten - mit dem Megatrumpf Blockade in der Hand - kaum vorstellbar, dass das Deutsche Reich es zum Äußersten treiben würde und den Verbündeten ÖU an der langen Leine den Krieg mit Russland losbrechen läßt.
     

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