jungfräuliche Gottheiten - wieso wurde Jungfräulichheit so hoch geschätzt?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Altertum" wurde erstellt von Angrivarier, 29. April 2008.

  1. Wofür stand das Bild der Jungfrau eigentlich in der Antike? Warum ist es so wichtig? Warum teilweise auch heute noch? Warum wird Jungfräulichkeit mit ritueller Reinheit assoziiert. Könne der Jungfräulichkeitsmythos (der sich sicherlich in vielen Kulturen findet) ein sehr archaischer Mythos sein, aber was bedeutet er eigentlich? Die Jungfrau steht ja geradezu im Gegensatz zur Muttergöttin. Sie bildet den Gegensatz zu Fruchtbarkeit. Sie verkörpert vielleicht das "Geistige" und weniger das "materielle Leben".
     
  2. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    ein interessanter Aspekt, gewisse Paralellen zu Pallas Athene Athene – Wikipedia liegen nahe, einen Einfluss der griechischen Gedankenwelt sozusagen als damals moderne Korrektur auf die nahöstlichen Religionen könnte vermutet werden.
    Gleichzeitig auch eine "Abschwächung" des unabhängig weiblichen/mütterlichen Aspekt durch Aufwertung des geistigen/männlichen Anteils und eine Anpassung auf patriarchalische Religionsmuster.
    Deswegen würde ich den "sehr archaischen Mythos" nicht vermuten.

    Vielleicht könnte man untersuchen ab wann und wo die Hochschätzung der Jungfräulichkeit einsetzte?
    M.W. ist dieses Phänomen auch heute nicht weltweit verbreitet.
     
  3. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    - Jungfräuliche Sklavinnen erzielten in der Antike einen deutlich höheren Preis.
    - Wenn Aphrodite aus ihrem morgentlichen Bad steigt, ist sie wieder "wie neu"; offenbar ist dieser Zustand positiv besetzt...
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das hat die jüdische Tradition aber auch eigenständig: Susanna im Bade.
     
  5. Astarte/Athene als Kultgottheit (ob sie zusammenhängen?) ist denke ich interessant. Eine genaue Meinung habe ich mir nicht bilden können, daher überfallsmäßig:

    Tempelprostitution in Karthago/Phönizien
    Isis-Kult?
    Vestalinnen?
    Die griechischen Frauenoral z.B. Delphi

    Die jungsteinzeitlichen Muttergottheiten? Alles sehr spekulativ meinerseits. Aber das sollte aus dem christlichen Strang dann raus. Vielleicht ein neues Thema eröffnen, wer möchte.

    Doch, das ist heute weltweit verbreitet (Polynesien muss anders gewesen sein), aber in vielen Kulturen spielt die Jungfräulichkeit der Braut eine vitale Rolle.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 30. April 2008
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht deshalb, weil Väter gerne ihre eigenen Kinder versorgen und nicht die eines Nebenbuhlers?
    (...)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 30. April 2008
    1 Person gefällt das.
  7. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Aphrodite soll von der ursprünglich ansässigen Bevölkerung ins griechische Pantheon übernommen worden sein. In der griechischen Götterwelt findet man ohnehin ein Nebeneinander aus verschiedenen Religionsapekten, wahrscheinlich ähnlich den Hethitern, im Polytheismus ist ein religiöser Bewußtseinswandel leichter zu vollziehen. Aus heutiger Sicht ist das verwirrend weil uns die verschiedenen Götter statisch nebeneinander zu stehen scheinen. Damals wird es aber eher "Moden" gegeben haben. Der eine Gott stieg im Ansehen z.B. Apollon, Dyonisos, die älteren Götter wurden nicht verteufelt sondern gerieten in Vergessenheit.
    Aber zurück zu den Jungfrauen @deSilvas Aphrodite, die wie neu dem Meer entstieg (ich glaube das Meer ist nicht unwichtig Aphrodite – Wikipedia) könnte auch ein Überbleibsel aus der frühbäuerlichen Jahreszyklenreligion sein mit dreifacher Muttergöttin Kore, Demeter, Persephone, wobei im Frühjahr die Göttin wie neu aus der Unterwelt/ Winter zurückkehrt und neue Fruchtbarkeit bringt, die Jungfrau wurde daher besonders geschätzt. Diese "Dreifaltigkeit" gab es in vielen Religionen.
    Ohne es jetzt belegen zu können, es gibt Kulturen, wo nur Frauen, die bereits ihre Fruchtbarkeit unter Beweis gestellt haben, geheiratet werden/wurden. Soll es in bäuerlichen europäischen Regionen vor nicht allzulanger Zeit auch gegeben haben und ist auch naheliegend, denn "welcher Bauer kauft die Katze im Sack"




    Sicher ist das der Hauptgrund, dann sollte im Zeitalter des Gen-Vaterschaftstest dieser Brauch bald aus der Mode kommen:autsch:

    Eine andere Erklärung ist aber sehr spekulativ: könnte diese Wertschätzung der reinen Jungfrau nicht auch eine Antwort /Reaktion auf eine verheerende Epidemie / Seuche sein, Geschlechtskrankheiten gibt es ja auch nicht erst seit gestern.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dazu müsste man erst mal erkannt haben, dass eine Geschlechtskrankheit eine Geschlechtskrankheit ist.
     
  9. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

  10. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Meiner Meinung nach sollte die antike Jungfräulichkeit die "Mannhaftigkeit" einer Frau zum Ausdruck bringen, auch wenn das paradox klingt. (Auch die frühchristliche Sicht auf die Jungfrau betonte ja deren Märtyrercharakter.)

    Belege hierzu bilden die Jägerinnen: vor allem die Göttin Artemis, die mit ihren Nymphen (gleichfalls Jungfrauen) durch den Wald zieht und gelegentlich Unheil stiftet, sofern man sie beim Bad betrachtet (wie der unglückselige Aktaion).

    Dann aber auch Atalante (Atalante – Wikipedia), eine arkadische Heroine, die ebenfalls als Jägerin ein freies und keusches Leben führt. Bekannt ist die Geschichte der Bewerbung von potentiellen Heiratskandidaten: sie müssen mit ihr um die Wette laufen, verlieren üblicherweise und werden dann von ihr getötet - bis endlich Hippomenes auftaucht, sie mit Aphrodites Hilfe bezwingt und ihre Liebe gewinnt.

    Das Motiv der Jagd ist eigentlich Domäne der Männer; Mädchen wurden auch schon in archaischen Zeiten, nicht nur in klassischer Zeit, zu Hause gehalten (s. Hesiod oder auch die Odyssee). Das Motiv der jagenden Jungfrau könnte daher eine Alternativsicht der Frau ganz jenseits der üblichen Fruchtbarkeitsideen ausgebildet haben. Dabei ist die Doppelnatur der Artemis rätselhaft: als Artemis Ephesus (ich meine die mit den vielen Brüsten) ist sie ja gleichzeitig auch Fruchtbarkeitsgöttin!
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nicht Stierhoden?
     
  12. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Ich habe nachgeguggelt: Sie heißt ja Artemis Ephesia, und hier ist ihr Bild http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b7/Artemis_Ephesos.JPG

    Stierhoden - Brüste? Irgendwie sehen sie eher wie Zitronen aus ;) An einer Frau vermutet man natürlich nicht unbedingt Stierhoden. Wenn aber Hoden, dann würde das meine Mannhaftigkeits-Theorie sogar unterstützen.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nur öffnen, wenn der Anblick von Innererein kein Problem darstellt.
     
  14. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    die Artemis Ephesia führt aber eher zu den Muttergottheiten zurück, da sie in Anatolien entstand, es gibt eine Vorgängerin auf deren Namen ich grad´nicht komme.

    Könnte es die Diskussion weiterbringen, wenn man die Begriffe Jungfräulichkeit und Reinheit voneinander trennt?
    Die Reinheit taucht m.E. erst mit Maria auf, ich kenne die jüdische Susanna im Bade nicht, werde aber später danach suchen, nach Gartenarbeit, bei der ich schmutzig werde und Dusche.:grübel:
     
  15. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Dann reinige dich erstmal!^^

    Sehr richtig, das mit der Trennung. Beim Reinheitsgedanken würde ich widersprechen: er entstand in der Spätarchaik (oder sogar noch früher) in den Mysterienkulten, allen voran den von Eleusis. Aber das Thema "Jungfrau" ist älter wie auch die entsprechenden Gottheiten, Nymphen und Heldinnen; daher meine ich, dass der angeführte Gedanke der areté ursprünglicher ist. Tatsächlich würde die Jungfrau als kulturelle Schablone ansehen, in die man in späterer Zeit - Römer, frühen Christen - ganz neue Funktionen eingepflanzt hat.
     
  16. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Nochmal einen Nachtrag zur Einheit von Reinheit und Jungfräulichkeit, @rena8. Das habe ich vielleicht falsch verstanden: tatsächlich gab es zwar den Gedanken der Reinheit schon früher, aber die Verbindung von Jungfräulichkeit + Reinheit mag wohl eine späte Entwicklung sein. Ich kenne auch kein Beispiel bei den Griechen, wo man "die reine Jungfrau" gepriesen hätte (das muss allerdings nichts heißen).

    Noch etwas zur (attischen) Artemis.

    Die nämlich spielt für die Betrachtung der griechischen Jungfräulichkeit eine bedeutende Rolle, denn ihr waren die jungen Mädchen in Athen geweiht, die dort Bärinnen (arktoi) genannt wurden. In früherer Zeit sollen die Mädchen ab 9 Jahren in den Dienst der Artemis eingetreten sein (nach der Hymne an Artemis des Kallimachos, Zeile 170ff, s. hier: Classical E-Text: CALLIMACHUS, HYMNS 1 - 3), später nur noch eine ausgewählte Schar. Wenn mich nicht alles täuscht, taucht dieser Begriff der Bärin auch bei Aristophanes auf, ich glaube in der Lysistrata. Zu diesem Weiheritual gab es auch das Fest der Brauronia zu Ehren der Artemis von Brauron, das alle 5 Jahre stattfand und eine Art Initiationsritual für die athenischen Jungfrauen darstellte. Die Brauronia wurden auch - naheliegend - Arctea genannt (Arctea)
     
  17. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Die heute morgen gesuchte anatolische "Vorgängerin" der Artemis Ephesia ist Kybele, wahrscheinlich ist Vorgängerin eine irreführende Bezeichnung, da Kybele in römischer Zeit wie der Mithras-Kult eine Renaissance erfuhr.
    In Wiki ist jedenfalls von weit verbreiteter Lavatio die Rede
    Kybele- und Attiskult – Wikipedia
    Der Sinn dieser weit verbreiteten lavatio – auch in Athen wurde Athene im Meer und in Germanien die Mutter Erde Nerthus in einem See gebadet – ist rätselhaft


    Artemis ist aber andererseits mit ihrem Bruder Apoll auch ein duales Götterpaar, vielleicht ein zwittriger Gott, sie ist auch Helferin bei Geburten.
    Die jagende Jungfrau Atalante erinnert an Brunhild, ebenso an die Amazonensagen.
    Könnte die Jagd und auch der Bär als Totemtier auf mesolithische Muster schließen lassen.
     
  18. Friedrich II.

    Friedrich II. Neues Mitglied

    Verzeihung für meinen Fehler vor einem Jahr (Unbefleckte Empfängnis). ich habe dieses Thema eingehend untersucht und kam zum Entschluss, dass Maria den besonderen Titel der Jungfrau erhielt, da ein besonderer Mensch (Jesus) geboren wurde und man diese Besonderheit metaphorisch auch auf die Mutter (mit einem Ehrentitel) anwendet. Mich würde nun jedoch interessiern, ob das 1. Mariendogma der "Immerwährenden Jungfräulichkeit Mariä" auch in der protestantischen Kirche gilt, da das Internet mir keine eindeutigen Antworten liefert. Dort heißt es, dass das Dogma von den Kirchenreforemern Luther, Calvin und Zwingli vertreten wurde, es jedoch heute von der prot. Kirche nicht mehr vertreten wird.:grübel:
     
  19. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Auf meiner Liste steht die Ausgangsfrage nach den Gründen für die Wertschätzung der Jungfräulichkeit bzw. der Jungfrau (virgo intacta) noch mit einem Bein in der "unerledigt"-Spalte.:devil: Dass es diese Wertschätzung in bestimmten kulturellen Milieus gab, dass das "wie neue" an Aphrodite "positiv besetzt" war, steht zwar außer Frage - aber warum?

    Anderswo gab es, so bereits rena8, diese Wertschätzung nicht. Ihre Hypothese, es
    ist mir sympathisch, aber ich weiss darüber zu wenig, vor allem was die folgende "neue Fruchtbarkeit" betrifft. Durch welche (archaischen, vorwissenschaftlichen) Erwägungen könnten die Zusammenhänge hergestellt worden sein?

    Die JJ als männlicher Jäger ehrenhalber - auch das gefällt! Ich wäre sofort überzeugt, wenn sich auch ein entprechender Kult bezüglich des "unbenutzten" (neuen) Mannes/Jünglings nachweisen ließe - weil das aber nicht der Fall ist (oder?), bleibt nur wieder die Nachfrage.
     
  20. askan

    askan Neues Mitglied

    Es gab so einen ähnlichen Kult, aber der Jüngling endete später sehr blutig an einer Pinie.
    Sein Tod war wichtig, er mußte in die Unterwelt gehen, um das Leben in die Welt zurückzuholen.
     

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