Kalender mit durchgehenden Jahreszahlen

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von balkanese, 9. Oktober 2014.

  1. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Ich bin grundsätzlich mit julianischem und gregorianischem Kalender vertraut, weiß aber nicht wann in Europa deren Verwendung in welchem Umfang tatsächlich Verbreitung gefunden hat.
    Besten Dank
    Martin
     
  2. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

  3. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Danke für den hinweis, mir gehts aber eher nicht um die Umstellung von julianisch zu gregorianisch sondern um die tatsächliche Einführung von fortlaufenden Jahreszahlen anstelle anderer Zählweisen beruhend auf Herrschschaftszeiten oder solchen Dingen, wir schreiben heute 9. Oktober "2014" und nicht 9. Oktober "Merkel III/2", aber seit wann ist das allgemein verbreitet?
     
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 9. Oktober 2014
  5. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Ich hätte Spaß daran, die Frage mal ausführlich gemeinsam zu erkunden. Im Moment nur mal auf die Schnelle:
    In der Spätantike wurde gerne nach den Jahren der Ära Diokletians datiert (ursprünglich einfach nur Zählung der Regierungsjahre dieses Kaisers, die aber über seinen Tod hinaus weiter gezählt wurden). Da diese Ära für das mittlerweile christliche Reich nicht gerade passend war - immerhin ist Diokletian als Christenverfolger in die Kirchengeschichte eingegangen - behalf man sich, indem man diese Ära "Ära der Märtyrer" nannte (im Gedenken an die Opfer Diokletians).

    Im 6. Jh. betätigte sich der Mönch Dionysius Exiguus im Auftrag der römischen Kirche in Sachen Osterfestberechnung. Auch er musste die einzelnen Jahre nach einer Jahrrechnung benennen. Er fand es aber unwürdig, die Jahre ab dem Herrschaftsbeginn Diokletians zu zählen. Würdig erschien ihm hingegen, die Jahre ab dem ersten Erscheinen Christi auf Erden an zu zählen. Aus Überlieferungen und Quellen meinte er, das Jahr der Menschwerdung Gottes historisch festlegen zu können. Ich glaube, seine Arbeit zur Osterbrechnung setzte er selbst entsprechend in das Jahr 525 oder 526 n. Chr. (jedenfalls nannte er auch den Konsul dieses Jahres, sodass wir mit Hilfe der fortlaufenden Konsulatslisten die Epoche=den Beginn der dionysischen Ära zurückverfolgen können und in der römischen Geschichte und Chronologie verankern können).
    Es brauchte lange, bis diese Ära des Dionysius allgemeine Verbreitung fand. Doch schon im gleichen Jahrhundert bezeichnete Beda Venerabilis die Jahre in seinen Schriften nach dieser christlichen Ära. In manchen Urkunden Karls des Großen z. B. fand sie m. W. dann auch schon Gebrauch. Mit der Zeit wurde sie auch bei den Päpsten immer beliebter und häufiger.

    Das war jetzt nur mal aus dem Kopf und ganz grob. Aber würde mich freuen, wenn wir die Entwicklung noch genauer anschauen.
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die alten Griechen rechneten nach Olympiaden, die sich bis 776 v. Chr rekonstruieren lassen, die Römer nach Konsulaten oder nach Gründung der Stadt (Rom), die Varro auf das Jahr 753 v. Chr datierte. Einen einheitlichen Kalender mit Schaltjahren, der ziemlich genau dem astronomischen Jahresverlauf der Sonne entsprach, führte C. Julius Caesar ein. es bedurfte als der Kalender 45 v. Chr eingeführt wurde aber noch Nachbesserungen.
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Die Jahreszählung von Christi Geburt an setzte sich im MA durch:

    Christliche Zeitrechnung ? Wikipedia

    Interessant übrigens, dass in Rußland erst unter Peter dem Großen auf die Jahreszählung auf die Zählung ab Christi Geburt umgestellt wurde. In Tradition des Byzantinischen Reiches wurde ab Schöpfungstag gerechnet. Die Ermittlung des Schöpfungstages ist mit späteren Erkenntnissen der Naturwissenschaft natürlich nicht in Übereinstimmung.=)

    Die Datumsangabe in der Form "x. Monat y" muß sich endgültig vor noch "nicht allzu langer Zeit" durchgesetzt haben. Ich habe vor einiger Zeit noch Schulprogramme aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg gelesen, da fanden sich neben den gewohnten Datumsangaben auch Hinweise auf den St. Michaelstag o. ä. Ich vermute, dass der Bezug auf Heilige eher im katholischen Milieu bzw. Regionen zu suchen ist. Ich bezweifele, dass in protestantisch geprägten Regionen die Datumsangaben mit katholischen Heiligen gebräuchlich gewesen sind.
     
  8. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Danke fuer das gezeigte Interesse, ich bin da jetzt ein Noob und weiss nicht obs da ueberhaupt Protokolle gibt, aber was ist zB mit den Konzilen von Nicaea, eins war im 4 Jhd, das andere im 8, dazwischen war das 6 mit Einfuehrung des Kalenders, widerspiegelt sich das in den Protokollen?
     
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Es gab allerdings einige Heiligenfeste, die auch in protestantisch geprägten Regionen noch eine Rolle spielten.

    Johann Sebastian Bach komponierte immerhin noch Kantaten zum Fest Mariä Verkündigung (BWV 1), zum Fest Johannis des Täufers (BWV 7), zum Fest Mariä Heimsuchung (BWV 10), zum Michaelisfest (BWV 19)...
     
  10. tela

    tela Aktives Mitglied

    Nicht nur. Hatte nicht jede Stadt noch einen eigenen Kalender? Und in Athen wars zumindest auch so wie bei den Römern, dass nach Beamten das Jahr benannt wurde, in Athen eben die Archonten.
     
  11. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    meines Wissens nach nicht, das mag eher den Grund gehabt haben, dass sich dieses System allmählich durchgesetzt hat. Für die westliche (katholische) Christenheit hat sicherlich der Papst eine Rolle gespielt. Das hat den Kaiser und den Patriarchen der orthodoxen Kirche in Konstantinopel weniger beeindruckt und mag sogar ein Grund gewesen sein, es abzulehen, eben weil es aus Rom kam.

    Die Übernahme des gregorianischen Kalenders fand auch nicht überall zeitgleich statt. Für protestantische Fürsten ist es wohl nicht akzeptabel gewesen, sich vom Oberhaupt der katholischen Kirche eine Kalenderreform "aufdrücken" zu lassen.

    Im orthodoxen Rußland fand der Wechsel vom julianischen auf den gregorianischen Kalender erst nach der Oktoberrevolution 1918 (die eigentlich eine Novemberrevolution war) mit über 300 Jahren "Verspätung" statt.
     
  12. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Nicht nur das. Ursprünglich scheinen in Griechenland überhaupt nur die städtischen Kalender und Datierungen gebräuchlich gewesen zu sein. Die Datierung nach den eponymen Archonten in Athen hast Du schon erwähnt. In Sparta wurde nach den eponymen Ephoren datiert (nicht nach Regierungsjahren der Könige!). Es gab aber auch Datierungen nach Priestern (z. B. in Argos nach Priesterinnen der Hera) statt politischen Oberhäuptern. Auch einen einheitlichen Kalender gab es in Griechenland nicht, sondern regional unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Monatsnamen und unterschiedlichem Zeitpunkt eines Jahresbeginns. Das machte stadtübergreifende Datierungen in Geschichtswerken (z. B. Xenophons Hellenika) auch so schwierig, da z. B. Archonten und Ephoren ihr Amtsjahr unterschiedlich antraten.
    Historiker, die eine über die Begebenheiten einer Stadt hinausgehende Geschichte schreiben wollten, hatten daher so ihre Probleme mit der Datierung und Jahreszählung. Hellanikos von Lesbos (5. Jhdt.) z. B. datierte nach den Herapriesterinnen in Argos. Die Zählung nach Olympiaden scheint erst im Hellenismus der sizilianische Historiker Timaios - eben für Zwecke der Geschichtsschreibung - eingeführt zu haben. (Davor wurde allenfalls nach Siegern bei den Olympischen Spielen, vor allem im Stadionlauf, datiert - eine Methode, die auch Diodor noch nutzte.)
     
  13. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    So ist es. Gleichwohl haben die orthodoxen Kirchen inzwischen nachgeholt und einen eigenen Kalender kreiert, der dem gregorianischen sehr ähnlich ist. Ausnahme bildet hierbei die russisch-orthodoxe Kirche, die immer noch den alten julianischen Kalender benutzt. Die alte Gegnerschaft zum katholischen Papst lebt dort weiter. :D
     
  14. pietFFM

    pietFFM Mitglied

    Und um noch etwas Würze in das Spiel zu geben ist zB der unterschiedliche Jahresanfang im 12. Jahrundert

    ZB Die Papstkanzlei vollzog den Jahreswechsel im September und zeitweise nach dem pisanischen Stil im Frühjahr des vorangehenden Jahres. In Frankreich, ausgehend von der kapetingischen Königskanzlei, im Annuntiationsstil der den Jahreswechsel auf den 25. März des folgenden Jahres legt.

    Also eine Urkunde oder Ereignis zu datieren, kann auch ohne Bezug auf den julianischem und gregorianischem Kalender etwas schwerer werden.
     

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