Kamarilla um Paul von Hindenburg

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Carl, 27. Juli 2020.

  1. Carl

    Carl Gast

    Ist die Bezeichnung Kamarilla nach heutigem Stand der Geschichtsforschung für das Umfeld um den Reichspräsidenten zutreffend?

    Wann wurde der Begriff in diesem Zusammenhang erstmals verwendet? Bereits in den 30er Jahren oder erst nach 1945?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich wüsste nicht, warum man von dem Begriff abrücken sollte: Leute ohne politisches Mandat aber mit Zugang zu Hindenburg überredeten diesen, Hitler zum Kanzler zu ernennen. Aber du wirst uns sicher den Grund für die Nachfrage erläutern.
     
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  3. Carl

    Carl Gast

    Kamarilla ist bekanntlich negativ konnotiert.
    Warum trifft es "Berater" nicht besser?

    Bedurfte es tatsächlich Überredungen, um Hitler zum Reichskanzler zu ernennen? Ich denke, dass Hitler Hindenburg einfach mit dem Osthilfeskandal erpresste und es dafür keiner Kamarilla bedurfte?

    Gibt es zeitgenössische Äußerungen über dieses Umfeld bzw. der Kamarilla (SPD, Zentrum, Weltbühne etc)?

    Hindenburg selbt wurde ja zu dieser Zeit in den Medien als äußerst rüstig und geistig fit dargestellt.
     
  4. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Was das Thema Hitler angeht, schreibt Pyta in seiner Hindenburg-Biographie folgendes:

    Folgt man den Ausführungen dieses Werkes, darf bezweifelt werden, dass es zum einen überhaupt einer solchen Überredung bedurfte und zum anderen wird da auch beschrieben, dass Versuche Hindenburg bei dessen politischen Entscheidungen zu bevormunden oder zu lenken, diesen allenfalls in Rage versetzt haben sollen.

    Was den Osthilfeskandal angeht, inwiefern sollte der denn geeignet gewesen sein Hindenburg zu irgendwas zu erpressen?
     
  5. Carl

    Carl Gast

    Ich bin bei meiner Beschäftigung mit Hindenburg auf den Osthilfe-Skandal gestossen.

    Im Wiki-Beitrag "Osthilfe" steht folgendes:

    "Historiker wie Karl-Dietrich Bracher vermuten, dass Hitler Hindenburg mit weiteren Enthüllungen drohte; außerdem sei Papen ja selbst damit einverstanden, Vizekanzler zu sein; DNVP und Stahlhelm hätten die Mehrheit im Kabinett und weitere Enthüllungen könnten verhindert werden".

    Daher dürften die Vorgänge um den Osthilfe-Skandal Ende Januar 1933 schon wesentlich zu Hitler als RK geführt haben.
     
  6. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das im Wiki-Beitrag angesprochene Werk von Bracher stammt in der Orriginalausgabe von 1955. Heißt zusammengeschrieben wurde es im Nachkriegschaos und unter dem akkuten Bedürfnis die zurückliegenden Ereignisse in irgendeiner Form zu rationalisieren.
    Durch den Umstand der Zerstörung durch den Krieg, das damit verbundene Chaos und auch die Teilung Deutschlands, werden ihm wesentliche Archivbestände und Materialien, die nach der Wiedervereinigung zugänglich wurden, nicht zugänglich gewesen sein.

    Was den Osthilfeskandal an und für sich angeht, inwiefern war der eine dezidierte Bedrohung für Hindenburg? Er selbst hatte sich da nichts belangbares zu Schulden kommen lassen und eine Ausweitung des Skandals durch "Enthüllungen" seitens Hitler und anderer Exponenten der NSDAP, hätte selbige erneut in scharfen Gegensatz zur DNVP gebracht, die ja nach wie vor einen Großteil der ostelbischen Klientel vertrat, der von der Osthilfe profitierte.

    Davon einmal abgesehen, wie aus der oben zitierten Literaturstelle bei Pyta auch deutlich vorrausgeht, ein Regierungsauftrag seitens Hindenburg, war Hitler ja bereits Ende 1932 seitens Hindenburg angetragen worden, nur wollte dieser Hitler keine Sondervollmachten im Stil der bisherigen Präsidialkabinette zugestehen, woran die Sache scheiterte.

    Als Hitler von Hindenburg Ende Januar 1933 zum Kanzler ernannt wurde, waren damit zunächst keine entsprechenden, so weitgehenden Vollmachten verbunden, wie Hitler sie bei den Verhandlungen im November 1932 gerne gehabt hätte.

    Um eine Kanzlerschaft Hitlers zu erreichen, bedurfte es also überhaupt keine Erpressung oder Überredung, sondern lediglich einen Verzicht Hitlers auf vom Präsidenten sanktionierte Ausnahmerechte, unter diesen Bedingungen war Hindenburg bereits im November 1932 dazu bereit.

    Da in der Folge Hitler bei Hindenburg die ihm vorschwebenden Vollmachten auch im Arrangement, das letztlich zu Hitlers Kanzlerschaft führte, ebenfalls nicht durchsetzen konnte, erscheint eine erfolgreiche Erpressungs Hindenburgs mit was auch immer, wenig plausibel.
     
  7. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Pyta sagt (mMn ganz richtig), dass sich zwischen November 1932 und Januar 1933 Dinge geändert haben. Und da müsste man jetzt auch den möglichen Einfluss der "Camarilla" überprüfen, nicht erst am 29/30.1.33.
    An Erpressung denke ich da nicht, aber doch an einen weiteren Einfluss Papens u. a. (also Überredung?) und ggf. der Idee, Hitler kontrollieren zu können.
    Andererseits ist genau diese These soweit ich weiß Pytas "Alleinstellungsmerkmal" bei Erscheinen seines Buches gewesen. Es wäre interessant, was andere Historiker dazu gesagt haben. Ich bin in der Thematik leider jetzt nicht in der Tiefe drin.
     
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  8. Carl

    Carl Gast

    Gilt das Buch von Pyta "Hindenburg, Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler" unter Historikern als Standardwerk bzw. Referenzquelle für die politischen Entscheidungen Ende 1932/Anfang 1933?

    Welche Bücher würdet ihr noch empfehlen?

    Aufgrund der Antwort von Shinigami (#4) habe ich nun verstanden, dass ich aufgrund der größeren Quellenlage und dem zeitlichen Abstand zu den damaligen Vorgängen davon ausgehen kann, dass aktuellere Bücher objektiver und gesicherter die geschichtliche Wirklichkeit abbilden als noch in den 50er Jahren.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist etwas verzerrt wiedergegeben, aber im Grunde ja. Um Shinigami noch zu ergänzen: Nicht nur die größere Auswahl an zugänglichen Archiven sondern zusätzlich auch das Ablaufen von Sperrfristen von Archivalien erleichtert den Zugang zu wichtigen Akten und Schriftstücken.
    Größere Objektivität bei größerem Abstand ist natürlich kein Naturgesetz. Auch heute kann jemand aufgrund seiner persönlichen politischen Agenda die Rolle Hindenburgs positiver oder negativer darstellen. Allerdings wird das schwieriger, umso mehr Zeugnisse bereits in die historische Diskussion eingegangen sind. Vor allem archivalische Quellen, die im Gegensatz zu Memoiren und Zeitzeugeninteriews nicht nachträglich anpassbar sind und meistens emotionslos einen amtlichen Sachverhalt "schildern", wobei schildern schon ein falsch gewähltes Verb ist, da Archivalien nur höchst selten erzählende Quellen sind, können Licht auf einzelne Sachverhalte werfen und Darstellungen in Zeitzeugeninterviews und Memoiren u.U. in Frage stellen. Etwa Besprechungsprotokolle, wo Anwesenheiten oder gar Wortbeiträge vermerkt sind. Es ist natürlich durchaus so, dass auch in amtlichen Schreiben Sachverhalte bewusst weggelassen werden. Auch Archivalien sind also nicht per se objektive Quellen. Jede Quelle hat ihre Grenzen und damit muss der Historiker umgehen. Etwa indem er Widersprüche zwischen Quellen aufdeckt, innere Widersprüche in einer Quelle aufdeckt, sie richtig in den Kontext einordnet etc.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Also als Quelle schon mal gar nicht. Standardwerke werden i.d.R. nicht festgelegt: "Das ist jetzt ein Standardwerk!". Ob ein Werk ein Standardwerk ist, kannst du a) an den Rezensionen sehen, die es erfährt und b) (wichtiger!) ob es in der nachfolgenden Literatur referenziert wird und wie: Wenn es also gehäuft und unwidersprochen zitiert wird, ist es ein Standardwerk. Wenn du bei der Lektüre wissenschaftlicher Texte zum Thema Hindenburg-Kamarilla bzw. Machtübertragung an Hitler das Gefühl hast, dass du an Pyta nicht vorbeikommst, weil er so prominent zitiert wird, dann ist das ein Standardwerk. Vereinzelte Widersprüche mag es natürlich geben, aber wenn der Tenor im Großen und Ganzen Beipflichtung ist, dann tut das dem Standardwerkcharakter keinen Abbruch. Auch Standardwerke können natürlich irgendwann mal überholt sein.
     

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