Kampfkraftvergleich Preußische-Britische-Hessische Linieninfanterie

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Neddy, 30. Dezember 2014.

  1. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Aus schierer militärhistorischer Neugierde mal eine Frage zum (potentiellen) Kampfkraftvergleich zwischen preußischer und britischer Linieninfanterie in bummelig der zweiten Hälfte des 18. Jh..

    Weiß jemand von Euch, ob sich irgendwann zwischen 1740 und 1815 mal reguläre preußische mit britischer Infanterie in einem rangierten Gefecht geschlagen hat? Gab's vielleicht 1740-48 oder nach 1807 in einem fernen Winkel Europas einen Zusammenstoß? (Kneipenschlägerei unter Alliierten giltet nicht!)

    Gab es alternativ Aufeinandertreffen von Gegnern, die einerseits nach preußischem und andererseits nach britischem Muster ausgebildet waren?

    Gab es bezüglich Ausbildung und Taktik überhaupt nennenswerte Unterschiede? Spielten Offiziere oder Unteroffiziere deutlich unterschiedliche Rollen?

    Kann die nach den Steubenschen Methoden ausgebildete Continental Army der USA als nach preußischem Vorbild ausgebildet gelten? (Bedingten die gemeinhin Steuben zu Gute gehaltenen Vereinfachungen des Exerzierreglements ggf. sogar eine höhere Effizienz der Truppe?) Falls ja: Wie kann auf freiem Felde und bei ausgeglichenem Zahlenverhältnis deren Kampfkraft im Verhältnis zu britischen regulars beurteilt werden?

    Letzter Teil der Frage: Wie ist die relative Kampfkraft der von den Briten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eingekauften und eingesetzten deutschen Kontingente zu bewerten? Vergleichbar mit den Rotröcken? Oder eher Nivau "Reichsarmee bei Rossbach"? Oder von bis und alles dazwischen?

    Freue mich auf ein paar Denkanstöße oder Literaturhinweise.

    Danke & Gruß
    der Ned
     
    1 Person gefällt das.
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    (ich weiß es nicht - aber ein Kuriosum aus dem Festungsbau kann ich beitragen:
    das modifizierte und um Montablembert´sche Ideen erweiterte Festungssystem (teils bastionär, teils tenailliert; Idealgrundrisse) der Preussen wurde von den Briten flugs adaptiert (z.B. Fort Regent auf Jersey) -- später in der ersten Hälfte des 19. Jhs. gelangte die Polygonalmanier der Preussen infolge Spionage in der Großbaustelle Bundesfestung Koblenz nach England
    kurzum: in Sachen Festungen waren die sehr ähnlich, sowohl in der 2. Hälfte des 18. Jhs. als auch im fortifikatorisch brisanten 19. Jh. (die viktorianischen Forts auf Alderney könnten "neudeutsche" sein))
     
    1 Person gefällt das.
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Die Kampfkraft der Hessen würde ich als relativ hoch bewerten. Die von Landgraf Friedrich II. an Georg III. vermieteten Regimenter waren zum größten Teil Berufssoldaten, von denen nicht wenige über aktive Kampferfahrungen aus dem Siebenjährigen Krieg verfügten.

    Das hochfürstliche Jägercorps wird man durchaus als Eliteeinheit bezeichnen können. Es handelte sich dabei ausschließlich um Freiwillige, die unter aktiven Forstleuten oder Bewerbern für den Forstdienst ausgewählt wurden. Deren Sold war wesentlich höher als der anderer Soldaten, und es waren Jäger von Schanzarbeiten befreit. Der Kommandeur eines Jägerbattallions Johann Ewald erwarb sich auch beim gegner ein hohes Ansehen, und Ewald war vielleicht der erste verfasser eines Handbuchs für den Guerillakrieg. Ewalds Buch ist heute in deutscher Sprache äußerst schwierig zu bekommen, leichter ist es die englische Übersetzung zu beschaffen.

    Ewald bekam als Capitaine hohe Auszeichnungen vom Landgrafen, doch erwies sich der Auslandseinsatz nicht als der erhoffte Karriereschub, was auch die Brüder von Wurmb beklagten. Ewald wechselte später in dänische Dienste, wurde in Dänemark nobilitiert und schied als Generalleutnant aus dem aktiven Dienst aus.

    Die Hessen zeichneten sich unter Johann Rall mehrfach beim Feldzug im südlichen New York und New Jersey aus. Das eroberte Fort Washington am Hudson erhielt nach seinem eroberer den namen Fort Knyphausen. Johann Rall wurde allerdings nach dem Debakel bei Trenton als Sündenbock verantwortlich gemacht, und man warf ihm vor, den Gegner geradezu kriminell unterschätzt zu haben und dazu noch dem Alkohol zugeneigt gewesen zu sein.

    Ein Leutnant Wiederhold, den der "General Waschendonn" sehr zuvorkomment behandelte schrieb in seinem Kriegstagebuch, dass er Washington alle defensiven Maßnahmen vorgestellt habe, dass aber Rall leider nicht auf ihn gehört habe.

    Der spätere Sergeant Reuber, der bei Trenton gefangen, später aber ausgetauscht wurde, behauptete, wenn Rall nicht schon zu Beginn schwer verwundet worden wäre und die Hessen nicht durch Krankheit (und ausgiebige Weihnachtsfeiern) groggy gewesen wären, hätten sie die Amerikaner trotz Überzahl mittels Bajonettattacke in die Flucht geschlagen.

    Die Hessen galten, mehr noch als die Briten als Meister des Bajonetts und hatten den Ruf keine Gefangene zu machen. Nach dem Krieg waren sie an allem schuld, denn sie hatten geplündert, Washington den ersten Erfolg ermöglicht und hessen-hanausche Truppen waren auch bei Saratoga an allem schuld.

    Modernere Darstellungen (Inge Auerbach, Die Hessen in Amerika) sprechen Rall am Debakel von Trenmton frei. Rall sei von den Briten versichert worden, dass die Amerikaner kaum zum Gegenschlag fähig seien (tell the Colonel he is safe), und es habe Rall erst den Wachdienst vernachlässigt, als ihm der Krankenstand seiner Truppe gar keine andere Wahl mehr ließ.
     
    2 Person(en) gefällt das.
  4. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Hessische Truppen beurteilen zu wollen birgt das Problem, dass es ein "politisch genauer definierbares Hessen" ja erst wirklich nach 1945 gibt. Wie immer man die Machtbereiche frühneuzeitlicher hessischer Landgrafen einordnen will... Die geographische Schwierigkeit Hessens zeigt sich etwa darin, dass die Gegend "Rheinhessen" mit der Hauptstadt Mainz auf dem linken Mainufer liegt und nicht zum heutigen Bundesland Hessen gehört. Das "kurmainzer Territorium" war auch ein geistliches Fürstentum... "Hessen" war während der längsten Zeiten seiner Geschichte im Verband des HRRDN politisch sehr stark fraktioniert. Im angesprochenen Zeitraum gab es drei größere politische Gebilde mit nennenswertem Militär. Neben der Linie "Hessen-Nassau" lagen die Zentren in Kassel und Darmstadt Das Militär dieser drei Herrschaften genoss allgemein einen guten Ruf in der Zeit zwischen dem Spanischen Erbfolgekrieg und den französischen Revolutionskriegen.

    Es existiert eine allgemein recht gute Website über das damalige Militär in Hessen. Es orientierte sich früh am Muster der preußischen Armee Friedrichs des Großen und stand immer wieder im Sold auswärtiger Fürsten im Einsatz durch Stellung bezahlter Hilfstruppen gegen Subsidien. Das war ein durchaus erträgliches Geschäft für die Landesherrn und erklärt den Einsatz hessischer Truppen im amerikanischen Revolutionskrieg.

    Ich verlinke hier den Beitrag zum Regiment Dietfurth eines Reenactor-Vereins. Dort werden einige der Querinfos zum preußischen Militär angerissen. Der namensgebende Regimentschef unterhielt gleichzeitig ein preußisches Regiment!
    http://hessen-militär.de/reg-v-ditfurth.html
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Meines Wissens hat es kein Aufeinandertreffen von Briten bzw. "Hannoveranern" gegen Preußen. Wenn dann würde eh nur der Österreichische Erbfolgekrieg in Frage kommen. Selbst in der kurzen Phase, als England effektiv in den Krieg eingetreten und Preußen offiziell noch Verbündeter Frankreichs war, kam es zu keinen Invasionen des jeweils anderen Territoriums.

    Die Qualität der Truppen war sicherlich recht ähnlich. Im Ernstfall entschied doch eh die richtige Entscheidung des Kommandeurs, zumindest wenn die Disziplin ganz ordentlich war.
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Hessen-Kassel und andere Fürstentümer wurden im Laufe des 18. Jahrhunderts abhängig von Subsidiengeldern, und um auf dem europäischen Markt für Mieter attraktiv zu sein und zu bleiben, waren diese Territorien gezwungen, aufzurüsten und für einen hohes Niveau der Truppen zu sorgen. Gemessen an der Einwohnerzahl gab es in Hessen_ Kassel sogar mehr Soldaten, als in Preußen. Dort kam auf 23 Einwohner ein Soldat, in Hessen- Kassel waren es 19 Einwohner. Schon Landgraf Karl sorgte sich um die Loyalität seiner Regimenter zum Fürstenhaus, und sein Enkel Friedrich II. führte nach preußischem Vorbild ein Kantonssystem ein, so dass die hessische Armee sich- zumindest in Friedenszeiten- mehrheitlich aus "Landeskindern rekrutierte. Am Vorabend der Amerikanischen Revolution setzte sich die hessische Armee wie folgt zusammen:

    3 Garderegimenter zu Fuß a` 600 Mann, 1 Kompanie Schweizer Garde für den Wachdienst dazu 80 Mann Gardes du Corps als Haustruppen.neben diesen Repräsentationstruppen unterhielt die Landgrafschaft 10 Infanterieregimenter und je 3 Dragoner- und 3 Kürassierregimenter dazu je 1 Husaren-, Jäger- und Artilleriekorps und 7 Garnisonsregimenter, die sich aus der ehemaligen Miliz rekrutierten. Summa summarum 22.000 Mann, von denen Friedrich II. 12-14.000 Mann vermietete. Nur 4000 Mann blieben in Hessen.

    Colonel William Faucitt, der noch aus dem Siebenjährigen Krieg Beziehungen zum Kasseler Hof hatte, schrieb an seinen Chef Lord Suffolk, den britischen Außenminister im Frühling 1776:

    "Vier regimenter sind schon eingeschifft. Allles sind ungewöhnlich schöne Regimenter, vollständig uniformiert, gut bewaffnet und für jeden Dienst in der ganzen Welt tauglich. Nur in der Höhe der Mannschaften herrscht ein kleiner Unterschied. Das erste Glied ist vielleicht ein Zoll größer, als die übrigen, allein kein Mann war unter 5 Fuß, 8Zoll. Das Zentrum war ein wenig kleiner, aber auch dieses besteht aus jungen, gesunden und gut aussehenden Burschen. Nur 7 sind desertiert, 1 gestorben und 3 krank. Das Regiment Rall ist das schlechteste von allen, die ich gesehen habe. Es war bisher eines der Friedens- und Garnisonsregimenter, welches schnell vollständig rekrutiert werden musste. Der tätige und ausgezeichnete Oberst wird sie aber schnell einexerzieren."

    Im Laufe der Zeit ging aber nicht nur die Kriegsbegeisterung zurück und den vor allem im Raum Frankfurt und in Thüringen neu angeworbenen "Ausländern" trauten die Offiziere nicht so recht. Vor allem die Soldaten, die von ihren Frauen und "Beihalterinnen" begleitet wurden und die seit 1777 in der Festung Ziegenhain konzentriert wurden, verdächtigte der Festungskommandant Generalleutnant von Gohr, dass sie sich nur anwerben ließen, um die Überfahrt nach Amerika zu sparen.

    "Es fällt schwer, mit nur wenigen Unterofficiers Ordnung unter so vielen bösen kerlen zu halten."

    Seume den 1780 die werber in Vacha schnappten, schrieb in seiner Autobiographie es habe eine geplante meuterei in Ziegenhain gegeben, bei der man ihn zum Anführer machen wollte.

    Tatsächlich kam es zu einer Rebellion 1781. Die Soldaten wollten die unteroffiziere betäuben und mit der ganzen garnison ins "Ausland" fliehen. Dieser Coup wurde allerdings verraten, und der Landgraf inszenierte eine Scheinhinrichtung gegen die Rädelsführer, der eine Sohn eines Predigers aus Sachsen, der andere ein Brandenburger und Sohn eines Försters. Mit der Scheinhinrichtung wurde allerdings jeder Widerstand gebrochen
     
  7. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Hatten die Regimentskommandeure der Hessen denn irgendwelche Instruktionen ihres Landesherrn, das Humankapital möglichst für weitere Vermietungen zu schonen? (Btw.: Agierten diese relativ selbständig oder waren sie britischen Generalen unterstellt?)
    Oder stellten sich auf dem amerikanischen Schauplatz Verluste insbesondere durch Desertion und Heldentod ein, die den Fürsten die Kalkulation vermasselten und deren Geschäftsgebaren änderten bzw. die Preise anziehen ließen?
     
  8. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Hallo Tejason, hier muss ich als Landesgeschichtler doch drei Sachen korrigieren:

    1. Rheinhessen wurde zwar ein besonders wichtiges Gebiet für das Großherzogtum Hessen und der Name setzte sich für die Gegend auch bis heute durch. Eigentlich kam es aber erst 1816 zu Hessen. 1945 lag es in der französischen Besatzungszone und kam dann zu Rheinland-Pfalz.

    2. Das Haus Nassau war keine Nebenlinie der Landgrafen von Hessen. Die zahlreichen Nassauischen Grafschaften bildeten sich aus zwei Nassauer Hauptlinien im Lahngebiet heraus, die auf das Hochmittelalter zurückgehen und sogar älter als das hessische Landgrafenhaus sind.
    Dies ist jedoch ein häufiger Irrtum, der damit zusammenhängt, dass die Preußen 1867 die Provinz Hessen-Nassau schufen. Und ein bißchen damit, dass die Nassauische Geschichte in der heutigen Landeskunde sehr marginalisiert ist.

    3. Im Gegensatz zur hessisch-kasselischen Armee waren die hessisch-darmstädtischen Truppen von Umfang wie Qualität nicht so bedeutend. Dies zeigte sich bereits gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges. Da die Darmstädter beim Truppenverleih auch nicht so erfolgreich waren wie die Vettern in Kassel, erholten sie sich von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges auch nicht so leicht. Eigentlich wurde Hessen-Darmstadt, dann schon als Großherzogtum, erst während des 19. Jahrhunderts das bedeutendere und wirtschaftlich stärkere Territorium.
     
  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Bei Dettingen standen sich auf beiden Seiten hessen kasselsche Truppen gegenüber. Wilhelm VIII. hatte Karl VII. Albrecht, mit dem er persönlich befreundet war, ein Hilfskorps zur Verfügung gestellt, das vom Erbprinzen Friedrich (II.) nominell befehligt wurde, der in Karl Albrechts Stab diente. Wilhelm erhoffte sich Gebietsgewinne und die Kurwürde, wollte es sich aber mit keiner Seite verscherzen und vermietete gleichzeitig Truppen an die "pragmatischen Arrmee" Georgs II., der als letzter britischer Monarch seine Soldaten in die Schlacht führte. Wilhelm VIII. hatte aber auch für diesen Fall gesorgt und Klauseln einfügen lassen, die es seinen Truppen ersparten, aufeinander schießen zu müssen, eine Praxis, die auch Schweizer Kantone pflegten. Erst im Siebenjährigen Krieg musste Wilhelm VIII. dann eindeutig Farbe bekennen, obwohl er sich am liebsten herausgehalten hätte. Nordhessen wurde zum Aufmarschgebiet beider Seiten, die sich rücksichtslos bedienten. Kassel und Marburg wechselten ein gutes Dutzend Mal den Besitzer. Die Franzosen griffen rücksichtslos auf die Ressourcen der Landgrafschaft zurück, aber auch die Legion Britannique nahm wenig Rücksicht und plünderte ein Dorf nahe der Festung Ziegenhain, die von einem deutschen Regiment in französischen Diensten bis Kriegsende gehalten werden konnte. Die heute noch aufffälligen Baulücken nahe der heutigen JVA Schwalmstadt gehen auf die Beschießung 1760 durch die eigene Armee zurück. Ein generalleutnant Schlüter hatte die Idee, die festung mit Brandbomben zu beschießen, ohne damit die Franzosen zur Übergabe zwingen zu können. Obwohl Friedrich II. Bauholz zuur Verfügung stellte, wollte kein Bewohner mehr dort bauen.

    Tote Soldaten und im Österreichischen Erbfolgekrieg auch tote hessische Pferde wurden vom Hof von St. James vergütet, was zeitgenössische Kritiker dem landgrafen vorhielten, obwohl es sich dabei eigentlich um eine bescheidene Sozialfürsorge handelte. Invaliden und ihren Angehörigen wurden Steuern erlassen und eine Art Rente ausbezahlt, was für manche Soldaten ein Anreiz war, sich freiwillig zu melden.
    Für Desertionen machte man die Familie des Deserteurs oder auch die Dorfgemeinschaft des zuständigen Kantons haftbar. Das vermögen des Deserteurs, sofern vorhanden, fiel an die Staatskasse.

    Wurde ein Battaillion oder Regiment aufgerieben, konnte es passieren, dass ein Dorf einen Großteil seiner männlichen Arbeitskräfte verlor.

    Der Landgraf war verpflichtet, Abgänge, Kranke und Deserteure zu ersetzen. Da die Landgrafschaft kaum noch Soldaten mobilisieren konnte, rührten die hessischen Werber im Ausland die Werbetrommel. Gerne warb man im Frankfurter Raum und in Thüringen, häufig unter Mithilfe der Obrigkeiten, die Arbeitslose oder Vaganten so nicht nur loswurden, sondern dafür noch Geld bekamen. Gewalt war eigentlich bei der Werbung durch landgräfliche Order verboten, doch mit zunehmendem Bedarf sank auch die Hemmschwelle willkürlich Soldaten zu pressen. Vaganten waren ohnehin rechtlos, und außer nackter Gewalt konnten die werber auf zahlreiche Tricks zurückgreifen. Sehr hilfreich war dabei der Alkohol, aber auch wer sich von Werbern ein paar Drinks spendieren ließ, musste vorsichtig sein, denn im schlimmsten Fall ließ sich das so drehen, dass es sich um einen Vorschuss des Handgeldes handelte. Mancher wachte verkatert in Ziegenhain auf, um festzustellen, dass man sich so freiwillig auch wieder nicht gemeldet hatte. Die meisten arrangierten sich mit den Verhältnissen, die sie ohnehin nicht ändern konnten, und Johannes Reuber aus Niedervellmar bei Kassel entwickelte im Laufe der Zeit eine Art esprit du corps, und Seume, dem man sein Studienbuch abgenommen hatte, schob als Regimentsschreiber in Halifax eine ruhige Kugel und fand sogar Zeit, bei den Huronen ethnologische Beobachtungen zu sammeln.
     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    ....Und es blieb territorial unangetastet, während Kurhessen samt Nassau und der ehemals freien Reichsstadt Frankfurt 1866 von Preußen annektiert wurde und bis 1945 preußisch blieb.
     
  11. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Achso: Wenn die Truppen von Hessen-Kassel nach preußischem Vorbild ausgebildet worden waren - ist irgendwo die eine oder andere Aussage dokumentiert, der zu Folge sich diese Hessen besser/gleich/oder schlechter geschlagen hätten oder besser/gleich/schlechter zu führen waren als die auf diesem Schauplatz eingesetzten vergleichbaren britischen Einheiten?
    Oder ggf. seitens der Amerikaner, dass sie lieber gegen diese denn gegen jene gekämpft hätten, weil...?
     
  12. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Ich habe nicht geahnt mit meinem unscharfen Hinweis darauf, dass es DIE HESSEN vor 1945 nicht gegeben hat, ein solches Echo auszulösen. Vielen Dank an die vielen und Hochklassigen Beiträge!

    OT: Landeskunde
    Letztlich zielte die Eingangsfrage (Neddy) zur Kampfkraft hessischer Regimenter im Fraglichen Zeitraum wohl in erster Linie auf Hessen-Kassel und vielleicht auf Hessen-Darmstadt - wohl kaum auf die übrigen Territorialherren? Wichtig ist mir dennoch der Verweis auf andere Landesherren mit teils erwähnenswertem Militär. Bundesrepublikanische Wortungetüme für Bundesländer vom Schlage eines "Nord-Rhein-West-Falen" (bewusst von mir verzerrt) brennen mir halt irgendwie in der Seele und bei dem scheinbar so einfachen "Hessen" ist die Vorgeschichte auch komplizierter als es der Name suggeriert. Die ehemals preußische(n) Rheinprovinz(en) hatten auch eine vielfältige Vorgeschichte, ehe sie unter der Vorherrschaft Berlins zusammengefasst wurden. Westfalen ist als Begriff dagegen ungleich älter, auch wenn ich es verzerrt habe. Der Name soll auf einen alten sächsischen Teilstamm zurückzuführen sein.
    Ehe ich mich im Folgenden zu sehr in Landeskunde verzettele, verweise ich in erster Linie auf die Karten im verlinkten Schulmaterial:
    http://www.hessenpark.de/fileadmin/downloads/museum/schuelermaterialien/grenzen.pdf
    Edit: Im Link unter M8 beschreibt die Karte 1 den Zustand 1868, Karte 3 die Zeit vor dem Deutschen Bruderkrieg 1866 und Karte 2 die Landkreise des heutigen Bundeslandes Hessen.

    Hier ist der Zustand von 1789 (mit zahlreichen regionalen Herrschaften, von denen Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel, "Hessen-Nassau", das Kurfürst-Erzbistum Mainz und die Fürstabtei/-bistum Fulda vielleicht die größten waren. Die späteren Wandlungen unter Napoleon (Säkularisation 1802, Jena 1806 bis hin zum "Großherzogtum Frankfurt" - dann der Wiener Kongress 1815. Die größte Umgestaltung fand 1866 mit der preußischen Annektierung weiter Teile Hessens statt, bei welcher auch Hessen-Darmstadt nicht ganz ungeschoren davonkam! Letztlich entscheidend für das moderne Hessen waren die Besatzungszonen 1945, dass "genuin hessische Gebiete.." (Siehe Link oben) linksrheinisch nicht Teil des Bundeslandes wurden.

    @Ashigaru: Meine Formulierungen waren schlecht gewählt. Dass Hessen-Nassau einer Teillinie der hessischen Landgrafen entstammen solle habe ich nicht geschrieben. Die "Nassauer" zerfaserten ja selbst stark, so entstand meine missverständliche Wortwahl. Mögen die Regenten von Hessen-Kassel auch effektivere Truppen im Geschäft um Subsidien anzubieten gehabt haben, so versuchten sich m.w. die Landesherren von Hessen-Darmstadt doch ebenfalls in diesem Metier. Es war eher eine Ausnahme, dass Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt zwar ein eifriger Soldat und Heeresreformer war, jedoch seine Truppen nicht für England nach Amerika vermieten sollte. Sein Nachfolger vermietete in den Koalitionskriegen gegen das revolutionäre Frankreich wieder Truppen an England...

    @Thread:
    Reichsweit durchaus bedeutend war zumindest das Kurfürst-Erzbistum Mainz innerhalb des HRRDN und nicht nur Kassel, Darmstadt und "Nassau". Aber auch das sehr kleine Fürstentum Waldeck-Pyrmont spielte zur Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges mit im Geschäft mit englischen Subsidien: Wenn auch im Verband des Kontingents aus Hessen-Kassel! Laut Wiki hatte bereits der Vater von Friedrich Karl August von Waldeck-Pyrmont den Holländern 3 Bataillone Soldaten vermietet. Er selbst steuerte aus seinen Territorien 3 Regimenter für Amerika bei, die wohl hohe Verluste erleiden sollten.
    Das Geschlecht der Nassauer hingegen war auf das Engste mit den Oraniern verbunden, die in den Niederlanden eine bedeutende Rolle spielten. Die "hessischen Vettern" der dortigen Statthalter pflegten daher Truppen an die Niederlande zu vermieten.

    Auch die Truppen von Hessen-Darmstadt wurden von Landgraf Ludwig IX. nach preußischem Vorbild ausgebildet. Das wurde mit dem Alten Fritz allgemein üblich... H-K war mit führend auf dem Gebiet der "Scharfschützen", also dem Jägercorps. Der Landgraf (H-D) war auch zeitweilig Inhaber eines preußischen Regiments
    http://hessen-militär.de/leibgrenadiergardereg.html

    @Amerika:
    Meines Wissens hatten die Hessen in Amerika, wenigstens bis zum erfolgreichen Überfall George Washingtons auf die überraschten Hessen in ihren Winterquartieren, einen ganz ausgezeichneten militärischen Ruf! Der Dienst in Amerika war relativ beliebt, die Verlustquoten der dortigen Schlachten waren im Vergleich zum 7jährigen Krieg erheblich geringer und galt eher als leicht (so zumindest meine graue Erinnerung an einen entsprechenden Vortrag beim bereits verlinkten "Hessen-Militär.de").

    Üblicherweise war eine Hauptschwäche absolutistischer Linienregimenter der Kabinettskriegsepoche nachlassende Disziplin und "Flucht von der Fahne". Die extrem einexerzierten Männer (sie wurden fast wie menschliche "Automaten" gedrillt) wurden durch drakonische Strafen davon abgehalten. Da die amerikanischen Revolutionäre versuchten ihre Gegner durch Versprechungen von Land etc. teils zum Überlaufen zu bringen, wäre es interessant in welchem Umfang hessischen Truppen von der Fahne gingen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Januar 2015
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Vielleicht gibt diese Webseite und angegebene Links darüber Auskunft.

    JSHA.ORG HomePage

    Die Johannes Schwalm Association hat Artikel über die andere Seite gesammelt, soweit ich mich erinnere, beschäftigte sich ein Artikel mit Versuchen, (kriegsgefangene) Hessen zum Seitenwechsel zu motivieren.

    Johannes Schwalm stammte aus der gleichnamigen Region in Nordhessen war Musketier im Regiment Knyphausen. Er geriet bei Trenton in Kriegsgefangenschaft und kam als Kriegsgefangener als Arbeitskraft bei einem Pennsylvaniadeutschen unter. Schwalm verliebte sich in die Tochter seines Arbeitgebers. Später ging er nach South Carolina, wo er sogar Gold gefunden haben soll. Viele Mitglieder der heute über die gesamten USA verbreiteten Association sind direkte Nachfahren. Anlässlich des 200 jährigen geburtstags der USA brachte die JSHA einen Band über Schwalm, seine Wurzeln und seine Vita heraus.

    Zum Thema Seitenwechsel musste ich an die die tragisch-komische Geschichte eines Leutnants Kleinschmidt denken. Dem passierte das Malheur dass er den Tod des geliebten Jagdhundes eines vorgesetzten Offiziers verschuldete oder jedenfalls den Vierbeiner nicht , retten konnte, worauf er zum Duell gefordert wurde. In der unangenehmen Situation, sich entweder töten/verwunden zu lassen, einen Vorgesetzten töten/verwunden zu müssen und die Karriere zu ruinieren, sah er keinen anderen Ausweg, als die Fronten zu wechseln und überzulaufen. Leider erinnere ich mich nicht mehr, was aus Kleinschmidt schließlich geworden ist.
     

Diese Seite empfehlen