Klösterliche "Bauernlege"

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von Richildis, 19. März 2010.

  1. Richildis

    Richildis Neues Mitglied

    Die Klöster, anfangs Horte von Wissen und positiver Siedlungspolitik mit Rodungen und Urbarmachung von Wäldern, Trockenlegung von Sümpfen, wandelten insbesondere unter den Zisterziensern im Laufe der Geschichte ihre Siedlungspolitik ins Negative, vertrieben die Bauern von ihrem Land oder veranlassten die weltliche Herrschaft dazu dies zu tun. Die Dörfer wurden dann nicht nur zur Grangie abgebrochen, sondern ganz "niedergelegt" , zu Wiesen und Ackerland aufbereitet und von den Mönchen resp. ihren Konversen selbst bearbeitet. Von dieser sog. "Bauernlege" sind vom Kloster Wörschweiler in der Zeit von 1131 - 1558 allein 63 Fälle der Legung von Dörfern bekannt, die die Wüstung dieser Siedlungen zur Folge hatte (24 von Kloster Hornbach, 9 von Kloster Wadgassen). Ist etwas bekannt darüber, wie hoch die Bauernlegungen bei anderen (intereuropäschen) Klöstern waren oder ist diese hohe Zahl nur für Wörschweiler spezifisch?
     
  2. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Ich weiß nur, daß dieses Bauernlegen übliche Praxis war, v.a. auch durch die Zisterzienser, aber insbesondere dann im Spätmittelalter und der Frühneuzeit (dann jedoch verstärkt durch weltliche Grundherren).
    Genaue Zahlen habe ich dazu gerade nicht, aber folgende Beispiele:
    Wüstungen
    Stadt Aken (Elbe) + Ortschaft
    Interessante Aussagen zum Bauernlegen durch Klöster bzw. dessen Bedeutung finden sich in Bauern im Mittelalter - Google Bücher, eine Charakterisierung für die Zisterzienser in Zisterzienser: Norm, Kultur, Reform ... - Google Bücher und eine gut beschriebene Einordnung in den entsprechenden Kontext in Die Eigenarbeit der Zisterzienser ... - Google Bücher
     
  3. Richildis

    Richildis Neues Mitglied

    Vielen Dank für Deine Hinweise!

    Gruß Ri :winke:
     
  4. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Auf welche Quelle/Literatur zu Wörschweiler beziehst Du Dich?

    Zu Vergleichzwecken wohl am vielversprechendsten:
    [SIZE=-1]Werner Rösener, Bauernlegen durch klösterliche Grundherren im Hochmittelalter, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 27 (1979), S. 60-93.[/SIZE]

    Zu Wüstungen allgemein bestehen große regionale Unterschiede, die Abel anhand einer Karte veranschaulicht [1]: Die Saargegend gehörte zur Kategorie mit einem Wüstungsquotienten von 20-39; noch darüber lagen Gebiete an der Mosel, im heutigen Baden-Württemberg und im Gebiet zwischen mittlerer/oberer Weser und Elbe.

    Ein grundsätzlichen Problem: Was ist eigentlich eine Wüstung? Abel vertritt wie andere die Auffassung, dass die Definition "Ortschaft, die vom Erdboden verschwunden ist", unzureichend ist. Man müsse mindestens zwischen Orts- und Flurwüstung unterscheiden und vor allem zwischen permanenter und temporärer Wüstung.


    [1] Agrarkrisen und Agrarkonjunktur, Hamburg 1966, S. 84
     
  5. Richildis

    Richildis Neues Mitglied

    @ j schmidt: Meine "Weisheit" habe ich aus der Zeitschrift "Unsere Saar", 7. Jg, Nr. 3a - 15. August 1932, S. 66-73: Hellwig, Fritz, Der Einfluss der Klöster Wörschweiler und Hornbach auf die Wüstungsbildungen im Westrich. Als Wüstungen werden nach Staerk alle untergegangenen Orte bezeichnet (auch wenn sie später wiederbesiedelt wurden). Unter dem Druck des Klosters Wörschweiler wurde beispielsweise auch Heinrich, Herr von Kirkel, gezwungen, seine Untertanen zu Bittenspach und Wenigen-Wörschweiler - obwohl es nachzuweisen ist, das dem Kloster zu dieser Zeit z.B. in Bittenspach nur eine Viertelhube gehörte - an einen anderen Ort zu verpflanzen, was dem Kloster den begreiflichen Hass des Kirkelers einbrachte. Das Kloster erhielt von ihm keine weiteren Zuwendungen, er gab lieber an Hane.

    Gruß Ri:winke:
     
  6. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Setze mich gerade mit dem Zisterzienserinnenkloster Caldern auseinander,
    laut eueren Ausführungen und den Erkenntnissen aus den Urkunden vor Ort, sehe ich kaum Unterscheide zwischen dem männlichen und weiblichen Orden.
    Ist dies auch fälchendeckend ? :confused:
     
  7. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Wie bereits geschrieben beschäftige ich mich mit dieser Materie nur im Gesamtüberblick; ausgehend von den Erklärungen im bereits verlinkten Buch Die Eigenarbeit der Zisterzienser ... - Google Bücher, worin v.a. und unter Beachtung zeitlicher Entwicklungen erklärt wird, wie die Zisterzienser zum Bauernlegen kamen, würde ich es als übliche Praxis charakterisieren udn ebenfalls keinen grundlegenden Unterschied zwischen Zisterziensern und Zisterzienserinnen sehen.
    Allerdings hat JSchmidt einen interessanten Aspekt angesprochen: es sind bei solchen Betrachtungen neben den zeitlichen Entwicklungen ggf. wohl auch regionale Differenzierungen zu beachten.
     
  8. letztergisone

    letztergisone Aktives Mitglied

    Danke

    werde dies erst mal durch arbeiten.

    Gruß en Hesse
     
  9. Symey

    Symey Neues Mitglied

    Quellen Bauernlege Wörschweiler

    Hallo,
    dazu hätte ich - wenn auch sehr spät - eine Anmerkung und eine Frage:

    - Ich habe ein anderes Verständnis von "Bauernlege" was den Punkt "von Mönchen und ihren Konversen selbst bearbeitet" angeht. "Selbst bewirtschaftet" trifft es m.E. eher - denn die Bauern haben die Arbeiten i.d.R. als Leibeigene weiter verrichtet.

    - Die Frage bezieht sich auf die Angabe von 63 Fällen von Bauernlege betreffend das Kloster Wörschweiler. Hier würde mich die Quelle sehr interessieren, denn ich sammle alle Quellen zu Wörschweiler und diese Sachverhalte sind mir darin bislang nicht aufgefallen (wohl aber die Herrschaft über Leibeigene...)
     
  10. Symey

    Symey Neues Mitglied

    Entschuldigung für meine Unachtsamkeit. Da ist ja die Quelle.

    Dazu kenne ich:

    1214: Heinrich, Herr zu Kirkel, schafft auf des Klosters Werschweiler Begehren seine Untertanen zu Bittenspach und Werßweiler, die auf seinen und des Klosters Gütern gesessen, ab und verpflanzt sie anderswo hin. Quelle: Regesten Kloster Wörschweiler, S. 96, Nr. 31

    ==> daraus kann ich nicht unmittelbar eine "Bauernlege" oder einen "Zwang" gegenüber Heinrich herauslesen.

    Heinrich von Kirkel hat 1225 seinen Streit mit Kloster Wörschweiler beigelegt und zahlreiche Güter und Rechte in zahlreichen Orten - unter anderem in "Bittenspach" (Niederbexbach), welche er dem Kloster zuvor entzogen hatte - zurückgegeben. Aus der Urkunde geht hervor, dass er und seine Verwandten diese dem Kloster in der Vergangenheit geschenkt hatten. Quelle: Regesten des Klosters Wörschweiler, S. 104f, Nr. 60.

    Dass das Kloster keine "weiteren Zuwendungen" von Heinrich erhalten haben soll, ist definitiv unzutreffend. Die Liste der "Verträge" Heinrichs mit dem Kloster konnte ich in den Regesten mühelos bis 1240 weiterverfolgen. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, die Seiten und Nummern alle zu nennen und zu prüfen, ob das der letzte Eintrag ist.
     

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