Konfession, Antisemitismus und NS

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Dion, 23. Juni 2022.

  1. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Das war Ende 1943, die 10 Jahre davor haben Christen mit den Nazis größtenteils kollaboriert; man darf nicht vergessen, als die Nazis an die Macht kamen, war Deutschland zu 95 % von Christen bewohnt. Ohne diese christliche Bevölkerung, die mitmachte oder tatenlos zuschaute, hätten die Nazis ihre Verbrechen nie durchführen können.

    So ist das. Und als sich Nazis bei der Judenverfolgung auf die Luther-Schriften beriefen, hat die Mehrheit der evangelische Christen samt ihren führenden Köpfen nicht protestiert, sondern mitgemacht oder zugeschaut bzw. nur jenen Juden geholfen, die sich taufen ließen oder von getauften Juden stammten. Auch diese Hilfe stand ganz in der Tradition Luthers.

    Ja, trotzdem genügte die verbliebene Übereinstimmung, um Bücher und Synagogen zu verbrennen, die Juden zu enteignen, etc. Zitat aus Wikipedia:

    Luther ließ den Juden also nur die Wahl zwischen Taufe oder Vertreibung.

    Was hat dieser heutige Zustand mit dem damaligen zu tun?

    Hier eine Karte aus dem Jahr 1890 (Quelle Wikipedia):

    https://upload.wikimedia.org/wikipe...itung_der_Konfessionen_im_deutschen_Reich.jpg

    Im Jahr 1933 sah es wegen der Gebietsverluste im I. Weltkrieg zwar nicht ganz so aus wie diese Karte es zeigt, aber man kann sich trotzdem eine Vorstellung davon machen, wie Deutschland konfessionell aufgeteilt war.

    Und – Zitat aus Wikipedia:

    So gehörten in Westdeutschland im Jahr 1951 noch 96,4 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Konfession an. [...]Lag der Anteil der Christen in Ostdeutschland 1949 noch bei rund 92 Prozent, …

    Danke für diese Bestätigung des von mir Gesagten. Die katholische Kirche, die bis 1938 den Antisemitismus der Nazis in Ordnung fand, steht natürlich nach wie vor rechts – warum, sollte uns an dieser Stelle nicht interessieren.

    Das ließ sich ja kaum vermeiden.

    Nachvollziehbar war das ja, aber trotzdem geschah dies nur, weil 7 Jahre zuvor in den USA die Bewegung „Black Lives Matter” als Antwort auf den dortigen weiter bestehenden Rassismus entstand. Unmittelbarer Anlass dafür war George Floyds Tod bei einem Polizeieinsatz in den Vereinigten Staaten. Hätten die dämlichen Händler, die in „Society of Merchant Venturers“ vereint sind, 2019 die Anbringung einer Tafel zugelassen, die auf Colston als Sklavenhändler hinweisen sollte, wäre es wahrscheinlich zum Sturz der Statue nicht gekommen – und wir hätten weniger Zeit in diesem Faden verbracht. :D

    Danke. Ähnliches galt auch für Colston: Seine Statue stand dort nicht wegen seiner Tätigkeit als Sklavenhändler, sondern wegen seiner Wohltätigkeit für die Bewohner der Stadt Bristol.

    Das sagt auch niemand. Aber ich wäre erst dann zufrieden, wenn die Leute es fertigbrachten, neben seinen zahlreichen Statuen eine Tafel anzubringen, auf der z.B. stünde, dass er Mitschuld trägt an den brennenden Synagogen und der Verfolgung der Juden in der Neuzeit bis heute.

    Hoffentlich werden die evangelischen Christen besonnener handeln als 2019 „Society of Merchant Venturers“ in Bristol. :D

    Ich sehe keine großen Parallelen bei den Rekrutierungsmaßnahmen für die absolutistischen Armeen in Europa und der Knabenlese der Osmanen: Die einen rekrutierten im besten Fall Jugendliche, die Osmanen aber Kinder bevorzugt im Präpubertätsalter.

    Das ist eine Spitzfindigkeit, auf die ich nicht eingehen werde.

    Du findets da kein indirektes Lob und möchtest, dass ich mit Finger auf jemand zeige? Da kann ich dir leider nicht weiterhelfen.
     
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  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Genau. Und Du findest offensichtlich keinen Beitrag, den Du als Beleg für das von Dir behauptete "indirekte Lob" verlinken könntest, daher vermute ich, dass Du diesen Teil der Diskussion falsch in Erinnerung hast und das lediglich nicht zugeben willst.
     
  3. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Hast du mal in Erwägung gezogen, dass viele Sinti und Roma im Laufe der Zeit freiwillig sesshaft geworden sind, weil z.B. sozio-ökonomische Zwänge, die vorher herrschten, entfielen? Ein Beispiel wäre die Einführung der Gewerbefreiheit oder dass im Zuge der Industrialisierung viele ortsfeste Arbeitsplätze entstanden.
     
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  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Möglicherweise, da kann man nur spekulieren (womöglich hätte es in diesem Fall ein Urteil wegen Sachbeschädigung gegeben statt Freispruch) - aber wer mag ungelegte Eier ausbrüten?
    ...das sieht die Forschung nicht so wie du, was du ruhig zur Kenntnis nehmen könntest (paar Beiträge zuvor hatte ich genug dazu verlinkt)
    Übrigens veranstaltet der Zentralrat der Deutschen Juden keine Aufmärsche mit dem Spruchband "reisst den übelsten aller Praenazis vom Sockel" vor dieser Monströsität:
    Screenshot_20220622-193732_Gallery.jpg
     
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  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    [QUOTE="Dion, post: 854398, member: 25645"

    1) Das sagt auch niemand. Aber ich wäre erst dann zufrieden, wenn die Leute es fertigbrachten, neben seinen zahlreichen Statuen eine Tafel anzubringen, auf der z.B. stünde, dass er Mitschuld trägt an den brennenden Synagogen und der Verfolgung der Juden in der Neuzeit bis heute.




    2) Ich sehe keine großen Parallelen bei den Rekrutierungsmaßnahmen für die absolutistischen Armeen in Europa und der Knabenlese der Osmanen: Die einen rekrutierten im besten Fall Jugendliche, die Osmanen aber Kinder bevorzugt im Präpubertätsalter.

    Das ist eine Spitzfindigkeit, auf die ich nicht eingehen werde.

    Du findets da kein indirektes Lob und möchtest, dass ich mit Finger auf jemand zeige? Da kann ich dir leider nicht weiterhelfen.[/QUOTE]

    Ad 1) Schuld kann es nur für individuelle Taten geben, Mitschuld an den Novemberpogromen und am Holocaust kann man Luther kaum vorwerfen. Ich glaube kaum, dass du soweit gehen würdest, Richard Wagner wegen einem bestimmten Fan und Hausfreund eine Mitschuld zu geben.

    2) In diesem Punkt sind wir uns wenigstens mal einig.
     
  6. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Diese Forschung findet nicht im luftleeren Raum statt, also sagt sie das, was die Luft um sie herum von ihr erwartet: Luther war eigentlich ein Freund der Juden, nur haben diese ihm nicht dafür gedankt, haben sich störrisch erwiesen gegenüber seinen Angeboten, sich taufen zu lassen, etc., da hat er halt die Geduld verloren und wütend geworden Hetzschriften gegen sie verfasst, wirklich nicht schön, aber man muss das verstehen, er war auch nur ein Mensch, deswegen solle man diese Schriften nicht überbewerten, schließlich sind die nur ein kleiner Teil seines Œuvres, und dass die Nazis ihn zitierten, um ihre Judenverfolgung zu rechtfertigen, dafür konnte er nichts, schließlich hat er nur geschrieben, was damals die Mehrheit über die Juden dachte, und überhaupt könne man ihn nicht den Antisemitismus* vorwerfen, sondern höchstens Antijudaismus, und dass er allen Juden heimliche Mord- und Raubabsichten gegen die Christen unterstellte, sei halt ein Irrtum gewesen, kann jedem mal passieren, aber dass die Juden „1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen“ seien und „rechte Teufel“, die er am liebsten eigenhändig umbrächte – ich kann nicht umhin zu vermuten, die Nazis haben das über Juden als Plage, Pestilenz und alles Unglück auch gesagt und auf ihn verwiesen, damit zumindest die Hälfte der Deutschen leichter wegsah, als die Juden dann tatsächlich verfolgt und umgebracht worden sind.

    * Antisemitismus ist ohnehin der falsche Begriff, denn er suggeriert, ein Antisemit sei gegen Semiten eingestellt, was aber nicht wahr ist, weil auch Araber Semiten sind, also sind Antisemiten nach wie vor nur gegen Juden. Es wäre also besser gewesen, man wäre bei Antijudaismus geblieben, allerdings der Nachteil wäre dann, man könnte zwischen Antijudaismus Luthers und den Antisemiten unserer Tage nicht mehr unterscheiden. :D
     
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  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das kann man durchaus begründet so sehen.
    Seine Aufrufe zu Mord und Misshandlung gegenüber Juden begründete die antisemitische Tradition der Protestanten, die erst nach dem zweiten Weltkrieg überwunden wurde.
    Man denke etwa an den kaiserlichen Hofprediger Stoecker zu Zeiten Wilhelms II, oder den Nazi-Bischof Ludwig Müller und seine „Deutschen Christen“.
    Und es waren auch die Protestanten die Hitler wählten, und nicht die Katholiken.
    https://www.cicero.de/innenpolitik/luther-judenfeind-die-dunkle-seite-des-reformators/57603

    Shini, Du kannst Dich winden wie Du willst, es bleibt doch wahr, dass Luther zu denen gehört, die den Weg zum Holocaust ebneten.

    (Nachdem seine deutschen Jünger dieser Seite des „Reformators“ nicht mehr huldigen, lass ich mal den ikonoklastischen Farbbeutel im Keller.
    Wie das in den USA aussieht, steht auf einem anderen Blatt.)
     
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  8. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Das lässt sich doch so nicht verallgemeinern. Hitlers Werdegang nahm im katholischen München seinen Anfang. Der (gescheiterte) Putsch von 1923 sei beispielhaft erwähnt. Auf dem Land hatte Hitler stärkere Zustimmung, als in urbanen Regionen. Alles in allem konnte das Zentrum in wenigen Regionen am Rhein seine Rolle als stärkste Partei behaupten. Aber wenn man sich die Wahl von März 1933 ansieht, erkennt man, dass im protestantischen Hamburg "nur" 38,9% die NSDAP wählten, im protestantischen Berlin 31,3% -im katholischen Oberbayern und München hingegen 40,9 %.
    [​IMG]


    Hitlers Wähler – Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juni 2022
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  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Das waren ja keine Wahlen mehr.
    Die Zahlen von Pfeiffer beziehen sich auf den Juli 1932 "Wie der Wahlforscher Jürgen Falter ermittelt hat, verdankte sie ihren Sieg den evangelischen Wählern. Von ihnen hatte sich jeder Zweite für Hitler entschieden, von den Katholiken dagegen nur jeder Fünfte. "
     
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  10. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    @hatl hat auf den Artikel von Pfeifer gewiesen, der explizit die Wahlen von 1932 nannte, die noch einigermaßen frei waren, und du verweist als Antwort auf die Wahl vom März 1933, obwohl auch dir bekannt sein dürfte wie die ablief – Zitat aus der Wikipedia zum Reichstagswahl am 5. März 1933 :

    In der beginnenden Zeit des Nationalsozialismus wurden diktatorische Mittel angewandt. Im Wahlkampf verübten Mitglieder der NSDAP in sehr verstärktem Maße Übergriffe auf politische Gegner aus der KPD und SPD. Gegendemonstrationen wurden verboten, kommunistische und sozialdemokratische Zeitungen durften tagelang nicht erscheinen, zudem wurden Wahlplakate überklebt und praktisch jegliche politische Opposition zunehmend unterdrückt. Daneben setzte bereits die staatliche Verfolgung ein. Dabei kam der Regierung (Kabinett Hitler) auch der Reichstagsbrand vom 27. auf den 28. Februar 1933 zugute. Die tags darauf erlassene Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat („Reichstagsbrandverordnung“) setzte die Grundrechte außer Kraft, und die Strukturen der KPD wurden praktisch zerschlagen.
     
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  11. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    [​IMG]
    Hier die Karte zu den stärksten Parteien im Juli 1932. Ober- und Niederbayern ist von Zentrum bzw. BVP dominiert - das protestantische Berlin hingegen von der KPD. Ich sehe hier auch eher ein Stadt/Landgefälle bei der NSDAP. Das katholische Baden hat 36,9% NSDAP-Wähler oder die eher katholische Pfalz 43,7%, Hamburg hingegen 33,7%. Ich weiß nicht, wie Pfeiffer diesen eklatanten Unterschied in der Relgionszugehörigkeit der NSDAP festmachen will.
    Hitlers Wähler – Wikipedia
     
  12. Nikias

    Nikias Mitglied

    Die protestantischen Industriearbeiter haben überwiegend SPD oder KPD gewählt. Es war vor allem das protestantische Kleinbürgertum und die Landbevölkerung, die NSDAP gewählt haben. Es ist daher irreführend, gerade Hamburg und Berlin mit eher ländlich geprägten Gegenden im Süden zu vergleichen, wobei weder Baden noch die Pfalz rein katholisch sind. Wenn man bei der Juli-Wahl zwei ländliche Gebiete miteinander vergleicht, z. B. Schleswig-Holstein mit Niederbayern, dann sieht man schon deutlichen Unterschied: SH mit 51% für die NSDAP und NB mit 20,4%.

    Vielleicht noch besser als an der geographischen Verteilung kann man es imho an der Entwicklung der Parteien in der Weimarer Republik festmachen.

    Die eher protestantisch geprägten bürgerlichen Parteien wie DDP bzw DStP und DVP waren am Ende der Weimarer Republik nur noch Splitterparteien. Nur die republikfeindliche DNVP erhielt noch eine nennenswerte Anzahl von Stimmen. Demgegenüber konnte das katholische Zentrum (+BVP) seinen Stimmenanteil in etwa halten (bei gewissen Verlusten). Auch SPD und KPD zusammen konnten ihren Stimmenanteil weitgehend behaupten. Es gab nur größere Verschiebungen innerhalb der sozialistischen Parteien.

    Insgesamt zeigen diese Entwicklungen, wie sehr sich die bürgerlichen protestantischen Wähler von der Republik abgewendet haben.

    Quelle:

    Reichstagswahlen in Deutschland – Wikipedia
     
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  13. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich erinnere mich an Dein letztes Pauschalurteil gegenüber einem bestimmten Forschungszweig.

    Auch jetzt würde mich interessieren, auf welche wissenschaftliche Werke sich Dein Urteil zum Forschungsstand stützt.
     
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  14. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Wenn man belegen will, dass der Unterschied zwischen Stadt/Land bei NSDAP-Wählern auffälliger ist als der Unterschied zwischen katholisch und protestantisch, ist das keinesweges irreführend, sondern im Gegenteil zielführend.


    Genau da hat man dann zwei Extremwerte, die Pfeiffer eben auf alle Protestanten bzw. Katholiken überträgt. Das lässt an Pfeiffer zweifeln.
    Was dann hier im Forum noch mal gesteigert wurde in "Protestanten haben Hitler gewählt, Katholiken nicht".

    Hitler wurde von Protestanten tendziell öfter gewählt als von Katholiken, wenn auch nicht so extrem wie hier versucht wurde darzustellen. Der Unterschied zwischen Stadt und Land war stärker als der zwischen den beiden christlichen Religionen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Juni 2022
  15. Nikias

    Nikias Mitglied

    Dafür müsste man dann aber protestantische Großstädte mit protestantischen ländlichen Gegenden vergleichen und das gleiche noch mal für die Katholiken und dann in einem weiteren Vergleich protestantischen ländliche Gegenden mit katholischen ländlichen Gegenden und noch mal das Gleiche für die Großstädte. Wenn man eine protestantische Großstadt mit einer katholischen ländlichen Gegend vergleicht, überlagern sich die beiden Effekte und lassen sich kaum voneinander trennen.
     
  16. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das lässt sich aber aus den Gesamtzahlen nicht belegen.

    "Noch 1930 war die NSDAP von der Gemeindegröße her gesehen eine bemerkenswert ausgeglichene Partei. Dies änderte sich im Juli 1932, als der nationalsozialistische Stimmenanteil mit rund 33 Prozent der gültigen Stimmen in Großstädten erstmals deutlich, wenn auch keineswegs dramatisch unter dem Reichsdurchschnitt von 37 Prozent lag, während er mit knapp 42 Prozent am höchsten in der Größenklasse zwischen 2.000 und 5.000 Einwohnern ausfiel. Die Differenzierung zwischen Dörfern und Kleingemeinden auf der einen, Klein-, Mittel- und Großstädten auf der anderen Seite setzt folglich erst bei den Reichstagswahlen von 1932 und nicht schon 1930 ein. Von einer völligen oder auch nur weitgehenden Immunität der Großstadtbewohner gegenüber
    dem Nationalsozialismus im Zusammenhang mit der Juliwahl von 1932 zu reden, wie dies die
    Vossische Zeitung tat, ist angesichts der in den beiden Abbildungen dieses Abschnitts und in Tabelle 6.10 wiedergegebenen Befunde geradezu abwegig. Bedingt durch das schnellere Wachstum der NSDAP auf dem Lande nach 1930, von dem 1933 schließlich auch einige katholische Gebiete erfasst wurden, entwickelte sie sich dann tatsächlich zu einer immer stärker ländlich geprägten Partei. Doch selbst 1933 betrugen die Überrepräsentation der ländlichen und die Unterrepräsentation der großstädtischen NSDAP-Wähler gegenüber dem Reichsdurchschnitt nur jeweils rund sechs Prozentpunkte. Erstaunlich gering sind die Unterschiede zwischen den Groß-, Mittel- und Kleinstädten. Man sollte sich deshalb davor hüten, die vorhandenen Asymmetrien überzuinterpretieren. Auch 1933 war die NSDAP noch von allen größeren Parteien der Weimarer Republik, sieht man einmal von der DNVP ab, die über die verschiedenen Gemeindekategorien hinweg am gleichmäßigsten erfolgreiche Partei.
    [...]
    Großstadtbewohner waren folglich innerhalb der NSDAP zwar in der Tat unterrepräsentiert, doch betrug diese Unterrepräsentation im Vergleich zum Anteil der in dieser Größenkategorie beheimateten Wahlberechtigten weniger als vier Prozentpunkte. Zu dramatisierenden Verallgemeinerungen über die Ländlichkeit der NSDAP oder die Resistenz von Großstädtern besteht daher wahrlich kein Anlass. Auch von der demographischen Herkunft ihrer Wähler her betrachtet war die NSDAP selbst 1933 noch eine ziemlich ausgeglichene Partei, obwohl es durchaus bemerkenswerte Unterschiede in der Empfänglichkeit der verschiedenen sozialen Gruppen für den Nationalsozialismus gab." (Jürgen Falter, Hitlers Wähler, überarbeitete und erweiterte Neuauflage, Frankfurt/New York 2020)
     
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  17. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Das scheint der zitierte Falter nicht so zu sehen:

    und über diesen Zeitraum reden wir doch gerade.
     
  18. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Doch, das sieht er glasklar, und zwar namentlich für die Zeit nach 1930:

    "Ab der Reichstagswahl 1930 gilt die geradezu eherne Regel, dass der Prozentsatz der NSDAP-Stimmen in Kreisen mit einer evangelischen Bevölkerungsmehrheit sehr viel größer ausfiel als in Kreisen mit einem höheren Katholikenanteil. Anders ausgedrückt: Bei allen Reichstagswahlen nach 1928 ist ein klar positiver, äußerst starker statistischer Zusammenhang zwischen dem Anteil evangelischer Wähler und den Wahlerfolgen der Nationalsozialisten zu beobachten. Am stärksten ausgeprägt ist dies bei der Juliwahl 1932, wo zwischen dem Viertel der Kreise mit dem geringsten und dem Viertel der Kreise mit dem höchsten Protestantenanteil ein Unterschied im NSDAP-Wahlergebnis von 25,6 Prozentpunkten (!) vorliegt. Wir werden später sehen, dass kein anderes Sozialmerkmal die nationalsozialistischen Wahlerfolge so stark beeinflusst hat wie die Konfession."
     
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  19. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    In deinem obigen Zitat ging es nur um Großstädte, jetzt auf einmal ausschließlich um Konfession. Der Wahlkreis mit dem geringsten NSDAP-Wählern im Juli 1932 war Aachen-Köln mit 20,4%. Außer Frage ein sehr katholischer Wahlkreis. Der mit den meisten NSDAP-Wählern mit 51% war Schleswig-Holstein - außer Frage ein sehr protestantischer Wahlkreis. Wir haben also zwei Extremwerte, die Falter aber auf die gesamte Bevölkerung verallgemeinert und folgendermaßen im Cicero zitiert wird "Wie der Wahlforscher Jürgen Falter ermittelt hat, verdankte sie ihren Sieg den evangelischen Wählern. Von ihnen hatte sich jeder Zweite für Hitler entschieden, von den Katholiken dagegen nur jeder Fünfte."
    Dass es zwischen diesen beiden Extremwerten auch gemäßigtere Werte (Berlin z.B. mit 24,6%) gab, wird in diesem Zitat ignoriert. Man kann auch sehen, dass urbane Regionen wie Berlin und Aachen-Köln eine sehr viel geringere NSDAP-Wählerschaft hatte als das ländliche Schlesig-Holstein.
    Mir erscheint Falter in diesen Aussagen daher sehr zweifelhaft.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Juni 2022
  20. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Hast Du diesen Satz gelesen?

    Erstaunlich gering sind die Unterschiede zwischen den Groß-, Mittel- und Kleinstädten.

    Es geht darum, dass Deine Behauptung "Der Unterschied zwischen Stadt und Land war stärker als der zwischen den beiden christlichen Religionen" durch die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Daten widerlegt wird.

    Die konfessionsbedingten Unterschiede bleiben bis 1933 extrem deutlich, und das auch im Vergleich mit dem weniger ausgeprägten Stadt-Land-Gefälle.

    "... schon 1930 stimmte dann ein rund doppelt so hoher Anteil von Nicht-Katholiken wie von Katholiken
    für die Hitlerbewegung. Dieser Unterschied zwischen den Konfessionsgruppen verstärkte sich noch einmal im Juli 1932, als nach unseren Berechnungen 38 Prozent der wahlberechtigten Nicht-Katholiken gegenüber nur 16 Prozent der wahlberechtigten Katholiken NSDAP wählten. Auf die konfessionelle Zusammensetzung der NSDAP-Wählerschaft umgerechnet würde dies bedeuten, dass bei dieser Wahl nur rund 17 Prozent der NSDAP-Wähler katholisch, 83 Prozent dagegen nicht-katholisch gewesen wären. Die Differenz zwischen Katholiken und Nicht-Katholiken verringerte sich erstmals im November 1932 nennenswert, als die NSDAP-Wahl der nicht-katholischen Wähler um fünf, die der katholischen Wahlberechtigten dagegen nur um zwei Prozentpunkte gegenüber der Vorwahl zurückging. Im März 1933 schließlich stieg der Prozentsatz der NSDAP-Wähler innerhalb des katholischen Bevölkerungsteils um 14 Prozentpunkte, d. h. er verdoppelte sich gegenüber November 1932, während er bei den nicht-katholischen Wählern nur um 11 Prozentpunkte zunahm. Der Abstand zwischen Katholiken und Nicht-Katholiken ging folglich von 22 Punkten im Juli 1932 über 19 Punkte im November 1932 auf »nur« noch 16 Punkte im März 1933 zurück. In den letzten Monaten der Weimarer Republik scheint demnach die ursprünglich relativ große Resistenz des katholischen Bevölkerungsteils gegenüber dem Nationalsozialismus geringer geworden zu sein. Doch war sie selbst zu diesem Zeitpunkt noch sehr viel stärker ausgeprägt als die des nicht-katholischen und insbesondere des evangelischen Bevölkerungsteils."


    "Bevor wir uns abschließend der Frage zuwenden, worauf die insgesamt größere Immunität der Katholiken gegenüber dem Nationalsozialismus zurückzuführen ist, müssen wir noch klären, ob diese Resistenz nicht in Wirklichkeit vielleicht durch andere Faktoren als die Konfession selbst verursacht worden ist. Denn es wäre ja durchaus denkbar, dass beispielsweise die Landbevölkerung insgesamt sich gegenüber dem Nationalsozialismus als besonders anfällig erwiesen hätte und ländliche Gebiete wiederum überwiegend evangelisch gewesen wären, während die Bewohner von Industrieregionen, die (wie etwa Oberschlesien oder das Ruhrgebiet) aus historischen Zufällen heraus möglicherweise vorwiegend katholisch geprägt waren, im Durchschnitt eher unempfindlich gegen den Nationalsozialismus gewesen wären."

    Dazu gibt es eine Tabelle, in dieser "werden der Grad der Verstädterung und der Konfessionsanteil der Kreise miteinander kombiniert, um mögliche Überlagerungseffekte dieser beiden Merkmale feststellen zu können.
    Sie belegt, dass durch die Einführung des Merkmals »Urbanisierung« der Effekt der Konfessionsverteilung auf das Abschneiden der NSDAP keineswegs verschwindet. Gleichgültig ob die Kreise überwiegend ländlich oder eher städtisch sind: Wo der Katholikenanteil hoch ist, hat es die NSDAP sehr viel schwerer als dort, wo er niedrig (und damit der Prozentsatz der Protestanten hoch) ist. In den konfessionellen Mischgebieten liegt der Anteil der NSDAP-Stimmen unabhängig von der Verstädterungsrate ausnahmslos zwischen dem der überwiegend katholischen und nicht-katholischen Kreise. Dies gilt auch dann, wenn man andere Urbanisierungsmaße wie die Bevölkerungsdichte oder die durchschnittliche Gemeindegröße eines Kreises in der Analyse berücksichtigt."
     

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