Konfliktthese, Islam vs Christentum

Dieses Thema im Forum "Religionsgeschichte" wurde erstellt von PostmodernAtheist, 27. September 2021.

  1. Heutzutage gilt ja die Konfliktthese weitestgehend als abgelehnt.

    Konfliktarbeit - gaz.wiki

    Aber scheint es mir so als hätte man sich da nur mit dem Christentum befasst, nicht wirklich mit dem Islam oder vielleicht mal anderen Religionen.

    Der Islam hatte ja bei seiner Ausbreitung und unter den zwei großen Kalifaten eine recht weltoffene Haltung.
    Doch mit der Zeit verlor die islamische Welt ihr Feuer, ihre Neugierde. Ob jetz Al-Ghazali Schuld war, oder nicht, es gab eine negative Entwicklung, vielleicht sollte die Obrigkeit und die religiösen Institutionen gestärkt werden, um die fragmentierende islamische Welt zusammenzuhalten. Selbst das große osmanische Reich begann ja mal klein, tat sich dann aber auch nicht grade mit großen technischen Innovationen hervor.

    Ich will nicht in orientalistische Denkmuster verfallen, aber grade wenn ich mir so die Entwicklungen im modernen Amerika ansehe, so scheint es mir als gehe hohe Religiosität mit Autoritätsgläubigkeit und Bildungsfeindlichkeit einher. Man betrachte die Bildungsfeindlichkeit und Ideenlosigkeit der "Konservativen", die lieber eine Moralpanik starten als sich wirklich mit progressiven Ideen auseinanderzusetzen und von den Universitäten größtenteils verschwunden sind, um dann "Alternativen" anzubieten.
     
  2. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Richard Dawkins hat einen interessanten Erklärungsversuch für die Diskrepanz im intellektuellen Output des islamischen und des judeo-christlichen Kulturkreises geliefert, wie er sich bspw. seit langer Zeit durch das Missverhältnis angemeldeter Patente oder veröffentlichter Bücher bemerkbar macht. Ich halte ihn für überzeugend, zumal Dawkins bekannterweise eher in dubio contra religione argumentiert.

    Dawkins These beruht auf dem Stellenwert der Exegese in Juden- und Christentum. Im Islam findet nämlich keine Beschäftigung mit dem Koran in dem Maße statt, dem Bibel und insb. Tanach ausgesetzt sind. Gerade das Judentum kennt seit Jahrtausenden die durchaus auch kritische Auseinandersetzung mit der Schrift. Im Christentum kam sie erst mit der Reformation in Fahrt, ist aber mittlerweile fester Bestandteil der Religion.

    Und während Juden und Christen heute idealerweise schon in jungen Jahren zur Beschäftigung mit Glaubenssätzen, zum Zweifeln angehalten werden, wie mancher hier es vielleicht noch vom Firmunterricht kennt, beschränken sich die meisten Koranschulen seit jeher darauf, die Suren auswendig lernen zu lassen. Die Schrift gilt als das unverrückbare Wort Gottes. Deswegen wurde der Koran auch nie wirklich redigiert.

    Die islamische Glaubenspraxis, so Dawkins, steht daher dem Hinterfragen tradierter Maximen mehr im Wege als die Glaubenspraxis der übrigen abrahamitischen Religionen. Er zitiert dabei auch Nietzsche, der gemutmaßt habe, das Christentum sei durch eigene Hand obsolet geworden, indem es einen Wahrheitsbegriff predigte, der mit dem Glauben zwangsläufig in Konflikt hätte geraten müssen.

    Seyran Ateş hat dieses strukturelle Problem des Islam einmal folgendermaßen ausgedrückt: "Wir sagen nicht: Was für eine Welt will Gott? Wir sagen: Die Welt ist, wie Gott sie will." Wer sich mit den gegenwärtigen Versuchen befasst, an deutschen Schulen einen Islamunterricht nach dem Vorbild des klassischen Religionsunterrichts einzuführen, wird ihr Recht geben müssen.
     
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  3. Das ist in der Tat ein interessanter Lösungansatz. Hut ab, klingt sehr plausibel.

    Fragt sich bloß wieso der Islam nicht so kritisch war. Immerhin teilen die drei Religionen eine Tradition.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es mag eine Tendenz der letzten Jahrzehnte sein, unter dem Rigororismus etwa der seit Jahrzehnten - auch dank ihres Ölreichtums - fortschreitenden wahabbitischen Einflussnahme auf den Islam, dass Qur'ân-Exegese ins Hintertreffen geraten ist, bzw. die Ambiguität der Qur'ân-Exegese nicht mehr so möglich ist, wie in früheren Zeiten, weil eben unter wahabbitischem Einfluss nur noch ein richtig anerkannt wird. Aber an sich ist die exegetische Literatur (at-tafsīr < fasara 'erklären', bekanntester Vertreter dürfte aṭ-Ṭabarī sein) im Islam abundant. Auch die ganze fiqh-Diskussion in den vier sunnitischen und zusätzlichen shi'itischen Rechtsschulen ist im Prinzip ein Teilaspekt des tafsīr).
    Dieses "den Qur'ân auswendig lernen und damit hat's sich" wie man das von den Taliban oder Boko Haram kennt, ist eigentlich ein eher neuzeitliches Phänomen. Natürlich gehörte es im im Islam seit den Anfängen dazu, den Qur'ân auswendig zu können und wer etwas auf sich hielt besaß eine eigene handschriftliche Ausgabe des Qur'ân. Die Geschichte des Qur'ân ist letztlich nur mit dem Auswendiglernen zu verstehen. Ein afghanischer Bekannter von mir, der von sich sagt, den Qur'ân auswendig rezitieren zu können, meint, den ganzen Qur'ân aufzusagen dauere etwa fünfzehn bis sechszehn Stunden.
    Es gibt natürlich Memohilfen, nämlich, dass er in Versen Reim und Metrum unterworfen ist. Und, um den eben begonnenen Bogen zu seinem Ende zu führen: Die frühsten qur'ânischen Aufzeichnungen noch ohne Vokalzeichen und z.T. sogar ohne die diakritischen Punkte (تىيىىىىىىىىىثنتب) ohne die ich aber je nach Stellung im Wort b ب, t ت, t ث, y ي und n ن nicht voneinander unterscheiden kann, dienten letztlich nur als Erinnerungshilfen, so wie der Souffleur dem hängengebliebenen Schauspieler ggf. ein Stichwort zuwirft.
    Dass aber das Auswendiglernen alles sei, ist eher eine junge Entwicklung im Islam. Ein anderer afghanischer Bekannter von mir sagt z.B., dass die Taliban zwar alle den Qur'ân rezitieren können, aber da sie kein Arabisch können, sie überhaupt nicht verstehen, was sie da rezitieren und somit auch gar nicht auslegen können.
    Wie du schon richtig sagtest, war das bei uns ja auch lange so, als es etwa in Phasen des Mittelalters verboten war, die Vulgata (die ja ihrerseits schon dem Namen nach eine >> volkssprachliche!!! << Übersetzung war), in die jeweiligen Volkssprachen zu übersetzen.

    In Pakistan ist der Deobandi, dem die Taliban zuzuordnen sind, ohne die britisch-indische Kolonialgeschichte nicht zu verstehen. Also insofern: Das reine Auswendiglernen ohne tafsir ist eine jüngere Erscheinung.
     
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  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Dem widerspricht der Begriff des Ichtilāf im Islam. Ichtilāf sind konkurrierende Rechtsauffassungen der einzelnen islamischen Rechtsgelehrten sowohl innerhalb ihrer Rechtsschulen (Madhhab) als auch der Rechtsschulen untereinander. Dieser Dissens bezieht sich nicht nur auf den Qur'ân sondern auch auf die Hadithen, die eben nicht im Qur'ân stehen, aber dennoch wichtiger schriftlicher Bestandteil des Islam sind.
     
  6. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Bis ins 13. Jh. kann man durchaus von einer blühenden Wissenschaft/Kultur/Wirtschaft/Technik im islamischen Bereich sprechen, danach wird zusehends eine orthodoxe Rechtgläubigkeit & Lebenspraxis die wichtigste Richtlinie auch außerhalb der religiösen und theologischen Sphäre.

    Diese Entwicklung wird schon seit vielen Jahren, meine ich, nicht nur wissenschaftlich diskutiert, sondern weitgehend als historisches Faktum akzeptiert.
    Es kann also schlecht einfach nur am 'Islam' liegen, weil er halt angeblich so ist. Vergleichsweise war 'er' mal eben nicht so, wie er sich - vergleichsweise - heute in Relation zu den allenthalben dennoch recht säkularen 'westlichen' Staaten darzustellen scheint.

    Inzwischen hat seit Jahrzehnten die wirtschaftliche, wissenschaftliche Expansion/Blüte des nicht primär christlichen Pazifikraumes die globalen Schwerpunkte verschoben - und hier wird teils immer noch eine romantische Diss. über 'Islam', 'Christentum' und 'Judentum' geführt, welche zudem weitgehend von wenigen, aber aktuell-geläufigen Erscheinungsformen geprägt ist und auch eine historische Exploration der ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen und -praktiken durch die Jahrhunderte vergisst.

    Wie wäre ein Blick auf die christlichen, teils sehr katholischen Staaten Mittel- und Südamerikas? Zeigt sich da auch eine angeblich im Christentum bzw. in der theologischen Praxis des Christentums schon angelegte Methodik, die die Wissenschaften beflügelt und damit Wirtschaft, Staat, Kultur und Gemeinwesen/Demokratie? ;-)
     
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  7. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Richard Dawkins, den -muck- mit seinem Erklärungsversuch wiedergibt, ist übrigens Zoologe und Biologe.

    Er wurde von Shalom Lappin und Daniel Finkelstein dafür kritisiert, dass er behauptete eine "jüdische Lobby monopolisiere" die amerikanische Außenpolitik. Er vertritt einen relativ dogmatischen Atheismus. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass er versucht Weltreligionen für Konflikte verantwortlich zu machen. Es ist kein "einseitiges" Islam-bashing. Das richtet sich in anderen Schriften von ihm auch gegen andere Religionen.
     
  8. Bis ins 13. Jh. kann man durchaus von einer blühenden Wissenschaft/Kultur/Wirtschaft/Technik im islamischen Bereich sprechen, danach wird zusehends eine orthodoxe Rechtgläubigkeit & Lebenspraxis die wichtigste Richtlinie auch außerhalb der religiösen und theologischen Sphäre.

    --- Ist das Fundamentalismus, oder etwas anderes? Wer ist dafür verantwortlich und woran liegt diese plötzliche Autoritäre Haltung?
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es gibt gewisse Einbrüche in der islamischen Geschichte, die natürlich ihre Folgen auf das intellektuelle Leben haben, da mag man dann vom goldenen Zeitalter des Islam vom 8. - 11. Jhdt. sprechen. Aber dass da plötzliche eine Zäsur stattgefunden habe und danach war alles anders, offenbart eine gewisse monolithische Wahrnehmung des Islam.
    Der Einfall der Mongolen in die syrisch-iranischen Gebiete ist der große Schock in der islamischen Welt (sehr viel mehr, als die heute hochgerutschten Kreuzzüge, die in der mittelalterlichen islamischen Geschichtsschreibung bis ins 19. Jhdt. eher ein Nebenthema waren: „ach ja, da waren noch diese Franken, die haben mal ne zeitlang.in Palästina gesessen“).
    Die Almoraviden und Almohaden im Magrib und al-Andalus galten als kulturfeindlich. Aber verfielen eben bald selbst in in dekadenten Verhaltensmuster, die sie ihren Vorgängern jeweils angekreidet hatten. Sie haben vor allem in der islamischen Geschichtsschreibung eine schlechte Presse.
    Die Frage nach „wer ist schuld“ ist also im doppelten Sinne nicht sinnvoll. Erstens unterstellt sie eine für den ganzen Islam gültige Zäsur und zweitens, dass man für diese unterstellte Zäsur jemanden verantwortlich machen könne. Das ist scapegoating, mehr nicht.
     
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  10. Gut gesagt. Bin nur mal auf ein ziemliches Arsch gestoßen der meinte es besteht so eine Art kollektive Schuld (so interpretier ich das zumindest mal) weil die Muslime ihre Fundamentalisten an die Macht gelassen hatten und so ihr eigenes "Dark Age" verschulden. Dark Age ist schon mal ein ziemlich problematischer Begriff...und er wollte mich belehren weil das ja bei den Christen auch so war :rolleyes:
     

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