Kosovo - Eine "Erfindung" des Osmanischen Reichs?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von GlaukderPrinz, 29. Mai 2021.

  1. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    NOrmalerweise nicht, aber im 19. Jahrhundert gab es durchaus die Idee der albanischen Nationalbewegung Nahe zu kommen um diese an das Osmanische Reich zu binden.

    Auch die Liga von Prizren verlangte nach Autonomie innerhalb des Osmanischen Reichs und nach der Unabhängigkeit Albaniens gab es Aufstände gegen die eigene Unabhängigkeit. Vor allem die Muslime Albaniens wollten gar nicht unabhängig werden, sie wurden mehr oder weniger gezwungen, weil diese sonst zwischen Griechenland und Serbien aufgeteilt worden wären.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Interessen der Völker haben vor dem "Selbstbestimmungsrecht der Völker" von Woodrow Wilson wohl kaum jemanden interessiert. Von Interesse war, was man beherrschen konnte, allenfalls noch, was die Privilegien des örtlichen Adels anbelangte. Ggf. hat man historisch überkommene Verwaltungsbezirke übernommen oder sich durch Infrastruktur leiten lassen. Aber häufig genug hat man eine Landkarte genommen und darauf mit dem Lineal Grenzen gezogen. Wenn man sich die Grenzziehung in Afrika oder im Nahen Osten ansieht, dann sind das Grenzen, die von europäischen Mächten im 19. oder frühen 20. Jhdt. festgelegt wurden, als koloniale Einflussphären bzw. Protektorate. Da war es völlig gleichgültig, dass da historische Herrschaften oder ethnische Gruppen geteilt wurden. Da nahm man keine Rücksicht drauf.
    Ich weiß nicht, wie das Osmanische Reich seine Verwaltungsgrenzen zog. Aber es wird ähnlich wie die europäischen Mächte im 19. Jhdt. auf dem afrikanischen Kontinent nur bedingt auf regionale Befindlichkeiten Rücksicht genommen haben und Verwaltungsgrenzen nach eigenem Vorteil bestimmt haben.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Und selbst dort, wo man sich bemühte, einigermaßen sinnvolle Grenzen zu ziehen, konnte das ganz böse ins Auge gehen. Man muss sich nur die Unabhängigkeit Indiens und Pakistans (mit Bangladesh) 1947 ansehen. Als sich die Unabhängigkeit Indiens von der Britischen Krone abzeichnete, wurde immer deutlicher, dass Muslime und Hindus völlig unterschiedliche Interessen hatten, also bat die Britische Kolonialverwaltung einen englischen Rechtsanwalt, Cyril Radcliffe, eine Grenze zu ziehen. Der, nie in Indien gewesen, schaute sich die Daten an und wie die muslimische und nicht-muslimische Bevölkerung in Indien verteilt war und bemühte sich um eine Grenzziehung , die sowohl der muslimischen wie auch der nicht-muslimischen Bevölkerung gerecht wurde. Er hatte dazu allerdings nur fünf Wochen und das als jemand, der nie in Indien gewesen war. Das Ende vom Lied war, dass 14 Millionen Menschen aus Indien nach Pakistan (einschl. Bangladesh) deportiert wurden, bzw. von dort nach Indien. Eine unbekannte Zahl von Menschen soll darüber hinaus in interreligiösen Gewalttaten ums Leben gekommen sein. Die Schätzungen liegen zwischen 200.000 und 2.000.000 Toten. An der pakistianisch-indischen Grenze ist der Konflikt bis heute ungelöst (Kashmir-Konflikt) - und unter dem indischen Präsidenten Modi ist (zeitweilig?) interreligiöse Gewalt wieder aufgeflammt.
     
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  4. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Die Liga von Prizren (der Anfang der albanischen Nationalbewegung) war auch eine Veranstaltung die rein muslimisch war und vor allem von den Begs geleitet war.

    Noch im 1. Jugoslawien war die von den Muslimen gewählte Partei Džemijet – Wikipedia faktisch eine Interessensvertretung der Großgrundbesitzer.

    Im Tausch für Scharia im Privatrecht und dem Abwenden der völligen Enteignung der muslimischen Großgrundbesitzer stimmte man für die zentralistische Vidovdanverfassung.
     
  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Und diese "Interessen der Völker" setzten kaum auf nationale oder religiöse Minderheiten in einigen Regionen. Als Folge des Vertrages von Lausanne wurden 1,2 Millionen Griechisch-Orthodoxe aus der Türkei und 600.000 Muslime aus Griechenland zwangsumgesiedelt. Dabei wurde nicht auf die Muttersprache oder ein "ethnisches Selbstverständnis" der Vertriebenen geachtet. Ausschlaggebend war allein die Religion.

    Eine der Schattenseiten von Wilsons "Selbstbestimmungsrecht der Völker" ist, dass dies auch zu einer Homogenisierung der Bevölkerungen führte, dass ein gutes Stück Pluralismus in den Gesellschaften beseitigt wurde und einem eher nationalistischen Weltbild Vorschub geleistet wurde. Der "Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei" ist nur ein Beispiel unter mehreren für diese Tendenz nach dem 1. Weltkrieg.
     
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  6. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Zur Namensgebung des Vilayets Kosovo 1877 durch die osmanische Verwaltung eine Idee:
    "Auf dem Kosovo-Feld wurde die osmanische Präsenz im Balkan erkämpft und angesichts der Bedrohungen, diese Errungenschaft wieder zu verlieren, nennen wir die neue Provinz nach diesem historischen Ort." So oder ähnlich waren vielleicht die Überlegungen der Namensgeber. Der Provinzname als politisches Statement.

    Der Bezug zur Geschichte bei der Namensgebung zeige sich auch in den Jahrbüchern der Provinz, die von Anfang an einen Text enthalten, welcher die Wichtigkeit des Kosovos für das Osmanische Reich unterstreiche.
    Vielleicht will das jemand in der Ausgabe von 1885 überprüfen: Salname-yi Vilâyet-i Kosova. 1885.

    Auch aus einer Meldung vom 5.2.1877 aus Prizren des Konsuls Friedrich Lippich von Lindburg an Andrássy geht das hervor:
    Bildung des Vilayets Kosovo aus den Sancaks Prizren, Yenipazar, Üsküb, Niş und Şehirköyü. Prishtina als Regierungssitz ungeeignet. Ernennung Kâmil Paschas zum Vali. Aufteilung mehrheitlich bulgarischer Sancaks auf verschiedene Vilayets. Benennung der Provinz als Erinnerung an den osmanischen Sieg von 1389.
    https://austriaca.at/0xc1aa5576 0x003bbdc7.pdf
    Ob das nur seine persönliche Einschätzung war oder ob er das aus erster Hand wusste, kann man schwer sagen. Der Name der Provinz Kosovo soll laut türkischen Quellen erstmals im staatlichen Jahrbuch von 1876 erwähnt worden sein.

    Ich suche gerade nach Beispielen, in denen Provinzen oder Länder nach historischen Ereignissen benannt wurden.
    Vielleicht Département Jemappes – Wikipedia
    oder Regional Municipality of Waterloo - Wikipedia in Kanada.
     
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  7. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Dann müssten die Osmanen den Mythen um das Kosovo Ereignis auf den Leim gegangen sein. Für den Aufstieg des Osmanischen Reichs war die Schlacht von Maritza viel wichtiger. Es war nicht mal ein klarer Sieg, da die Osmanen sich zurückzogen. Tvrtko von Bosnien vermeldete, dass es ein Sieg seiner Vasallen war.

    Die Bedeutung hat es wegen dem Mythos und dem Fakt, dass beide Herrscher gefallen sind. In der Schlacht direkt starb nie ein osmanischer Sultan. Das Serbische Reich wurde aber in der Schlacht von Maritza zertrümmert, wenn es nicht selber implodiert wäre.
     
  8. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Die Osmanen hatten durchaus ihre eigenen zeitgenössischen Geschichtsschreiber, wie Aşıkpaşazâde und Yahşi Fakih, entwickelten ihre eigenen Mythen und brauchten niemandem auf den Leim zu gehen.
    Sie nannten und nennen auch heute noch (Türkei) die beiden Feldzüge 1371-1389 und 1444-1448 1. und 2. Kosovo-Krieg (Kosova savaşları).
    Man kann natürlich darüber diskutieren, ob diese Namensgebung berechtigt ist, doch der Name Kosovo war vermutlich trotzdem fest im osmanischen Geschichtsbewusstsein verankert.
     
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  9. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Das stimmt sicher, aber die Bedeutung die dieser Schlacht beiwohnt ist nicht dem Ereignis, sondern dem Mythos geschuldet.
     

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