Krankheiten im frühen 18. Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Minelle, 26. März 2021.

  1. Minelle

    Minelle Mitglied

    Bonjour,
    ich wende mich mal wieder mit einer speziellen Frage an auch. Ich suche nach einer Krankheit, die - der Cholera oder Ruhr ähnlich - den Tod durch Brechdurchfall, Koliken etc. verursachen kann. Jetzt finde ich Berichte für Cholera oder Ruhr nur ab Beginn des 19. Jahrhunderts. Fiktionales Szenario ist folgendes: Ein etwa 40 Jahre alter, sonst gesunder, Mann stirbt an eben diesen Symptomen. Der Doktor vermutet ... dahinter, Jahre später stellt sich aber heraus, dass der Mann vergiftet worden ist. Welche Krankheit würde denn ein Arzt der damaligen Zeit in Frankreich bei solchen Symptomen vermuten?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

  3. Minelle

    Minelle Mitglied

    Der Begriff Typhus wurde erst ab 1760 verwendet. Was meinen beschriebenen Symptomen aber auch noch entspricht, ist Fleckfieber, auch Nervenfieber genannt. Das kannte man ab dem 16. Jahrhundert unter diesen Namen, wenn Wikipedia nicht lügt.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Suche mal nach Cholera/Colera Rubrica.
     
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  5. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Das Krankheitsbild gab es bereits früher. Ich hab mal mit jail-fever gestartpaged und in der englischsprachigen Wiki kommen etliche Bezeichnungen vor, die ohne das Wort "Typhus" auskommen. Eine klassische Lagerseuche in großem Menschen- und Körperläusegedränge...
    https://en.m.wikipedia.org/wiki/Epidemic_typhus

    Nachtrach: Die deutsche Wiki sagt, Fleckfieber sei die ältere Bezeichnung für Typhus gewesen. Du warst also bereits richtig.
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Möglichkeiten, Gifte nachzuweisen, waren im 18. Jahrhundert sehr begrenzt. Selbst wenn ein Arzt einen begründeten Verdacht hatte, so war es doch noch ein weiter Weg vom begründeten Verdacht bis zum sicheren Beweis. Ich weiß nicht, ob die Medizin des 18. Jahrhunderts schon in der Lage war, Giftstoffe im Körper nachzuweisen. Ich würde mal vermuten, wenn über einem Vergifteten erst mal grüner Rasen und über dem unentdeckten Kriminalfall erst mal Gras gewachsen war, konnte man mit den Methoden des 18., Jahrhunderts kaum mehr einen Mord nachweisen, sofern nicht ein Täter so unvorsichtig war, etwa im Tagebuch den Mord zu gestehen.

    Es gab eine Menge von Giftstoffen, die im Alltag verwendet wurden wie z. B. Arsenik, Bleiweiß, Quecksilber. Auch aus einheimischen Pflanzen ließen sich wirkungsvolle Gifte herstellen. Der Eisenhut (Aconitum napellus, die Herbstzeitlose, der Fingerhut. Auch Medikamente wie Laudanum ließen sich verwenden, vor allem bei Kleinkindern konnte bereits eine geringe Dosis zum Tode führen. In dem Roman Uncle Tom´s Cabin vertraut Cassy, eine "Tragic Mulatto" dem Titelhelden an, dass sie ihr Baby mit Laudanum vergiftete, um ihm das Schicksal der Sklaverei zu ersparen. Neben Laudanum wurde daher auch schon im 16. Jahrhundert ein niedriger dosiertes Opiumpräparat Paregoric entwickelt, dass nur etwa 1/10 so stark war wie Laudanum. Manche Zeitgenossen verwendeten Laudanum für Suizid. In den Lazaretten der Kriege des 19. Jahrhunderts kam es zuweilen vor, dass Verwundete in der Hektik überdosiert wurden und an einer Überdosis Morphin starben.

    Giftstoffe konnten ohne Rezept in jeder Apotheke oder Drogerie gekauft werden, und solange man nicht gerade als notorischer Giftmischer bekannt war, konnte jeder solche Substanzen frei kaufen. In großen Städten wie Paris scheint es Leute wie die Voisin häufiger gegeben zu haben. Obskure Personen, die Amulette, Aphrodisiaka, Abtreibungsmittel und eben auch Giftstoffe verkauften. Bei der Giftaffäre in den 1670er Jahren gerieten selbst Persönlichkeiten des Hofes in Verdacht wie Olympia Mancini, die Mutter Prinz Eugens, die nach Holland floh und Athenais de Montespan, die Maitresse en Titre des Königs.

    Als Beweismittel standen der Justiz nur Aussagen von Belasteten zur Verfügung, die teilweise unter Einsatz der Folter gewonnen wurden. Es wurden daraufhin Verhaftungen und Hausdurchsuchungen vorgenommen. Dabei wurden teilweise Giftstoffe und magische Accessoires sichergestellt. Ob die schwarzen Messen tatsächlich gefeiert wurden, oder ob es sich dabei um Fiktion handelte, um bestimmte Personen des Hofes zu diskreditieren, ist unbekannt.

    Im 18. Jahrhundert wurde vor allem Arsenik verwendet. In zeitgenössischen Texten ist häufig von Erbschaftspulver die Rede. Oft wurden kontinuierlich kleinere, nicht unmittelbar tödliche Dosen verwendet. Durch schleichende Vergiftung ähnelte der Krankheitsverlauf "natürlichen" Ursachen, und was wurde nicht alles im 18. Jahrhundert als "Schwindsucht" oder "Auszehrung" bezeichnet.

    Wie weit die Möglichkeit im 18. Jahrhundert bestand, Giftstoffe durch forensische Methoden nachweisen zu können, weiß ich leider nicht. Die Möglichkeit, Gifte im Blut oder im Urin nachweisen zu können, bestand noch nicht. Trotz geringer Möglichkeiten des Nachweises, wurden doch eine Reihe von Persönlichkeiten des Giftmordes überführt. Es herrschte ein hohes Maß an sozialer Kontrolle, es gab häufig Mitwisser, Bedienstete, die etwas mitbekamen. Wenn bestimmte Symptome auftraten, konnte eine Untersuchung angeordnet werden, Verdächtige konnten befragt werden, u. U. auch unter der Folter, und da sickerte dann natürlich immer etwas durch.

    Wenn aber erst mal Gras über die Sache gewachsen war, konnte man durch forensisch-pharmakologische Methoden kaum noch die Tat nachweisen, wenn nicht der/die Beschuldigte sich selbst verriet, etwa indem man dem Tagebuch die Tat anvertraut oder ein Geständnis ablegte.

    Wenn ich im 18. Jahrhundert einen Giftmord begehen müsste, würde ich mich vermutlich für eine Vergiftung durch ein hochkonzentriertes Opiumpräparat entscheiden, vielleicht noch kombiniert mit etwas, das die atemlähmende Wirkung verstärkt. Auch Alkohol und andere Drogen können die Wirkung verstärken: 1. Es gibt keinen Todeskampf, das Opfer schläft ein und hört auf zu atmen. 2. Es besteht die Möglichkeit, den Mord, als einen Unfall aussehen zu lassen, eine unbeabsichtigte Überdosis, möglicherweise ein Suizid.
     
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  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich wollte noch etwas zum Nachweis schreiben. Es gab natürlich Symptome, die auf eine Vergiftung hindeuten konnten. Speichelfluss, Krampfanfälle. Man kannte Symptome bei Quecksilbervergiftungen, oder es konnten plötzlich auftretende Magenkrämpfe, akute Vergiftungssymptome auftreten und den Verdacht einer Vergiftung erregen.

    Wenn eine Obduktion angeordnet wurde, konnten Ärzte anhand bestimmter Symptome und starker Indizien eine Vergiftung diagnostizieren. Wenn bei einem Patienten die Pupillen extrem geweitet sind und auch im Licht sich nicht verkleinern, ist recht leicht zu diagnostizieren, dass der Patient eine Nachtschattendroge konsumiert haben muss, auch ohne Drogenscreening lässt sich eine akute Vergiftung durch Atropin und Skopolamin erkennen.

    Auch Drogen wie Kokain und Halluzinogene. bewirken, dass die Pupillen stark geweitet sind. Opiate dagegen verkleinern die Pupillen.

    Arsenik, Akonit, Schierling, Nachtschattendrogen, Digitalis hatten natürlich auch bestimmte Wirkungen und Nebenwirkungen, und es war natürlich schon möglich, dass ein geübter Arzt oder Pharmakologe anhand von Indizien ziemlich sicher erkennen konnte, dass eine Vergiftung vorlag, dass zumindest Indizien darauf hindeuten, dass es sich nicht um einen natürlichen Tod handelt-was wiederum eine Untersuchung rechtfertigte.

    Eine schleichende Vergiftung, ein tragischer Unglücksfall war dagegen viel schwerer nachweisbar. Sicher konnten Beschwerden den Verdacht einer Vergiftung erregen. Das dann aber durch forensische Methoden sicher nachweisen zu können, war eine ganz andere Sache. Da waren die Mittel der Medizin sehr beschränkt, und womöglich Jahre nach einer unentdeckten Vergiftung diese nach forensischen Methoden nach Jahren noch nachweisen zu können, halte ich für unmöglich. Nachweisen konnte man es eigentlich nur, wenn der Täter oder die Täterin oder ein Mittäter sich verriet.

    Wie gesagt, wenn nicht nur grüner Rasen das Opfer deckte, sondern auch Gras über die Sache gewachsen war, ließ es sich kaum noch forensisch nachweisen.
     

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