Kreuzzüge - (kriegerisches Massaker) oder (kultureller) Austausch?

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von Senf94, 15. Februar 2021.

  1. Senf94

    Senf94 Neues Mitglied

    Liebes Geschichtsforum,

    ich schreibe gerade an meiner Facharbeit in Geschichte (Q1) und habe von meinem Fachlehrer, als Grundlage, folgende Fragestellung erhalten:

    Kreuzzüge - (kriegerisches Massaker) oder (kultureller) Austausch?

    Ich habe mir bereits etliche Historikerurteile durchgelesen. Diese kommen jedoch teilweise zu stark unterschiedlichen Ansichten. Wie würdet ihr die Kreuzzüge beurteilen?

    Vielen Danke für eure Hilfe im Voraus!!
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Was hilft dir unsere Beurteilung? Du muss doch ein Urteil fällen. Auf Basis quellenkritischer Untersuchungen, die wichtigsten Quellen ligen in Übersetzungen vor. Wir können dir sicher Quellen- und Literaturhinweise geben oder deine Argumentation auf den Prüfstand stellen. Vorgeben, wie du zu urteilen hast, können wir dir nicht.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Usāma Ibn-Munqiḏ liegt z.B. in zwei deutschen ÜBersetzungen vor:
    Die Erlebnisse des syrischen Ritters Usāma Ibn-Munqiḏ. Unterhaltsames und Belehrendes aus der Zeit der Kreuzzüge.
    Aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Holger Preißler. München 1985.
    Ein Leben im Kampf gegen Kreuzritterheere. Aus dem Arabischen übertragen und bearbeitet von Gernot Rotter. Lenningen 2004.
     
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  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Etliche Historikerurteile durchgelesen, hört sich gut an. Welche Historiker waren das und zu welchen erstaunlichen Ergebnissen sind sie denn in Bezug auf die Fragestellung gekommen.

    Zumal sich mir in Bezug auf die Fragestellung eher die Vermutung aufgedrängt hat, dass Dein Lehrer herausfinden will wie kritisch Du mit Fragestellungen umgehst. Zumal die Frage nicht zu beantworten ist, da sie politische, militärische, soziale und kulturelle Rückwirkungen für beide Seiten hatten.

    Die Einen die militärische Stärke des Anderen anerkennen mußten und die andere Seite die kulturelle Überlegenheit, vereinfacht resümiert. Zu welchem Ergebnis, im Sinne der sogenannten "Fragestellung" sollte man also kommen.

    Außer, dass man erkennt, dass zuerst die Fragestellungen infrage gestellt werden müssen, um sie dann überhaupt sinnvoll beantworten zu können.
     
  5. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Stark unterschiedlich, je nachdem, was ich mir anschaue (welche Zeit, welche Ereignisse, welche Personen). Eroberung Jerusalems 1099 oder die Kreuzfahrerstaaten, die im Anschluss entstehen?
    Friedrich II oder Raynald von Chatillon?

    Oder doch als Antwort: Beides?
     
    beetle, Shinigami und -muck- gefällt das.
  6. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    @Papa_Leo hat absolut Recht.

    Der kulturelle Austausch ist in Kriegszeiten naturgemäß begrenzt. Durch die Kreuzzüge selbst kamen hpts. militärische Neuerungen nach Europa, z.B. im Befestigungsbau. Der "Frieden", der nach der Gründung der Kreuzfahrerstaaten einkehrte – eigtl. ein immer wieder aufflammender "kalter Krieg" –, erwies sich als fruchtbarer.

    Die kleine christliche Elite dieser Staaten hatte viele muslimische Untertanen, und auch die christlichen Araber unterschieden sich sehr von den neuen Machthabern, weswegen es gar nicht anders gehen konnte, als dass ein reger kultureller Austausch in Gang kam, der sich über den Handel nach Europa fortpflanzte.

    Es wäre gut, wenn Du, @Senf94, Dich mit den Herrschaftsstrukturen in den Kreuzfahrerstaaten und in Palästina auseinandersetztest. Denn das Schema Christen vs. Muslime greift zu kurz; dahinter standen Fürsten, die u.U. auch kollaborierten, wenn es ihnen half, sich innerparteilicher Rivalen zu entledigen.

    Übrigens kämpften auch Muslime in den Kreuzfahrerheeren (s.a. Turkopolen). Ein Blick ins moderne Israel könnte vor diesem Hintergrund interessant sein, denn Du wirst viele Konflikte finden, aber auch Beispiele für eine friedliche Koexistenz. Du könntest hier Parallelen ziehen.

    Allgemein ziehen Menschen das Zusammenleben vor, wenn es ihnen wirtschaftlich nützt. Und gerade in der Zeit der Kreuzzüge winkte in Palästina im Handel (v.a. Luxusgüter wie Gewürze) das große Geld.

    Hinzukam, dass die damalige Kriegsführung sich auf alle Einwohner einer Gegend nachteilig auswirkte. Du wirst wenige Fälle finden, in denen die Kreuzfahrer von christlichen Arabern als Befreier begrüßt wurden, und auch die Heere der Muslime waren ihren Glaubensbrüdern nicht immer ein tröstlicher Anblick.

    Was das "Massaker" anlangt, lässt sich festhalten, dass die Kriege des Mittelalters ohnehin grausam geführt wurden. Ging es in offenen Feldschlachten zuweilen noch halbwegs geregelt zu, hatte eine belagerte Stadt, die nicht ihre Tore öffnete (und manchmal selbst dann), nur Feuer und Tod zu erwarten.

    Ich denke, dass hinter dem westlichen Perspektivenwechsel – von romantischer Verklärung der Kreuzzüge hin zu Entsetzen – quasirassistische Scham steht. Nach unserer Wahrnehmung sollten allenfalls irgendwelche Mongolenhorden zu Gräueltaten wie dem Massaker nach Jerusalems Fall fähig sein, aber nicht gesittete Abendländer und edle Ritter.

    Im Gefolge der Kreuzzüge gelangten jedenfalls durchaus wertvolle Erkenntnisse nach Europa, nicht zuletzt solche, die in der Antike von dort ausgegangen waren und durch arabische Gelehrte vor dem Vergessen bewahrt wurden. Der Handel hob den Lebensstandard und führte zum Erstarken des Bürgertums und der Städte.

    Generell lässt sich sagen, dass Kriege tragischerweise den Fortschritt beflügeln wie kaum ein anderes menschliches Unternehmen. Nicht umsonst heißt es von Heraklit: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Vielleicht lautet die Antwort auf Deine Fragestellung: Krieg und Kultur.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die aus dieser Äußerung entstandene Diskussion ist herausgelöst zu Der Krieg... "der Vater aller Dinge"? Oder doch nicht?
     
  8. pietFFM

    pietFFM Mitglied

    Ich würde in Zusammenhang auch noch Ibn Dschubair empfehlen.

    Ibn Dschubair, Regina Günther Tagebuch eines Mekkapilgers. Goldmann Wilhelm GmbH. 1990



    Ibn Munqiḏ und Ibn Dschubair geben, obwohl sie von höheren Stand sind, doch auch einen guten Einblick in den Alltag.
     

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