Kriegerinnen unter den Wikingern

Dieses Thema im Forum "Die Wikinger" wurde erstellt von silesia, 8. September 2017.

  1. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich würde gerne länger antworten. Aber ich muss wohl warten, bis die Tastatut wieder funktioniert oder ich mehr Zeit habe..Tut mir leid.
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    "Verlierer" ist nicht gleich Verlierer, es kommt auf die Umstände an.
    Die Nordgermanen sind gar kein Einzelfall: Man denke nur an das antike Griechenland, in dem die 300 bei den Thermopylen gefallenen Spartaner hoch geehrt und als Vorbilder gepriesen wurden, obwohl sie die "Verlierer des Schlachtfelds" waren. Nicht das Verlieren an sich wurde gewürdigt, sondern die Art, wie sie kämpften und starben. Ein Gedicht eines gewissen Bassus (Griechische Anthologie IX 279) bringt es gut zum Ausdruck: Als Hades die 300 bei den Thermopylen Gefallenen empfängt, lobt er, dass sie - ebenso wie bereits die 546 v. Chr. bei Thyrea Gefallenen - allesamt ihre Wunden vorne hatten, also nicht auf der Flucht, sondern (bis zum letzten Atemzuge kämpfend ...) im Kampf getötet worden waren. (Ich glaube mich zu erinnern, dass auch Livius zu irgendeiner Schlacht schrieb, keiner der gefallenen Römer sei am Rücken verwundet gewesen, finde die Stelle aber nicht.)
    Entscheidend war also, dass sie gerade durch ihren Schlachtentod ihren Mut bewiesen hatten.

    Was nun Walhall betrifft, verweise ich auf das "Hákonarmál", das vom zeitgenössischen Skalden Eyvindr Skáldaspillir auf den Schlachtentod des norwegischen Königs Hakons des Guten (ca. 961) gedichtet wurde: Darin zieht der gefallene König in Walhall ein. (Dass Hakon bereits Christ war und wohl ganz woanders hinzugelangen hoffte, war seinem Dichter anscheinend egal.)
     
  3. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Hakonarmal ist eines der wenigen Beispiele für eine frühe Version Walhall.

    König Hakon sieht sich von den Walküren, die seinen Tod auf dem Schlachtfeld bestimmen, um den Sieg betrogen. Sein "Einzug in Walhall" nach ist allerdings eine gruselige Angelegenheit. Der blutverschmierte König wird von Walküren Göndul und Skögul vor Odin geworfen. Der schickt ihn nach Walhall, wo er von den Göttern Bragi und Hermodr begrüßt wird. Damit gehört Hakon zum Gefolge Odins.

    Walhall ist im Hakonarmal gewiss kein romantisches Kriegerparadies für alle Gefallenen, sondern es handelt sich vielmehr um den exklusive Aufstieg Hakons in den Kreis der heidnischen Götter.
    Diese Walküren Göndul und Skögul sind gewiss keine liebreizenden Prinzessinnen, sondern blutrünstige Totendämonen in Gestalt von gerüsteten Frauen zu Pferde.

    Es handelt sich beim Hakonarmal um eine Totenklage. In den letzten Versen des Hakonarmal wird ähnlich wie im späteren Havamal auch gesagt, dass der Tod eigentlich eine schlimme Sache ist:

    Cattle die,
    kinsmen die,
    land and sea are destroyed.
    Since Hákon left
    with heathen gods
    many people are oppressed.
    Die frühesten Hinweise auf Walhall aus der Zeit der Christianisierung. Und ausgerechnet der christlichen König Hakon I. ist einer der ersten, dem in die Skalden den Einzug in Walhall nachsagen.
    Älter ist nur das Gedicht Eiriksmal über König Erik Blutaxt in Walhall. Die norwegischen Könige Erik und Hakon sind Brüder. Im Eiriksmal sind die Walküren allerdings schon für das Ausschenken von Wein zuständig.

    Wie es dazu gekommen, dass die Walküren in im Hakonarmal blutrünstige Totendämonen und im Eiriksmal Schankmaiden sind, bleibt ein Rätsel.

    Die älteste Nennung des Wortes Walküre findet sich in angelsächsischen Glossen. Wenn Walküre mit Furie oder Erinnye glossiert wurde, bedeutet das, dass die Walküre für die Angelsachsen so etwas ähnliches war wie diese griechisch-römischen Rachegöttinnen in Gestalt geflügelter Frauen. Der dämonische Charakter und die Flugfähigkeit der Walküren waren hier schon mitgedacht.
     
  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Wann ist denn Hakonarmal verfasst worden? ...womöglich um 1230? ;)
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Dezember 2021
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das Hákonarmál stammt allerdings noch aus eher vorchristlicher Zeit. Hakon war zwar Christ, aber das lag daran, dass er in England aufgezogen worden war. In Norwegen dürfte er mit seiner Religion seiner Zeit noch um ein paar Jahrzehnte voraus gewesen sein. Sein Hofskalde Eyvindr, der das Lied als Zeitgenosse verfasst hat, wird wohl noch kein Christ gewesen sein.
     
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  6. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Ganz offensichtlich konnte Hakonarmal erst nach dem Tod Hakons gedichtet werden.;)
    König Hakon I. von Norwegen ist in der Schlacht bei Fijtar im Jahr 961 gefallen.

    Ob es sich hierbei wirklich um historische Ereignisse handelt, ist mir leider unbekannt. Das Ereignis ist vor allem aus der nordischen Dichtung bekannt und ich weiß nicht, ob es seriöse Quellen gibt, die über Hakon berichten.
    Ich würde aber vermuten, dass in Wirklichkeit bei dieser Schlacht in Norwegen keine Walküren anwesend waren.:D
     
  7. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    das ist nach Herrn Hakons Ableben ;) - wie komme ich nur auf diese Jahreszahl?
     
  8. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass du du trollst.

    Nach Einschätzung Simeks stammen beiden Skaldengedichte aus dem 10. Jahrhundert:
    https://www.deutschlandfunk.de/wikingerfrauen-zwischen-odin-thor-und-maria-100.html
    Im Link werden übrigens alle Themen des Threads durchgekaut. Eine Lösung gibt für alles gibt es natürlich nicht.
     
  9. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    besten Dank auch!

    Meine Trollerei, für die ich mich entschuldige, besteht momentan darin, das hier zu lesen (soweit es online gelesen werden darf) Old Norse Religion in Long-term Perspectives: Origins, Changes, and ... - Anders Andrén - Google Books und weiterhin trolle ich die Jahreszahl 1230 dank einer trolligen technischen Erfindung, das sieht dann so aus:
    Trollerei.png

    na @Maglor können wir jetzt wieder in normalem Ton über das Thema diskutieren? Und "darf" ich da einiges anders sehen als du in deiner Gewissheit, zu wissen, was Walküren waren, wurden usw.?
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Dezember 2021
  10. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Das Buch Heimskringla wurde ca. 1230 mutmaßlich von Snorri Sturloson verfasst - basierend auf älterer mündlicher Überlieferung. Die archaische Totenklage Hakonarmal ist erst durch dieses Buch schriftlich überliefert, soll aber aus dem späten 10. Jahrhundert stammen. In einem Buch aus dem 13. Jahrhundert kann auch ein altes Gedicht stehen.

    So wie das Gedicht geschrieben ist, ergibt es im 13. Jahrhundert einfach keinen Sinn mehr. Der christliche König Hakon steigt in den Kreis der heidnischen Götter auf bzw. wird von Walküren ins gruselige Walhall entführt. Wahrscheinlicher ist, dass das Gedicht direkt nach Hakons Tod von einem heidnischen Skalden verfasst wurde, um den König zu ehren. Die Gedichtsform erleichterte mündliche Überlieferung. Nach über 200 Jahren mündlicher Überlieferung wurde eine Version des verschollenen, ursprunglichen Liedes im Buch Heimskringla aufgezeichnet.
     
  11. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    pfui @Maglor - jetzt trollst du auch noch mit dieser hochmittelalterlichen Jahreszahl :D:D
    Johotoho!!!! :D:D:D
    (ich hab meinen Spaß an sowas)

    ok, genug geblödelt:
    die so genannten Vorzeitsagas erzählen von Ereignissen oder Geschichten (Heldengeschichten) aus der Zeit lange bevor sie in schriftlicher Form festgehalten oder erfunden wurden. Die schriftliche Fixierung datiert ins 13. Jh. und später (nicht alle Sagas sind von Snorri verfasst/aufgeschrieben (das müssen wir jetzt hoffentlich nicht vertiefen)) - das wäre so weit ok, wenn es nicht eine deutliche kulturelle und religiöse/religionsgeschichtliche Diskrepanz zwischen der Zeit des Aufschreibens nebst dessen Verfassers (13.Jh., Christ im seit langem christianisierten "Nordland") und der "Vorzeit" (teils histor., oft kaum quellenmäßig belegte Ereignisse der heidnischen Wikingerzeit samt einem motivischen "germanischen Sagenvorrat" (Nibelungen-, Dietrich-, Wielandstoff etc) und allerlei Mythologie (Göttergeschichten))
    Zwischen dem Erzählen oder Nacherzählen und dem Inhalt der Erzählungen liegen also meist über 200 Jahre und der Gegensatz zwischen breit überlieferter christlicher Haltung und nahezu in Quellen nicht fassbarem (nord)german. Heidentum.
    Fatalerweise finden sich ein paar Ähnlichkeiten / Entsprechungen zwischen den Vorzeitsagas und den spärlichen histor. Quellen (Runensteine mit Texten, diverse ahdt. & altengl. Quellen usw), diese betreffen Namen von Göttern und Helden. Noch fataler dabei ist, dass die umfangreichen Vorzeitsagas des 13. Jhs. Erklärungen zu den älteren spärlichen Quellen anzubieten scheinen: darauf sind die Nordisten, Germanisten, Historiker des 19. und frühen 20. Jhs. zuhauf hereingefallen (Grimm, Golther, Meier usw) - so hält sich die Mär, man wisse umfangreich Bescheid über das "wikingische Pantheon"...
    Einen Ausweg aus diesem Dilemma schienen die Märchen- & Motivforschung, vergleichende Religionswissenschaft accompagniert mit histor. Sprachwissenschaften zu bieten, indem man die Möglichkeit einkreiste, in den Texten des 13. Jhs. quasi "ältere Schichten" freizulegen. Das führte dazu, dass man allerhand Argumente ansammelte, um Bestandteilen wie Eiriksmal und Hakornamal ein höheres Alter als wahrscheinlich zu verleihen. Diese Praxis bleibt allerdings ein wenig spekulativ, denn sie kann ihre Datierung nicht mit Quellen beweisen.
    (ich weiß, dass es noch viel mehr zu bedenken gibt, Völuspa u.v.a.)

    Unsere kontroverse Sichtweise @Maglor besteht aus meiner Perspektive darin: du nimmst die Wahrscheinlichkeiten bzgl. der Wikingerreligion als sicheres Wissen, ich lehne diese übereifrig komplett ab und habe Scheuklappen namens "nur eindeutige Quellen, sonst nüscht" auf - - zwei extreme Positionen. Das kann doch die Diskussion spannend halten.

    Abseits der Vorzeitsagas als indirekten (!) Quellen gibt es dazu noch das Dilemma, dass die ahdt. und altengl. Quellen des 9. und 10. Jhs., als man direkt kriegerisch und handelnd mit den Wikingern zu tun hatte, absolut gar nichts über deren religiöse Vorstellungen mitteilen. Die Nordleute sind Heiden, aber was genau das heißen soll, erfahren wir nichts. Keine Quelle teilt die populäre cineastische Vorstellung, der Wikingerkrieger müsse wegen Walhall mit dem Schwert in der Hand über den Jordan gehen.

    Bzgl. Kriegerinnen sind Toplak und Simek nicht davon überzeugt, dass das Grab von Birka eine solche aufweise.
     
    schwedenmann gefällt das.
  12. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    in aller Kürze: Staecker/Toplak (Hrsg) "die Wikinger" gelesen, in den nächsten Tagen dann ein paar Bemerkungen, wie dort die wikingischen Kriegerinnen, Walküren, "cross-dressing" etc gesehen werden - - vorab: es sieht sehr mau aus für Kriegerinnen, cross-dressing und andere modische Vorstellungen.
    Allerdings: laut dieser Publikation. Zwar halte ich das Buch für sehr gut, aber das muss ja nicht richtig sein.
     
  13. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    in diesem Zusammenhang ist der in besagter Kompilation (das von Stöcker & Toplak herausgegebene Buch vereint Aufsätze verschiedener Archäologen und Historiker, referiert zu Themen wie "Schiffe der Wikinger" u.a. den derzeit neuesten Stand der Forschung(en)) der Begriff "Retrotopia" interessant. In einem abschließenden Aufsatz führt Toplak aus, dass nicht nur in Unterhaltungsmedien (Filme, histor. Romane etc) sondern durchaus auch in der Forschung die Wikingerzeit bzw. die Wikinger zum modernen Sehnsuchtsort, eben zu "Retrotopia" geworden sind. Das mag für das Unterhaltungsgenre ok sein (die Wikinger der Serie "Vikings" benehmen sich und reden wie heutige coole, klamottenmäßig punkige Gangjungs) aber dass auch die Forschung nicht frei davon ist, verwundert doch ein wenig. Es werden gelegentlich Forschungsinteressen & Fragestellungen angewandt, die mehr über die Vorstellungen und Gegenwart des Forschenden, als über den Forschungsgegenstand aussagen (sic) Das betrifft insbesondere das Thema Frauen in der Gesellschaft der Wikinger(zeit) - insbesondere das Thema "starke Frauen bei den Wikingern" ist ein solches Retrotopia-Thema (ehe ich beharrt werde: laut Toplak) wie auch das einbringen moderner Genderisierung. Eine Wikingerzeit voller starker Frauen, die wie Lathgerta aus Vikings reihenweise Gegner im Schwertkampf besiegt, dabei aber sensibler und feinsinniger als die Hörnerhelmrabauken ist - ja, das ist dann der besagte in die Vergangenheit projizierte Sehnsuchtsort.
    Aus verschiedenen Perspektiven (verschiedene Autoren!) werden die wikingerzeitlichen "Kriegerinnen"-Gräber - auch das spektakuläre von Birka - betrachtet - ernüchternd ist das Fazit, dass keines eindeutig eine aktive (womöglich gar Cross-dressende) Kriegerin nachweisen kann.

    Nun kann natürlich zweifelnd gefragt werden, mit welchen Argumenten die Autoren der Aufsatzsammlung zu ihren Darstellungen kommen, um diese zu prüfen. Da muss ich leider passen, d.h. da will ich mich in keine Detaildiskussion wagen. Der Grund ist folgender: die verschiedenen Aufsätze referieren, fassen zusammen und stellen die Ergebnisse dar, ohne für jedes Wort eine regelgroße Litanei aus Quellen, Grabungsfotos, Fachliteratur etc etc etc auszubreiten - Hinweise auf Details finden sich in den Fußnoten. Das Buch ist keine Forschungsarbeit, sondern eine Kompilation der jüngsten Ergebnisse der Forschungen zur Wikingerzeit. (wenn es dort heißt, dass alle "Kriegerinnen"-Gräber keine Hinweise auf Beteiligung an aktivem Kampfgeschehen (Verletzungen u.a.) dann wird dazu nicht restlos jedes Grab inklusive kompletter Dokumentation aufgelistet) - ich sehe darin keinen Nachteil.
     
    Turgot gefällt das.
  14. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    beharkt sollte es heißen
    regalgroße sollte es heißen
    (Bahnfahrt + umsteigen - keine Zeit zum bearbeiten/korrigieren der feinsinnigen Autokorrektur...)
     
  15. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Eine der wenigen Gemeinsamkeit der Schildmaid Herwör aus der Hervarar-Sage, der Amazone Lathgertha aus der Gesta Danorum, der schlafende Walküre aus Sigrdrifomal und der biologischen Frau in Grab 581 aus Birka ist, dass es sich um Frauen in Männerkleidung handelt.
    Diese weiblichen Sagenfiguren kleiden sich wie Männer (Cross-Dressing) und eignen sich typisch männliche Verhaltensweisen an (Cross-Gender) an. Sigrdrifa und Herwör werden für Männer gehalten (Gender-Passing), Herwör nimmt sogar eine männliche Identität an (Transgender).

    Von diesem Schema weicht die Freydis aus den Vinland-Sagen deutlich ab. Freydis tarnt sich nicht als Mann, stattdessen zieht die die schwangere Freydis in einer Kampfsituation ihr Hemd aus, um anschließend mit ihrem Schwert ihre nackte Brust zu berühren. Allein ihr Anblick schlägt die feindlichen Ureinwohner Vinlands in Flucht. Freydis handelt allein aus Habgier und Mordlust, während ihre Schildmaid-Kolleginnen immerhin vom hehren Motiv der Blutrache angetrieben waren.
    Freydis ist keine Sympathieträgerin, sondern ein Bösewicht, das genaue Gegenteil der frommen Gudrid.

    Den Archäologen ging es beim Grab 581 aus Birka ironischerweise so ähnlich wie Sigurd in der Erweckungssage. Sigurd erkannte das weibliche Geschlecht der schlafenden Walküre erst, als er ihm Helm und Brünne abnimmt. Die Archäologen erkannten das Geschlecht des Leichnams im Grab 581 erst nach einer genetischen Ursachung. Wie weit jene biologische Frau, die in Birka mit Waffen und typisch männlichen Trachtbestandteilen bestattet wurde, bei der Verwischung der Geschlechtergrenzen gegangen ist, ist nicht mehr feststellbar.

    Wenn ich mir moderne Retropien zum Thema anschaue, fällt mir sofort auf, dass der Aspekt des Cross-Dressing in der Regel gar nicht berücksichtigt wird.

    Wagners Walküren:
    In den romantischen Inszenierungen der Wagner-Opern tragen die Walküren bodenlangen Schleppkleider und miederartigen Brustpanzer mit unverkennbar weiblichen Busen. Nur in dieser Inszenierung mit Push-Up-Brustpanzer und Flügelhelm ohne Brille oder Maske wirkt Siegfried wie ein Idiot, weil er das offensichtliche Geschlecht des Schläfers nicht erkennt!

    Lagertha in der TV-Serie Vikings:
    Über 150 Jahre später habe wir mit der Lagertha aus der TV-Serie "Vikings" eine neue ikonische Walküre. Auch sie ist keine Cross-Dresserin, sondern immer offensichtlich weiblich gekleidet. Ich hatte jedenfalls nie den Eindruck, dass die Lagertha in der Serie männlich wirken sollte. (Allerdings habe ich auch nicht alle Staffel gesehen.) Statt eines Push-Up-Brustpanzer im Stile Wagners trägt die moderne Lagertha meisten einen Ledermieder, der auf die ähnliche Weise die Oberweite betont. Ein das Gesicht maskierender Helm fehlt selbstverständlich. Immerhin trägt Lagertha in der Serie manchmal Hosen, aber der Zuschauer des 21. Jahrhunderts hat sich wahrscheinlich schon längst an den Anblick von Frauen mit Hosen gewöhnt. Aufgefallen ist mir allerdings, dass die Schildmaiden in der Serie "Vkings" ganz normal erscheinen und scheinbar Gleichberechtigung herrscht. Frauen haben in der Serie anscheinend freie Berufswahl und können sich aussuchen, ob sie lieber Hausfrau oder Kriegerin sind. In diesem Retropia ist Gleichberechtigung genauso selbstverständlich oder sogar noch selbstverständlicher als in der Wirklichkeit des 21. Jahrhundert!

    Ausnahmen gibt es allerdings auch im Kino - allerdings außerhalb des Genres.

    Asterix und die Wikinger:
    Überzeugender umgesetzt scheint, das Konzept der Schildmaid ausgerechnet im parodistischen Trickfilm "Asterix und die Wikinger". Das Mädchen Abba, das sich mit falschem Bart, Männerkleidung, verstellter Stimme und einem Männernamen auf einem Wikingerschiff anheuert, ist sicherlich als Witzfigur konzipiert. Ich gehe nicht davon aus, dass es Absicht war, aber das Cross-Dressing und Gender-Passing der Figur Abba im Asterix-Film ähnelt durchaus der Herwör aus der Hervarar-Sage.
    Ein Unterschied zu den Sagas ist natürlich, dass Abba moderne Motive für ihr Verhalten hat. Ihr geht es um Gleichberechtigung und Abenteuerlust und nicht um Blutrache.

    Der Herr der Ringe:

    Die beste filmische Umsetzung einer Schildmaid findet sich im Fantasy-Bereich. Eowyn nimmt eine männliche Tarnidentiät an. Mittels Rüstung und Brillenhelm gelingt es ihr ihren weiblichen Körper zu verstecken und sich in den Heerzug von Rohan hineinzuschmuggeln. Nicht einmal der Hexenkönig von Agnmar durchschaut ihre Tarnung.
    Tolkiens Inspirationsquelle war tatsächlich die Schildmaid Herwör aus der Lieder-Edda.

    Passing Gender ergibt nur im Patriarchat einen Sinn:

    Diese Geschichten über eine Frauen, die eine männliche Tarnidentität annehmen, um sich aktiv an Kriegszügen oder Rachefeldzügen zu beteiligen, ergibt nur in einem strengen Patriarchat einen Sinn, in dem die Teilnahme an Kriegszügen für Frauen eigentlich verboten ist.

    Sigurd ist nur deswegen über das weibliche Geschlecht des Schläfers überrascht, weil er es für normal hält, dass nur Männer Helm und Rüstung tragen.
    Herwör nimmt eine männliche Identität an, weil sie anscheined nur als Mann an Raubzügen und Rachefeldzügen teilnehmen kann.
    Lathgerthas Geschichte beginnt als Zwangsprostituierte im Harem des schwedischen Sagenkönigs Frotho. Mehr Patriarchat geht wirklich nicht! Für eine Haremsrevolte ziehen die Sexsklavinnen Männerkleidung an und verwandeln sich dadurch in Amazonen. Angeführt von Lathgertha üben sie Rache.
    Freydis Verhalten wird als offensichtlich unanständig und verboten. Sie versucht ihre Taten geheim zu halten. Als Leif Erikson von ihrem Doppelleben als Räubmörderin erfährt, sieht er allerdings keine Möglichkeit sie zu bestrafen.

    Das Phänomen kommt in vielen Kulturen und Epochen vor. Es scheint mir auch so, dass in Gesellschaften mit besonders strengem strengem Patriachat und strikter Trennung der Geschlechter dieses Gender-Passing der Frauen besonders bedeutsam ist und in einigen Fällen zur Institution wurde. Die bekanntesten Beispiele sind die Schwurjungfrauen am Balken und die Bacha Posh in Afghanistan. Die Sitte, dass ein Mädchen eine männliche Identiät annehmen kann, löst gleich zwei Probleme. Zum einen wird einer Familie, in der es keine Männer mehr gibt, die weitere Teilhabe am wirtschaftlichen Leben und die Fortsetzung der Blutrache ermöglicht, zum anderen wird aufmüpfigen Mädchen eine alternative Lebensweise ermöglicht.
    So ähnlich war es vielleicht auch bei den Schildmaiden der Wikingerzeit.

    Die Bestattung 581 aus Birka spricht eher dafür, dass der Wechsel einer biologischen Frau in die männliche Rolle in der Wikingerzeit institutionalsiert war. Die extrem reiche Grabausstattung (zwei Pferde, zwei Schilde, zwei Lanzen, 25 Pfeile, Axt, Kampfmesser, Schwert ein Brettspiel sowie Trachtbestandteile aus Silber) deutet auch ein hohes Ansehen jener Person hin.

    Nun ein paar unverbindliche Spekulationen zum Grab 581:
    1. Eine biologische Frau hat sich in Männerkleidung und mit männlicher Tarnidentität in Birka eingeschlichen. Ihr ist das Kunststück gelungen, die Bevölkerung Birkas noch nach dem Tod über ihr biologischen Geschlecht zu täuschen, sodass sie wie ein Mann bestattet wurde.
    2. Die Bevölkerung Birkas wusste um ihr biologisches Geschlecht und war mit ihrem Cross-Dressing als Frau einverstanden, weil sie so viel Wert auf Toleranz und Gleichberechtigung setzen.
    3. Eine hochrangiger Anführer hatte keine männliche Nachkommen, sodass ausnahmsweise die Tochter an seine Stelle trat. Auch diese Alleinerbin starb ohne Erben, sodass ihr Herrschaftsinsignien der Dynastie einschließlich aller Waffen mit ins Grab gegeben wurden.
    4. Die Person ist nicht in Birka aufgewachsen - dafür spricht jedenfalls die Strontium-Analyse ihrer Zähne. Die Besonderheiten der Tracht und die Bewaffnung waren vielleicht in Südoststeuropa in einem reiternomadischen Milieu auch für Frauen üblich. Dazu passt auch die Erwähnung von bewaffneten Frauen unter den "Warägern" während der Belagerung von Dorostolon 971 in der byzantinischen Kaisergeschichte des Johannes Skylitzes.
    5. Es handelt sich um eine schwedische Amazone wie sie von Saxo Grammaticus beschrieben wurde..
    6. In Birka gab es eine heidnische Priesterin, die zu rituellen Zwecken auch als Walküre auftrat. Diese Ritualkleidung nahm sie mit ins Grab.
    Zu 1: Solche Tarnidentiäten fliegen selbst in den Sagen immer irgendwann auf. Das wäre noch märchenhafter als die Sagen.
    Zu 2: Gleichberechtigung und Toleranz machen Birka zum reinsten Retropia.
    Zu 3: Dieses Spekulation ergibt meiner Meinung nach einen Sinn. Sie erklärt vor allem auch den ungewöhnlichen Umfang der Beigaben.
    Zu 4: Dieses Spekulation ergibt meiner Meinung auch Sinn. Die nordische Mythologie taugt hier jedenfalls nicht mehr als Erklärung.
    Zu 5: Das wäre auch zu schön. Der sagenhaften Kontext in der Gesta Danorum wird da aber völlig ignoriert.
    Zu 6: Eine heidnische Priesterin brauchte sicherlich keine komplette, funktionale Ausrüstung eines Reiterkriegers. Seit dem 9. Jahrhundert gab es Christen in Birka. Das Grab stammt aus dem 10. Jahrhundert. Über derartig exotische Priesterinnen hätten vielleicht die Chronisten geschrieben.

    Eine abschließende, eindeutige Erklärung wird es wahrscheinlich nie geben können.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Januar 2022
  16. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Nichts für ungut, aber ich halte diesen Punkt mit dem "Cross-Dressing" für eine anachronistische Interpretation (es sei denn, Du setzt das Tragen von für Männer hergestellten Kleidungsstücken per se mit der Praxis des Cross-Dressing gleich, die meinem Verständnis nach eher etwas mit Geschlechtsidentität zu tun hat).

    Denn die Kleidung und Ausrüstung von Kriegern ist "unisex". Es standen ebenso wenig weibliche Varianten zur Verfügung, wie die existenten Kleidungsstücke und Ausrüstungsgegenstände per se "männlich" waren. Es handelt sich, technisch gesehen, um Funktionskleidung, die wenig sinnvoll abzuwandeln war.

    Wenn wir voraussetzen, dass es Kriegerinnen unter den Wikingern gab, dann würden sie mit Sicherheit das getragen haben, was die Krieger trugen – ob sie es wollten oder nicht, ob sie ein Statement damit setzen wollten oder nicht –, denn weder gab es geschlechtsspezifische Varianten, noch hätten sie Sinn ergeben.

    Mir ist überhaupt nur eine Ausnahme von dieser (wie ich behaupte) Regel bekannt, und zwar das christliche Mittelalter, das das Tragen von Hosen durch Frauen als Auflehnung gegen die göttliche Ordnung ansah. Die wenigen Darstellungen verbürgter Kombattantinnen aus dem Adel zeigen Frauen, die meist eine Cottehardie (o.Ä.) trugen, und darüber Kettenbrünne, Brigantine oder Plattenharnisch, jedoch keinen Beinpanzer.

    Wie wenig sinnvoll das war, und von jeder echten "Kriegerin" daher gemieden worden wäre, zeigen etwa das Beispiel Johannas von Orleans (die eine gewöhnliche Übergangsrüstung trug), oder das der Frauen von Faenza, die während der Belagerung der Stadt 1501 dazu ausgebildet und gerüstet wurden, auf den Stadtmauern mitzukämpfen. Sie trugen anscheinend eine Art selbstgeschneiderter Pluderhosen.

    Die Wikinger bewegten sich auf ihren Raubzügen meistens entweder auf Langbooten, in England auch auf kleinen Pferden fort. Nach dem Vorbild bspw. der Skythen darf man annehmen, dass Frauen, hätten sie diese Lebensweise aufgenommen, zu Hosen und engärmeligen Hemden gegriffen hätten. Alles andere wäre unpraktisch gewesen und hätte die Trägerin nur behindert und gefährdet.
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es gibt in Spanien die Erzählung, dass im 11. Jhdt. bei einer Belagerung Ávilas keine Männer in der Stadt waren. Die Frauen sollen daher die Verteidigung der Stadt übernommen haben.

    Auf der Plaza de España in Sevilla ist das so dargestellt: Jimena Blázquez, die Anführerin, mit amazonenhaft entblößter Brust (die Plaza de España wurde 1929 errichtet, das Bild stamt aber sicherlich aus der historistischen Malerei des 19. Jhdts.):

    [​IMG]

    Ein etwas realistischeres Bild der Legende (die wohl ihren wahren Kern haben wird) ist im Stil des historischen Comics auf einer Seite der Tourismusagentur der Stadt publiziert:

    [​IMG]
     
  18. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Wenn ich die Legende richtet verstanden habe, geht es nur um ein Täuschungsmanöver und nicht um einen richtigen Kampf.

    Die Krieger der Stadt sind nicht mehr in Ávila und die Mauren planen einen Angriff auch die schutzlose Stadt. Daraufhin übernimmt Jimena Blázquez, die Frau des Bürgermeisters(?), das Regiment. Sie befiehlt, den Frauen und Kindern, sich als als Krieger - d.h. auch als Männer - zu verkleiden und anschließend mit Waffen die Stadtmauer bemannen. Zusätzlich zünden die Frauen auch noch Fackeln an und blasen Trompeten, damit die Mauren denken, die Krieger Avilas seien in der Festung. Die Mauren fallen auf diese Show herein und sehen von einem Angriff ab.
    So wird die Legende jedenfalls in der spanischen Wikipedia beschrieben.
    (Eigentlich kann ich aber kein Spanisch, sondern nur Google-Translate.):rolleyes:

    Jimena Blázquez trägt auf der Abbildung der Plaza de España nur ein verrutsches Unterkleid und ist anscheined wirklich in ein Gefecht vor den Toren der Stadt verwickelt. Mit dieser Version der Legende hat das zumindest nichts zu tun. Ihr in Auflösung begriffenem Dekolleté erinnert mich an die französische Marianne im Gemälde La Liberté guidant le peuple.

    Die Comic-Abbildung scheint weitgehend der Legende zu folgen. Jedenfalls sieht man, wie die Frauen sorgfältig ihr langes Haar verstecken, während andere schon mit Fackeln und schwingenden Fahnen die Mauren erschrecken.

    Ein Punkt ist jedoch unrealistisch. Die adrett gerüsteten Frauen haben offensicht Kettenhemden, Helme, Hosen, Tuniken und sogar Stiefel in genau ihrer Größe gefunden. Die physischen Unterschiede zwischen Mann und Frau lassen es nicht in der Regel nicht zu, dass Frauen einfach die Kleidung und Rüstung von Männern auftragen. Die Kleidung und Rüstung der Männer wird den Frauen in der Regel ein bisschen zu groß sein. Bei den Hosen und Tuniken ist das Problem noch leicht durch umkrempeln oder abschneiden lösbar. Schwieriger wird es natürlich bei Helm, Kettenhemden und Stiefeln.

    Die Heldin hat man sich offensichtlich ganz verschieden vorgestellt.
    [​IMG]
    Auch diese Bronze soll Jimena Blázquez darstellen. In der Hand trägt sie noch einen Hut. Vielleicht glaubte der Bildhauer, die Heldin habe ihre langes Haar unter einem Hut verborgen. Der Sockel soll bestimmt die Stadtmauer darstellen.
     
  19. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Augsburg wurde sogar von Frauen angegriffen und zwar erfolgreich, wie man auf dieser Illustration aus dem 15. Jh. erkennen soll.
    [​IMG]
    Gut, es soll sich um Amazonen handeln, die das zwar nach der Gründung Augsburgs aber noch 550 Jahre vor der Erbauung Roms getan haben sollen und ich gehe mal davon aus, dass diese Geschichte keinen wahren Kern hat.
    Die Illustration stammt aus der Augsburger Anonyme Chronik 1368-1406
     
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  20. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die Geschichte zeigt jedoch wie fruchtbar die Rezeption des Amazonenmythos im Mittelalter noch war.
    In dieser Sage geht um die Amazonenkönigin Marthesia oder Marpesia, die schon seit der römische Antike die Phantasie der Geschichtsschreiber anregte.
    Im Spätmittelalter stellte man sich die Amazonen anscheinend mit langen Zöpfen und langen Röcken vor.

    Für das frühe Mittelalter ist der "Amazonenstoff" aus dem Fridolins-Münster in Bad Säckingen der bessere Hinweis. Hierbei handelt es sich um einen sassanidisch-persischen Seidenbrokat, der in 7., 8. oder 9. Jahrhundert datiert. Abgebildet sind Amazonen als berittene Bogenschützen auf Löwenjagd. Die Amazonen tragen Hosen und phyrgische Mützen - offensichtlich noch nach griechischer Vorstellung.
    Wertvolle Stoffe wurden mit frühen Mittelalter weit gehandelt. Persische Amazonendarstellungen werden durch den Seidenhandel zumindest in Mitteleuropa bekannt gewesen sein.
    Dieser Amazonenstoff in Bad Säckingen wurde verwendet, um die Gebeine des Heiligen Fridolin einzuwickeln und überdauerte daher die Zeiten.
     
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