Krisentheorie/Konjunkturtheorie von Marx

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von silesia, 26. Juli 2008.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wirtschaftsgeschichtlich interessant ist, dass Marx (wohl als erster?) anhand von Untersuchungen der englischen Volkswirtschaft von der Existenz mittelfristiger Konjunkturwellen im Verlauf von 7-10 Jahren ausgegangen ist.

    Diese Zyklentheorie umfaßte u.a. folgende Aspekte: sinkende Akkumulationsrate des Kapitals (-> Nachfragelücke bzw. Angebotsüberschuss), Überschuss der Geldnachfrage (-> steigende Zinsen), ungeplante Gewinnänderungen (Verluste, Insolvenzen), steigende Vorratshaltung.

    Soweit, so gut. In welchem Zusammenhang sollen nun diese Konjunkturzyklen mit der Entwicklung der Reallöhne gesehen werden? Steigende Zinsen sollten auch nach Marx Aktienkurssenkungen zur Folge haben, die demnach in den Zyklen parallel zu den sinkenden Reallöhnen verlaufen würden (zwei Verlierer?). Prognostizierte er damit konjunkturelle=zyklische Gegenbewegungen von der Grundthese/Grundbewegung "sinkende Reallöhne bei steigender Profitrate"?

    Oder gibt es andere Erklärungen?

    In welchem Kontext standen die Marxschen Konjunkturanalysen bezogen auf Großbritannien, nach denen er mittelfristige Wellen zu erkennen glaubt, zu der "Globalisierung" des 19. Jahrhunderts mit den nun hinzustoßenden industriellen Konkurrenten Deutschland, USA etc. Lassen sich daraus Prognosen zur Glättung der Krisenwellen oder eher zu ihrer Verschärfung finden?

    Zitat dazu, was eigentlich alle wesentliche Beobachtungen zusammenfaßt und in eine Theorie gießt:
    "Die Zufuhr von allen Waren kann im gegebenen Augenblick größer sein als die Nachfrage von allen Waren, indem die Nachfrage nach der allgemeinen Ware, dem Geld, dem Tauschwert, größer ist als die Nachfrage nach allen besonderen Waren oder indem das Moment, die Ware als Geld darzustellen, ihren Tauschwert zu realisieren, überwiegt über das Moment, die Ware in Gebrauchswert rückzuverwandeln. Wird das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr weiter und konkreter gefaßt, so kommt das von Produktion und Konsumtion hinein. Es müßte hier wieder die an sich seiende und sich eben in der Krise gewaltsam durchsetzende Einheit dieser beiden Momente festgehalten werden gegen die ebenso existierende und die bürgerliche Produktion sogar charakterisierende Trennung und Gegensatz derselben. Was den Gegensatz partieller und universeller Überproduktion angeht, soweit es sich nämlich bloß darum handelt, die erstere zu behaupten, um der letztren zu entfliehn, so ist darüber folgendes zu bemerken:
    Erstens: Geht den Krisen meist eine allgemeine inflation of prices vorher in allen der kapitalistischen Produktion angehörigen Artikeln. Sie nehmen daher alle an dem nachfolgenden crash teil und sind alle zu den Preisen, die sie vor dem crash hatten, overburdening the market. Der Markt kann eine Warenmasse absorbieren zu fallenden, unter ihren Kostenpreisen gefallenen Preisen, die er zu ihren früheren Marktpreisen nicht absorbieren könnte. Die Übermasse der Waren ist immer relativ; d.h. Übermasse bei gewissen Preisen. Die Preise, zu denen die Waren dann absorbiert werden, ruinierend für den Produzenten oder Kaufmann.
    Zweitens: Damit eine Krise (also auch die Überproduktion) allgemein sei, genügt es, daß sie die leitenden Handelsartikel ergreife."
    MEW Band 26.2 Seite 505-506.
     
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  2. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    "Schwääre Kost!" (Dr. Vitali Klitschko):)
    Ich gestehe gern, dass die "Theorien über den Mehrwert" mir als das Unzugänglichste erscheinen, was der Mann je geschrieben hat.

    Wie war das mit den "Zyklen"? Im Anti-Dühring (MEW 20, 257) heißt es, dass "die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher zivilisierter Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen (geht)"; ähnlich im Kapitel (MEW 24, 185). Marx beruft sich dabei auf Babbage u. a., bleibt aber bei den Aussagen über die Dauer der Zyklen ziemlich vage.

    Zur Entwicklung der Reallöhne führt er in "Lohn, Preis und Profit" (MEW 16, 145) aus, dass sich die kapitalistische Produktion "nacheinander den Zustand der Stille, wachsenden Belebung, Prospertität, Überproduktion, Krise und Stagnation durch(macht). Die Marktpreise der Waren und die Marktrten des Profits folgen diesen Phasen, bald unter ihren Durchschnitt sinkend, bald sich darüber erhebend... Während der Phase sinkender Marktpreise, ebenso wie während der Phasen der Krise und der Stagnation, droht dem Arbeiter, falls er nicht überhaupt aufs Pflaster geworfen wird, eine Herabsetzung des Arbeitslohns..."

    Dass es in Krisenzeiten zwei Verlierer gibt - den Arbeiter und den kleinen Kapitalisten/Aktienbesitzer -, erscheint mir plausibel. Andernfalls - an welche "Gegenbewegungen" ist hier gedacht?
    <o:p></o:p>



     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ja, schwääre Kost, die Wurzeln der politischen Ökonomie.
    Die Formulierung von Wirkungsketten bei Marx finde ich bemerkenswert, und so insbesondere die Ursprünge dieser Konjunkturtheorie.


    Für die Beschreibungen der Auswirkungen der Konjunkturphasen hast Du einige Beispiele genannt; bei den mittelfristigen Wellen bezog ich mich auf seine Untersuchungen zu England ab 1800, für das er Zyklen von 7-10 Jahre unterstellte. Interessant wären hier nun die Ursachen für diese Zyklen, die er einem kapitalistischen System zuschreibt.

    Zum Zyklus selber beschreibt er Aufschwungphasen, bei denen beide Seiten gewinnen. Bezüglich der Arbeiterschaft war das von mir als Gegenbewegung bezeichnet worden.

    Einige angesprochene Zyklen:

    "Wenn man die Umschlagszyklen betrachtet, worin sich die moderne Industrie bewegt - Zustand der Ruhe, wachsende Belebung, Prosperität, Überproduktion, Krach, Stagnation, Zustand der Ruhe etc., Zyklen, deren weitere Analyse außerhalb unserer Betrachtung fällt -, so wird man finden, daß meist niedriger Stand des Zinses den Perioden der Prosperität oder des Extraprofits entspricht, Steigen des Zinses der Scheide zwischen der Prosperität und ihrem Umschlag, Maximum des Zinses bis zur äußersten Wucherhöhe aber der Krisis.(63) Vom Sommer 1843 an trat entschiedne <373> Prosperität ein; der Zinsfuß, im Frühling 1842 noch 41/2%, fiel im Frühling und Sommer 1843 auf 2% (64); im September selbst auf 11/2% (Gilbart, ["A practical treatise on banking", 5. Ausg., London 1849], I, p. 166); dann während der Krise 1847 stieg er auf 8% und mehr.
    (MEW 25, 370)


    "Nicht jede Vermehrung des leihbaren Geldkapitals ...Dies tritt am klarsten hervor in der Phase des industriellen Zyklus unmittelbar nach überstandner Krisis, wo Leihkapital massenhaft brachliegt. In solchen Momenten, wo der Produktionsprozeß eingeschränkt ist (die Produktion in den englischen Industriebezirken war nach der Krise von 1847 um ein Drittel verringert), wo die Preise der Waren auf ihrem niedrigsten Punkt stehn, wo der Unternehmungsgeist gelähmt ist, herrscht niedriger Stand des Zinsfußes, der hier nichts anzeigt als Vermehrung des leihbaren Kapitals grade durch Kontraktion und Lähmung des industriellen Kapitals."
    (MEW 25, 493)


    "Für die Akkumulation des wirklichen, d.h. produktiven und Warenkapitals gibt einen Maßstab die Statistik der Ausfuhr und Einfuhr. Und da zeigt sich stets, daß für die in zehnjährigen Zyklen sich bewegende Entwicklungsperiode der englischen Industrie (1815-1870) jedesmal das Maximum der letzten Prosperitätszeit vor der Krise als Minimum der nächstfolgenden Prosperitätszeit wieder erscheint, um dann zu einem weit höheren neuen Maximum zu steigen."
    (MEW 25, 511)


    Der Zyklus von 10 Jahren wurde von Marx sehr sorgfältig anhand der statistischen Daten Englands geld- und güterwirtschaftlich analysiert.


    Diese Zyklenanalysen werden vor dem Hintergrund der bekannteren Kondratjew-Diskussionen relativ wenig beachtet. Noch ein Beispiel, wo sich die beiden in Konjunkturprognosen auslassen:
    "Wenn der mit 1848 begonnene neue Zyklus der industriellen Entwicklung denselben Lauf verfolgt wie der von 1843-47, würde die Krise im Jahr 1852 ausbrechen. Als ein Symptom, daß die aus der Überproduktion sich erzeugende Überspekulation, die jeder Krise vorhergeht, nicht lange mehr ausbleiben kann, führen wir hier an, daß der Diskonto der Bank von England seit zwei Jahren nicht höher als 3 p.c. steht. "
    MEW 07, 421-422 im ausführlichen Kontext der Krisenbeschreibung.
    aus: Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue, Mai 1850.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Juli 2008
  4. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Hierzu habe ich 2 Ansätze in Erinnerung, freilich etwas ungenau:
    1. Unterkonsumption: Der technische Fortschritt führt zu Entlassungen und dämpft die Löhne; hierdurch geht Massenkaufkraft verloren, so dass die Nachfrage hinter die Produktionskapazitäten zurück fällt, deren Auslastung dadurch sinkt usw. (Gegenmittel von Keynes et al.: Staatsintenvention mit "deficit spending".)
    2. Akkumulationskrise (tendentieller Fall der Profitrate): Das Verhältnis der eingesetzten menschlichen Arbeit zu den eingesetzten Maschinen verändert sich durch "Rationalisierung" zugunsten der letzteren; da der Profit (Mehrwert) jedoch nur vom Arbeiter erzeugt wird, sinkt er zwar nicht absolut, aber im Verhältnis zum eingesetzten Kapital. (Alles unter der umstrittenen Annahme, das Maschinen nicht wertbildend sind.) Es gibt jedoch Faktoren, die dem Fall der Profitrate entgegenwirken können (vgl. MEW 25, S.242 ff.).

    Diese "Win-win"-Phasen dauern leider nie sehr lange und haben wohl auch keinen bestimmenden Einfluss auf nachfolgende Zyklen. Entscheidend für die Zukunft ist immer die Krisen-Phase, d. h. ihre Länge und Tiefe. (Bin aber nicht ganz sicher.)

    Diesbezüglich war sein alter ego Friedrich Engels später "von des Gedankens Blässe angekränkelt", was er freilich ins Prophetische wendete:
    - "Der zehnjährige Zyklus von Stagnation, Prosperität, Überproduktion und Krise, der von 1825 bis 1867 immer wiederkehrte, scheint allerdings abgelaufen zu sein; aber nur um uns im Sumpf der Verzweiflung einer dauernden und chronischen Depression landen zu lassen. Die ersehnte Periode der Prosperität will nicht kommen; sooft wir die sie ankündigenden Symptome zu erblicken glauben, sooft verschwinden sie wieder in der Luft. Inzwischen stellt jeder folgende Winter erneut die Frage: "was tun mit den Arbeitslosen?" Aber während die Zahl der Arbeitslosen von Jahr zu Jahr anschwillt, ist niemand da, um diese Frage zu beantworten; und wir können den Zeitpunkt beinahe berechnen, wo die Arbeitslosen die Geduld verlieren und ihr Schicksal in ihre eignen Hände nehmen werden" (MEW 23, S.40)
    - "Wie ich schon an andrer Stelle bemerkte<siehe band="" 23,="" s.="" 40="">, ist hier seit der letzten großen allgemeinen Krise eine Wendung eingetreten. Die akute Form des periodischen Prozesses mit ihrem bisherigen zehnjährigen Zyklus scheint in eine mehr chronische, länger gezogne, sich auf die verschiednen Industrieländer verschiedenzeitig verteilende Abwechslung von relativ kurzer, matter Geschäftsbesserung mit relativ langem, entscheidungslosem Druck gewichen zu sein. Vielleicht aber handelt es sich nur um eine Ausdehnung der Dauer des Zyklus. In der Kindheit des Welthandels, 1815-1847, lassen sich annähernd fünfjährige Zyklen <1. Auflage: Krisen> nachweisen; von 1847-67 ist der Zyklus entschieden zehnjährig; sollten wir uns in der Vorbereitungsperiode eines neuen Weltkrachs von unerhörter Vehemenz befinden? Dahin scheint manches zu deuten. Seit der letzten allgemeinen Krise von 1867 sind große Änderungen eingetreten. Die kolossale Ausdehnung der Verkehrsmittel - ozeanische Dampfschiffe, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Suezkanal - hat den Weltmarkt erst wirklich hergestellt. Dem früher die Industrie monopolisierenden England sind eine Reihe konkurrierender Industrieländer zur Seite getreten; der Anlage des überschüssigen europäischen Kapitals sind in allen Weltteilen unendlich größere und mannigfaltigere Gebiete eröffnet, so daß es sich weit mehr verteilt und lokale Überspekulation leichter überwunden wird. Durch alles dies sind die meisten alten Krisenherde und Gelegenheiten zur Krisenbildung beseitigt oder stark abgeschwächt. Daneben weicht die Konkurrenz im innern Markt zurück vor den Kartellen und Trusts, während sie auf dem äußeren Markt beschränkt wird durch die Schutzzölle, womit außer England alle großen Industrieländer sich umgeben. Aber diese Schutzzölle selbst sind nichts als die Rüstungen für den schließlichen allgemeinen Industriefeldzug, der über die Herrschaft auf dem Weltmarkt entscheiden soll. So birgt jedes der Elemente, das einer Wiederholung der alten Krisen entgegenstrebt, den Keim einer weit gewaltigeren künftigen Krise in sich. - F. E." (MEW 25, S.506)</siehe>
     
  5. Repo

    Repo Neues Mitglied

    In die Diskussion kann ich nicht eingreifen.
    Aber falls nicht bekannt, interessiert evt. Euch folgender Fakt.

    Irgendwann so 1890-95 haben die Marxianer begriffen, dass mit den Theorien etwas nicht stimmen konnte. Das konnte und durfte natürlich nicht sein.
    Haben sie zur Erklärung den Imperialismus entdeckt:
    der Kapitalismus wäre inzwischen untergegangen, aber die Kapitalisten haben gerade noch rechtzeitig den Imperialismus entwickelt, indem sei jetzt der Bevölkerung ferner Kontinente und Zonen den "Mehrwert" vorenthalten.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    So ist das tatsächlich bei Marx und Engels noch nicht zum Ausdruck gekommen. Dennoch gab es Ansätze, sich mit dem "Problem" Imperialismus für die Volkswirtschaft zu beschäftigen, aber unter anderem Vorzeichen:

    - über die Frage der aufkommenden Konkurrenz der Industriestaaten bei Untersuchung der Verhältnisse für England; Theorie: Verkürzung der Wellen durch gegenseitige Beeinflußung?

    - die (damals) moderne Kolonisationstheorie, mehr als geeignetes Ventil des Drucks der kapitalistischen Wirtschaft, denn als Vermögenszuwachs oder Bereicherungsmöglichkeit der Volkswirtschaft des Mutterlandes gesehen
    (MEW 23, S. 792)


    Der Imperialismus findet dann später beachtlichen Niederschlag zB bei Luxemburg, Bucharin und Lenin.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Juli 2008
  7. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Marx hat als Politiker den Untergang der Bourgeoisie und den Sieg des Proletariats als "gleich unvermeidlich" angesehen (Kommun. Manif. u.a.) Als Ökonom war er sehr viel vorsichtiger mit derlei Prognosen. Wenn er z. B. über den Prozess der Akkumulation des Kapitals und der dabei wirkenden zentrifugalen Kräfte schreibt, verneint er jeglichen Automatismus: "Dieser Prozess würde bald die kapitalistische Produktion zum Zusammenbruch bringen, wenn nicht widerstrebende Tendenzen beständig wieder dezentralisierend neben der zentripetalen Kraft wirkten" (MEW 25, S.256). Schon Engels war in dieser Hinsicht "optimistischer".

    Ein Imperialismus Leninscher Prägung war Marx (noch) fremd, aber er hatte von Anfang an die weltweiten Auswirkungen im Blick: "Je mehr die ursprüngliche Abgeschlossenheit der einzelnen Nationalitäten durch die ausgebildete Produktionsweise, Verkehr und dadurch naturwüchsig hervorgebrachte Teilung der Arbeit zwischen verschiedenen Nationen vernichtet wird, desto mehr wird die Geschichte zur Weltgeschichte, so dass z. B. wenn in England eine Maschine erfunden wird, die in Indien und China zahllose Arbeiter außer Brot setzt und die ganze Existenzform dieser Reiche umwälzt, diese Erfindung zu einem weltgeschichtlichen Faktum wird" (MEW 3, S.45f.)
     
  8. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Möchtest Du Marxianer von Marxisten abgrenzen (wenn ja, wie?) oder verbirgt sich ein anderer Sinn hinter diesem ungebräuchlichem Begriff?

    Kann man ihn als Politiker bezeichnen? Ich fände den Begriff politischer Philosoph oder etwas in der Richtung treffender, da ich (abgesehen von seiner journalistischen Tätigkeit) keine praktischen politischen Aktivitäten seinerseits kenne.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich fand den Hinweis treffend; genau in die Abgrenzung des Themas! Oben ging es (noch) nicht um die politische Ökonomie, bzw. nicht um die Prognosen gesellschaftlicher Entwicklungen.

    Gerade das Thema der "Krisen"(=Konjunktur)-Theorie bei Marx/Engels basiert zunächst auf empirischer Forschung, sodann auf der Ableitung geeigneter Kennzahlen zur Beschreibung der Zustände und schließlich der Formulierung von Wirkungsketten.
     
  10. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Da bin ich kompromissbereit, wollte nur den "reinen" Philosophen vermeiden - denn: "Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe" (MEW 3, S. 218).:yes:
     
  11. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Hallo Silesia,
    wenn du einen Thread eröffnest, so ist zu erwarten, daß es um eine komplizierte Frage geht (denn das hatten wir schon Mal...). Sehr gefreut hat mich deine aktuelle, insofern es um einen Aspekt von Marx "Maulwurfsarbeit" geht. Ich habe nun endlich einen Artikel wiedergefunden (ich mußte ihn etwas suchen), indem dieser von dir in Frage gestellte, in Dekaden sich vollziehenden Zyklus erwähnt wird; allerdings nicht in historischer Hinsicht, sondern in zeitgeschichtlicher:
    Der kurze Artikel, eigentlich eine Randkolumne, befindet sich in der Konkret (2007/1, S.25) und trägt den Titel "Wer war's". Hier findet sich der lapidare Satz: Dieser [der bundesdeutsche] Kindermund befindet sich in Übereinstimmung mit der längerfristigen Zyklenbeobachtung. Cirka alle zehn Jahre gibt es einen Konjunkturabschwung, danach geht es wieder aufwärts." Das seltsame ist, daß Georg Fülberth (der Autor des Randartikels) aber auch einfach behauptet, daß es für derartige Rezessionen keine berechenbare Serien gäbe! Das ist mir nicht einsichtig: Soll Karl Marx der einzige gewesen sein, der solche Berechnungen gemacht hat und die in der neueren Einführung von Rolf Peter Sieferle fisematenterweise als "Truismen" bezeichnet werden?
    Nun, nicht daß ich geeignet wäre, deine Fragen zu beantworten, aber wie lauten sie nochmal? Selbst erwähnst Du: sinkende Reallöhne bei steigender Profitrate, und ziehst die Parallele: Senkung der Aktienkurse infolge steigender Zinsen.
    Schon dabei stoße ich auf Unklarheiten: spricht Marx von "Reallöhnen"? Wenn ich der Sekundärliteratur trauen kann doch nur von "Preisen der Arbeitskraft", "Arbeitslöhnen", "Tageslöhnen" u. ä. Allerdings spielen diese Aufwendungen tatsächlich eine Rolle für die Profitrate und die Lohnsenkung (oder alternativ Verlängerung der Arbeitszeit) hat demnach regulatorische Funktion für die Profitsteigerung. Die Profitrate singt aber sowieso da angeblich das sog. konstante Kapital (Maschinen und Rohstoff) gegenüber dem variablen (nämlich der Arbeit) zunimmt und ein Profit nach Marx ja nur durch die Aneignung des Mehrwerts der (lebendigen) Arbeit entstehen kann.

    An anderer Stelle (Beitrag #3) fragst du dann aber nach den

    Ich denke, es bleibt nichts übrig, als sich auf Marx Arbeits- und Mehrwerttheorie einzulassen. Seine empirischen Studien führte er letztendlich durch wegen seiner Kritik der politischen Ökonomie.
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Bei Marx ist fast alles zu finden: :devil:

    "Seit 1848 in ihnen allen unerhörte Entwicklung der Industrie und ungeahnte Ausdehnung der Aus- und Einfuhr. In ihnen allen ein wahrhaft "berauschender Zuwachs von Reichtum und Macht", "ganz und gar beschränkt auf die besitzenden Klassen". In allen, wie in England, Steigen des Reallohns, d.h. der mit dem Geldlohn beschaffbaren Lebensmittel, für eine Minderheit der Arbeiterklasse, während in den meisten Fällen das Steigen des Geldlohns keinen wirklichen Zuwachs von Komfort anzeigte".

    Nun verwendet er den Begriff nicht häufig, belegt Sachverhalte auch doppelt.

    Eine weitere Auseinandersetzung, die zeigt, dass Marx der Begriff durchaus inhaltlich klar gewesen ist:
    "Bürger Westons Beweisführung beruhte wesentlich auf zwei Voraussetzungen:...
    2. daß der Betrag des Reallohns, d.h. des Lohns, gemessen durch das Warenquantum, das mit ihm gekauft werden kann, ..."


    Das glaube ich eben nicht so ganz.

    Ziel das Themas ist neben dem nur beispielhaften Inhalt (Konjunkturtheorie) auch die Frage, ob die Auseinandersetzung mit Marx unabhängig von seinen Schlußfolgerungen zur Kritik der politischen Ökonomie führbar sein ist.
     
  13. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ich bin etwas unsicher, wie man diese Frage angehen oder operationalisieren könnte. Da Du garantiert schon länger darüber nachgedacht hast: Könntest Du vielleicht Thesen formulieren, die man sukzessive abklopfen bzw. zu denen man Material & Meinungen suchen könnte?
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist ein Experiment: Über Marx lohnt die wirtschaftshistorische Diskussion, wobei man sich auf seine

    (1) empirischen Forschungen (mit falsch/richtig) und
    (2) ökonometrischen Aussagen beschränken (bewiesen/spekulativ)?

    beschränken sollte. Das kommt bereits im Beitrag von Muspilli zum Ausdruck. Inspiriert war die Frage von der Sichtung zweier Arbeiten,

    Die Marxsche Konjunkturtheorie - eine akkumulationstheoretische Interpretation, von Müller, Alfred, aus 1983 (Dissertation)

    sowie

    Die Geldtheorie von Marx und Keynes, Ein Vergleich in bezug auf den Krisenbegriff in der Geldwirtschaft, von Hahn, Young Bin
    http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000000130
     
  15. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Ich bin von der Materie relativ unbeleckt, als Marxisten bezeichnen sich ja z.B. die Genossen von der KPD/ML, als Marxianer würde ich die Wissenschaftler in der "Marxschen Tradition, wie z. b. R. Luxemburg bezeichnen.

    Mag aber durchaus sein, dass dies in dem Zusammenhang irreführend oder ungebräuchlich ist, wie gesagt wenig Ahnung davon.
     
  16. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    "Wir sind wieder unter dem Banner von Marx." (R. Luxemburg am 1.1.1919 bei der Gründung der KPD). Sie war eine Marxistin durch und durch.
     
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Was habe ich anderes geschrieben.
    Ich kann aber in die KPD/ML eintreten, und mich als Marxist bezeichnen.
    Ohne das geringste für die wissenschaftliche Basis des Marxismus gebracht zu haben.

    Aber, wie gesagt, wenig Ahnung, aber gibt es nicht zB den Begriff "Hegelianer"?
     
  18. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Klaro. Marx war übrigens Linkshegelianer, was immer auch das bedeutet... und es gibt Kantianer und Freudianer, wobei es halt auf die Prägung solcher Begriffe in bestimmten Diskursen ankommt. Freudianer beispielsweise geht eben nicht auf den Begründer der Psychoanalyse zurück, sondern auf seine Tochter Anna, um deren Ansatz etwa von dem Melanie Kleins (=> Kleinianer) abzugrenzen.
    Marxianer ist insofern eine interessante Begriffsschöpfung von dir, was du auch klargestellt hast.


    Was den Link http://www.diss.fu-berlin.de/diss/re...s_000000000130 aber betrifft, also die DIssertation von Young Bin Hahn, Die Geldtheorie von Marx und Keynes, Ein Vergleich in bezug auf den Krisenbegriff in der Geldwirtschaft gelingt das nicht, wobei ich jetzt nur das Kapitel IX über Die Marxsche Geld- und Kredittheorie durchgelesen habe. So steht zwar gleich zu Beginn (S.110), man müsse von gewissen "gängigen Interpretationen der Marxschen Theorie Abstand genommen werden", aber damit lehnt er selbst nicht Marx Arbeitswerttheorie ab, sondern deren Reduktionen. Hahn selbst bemüht sich durchaus eine Rekonstruktion der Marxschen Gedanken aus dem Kapital I ff. <!-- / message --><!-- sig -->
     
  19. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Marx war Anhänger des Feuerbachschen Junghegelianismus. Er radikalisierte und erweiterte die Feuerbachschen Thesen.
    Junghegelianer
     
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich verstehe nicht, was das mit der Konjunktur- bzw. Krisentheorie von Marx zu tun hat :confused:
     

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