Kulturnationalismus im 19. Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von bonaparte, 6. August 2013.

  1. bonaparte

    bonaparte Neues Mitglied

    Hallo,

    ich studiere Geschichte und muss in ein paar Tagen ein Essay mit dem Thema: "Aufschwung des deutschen Kulturnationalismus in den
    1840er und 1860er Jahren" abgeben.

    Könnt ihr mir bitte kurze Anhaltspunkte geben, was unter dem Begriff Kulturnationalismus gemeint sein könnte?

    Vielen lieben Dank!
     
  2. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Kulturnationalismus beschreibt das Phänomen, dass man eine nationale Kultur (die sich durch einende Aspekte wie Sprache oder Traditionen) als besonders hochwertig ansieht. So soll sich ein Volk durch eine eminente Position in Bereichen wie Kunst und Kultur auszeichnen.

    Ein Volk definiert sich nicht durch Abstammung, sondern durch einen hohen kulturellen und intellektuellen Standard, den man zum Beispiel an einem gehobenen Bildungsstand oder dem Vorhandensein von Museen, Theatern, Opern und Bibliotheken messen kann (soweit die Theorie).

    Hinter diesem Begriff, der heute nur noch einen Staat lobend hervorheben soll, steckt aber eine rein nationalistische Idee, die du erschließen und bewerten solltest. Weiterhin kannst du die Rolle des K. in der Epoche der Nationalstaaten (19./20. Jahrhundert), der europäischen Diktaturen und der heutigen Zeit beleuchten und bewerten.
     
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  3. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Abgesehen vom Allgemeinen, das decurion angeführt hat, gibt es noch eine speziell deutsche Facette. Weil es erst gegen Ende des 19. Jhs. eine deutsche Staatsnation gab, wurde Deutschland als eine (einige) Kulturnation postuliert. Das führte auch dazu, dass der (höherwertigen) deutschen Kultur die (minderwertige) "welsche" Zivilisation gegenübergestellt wurde.

    Kultur ? Wikipedia
    Kultur ? Wikipedia
     
  4. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

  5. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    mich erstaunt speziell die Zeitangabe 1840-60

    im Verlauf der Romantik und Spätromantik entwickelten sich die so genannten nationalen Schulen in der Musik*), aber auch insgesamt finden sich in dieser Zeit Bestrebungen der Konstruktion einer jeweils eigenen Nationalkultur**) und letzteres in manchen Bereichen administrativ durchgesetzt***)

    diese teilweise Wiederentdeckung der eigenen Geschichte, aber auch das konstruieren von Nationalgeschichte(n), das konstruieren von recht eindimensionalen Herkünften****) könnte mit dem Begriff Kulturnationalismus gemeint sein - aber wie gesagt verwundert mich die zeitliche Eingrenzung, da vieles davon im letzten Drittel des 19. Jhs. besonders zutage trat.


    _________________
    *) für Polen Chopin, für Cechien Smetana, für Russland Tschaikowski usw usf
    **) man denke an die Wiederentdeckung und das nun neue aufleben des Niebelungenlieds im 19. Jh.
    ***) etwas früher in Frankreich das administrative durchsetzen des Pariser französisch als Nationalsprache (mit Unterdrückung okzitanischer und bretonischer Sprachen), im deutschsprachigen Raum der Duden
    ****) der Deutsche des 19. Jh. muss salopp gesagt Nachfahre der Germanen sein, die Germanen sind Goten, Franken, Sachsen usw. und natürlich sind die Germanen edel, treu, prima usw - das Franzose muss ein Gallier sein und Vercingetorix verehren - der Italiener ist ein feiger Welscher etc ---- man sieht, wie sich Klischees ggf bis zu Feindbildern verdichten
     
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  6. Saint-Simone

    Saint-Simone Aktives Mitglied

    "Kulturnationalismus" ist ein ziemlich deutsches Konzept, welches versucht sich vom französischen "Staatsnationalismus" zu unterscheiden, wobei es keinen in der scheinbaren "Rein-Form" gibt. Da wäre dann das heiß-diskutierte Thema Elsass-Lothringen anschaulich, um die Problematik des Themas zu verdeutlichen. Zum deutschen Kulturkreis gehörte es, zu Frankreich wollte es gehören. Grenzregionen sind meines Erachtens nach, wo sich die Problematik der Konzepte zeigt. Abgesehen davon, daß Deutschland so oder so heterogen ist, würde ich nachforschen was "Kulturnationalismus" neben der Sprache bedeutete - die auch heute recht uneins ist.
     
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  7. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Wie dekumatland schon anmerkte, der aufgegebene Zeitraum 1840 bis 1860 ist etwas merkwürdig in diesem Zusammenhang.

    Versuch es vllt. mit diesem Ansatz:

    Ersatz, der bis dato nicht erfolgten deutschen Einigung, mittels kultureller, den deutschen Nationalstaat quasi ersetzender, kultureller Leistungen.

    "Kulturnationalismus" gleichsam als Folie für den nicht existenten deutschen Nationalstaat.

    Dafür benötigst Du Literaturnachweise, ich würde, was nichts heißen muß, T. Mann, Die Betrachtungen eines Unpolitischen, nehmen. Dort geht es zwar vordergründig um den I. WK, er stellt aber darin die "Kultur" als deutsche Eigenschaft dar, er holt dabei sehr weit aus in die Kulturgeschichte und setzt sich explizit mit der "Kultur" als deutsches Wesensmerkmal auseinander => "Kulturnationalismus".

    In der Musikgeschichte wäre m.E. Wagner angezeigt.

    Vllt. ein Denkansatz.

    M.
     
  8. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Oder die Deutschen als Volk der Dichter und Denker: Goethe, Lessing, Schiller, Fontane etc.
     
  9. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Nationalismus, einige Zusammenhänge

    Das 19. Jht. war nun einmal das Zeitalter des erwachenden Nationalismus in ganz Europa (zeitlich gestaffelt). Da wurde eifrig Nabelschau bei den einzelnen Nationen betrieben und sich gegeneinander abgegrenzt - ungeachtet einiger geschichtlicher Fakten. Man versuchte die überholten Kategorien der Fürstenstaaten mit neuen, nationalen Grundsätzen zu ersetzen: Also anstelle von Fürst und seinem Territorium ein "Volk" und einen Staat zu setzen. Da bislang die Kategorien von Staat und Herrscher nahezu identisch gewesen waren, suchte man nach "natürlicheren Kategorien" und sah sich dafür in der Geschichte, Sprache und Kultur um. Man bediente sich dabei teils sehr frei…

    ...Nun wurde eifrig gegeneinander aufgerechnet, denn bei der "Nabelschau" erwies es sich schwierig die Nationen voneinander abzugrenzen, besonders im deutschsprachigen Raum und in Osteuropa. Frankreich hatte es hier relativ leicht, da es schon lange ein zentralisierter Staat war, wo die französischen Könige eine weitgehend einheitliche Kultur und Sprache durchgesetzt hatten. Der Übergang zur "Nation" war durch die Französische Revolution und ihr Überlebenskampf vor allem in der Selbstwahrnehmung sehr gut gelungen und man war stolz auf die „Grande Nation“. Man blickte nicht ohne Stolz auf die sie umgebenden Nachbarn herab. Mit den entsprechenden Gegenreaktionen während der Revolutions- & Napoleonischen Kriege, wo die Nachbarn mit Gewalt mit dem französischen Nationalismus konfrontiert worden waren.

    Eine ähnlich glatte „Nationenbildung“ erfolgte kurz zuvor Beispielhaft auf dem amerikanischen Kontinent, wo sich die Kolonisten gegen den britischen König erfolgreich erhoben hatten. Sie war auch Vorbild für die Entwicklung in Frankreich gewesen! Obwohl die dortige Bevölkerung von ihrer Herkunft her unterschiedlicher nicht hätte sein können, wurde die erfolgreiche Revolution & (republikanische) Staatsbildung, dem gemeinsamen (und eindeutig „konstruierten“) American Dream, sowie die „britische Grundierung“ (etc.) dann bindend für die Fundamente einer vollkommen neuen Nation! Diese Nation bedurfte seiner Begründung weder durch die in Europa weiter dominierende „Fürstentradition“, noch durch sonstige Forschung nach Wurzeln. Es war eben die „Neue Welt“!

    Die nun folgenden, nationalen Entwicklungen in Europa und Deutschland sind ohne diese beiden Vorbilder nicht verständlich. Mangels eigener Staaten mussten sich viele der „erwachenden Nationen“ (wie man es damals sah) andere Grundlagen suchen. Sprache und Kultur mussten hier die Basis für gemeinsame Wurzeln und Werte bilden. So losgelöst von der politischen Geschichte (die weiter auf adeligen Dynastien fußte), konnte die „Selbstfindung“ letztlich auch nur in bewusster Abgrenzung von „Anderen“ erfolgen. Dass die Anderen dann teils verächtlich gemacht wurden, hatte mit einem besonders herausgestellten „Selbstwertgefühl für das Eigene“ der dabei Aktiven zu tun. Aber das war vielleicht weniger ihr Ziel und eher eine „Nebenwirkung“? Die ganze „Bewegung/Bestrebung“ war vornehmlich eine Erscheinung der bürgerlichen Intelligenz. Eine Emanzipation des Bürgertums vom alten Adel, das hierbei führend wurde und die übrige Gesellschaft mitreißen musste, wollte sie ihre „Erkenntnisse“ nicht wieder in der Versenkung (und fürstlich- staatlichem Druck!) verschwinden lassen! Eine elitäre, geistige Rebellion gegen die noch immer führenden europäischen Institutionen von (Fürsten-) Staat und Kirche. Die hierbei aktiven Personen wollten „ihre Zielgruppe“ mitreißen und mit ihrem nationalen Geist füllen. Es ist ja auch kaum strittig, dass sie nicht nur „Ideale erfanden“, sondern durchaus auf bestehenden aufbauten.

    Was konnte dies in der Praxis bedeuten, gerade mit Blick auf „Kulturnationalismus“ und Abgrenzung? Es scheint so übermächtig hier immer nur auf die Vorgänge in Deutschland zu sehen, dass ein Blick auf Tschechien lohnen mag. Ich wähle hierfür den begnadeten Musiker Bedrich Smetana, der mit seinen Melodien der „Moldau“ seinen Teil für ein tschechisches Nationalgefühl beitrug. Ich stütze mich hier auf seinen Wiki-Artikel für die Fakten (Andere mögen berufener sein):
    Er war 1817 in eine bürgerliche, tschechische Familie hineingeboren worden und wurde auf den Namen Friedrich getauft. Wie Selbstverständlich pflegte er einen bürgerlichen Lebensstil. Seine Sprache, zumindest seine Schriftsprache war das Deutsche! Erst ab 1856 verwendete er Tschechisch in seinen Briefen, in seinen Tagebüchern noch bis 1861 das Deutsche! Wie so viele andere große Gestalten seiner Zeit nahm auch er an der Revolution von 1848/49 gegen die Fürstenwillkür teil. Er sah auch nicht nur seine Heimat, sondern lebte auch etwa in Schweden. In seiner „Moldau“ verarbeitete er zahlreiche musikalische Einflüsse auch aus ganz Europa, behauptete aber immer für seinen tschechischen Nationalzyklus „Meine Heimat“ bewusst die Musik seiner Nation aufgenommen zu haben… (also „Finden“, nicht „Erfinden“!) Er kehrte erst nach dem Ende des österreichischen Absolutismus in seine Heimat zurück. Smetana ist ein gutes Beispiel für ein europäisches „Bildungsbürgertum“, das an der „Konstruktion der eigenen Nation“ seinen intellektuellen Beitrag leistete. Man könnte auch die Gebrüder Grimm heranziehen, die in ihrer (scheinbar so „nationalen“) Märchensammlung durchaus auch französische und andere Einflüsse zuließen. Der politisch umstrittene deutsche Komponist Richard Wagner hatte sich lange bemüht in Paris zu wirken und sich in Dresden 1848 ebenfalls bei der Revolution exponiert – um später als Schützling eines träumerischen bayerischen Monarchen musikalisch an einer „deutschen Nation mitzubauen“…

    Der Nationalismus dieser Zeit hatte viele Wurzeln und Erscheinungsformen. Der Weg in den übersteigerten Nationalismus, der half die Welt in das Unglück von 1914 stürzen zu lassen, war ebenso wenig seine Bestimmung, wie die Ideologien des Faschismus… Politisch Mächtige und Fanatiker traten an die Stelle solcher „Bildungsbürger“ und arbeiteten mit den geschaffenen Kategorien für ihre Machtpolitik. Aber hatten nicht auch die alten „Väter des Nationalismus“ gehofft, dass ihre Ideen von der „Nation“ Grundlage für das Zusammenleben und auch die hohe Politik werden sollten?! Erfolgreich hat diese Idee zumindest die in Europa über mehr als 1000 Jahre dominierende Idee einer reinen (adeligen) „Herrschaft“ als Grundlage jeden staatlichen Zusammenlebens verdrängt. So sehr, dass sie uns Heutigen kaum noch bewusst zu machen ist!
     
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  10. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Der Zeitraum 1840-1860 ist gar nicht so erstaunlich, wenn man sich entsprechende Debatten um den Nationalstaatsgedanken 1848/1849 anschaut. Da gibt es durchaus Möglichkeiten.
     

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