Kunstausbeute - Beutekunst ?

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von Arcimboldo, 6. September 2004.

  1. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Zu den Olympischen Spielen 2004 sollten die Elgin Marbles nach Athen zurückkehren, aber das
    Britische Museum spielt nicht mit. Damit ist die Debatte über Beutekunst jedoch nicht beendet.
    Die Formel "Zurück an den Ursprungsort" ist freilich zu pauschal, um die Besitzansprüche auf
    archäologische Funde zu regeln.
    Im Dezember 1674 reiste der Marquis de Nointel, Frankreichs Botschafter bei der Hohen
    Pforte, in die osmanische Provinzstadt Athen. Auf der Akropolis bestaunte er den
    Parthenon−Fries mit den Figuren des Phidias. Für die kenne er nur einen richtigen Ort, schrieb
    er an König Louis XIV., "die Amtsgemächer Eurer Majestät. Dort würden sie den Schutz des
    großen Monarchen genießen, der die Künste und Wissenschaften ehrt, und so vor den
    Zerstörungen der Zeit und vor der Barbarei der Türken gerettet ..."
    Für die Rettungstat des Marquis fand sich keine Gelegenheit. Die bot sich 130 Jahre später dem
    englischen Diplomaten Lord Elgin, der in Istanbul bessere Karten hatte, weil seine Regierung
    damals das Osmanische Reich gegen das napoleonische Frankreich unterstützte. Diese
    politische Konstellation verschaffte dem Lord die Erlaubnis des Sultans, 71 Tafeln des
    Parthenon−Frieses nach England zu verschiffen. Die seitdem so genannten Elgin Marbles
    wurden 1816 vom Britischen Museum gekauft − und damit zur Cause célèbre der
    Beutekunst−Debatte.
    Wäre die Geschichte anders verlaufen, müssten sich die Griechen heute mit Jacques Chirac und
    nicht mit Tony Blair anlegen. Der will die Forderung, den Torso des Phidias−Werkes nachMit der Forderung, bedeutsame und Identität stiftende Kunstwerke an ihren historischen Ort
    zurückzubringen, kehrt die Beutekunst−Debatte in ihr Zentrum zurück. Ihr Kern lässt sich am
    Fall der Elgin Marbles freilegen. Der allerdings auch zeigt, dass die Devise "alles an seine
    Ursprünge zurück" eine allzu platte Formel ist. Die Dinge liegen komplizierter. Wenn man sich
    in London entschlossen hätte, die Elgin Marbles zurückzuschicken, hätte es dafür in Athen
    keine Adresse gegeben. Das Akropolis−Museum, das die Griechen bis 2004 fertig haben
    wollten, blieb in der Planung stecken. Das scheint dem Britischen Museum Recht zu geben, das
    stets argumentierte: Bei uns ist das alles kompetenter und zugänglicher, also "demokratischer"
    untergebracht als in Athen.
    Da ist es wieder, das schöne Bild der "zivilisierten Nationen", die für die rückständigen Völker
    − die barbarischen Türken von damals wie die unfähigen Griechen von heute − den kultivierten
    Vormund spielen. Noch immer meinen die Präzeptoren in London, Paris oder Berlin am besten
    zu wissen, wann die Entführung "verwaister" Kunstwerke eine Rettungstat und wann sie ein
    Gangsterstück ist.
    Als Lord Elgin die Marmortafeln aus dem Parthenon heraussägte, wollte er das Werk des
    Phidias vor der Vernichtung retten: Die osmanische Obrigkeit habe die Akropolis nicht
    geschützt, der Parthenon wäre alsbald komplett geplündert worden. Das war gar nicht falsch,
    tatsächlich wurden damals unzählige Kunstwerke zerstört. Die Bevölkerung, ob Christen oder
    Muslime, nutzten die alten Steine für ihre eigenen Zwecke. Und überall im Lande wanderten
    antike Artefakte in die Kalkbrennöfen. Zudem war das osmanische Griechenland für Reisende
    ein "ungezäunter Weingarten", wie die Griechen sagen: Jeder konnte sich im Vorbeigehen die
    süßesten Trauben pflücken.
    Die Herrschaft der barbarischen Türken über das Land, das als "Wiege der Kultur" galt, war für
    die europäischen Kulturnationen eine bequeme Sache: Sie bot ihnen die Gelegenheit wie die
    Rechtfertigung für das Plündern der antiken Ruinen. Hinzu kam die kulturpolitische
    Konkurrenz zwischen den alten und den aufsteigenden Imperien. Ohne den Wettlauf um den
    Titel des abendländischen Kulturchampions wären die Antikensammlungen in Paris, London,
    Berlin und Wien nicht die stolzen Tempel, die sie heute sind.
    Dabei machten auch überzeugte Philhellenen mit. Kurz vor Beginn des griechischen Aufstands
    gegen die Osmanen hielt Leo von Klenze, Hofbaumeister in München, einen Vortrag "Über das
    Hinwegführen von Antiken aus Griechenland". Sein Vorschlag: eine "Entdeckungsfahrt
    teutscher Forscher" nach "dem geheiligten Boden Olympias", auf dass "die Kunstgebilde des
    Phidias und Myron willig aus ihrem feuchten Grab erstehen und zu uns herüberwandern ..." Um
    den Steinen Beine zu machen, regte von Klenze eine Lotterie an, die das Unternehmen
    finanzieren sollte.
    ganzer Artikel :http://www.eurozine.com/pdf/2004-08-25-kadritzke-de.pdf
     
  2. Livia

    Livia Mitglied

    Das Sammeln antiker Kunst hat aber maßgeblich dazu beigetragen, dass die "alten Steinhaufen" auch in ihren Herkunftsländern geschätzt werden. Vieles, was heute als "Beutekunst" gilt, konnte vor 100 Jahren problemlos außer Landes geschafft werden, weil man sich für deren Wert oder historische Bedeutung nicht interessierte (die ersten europäischen "Archäologen" waren in erster Linie Schatzgräber und nicht Wissenschaftler).

    Daher ist meiner Meinung nach die Frage nach einer Rückführung schwierig: die Artefakte gehören zwar eindeutig zu ihren Fundorten - der Fundort ist aber kein Museum in Athen, Kairo oder Damascus.
    Wenn jetzt also neugebaute Museen in den Herkunftsländern die Herausgabe "ihres" Eigentums fordern, ist (wiederum meiner Meinung nach) Skepsis angebracht: geht es um ein "Heim ins Reich mit unseren geraubten Altertümern" oder soll die Rückgabe wirklich im Verbund mit einem durchdachten Museeumskonzept stehen (dem dann auch das ein oder andere Forschungsprojekt angegliedert ist).

    Ob man sich die Elgin Marbles im British Museum anschaut, oder in einem neuen Museum in Athen dürfte für den Betrachter keinen großen Unterschied machen - wahrscheinlich würden sich die Ausstellungsräume sogar stark ähneln.
    Der Reiz der eurpäischen "Kunsttempel" besteht dagegen in dem Nebeneinander der alten Hochkulturen - man steht zwar nicht am Originalschauplatz, kann sich dafür aber Relikte unterschiedlicher Epochen ansehen.

    PS: 1. Ja, dieses Post ist sehr eurozentrisch,
    2. Ja, die Nofretete gehört nicht nach Berlin, sondern nach Kairo.
     
  3. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Ich kann mich auch irren, aber soweit ich weiss, wurde zum beispiel der Pergamonaltar mit Zustimmung der damaligen Regierung nach Berlin geschafft. Im 19. Jahrhundert war es wohl so üblich.Schliman soll aber den Schatz des Priamus heimlich ausser Landes gebracht haben.

    Es ist schon nachvolziebar, das das damals etwas einfacher war wie heute.
     
  4. Livia

    Livia Mitglied

    Das ist so eine der Kinderkrankheiten der Archäologie. Der Materialwert + die Verarbeitung fanden schon früh Anerkennung (Gold, Silber,Edelsteine waren halt immer interessant, auch wenn es nur darum ging, die Gemächer europäischer Herrscher damit zu schmücken). Die Tonscherben, Ziegel, Mauern und Alltagsgegenstände, aus denen die heutigen Archäologen versuchen ein Bild der Vergangenheit zu basteln, blieben dagegen früher unbeachtet - und leider oft auch undokumentiert.
     
  5. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Am Golde hängt..zum Golde drängts...
    Wie Du schon sagts, waren die ersten "Archeologen" eher Abenteurer, die immerhin die Fantasie hatten mal nachzuschauen was z.B. bei Homer so alles stimmt.

    Für mich ist die Debatte interessant im Hinblick auf das Verständnis von Kunstgegenständen im Allgemeinen und ihrer hist. wie gegographischen Herkunft. Aus diesem Verständnis ,in pädagogischer Hinsicht jetzt mal, sollten sich mehr verantwortliche Menschen, z.B. Politiker Gedanken machen unwiederbringliche Kulturgüter und Dokumente als solche zu erkennen und entsprechend zu schützen.
    Als Neativbeispiel sei hier an den Irak-Krieg der Amerikaner erinnert die bei der Einnahme
    von Bagdad das archeologische Museum ungeschützt, weil unverstanden, den Plünderern
    überlassen hat.
     
  6. Andronikos

    Andronikos Neues Mitglied

    Wie kommst du nach deinen sehr richtigen Beitrag auf Punkt 2? Hat man die Nofretete im Museum in Kairo ausgegraben, dass sie jetzt dorthin zurück soll? Warum hätte das Museum in Kairo einen größeren Anspruch auf die Nofretete als das Museum in Berlin?
    Ein Museum in Amarna selbst gibt es bis heute nicht, das derzeitige Museumsgebäude in Kairo ist eine Zumutung für den Besucher. Die Kunstwerke hängen dort in bis 3m Höhe an der Wand und sind in dunklen, unbeleuchteten Vitrinen aus dem vorvorigen Jahrhundert gelagert. Ich hatte mich sehr auf das Museum gefreut, war aber sehr enttäuscht. In Berlin bin ich immer wieder gern.
     
  7. Livia

    Livia Mitglied

    Ich dachte da eher an eine Art Familienzusammenführung. Es gibt zwar Darstellungen der Nofretete in Kairo, aber auf den Reliefs sieht sie eher aus wie ein Zwillingsschwester ihres Ehemannes und der Kopf ist, obwohl sehr schön, unvollendet. Aber nach einer Rückgabe würde sie wahrscheinlich nicht bei ihren Lieben im Saal III landen, sondern irgendwo einen Extrasockel erhalten. Die Idee ist wirklich nicht so gut...

    Ob das Museum in Kairo einen größeren Anspruch als das in Berlin hat weiß ich nicht. Auf jeden Fall sollte man mit so umstrittenen Objekten (die Ägypter forderten bereits 1923 die Rückgabe) etwas sensibler umgehen und sie nicht für zweifelhafte Inszenierungen zur Verfügung stellen.


    Wird ja bald alles besser ... und wenn das neue Museum fertig ist, wollen bestimmt viele den "unaufgeräumten Ramschladen" zurückhaben;).
     
  8. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Illegaler Kunsthandel

    Das Getty-Museum Los Angeles muss sich im November vor einem Gericht in Rom wegen illegalen Handels mit antiker Kunst verantworten !

    Es soll Ausstellungsstücke aus illegalen Grabungen in der Nähe des Vesuvs im Bestand haben. Außerdem lautet der Vorwurf, das Museum sei Schmuggel und Hehlerei antiker Kunstwerke verwickelt. Die 42 umstrittenen Werke aus etruskischer und römischer Zeit haben einen Wert von mehreren Millionen Euro. Hauptangeklagte ist eine ehemalige Mitarbeiterin, die für den Kauf archäologischer Funde zuständig war. Bei einem Schuldspruch drohen erhebliche Schadensersatzforderung von Seiten des italienischen Staates. Der Prozess beginnt im November.

    Der Prozess gegen das Getty Museum gilt als Präzedenzfall: Zum ersten Mal müsste sich ein renommiertes Haus wegen Hehlerei in großem Stil vor Gericht verantworten.

    https://ssl.sueddeutsche.de/kultur/artikel/569/57512/
     

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