"Lebensgefühl" im MA

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von McFly, 6. Januar 2009.

  1. McFly

    McFly Neues Mitglied

    Guten Abend,

    ich interessiere mich sehr für`s Mittelalter, da es irgendwie die Verbindung zwischen "rauhem Schlachtengetümmel" und moderner Welt herstellt. Wohl mehr mit ersterem...
    Mich interessiert folgendes:

    - Welches Lebensgefühl hatte die "gemeine Bevölkerung" damals; d.h. welche Bildung (wenn überhaupt) und Möglichkeiten hatte sie, und inwiefern waren sie sich dieser bewusst ? Welche Rolle spielte die Kirche ?

    - Man neigt ja entweder dazu, das MA zu "verfinstern" oder zu romantisieren, bis Dornröschen schon realistisch erscheint;), aber wie sah`s europaweit wirklich aus, war wirklich ständig Krieg ?
    Wie sah die Kriegstechnik damals aus, wie die Kriegstaktik ?

    -Inwieweit können Filme wie HdR, Braveheart oder King Arthur einen Einblick geben in die damalige Zeit ? Gibt es irgendwelche empfehlenswerte Quellen im Inet ?


    Jo, Danke schonmal im Voraus
    und noch en schönen Abend !!!!

    McFly
     
  2. MacX

    MacX Neues Mitglied

    Die gemeine Bevölkerung, das waren ja zum Großteil Bauern. Ich denke ihr Leben war vorallem von harter Arbeit und Entbehrungen geprägt. Bildung gab es für Bauern im MA meines Wissens keine, und war wohl auch nicht notwendig. Man wusste ja, was man als Bauer zu tun hatte. :D

    Universitäten gab es seit dem Spätmittelalter ein paar in Europa, wenn ich nicht irre. Die Studenten dürften aber aus wohlhabenderen Kreisen kommen.
    Die Kirche spielt eine immense Rolle in Bildungsfragen, würde ich sagen. Lange Zeit waren Mönche die einzig Schriftkundigen, die sich auch mit alten Schriftzeugnissen beschäftigen konnten.
    Ferner diktierte die Kirche ein Weltbild, dem nicht zu widersprechen war.

    Soweit ich weiß, war zumindest im frühen Mittelalter in Europa wirklich ständig Krieg. Ich lese zZ. "Die deutschen Kaiser". Da wurde an einer Stelle über Ludwig den Frommen erwähnt, dass er einmal eine mehrjährige Phase ohne Kriegszüge hatte.
    Im Frühmittelalter war ja auch ein Großteil Europas von wilden Nomadenvölkern besiedelt, die immer mal wieder das Reich angriffen.

    Ich denke im Spätmittelalter nahm die Häufigkeit der Kriege drastisch ab, da die unmittelbaren Feinde inmitten Europas fehlten. Aber es gab immer mal wieder Fehden, oder Erbstreitigkeiten, die ausgetragen werden mussten.

    HdR ist keine glaubhafte Quelle für das historische Mittelalter. Braveheart schon eher, und King Arthur spielt ja in der Spätantike. Davon ab, ist es ziemlich ausgeschmückt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Januar 2009
  3. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Filme wie der Herr der Ringe, King Arthur und Braveheart können keinen Einblick in die damalige Zeit bringen. (Die ersten beiden Filme sind ausdrücklich Fantasy! Und der Braveheart-Film ist alles andere als streg historisch.)
    Die Filme geben zumindest ein gutes Bild über die Träume der Menschen unserer Zeit, daraus kann man keine Information über das Lebensgefühl im Mittelalter ziehen.

    Wenn du das Medium Film bevorzugen solltest, möchte ich dir die vierteilige Doku-Reihe "Wege aus der Finsternis - Europa im Mittelalter" vom ZDF empfehlen. Im Erzählstil ansprechend und unterhaltsam gibt es dort einen schönen Einblick in das Leben unterschiedliche Stände und ihr Selbstverständnis.
     
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  4. Artorius

    Artorius Aktives Mitglied

  5. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Umfangreiche Linkliste (wenn auch vielleicht für Einsteiger zu komplex) Allgemeine Links | Abteilung für Mittelalterliche Geschichte der Universität Tübingen
    "King Arthur" behauptet übrigens auf Grundlage neuester Forschungen die Geschichte darzustellen. Ihn als Fantasy anzusehen hilft aber, denn imho kann man gar nicht soviel ausgebuddelt haben wie es bräuchte um den Film zu erklären.
     
  6. McFly

    McFly Neues Mitglied

    Danke bis hierhin...

    Guten Abend allerseits !!!

    Danke mal bis hierhin für die Infos und Tips.

    Was ich insbesondere mit Bildung meinte:

    Unserem "aufgeklärtem" Verstand (zumindest meinem ;-)) von heute, erscheinen die Möglichkeiten des MAs geradezu bombastisch. Kein Melderegister, keine Bauvorschriften, man konnte sich "frei" bewegen...
    Klar gab es auch die andere Seite der Medaille; Kriege, Seuchen, Hörigkeit (wenn man nichts anderes gewohnt war) usw. ...
    Es kommt schliesslich immer darauf an wie man`s betrachtet ;-)


    Und dazu würde mich interessiern:
    -War man damals wirklich so "frei" (Wenn man sich dazu entschliess (!) und man sich schlau anstellte;)) ,oder ist das nur eine moderne "Wunschvorstellung" ?

    - Bis zu welchem Grad konnte ein einfacher Gemeiner zu der Zeit überhaupt so etwas wie Freiheitsdenken entwickeln, wenn ihm die ganze Zeit nur Obrigkeits-Hörigkeit eingetrichtert wird (Gab es Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen?) ?!?


    Da ich zur Zeit HdR lese, und mich das nicht zuletzt auf MA gebracht hat, interessiert mich natürlich:

    - Wieviel Mittelalter steckt im Herrn der Ringe (Tolkien liess sich ja mW u.a. von verschiedenen Mythologien wie auch vom europäischen MA allgemein "inspirieren")

    - Könnte es im MA auch Figuren ähnlich Aragorn gegeben haben (Waldläufer, Autonome, Rebellen...), die auf "eigene Faust" handelten, und abseits der Norm (Bauer) lebten ?


    Vielen Dank schonmal im Voraus
    und ein gesundes WE ;)!

    McFly
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Januar 2009
  7. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Der Herr der Ringe ist schon ein faszinierendes Buch und Tolkien hat sein Mittelerde akribisch und gleichzeitig fantasievoll entwickelt, komplett mit eigener Sprache, Geschichte, Mythen und Legenden.
    Er lebte aber im frühen 20. Jhdt. und konnte sich, wenn überhaupt nur an seine Vorstellung vom Lebensgefühl des MA anlehnen.
    Im HDR kann man vielleicht seine Auseinandersetzung mit den Weltkriegen zwischen den Zeilen lesen und daher eine Sehnsucht nach den klaren Strukturen von Gut und Böse.

    Rebellen, für mich Menschen, die sich mit Obrigkeiten und Herrschaftsstrukturen kritisch auseinandersetzen, gab es wahrscheinlich zu allen Zeiten, also auch im MA.
    Ich vermute aber, dass das Risiko eines Rebellen deutlich größer war als heute, weil die Menschen in übersichtlichen Gemeinschaften lebten, dadurch war die soziale Kontrolle durch Nachbarn, Kirche, Obrigkeit einfacher als in anonymen Großstädten.
     
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  8. Hruga

    Hruga Neues Mitglied

    Keinen.

    [Der von Ihnen eingegebene Text ist zu kurz. Bitte erweitern Sie den Text auf die minimale Länge von 10 Zeichen.]

    ...sagte mir gerade das System. Deshalb erweitere ich und sage "Gar keinen".
     
  9. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Es kommt immer darauf an, wie genau das Thema angepackt wird, ob Author und Regisseur genaue Kenntnisse der Geschichte haben.

    Mir erscheinen die meisten Verfilmungen, unabhängig ob Mittelater oder Mantel-Degen-Filme nicht sehr realistisch. Man erhält z.B. den Eindruck, dass sich ständig gekämpft wurde und ihnen alle Frauenherzen entgegenflogen, was mit Sicherheit nicht so gewesen ist.
    Das tatsächliche Alltagsleben der einfachen Leute (aber auch der Hochwohlgeborenen) wird ja nicht verfilmt, wäre für die breite Masse der Zuschauer ja auch uninteressant. Zur Verfilmung nimmt man sich ja nur die spannenden Momente, die innerhalb des Alltags bzw. Lebens vielleicht 5% der (Lebens-)Zeitspanne ausmacht. Selbst Kostüme und Möbel sind oft nicht historisch entsprechend.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Januar 2009
  10. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Das sind mehrere Themenkreise bzw. Kontexte - am besten liest Du Dich in die folgenden Threads bzw. Beiträge ein und fragst dann noch einmal nach, worum es Dir dabei konkret geht:
    http://www.geschichtsforum.de/f77/schulpflicht-im-mittelalter-23348/
    http://www.geschichtsforum.de/92260-post71.html
    http://www.geschichtsforum.de/117013-post36.html
    http://www.geschichtsforum.de/f77/welche-bedeutung-hat-die-kirche-12460/
    http://www.geschichtsforum.de/f49/kirche-und-forschung-24681/
    http://www.geschichtsforum.de/135797-post70.html

    :confused:

    Das läßt sich so nicht beantworten; Kriegszüge wurden bspw. gewöhnlich saisonal geführt, d.h., im Winter wurde nicht gekämpft - einmal abgesehen von Regionen wie dem Pruzzenland, wo während des Sommers aufgrund weiter Sumpflandschaften keine Kriegszüge möglich waren und deswegen nur im Winter gekämpft wurde.
    Außerdem gab es auch während des Mittelalters durchaus Jahre, in denen keine Kriegszüge stattfanden - und dabei stellt sich dann auch gleich wieder die Frage nach Ländern, Territorien und Regionen: es gab Kriege, welche bspw. Frankreich betrafen, von denen man aber bspw. in Polen nichts bemerkte...

    Bezieht sich die Frage auf das gesamte Mittelalter - das sind immerhin etwa 1000 Jahre - oder eine Subepoche (Frühmittelalter, Hochmittelalter, Spätmittelalter) oder ein bestimmtes Jahrhundert?

    Wie bereits von anderen geschrieben, wollen HdR und King Arthur gar keinen Einblick in die damalige Zeit geben - wiewohl bei King Arthur anzumerken ist, daß die offizielle Ankündigung, man habe diesen Film nach aktuellen historischen und archäologischen Forschungsarbeiten ausgestattet, ein ziemlicher Etikettenschwindel war.
    Braveheart will zwar gern ein Historienfilm sein, fällt aber in vielen Punkten - und gerade auch, was den Einblick in die Zeit um 1300 auf den Britischen Inseln angeht - durch...
     
  11. McFly

    McFly Neues Mitglied

    Danke , hab mir`s mal durchgelesen.

    Das Themen scheinen komplexer und differenzierter zu sein als angenommen :grübel:

    Was mich nach wie vor interessiert:

    -Mit Lebensgefühl hatte ich vor allem die Weltanschauung (die ja sehr aus der Umwelt und der Zeitepoche heraus resultiert) in Verbindung mit der daraus hervorgehenden "Alltagswirklichkeit" gemeint.

    Kann man das (Weltanschauung usw.) für einen "Duchschnittsmenschen" verallgemeinern, oder waren die Unterschiede z.B. zwischen Bauern, Klerus und Adel zu unterschiedlich um sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen ?

    Kam z.B. ein durchschnittlicher Bauer überhaupt auf die Idee das vorherrschende Gesellschaftssystem (Feudalismus) zu hinterfragen, oder war das praktisch undenkbar ohne Bildung (geschweige den humanistischer) ?

    Gab es damals (bezeugte) Menschen, Vordenker sozusagen, die die vorherrschende Weltanschauung (Gesellschaftsordnung usw...) für sich kritisch hinterfragt und dann auch danach gehandelt hatten ? (Revoluzzer, Geistliche...) ?


    - Es währe wohl sehr vermessen von mir, anzunehmen, HdR sei ein MA-Film. Hatte ich ja auch nicht gemeint. Aber Teile davon könnten meinem (begrenztem) Verständnis nach auch im MA spielen (Kriegsgerät, Gesellschaftsordnung z.T.)
    mal von den Orks abgesehen...;)

    Also, wieviel davon könnte authentisch sein, wenn man es in den Kontext des MA`s stellt?


    Was mir beim recherchieren auffiel: Vieles wird äusserst kontrovers diskutiert in der MA-Forschung, obwohl man meinen könnte, dass diese Epoche nicht allzusehr zurückliegt. Was ist wirklich gesichert ? Wo gibt es noch Streitigkeiten, was aber allgemein anerkannt ist ?


    Danke schonmal im Voraus
    McFly
     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ist zwar schon frühe Neuzeit, aber die Frage Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann? zeigt schon so etwas wie "Klassenbewusstsein" und ein Gefühl für Ungerechtigkeit.

    Klar, das Klima, in dem Franziskaner und Waldenser - die einen im Schoß der Kirche, die anderen außerhalb - sich bildeten war eines des Zweifels an der Richtigkeit der herrschenden Ordnung.

    Tolkien war Sprachwissenschaftler. Er hat sich intensiv mit germanischen und keltischen Sprachen und der Lebensumwelt und Mythologie der sie benutzenden Völker beschäftigt. Dies ist natürlich in seine Prosa eingeflossen.

    Zunächst einmal gibt es im wissenschaftlichen Kontext immer Kontroversen. Die Kontroversen, allerdings, die Du im Internet findest sind nicht die, die in der MA-Forschung tatsächlich geführt werden. Was teilweise im Internet diskutiert wird, hat mit der tatsächlichen Quellenforschung häufig wenig zu tun.
    Eine konkretere Antwort würdest Du bekommen, wenn Du konkreter fragtest.
     
  13. pan narrans

    pan narrans Neues Mitglied

    Wie hier bereits völlig richtig geschrieben wurde, ist das Mittelalter eine ziemlich lange Zeit, in der es erhebliche Veränderungen gegeben hat. Dazu kommen noch regionale Unterschiede, selbst wenn man sich auf Europa beschränkt. Feudal- und Standesstrukturen traten nicht überall gleichzeitig auf und wichen durchaus voneinander ab. Dazu kommt, dass es für einen modernen, durch Individualismus und Aufklärung geprägten Menschen immer schwer (wenn nicht gar unmöglich) ist, sich in die Gedankenwelt früherer Epochen hineinzuversetzen.

    Wenn man sich darüber klar ist, daß sich Klischees und Verallgemeinerungen bei einem solchen "Rückblick" nicht vermeiden lassen, kann ich das Buch "Alltagsleben im Mittelalter" von Otto Borst empfehlen. Es hat mir zumindest dabei geholfen, ein paar Zusammenhänge zu begreifen und mich ein wenig in die (Spät)Mittelalterliche Ständegesellschaft hineinzudenken.
     

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