Lydien zur Zeit des Achämenidenreichs

Dieses Thema im Forum "Das Reich der Perser" wurde erstellt von Blinky, 22. Februar 2020.

  1. Blinky

    Blinky Neues Mitglied

    Guten Abend,

    ich beschäftige mich mit der Geschichte Kleinasiens und hänge etwas bei meinen Recherchen zu Lydien.

    Ich habe bis jetzt herausgefunden, dass der Perser Tissaphernes Satrap von Lydien war (bis 395 BC). Und dass Tissaphernes Sardes an Agesilaos verloren hat, wofür er auch hingerichtet wurde.

    Weiters habe ich gelesen, dass nach Tissaphernes Tithraustes (derselbe wie der Hofminister von Artaxerxes II ?) Satrap von Lydien war. Mit Hauptsitz in Sardes.

    Aber wie passt das zusammen? Warum sollte Agesilaos einen persischen Gouverneur in seine Stadt lassen?
    Was ist mit Lydien passiert, nachdem Agesilaos es angegriffen hat? Ich kann nichts über eine Rückeroberung durch die Perser lesen?

    Weiß hierzu jemand etwas?

    Liebe Grüße
     
  2. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

  3. Blinky

    Blinky Neues Mitglied

    Hallo,

    diese Quelle kenne ich.
    Ich verstehe nur zwei Dinge daran nicht.

    1. warum sollte Agesilaos Sardes freigeben und weiterziehen. Macht doch keinen Sinn wenn er schon dort ist und gegen Tissapheres gewonnen hat.

    2. warum sollte Tithraustes eine andere Provinz des persischen Großreichs opfern, wo er doch ein Berater des Großkönigs ist. Macht für mich auch keinen Sinn.

    Gibt es hier irgendein höheres Ziel auf einer der beiden Seiten (Persien oder Sparta) das ich übersehe?

    Liebe Grüße
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Agesilaos hat Sardes doch (sofern ich nicht etwas übersehen habe) anscheinend gar nicht erobert, sondern nur das Umland verwüstet.

    Nachdem Tissaphernes von Agesilaos besiegt worden war, zog er sich nach Sardes zurück. Agesilaos hingegen zog sich an die Küste zurück, angeblich wegen schlechter Omen (Diodor 14,80).
    Tithraustes trat nach Tissaphernes' Hinrichtung in Verhandlungen mit Agesilaos. Tithraustes wollte eigentlich, dass Agesilaos ganz heimfährt, aber einig wurden sie sich nur dahingehend, dass ein sechsmonatiger Waffenstillstand geschlossen wurde (Diodor 14,80) und Agesilaos nach Phrygien (Pharnabazos' Satrapie) zog, wofür er 30 Talente "zur Deckung der Unkosten" erhielt (Plutarch, Agesilaos 10; Xenophon, Hellenika 3,4).

    Agesilaos hatte eigentlich keinen echten Grund, das gut befestigte Sardes um jeden Preis zu nehmen. Die Stadt lag im Landesinneren und war nicht griechisch. Für eine dauerhafte Besetzung auch des Binnenlandes war Agesilaos' Heer gar nicht ausgelegt. Primär ging es ihm darum, die persische Herrschaft über die Küste, wo die Griechenstädte lagen, zu beenden und sie unter spartanische Kontrolle zu bringen. Dafür brauchte er Sardes nicht unbedingt. Er musste die Perser nur genügend drangsalieren (und die verschiedenen Satrapen - Tissaphernes, Tithraustes, Pharnabazos - gegeneinander ausspielen), um einen Vertrag nach seinen Bedingungen zu erreichen. Tissaphernes hatte er indirekt ausgeschaltet, den Tithraustes (der froh war, wenn er die Spartaner aus Lydien wegbekam, und sie nur allzugerne dem Pharnabazos schickte) hatte er zumindest vorläufig aus dem Spiel genommen und konnte sich nun Pharnabazos zuwenden - also wozu sich an Sardes festbeißen? Zumal er das Umland bereits verwüstet hatte, während es in Phrygien noch etwas zu holen gab.

    Man muss auch bedenken, dass sich die verschiedenen Satrapen teilweise spinnefeind waren und sich mitunter mehr oder weniger offen bekriegten, wofür sie auch mit Griechen zusammenarbeiteten. Tithraustes' Handlungsweise war alles andere als ungewöhnlich. An einem Strang gegen die Griechen zogen die kleinasiatischen Satrapen eher selten.
     
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  5. Blinky

    Blinky Neues Mitglied

    Hallo Ravenik,

    danke für die ausführliche Schilderung. Kann ich gut nachvollziehen und hört sich auch logisch an.
    Auf der englischen Wikipedia wird es aber genau anders herum geschrieben. Ich zitiere:

    In 396 BC, the Spartan king and commander Agesilaus II led a campaign to free the Greek cities of Asia Minor. Tissaphernes at this point proposed an armistice and solemnly ratified a truce, which he instantly broke when Persian reinforcements arrived. Agesilaus thanked Tissaphernes for having put the gods on the side of the Greeks by committing perjury, and let it be known that he now planned to lead his troops against Caria. When Tissaphernes gathered his troops to meet this supposed Carian invasion, Agesilaus instead successfully attacked the Persian province of Hellespontine Phrygia. In 395 BC, Agesilaus let it be known that his next target would be the rich land around the Lydian city of Sardis. Tissaphernes, believing that if Agesilaus really intended to attack Sardis he would not have said so, assumed that this time Agesilaus would finally attack Caria, so Tissaphernes concentrated his troops in that area, but Agesilaus successfully attacked Sardis just as he said he would.[2]

    Als Quelle hierfür wird William Smith genannt. Von ihm habe ich nie etwas gelesen. Hornblower und Ruzicka haben meines Wissens nach nichts zu dieser Sache geschrieben. Und auch in den unzähligen Paper die ich gelesen habe konnte ich nicht mehr finden.

    Wikipedia ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich finde es aber schwierig, dass hier genau gegensätzlich berichtet wird. Welches Szenario war deiner Meinung nach wahrscheinlicher?

    Liebe Grüße
     
  6. Blinky

    Blinky Neues Mitglied

    Nachtrag:
    Das Zitat aus Wikipedia list sich für mich nämlich so, dass Tissaphernes wegen des Angriffs auf Phrygien geköpft wurde. Und nicht nur wegen des Angriffs aufs Umland von Sardes.
     
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Mir ist nicht klar, inwiefern es im englischen Wikipedia genau andersherum geschrieben sein soll? Was Du da zitiert hast, sind doch die Ereignisse, die dem Angriff auf Lydien vorangingen.

    Der Sturz des Tissaphernes war in erster Linie Folge einer Intrige.
    Wegen seiner Misserfolge gegen Agesilaos wurde Tissaphernes den Persern allmählich des Verrats verdächtig. König Artaxerxes war zwar enttäuscht wegen Tissaphernes' Misserfolgen, war ihm aber auch dankbar für dessen Unterstützung im Bürgerkrieg gegen Kyros den Jüngeren. Hingegen hasste Artaxerxes' Mutter Parysatis den Tissaphernes, weil sie ihren anderen Sohn Kyros bevorzugt hatte, und schwärzte ihn daher beim König an. Auch Pharnabazos mischte bei diesem Intrigenspiel mit, indem er den Athener Konon, mit dem er gegen die Spartaner zusammenarbeitete, an den Hof schickte, um den Tissaphernes anzuklagen. (Konon lernte am Hof dann auch den Chiliarchen Tithraustes kennen.)
    Warum Artaxerxes den Tissaphernes letztlich fallen ließ, lässt sich nicht so genau sagen. Vielleicht hielt er ihn wirklich für einen Verräter, vielleicht war er nur wütend wegen dessen Misserfolgen, vielleicht gab er auch bloß dem Drängen seiner Umgebung nach.
    Wie auch immer, letztlich ließ sich Artaxerxes überzeugen, dass Tissaphernes ausgeschaltet werden musste. Er beauftragte den Tithraustes mit seiner Gefangennahme. Tithraustes begab sich nach Kolossai in Phrygien. Der König schickte dem Tissaphernes einen Brief, in dem er ihm befahl, gegen die Griechen vorzugehen, und einen weiteren Brief schickte er an einen gewissen persischen Satrapen Ariaios, in dem er ihm befahl, den Tithraustes bei der Gefangennahme zu unterstützen. Ariaios, der sich in Kolossai aufhielt, ersuchte den Tissaphernes um ein Treffen betreffs der Griechen. Der arglose Tissaphernes ging darauf ein, ließ seine Leibwache in Sardes zurück und brach mit "nur" 300 Arkadieren und Milesiern als Geleit auf. Als Tissaphernes am Treffpunkt ein Bad nahm, ließ Ariaios ihn gefangennehmen und schickte ihn dem Tithraustes. Tithraustes brachte ihn nach Kelainai, wo er ihn köpfen ließ. Den Kopf schickte er dem König, der ihn seiner Mutter schickte.

    Quellen:
    Diodor 14,80
    Polyainos 7,16
    Xenophon, Hellenika 3,4,25
    Cornelius Nepos, Conon 3-4
     
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  8. Blinky

    Blinky Neues Mitglied

    Hi Ravenik,

    danke für deine Ausführung. Hab einiges dazugelernt.
    Das "anders herum", war bezogen auf den kriegerischen Ablauf. Und zwar, dass mir nicht klar ist, ob Agesilaos zuerst in Phrygien war, oder zuerst im Umland von Sardes.

    Danke auf für die Quellenangaben!

    Liebe Grüße
     
  9. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Um die Ereignisse kurz im Überblick zusammenzufassen:
    Agesilaos landete 396 bei Ephesos. Tissaphernes nahm mit ihm Verhandlungen wegen eines Waffenstillstands auf, und Agesilaos ging darauf ein. Ein dreimonatiger Waffenstillstand wurde abgeschlossen, den aber beide Seiten lediglich für Rüstungen nutzten. Als der Krieg wieder begann, erwartete Tissaphernes einen Angriff auf Karien, stattdessen fiel Agesilaos in Phrygien (Pharnabazos' Satrapie) ein. Den Winter 396/395 verbrachte er wieder in Ionien, dann zog er nach Lydien. Tissaphernes hatte eigentlich einen Angriff auf Karien erwartet, zog nun ebenfalls nach Lydien und wurde besiegt. Agesilaos kehrte nach Ionien zurück, Tissaphernes wurde hingerichtet. Tithraustes verhandelte mit Agesilaos und brachte ihn dazu, wieder nach Phrygien zu ziehen. Es kam zu Verhandlungen mit Pharnabazos, und Agesilaos zog wieder Richtung Süden. Dann wurde er aber wegen des Korinthischen Kriegs nach Europa zurückberufen.

    Das wirkt vermutlich alles ziemlich chaotisch und wenig planvoll, jedoch war Agesilaos' Vorgangsweise von mehreren Faktoren bestimmt, die immer wieder Planänderungen erforderten:
    - militärisch: Agesilaos' Heer war vor allem anfangs zu schwach, um eine direkte Konfrontation mit der persischen Macht riskieren zu können. Er brauchte Verbündete, um sein Heer aufzustocken, vor allem an Kavallerie. Die Kavallerie war die große Stärke der Perser - aber nicht der Spartaner. Das ist auch ein Grund, wieso sich Agesilaos von offenen Ebenen und dem Landesinneren eher fernhielt.
    - Versorgung: Auch die Versorgung des Heeres machte es notwendig, immer wieder den Standort zu wechseln.
    - Verbündete: Agesilaos versuchte die Griechenstädte Kleinasiens unter seine Kontrolle zu bringen und zu halten, außerdem suchte er nach Verbündeten unter den einheimischen Lokalfürsten.
    - Satrapen: Die Satrapen versuchten, Agesilaos dem jeweils anderen auf den Hals zu hetzen, und auch Agesilaos zog seine Vorteile daraus.
    - Konon: Der Athener Konon führte in persischen Diensten und vor allem im Bündnis mit Pharnabazos zur See Krieg, fuhr mal da, mal dort hin, und versuchte die Griechenstädte Kleinasiens den Spartanern abspenstig zu machen.
     
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  10. Blinky

    Blinky Neues Mitglied

    Hi Ravenik,

    danke für die tolle Zusammenfassung!!!!
    Du weißt nicht zufällig, ob sich der Karer (damals noch Dynast und nicht Satrap) Hekatomnos an diesen Feldzügen beteiligte? Irgendwo meine ich gelesen zu haben, dass er 395 zumindest bei einer Kampfhandlung gegen Agesilaos beteiligt war. (Ich sollte wirklich anfangen mir meine Quellen aufzuschreiben).
    Es wäre ja sinnvoll, dass Hekatomnos - beim vermeintlichen Angriff auf Karien - mit Soldaten in Karien war. Denkst du, er wäre dann mit seiner Truppe ebenfalls Richtung Lydien/Sardes gezogen, als Unterstützung.

    Liebe Grüße
     
  11. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ich habe leider keine Hinweise darauf gefunden, dass Hekatomnos an den Kämpfen gegen Agesilaos beteiligt gewesen wäre.
     
  12. Blinky

    Blinky Neues Mitglied

    Hi,

    danke für die Info!
     

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