Markion: Vor oder nach den Synoptikern?

Dieses Thema im Forum "Das Christentum" wurde erstellt von andreassolar, 18. Dezember 2019.

  1. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    So 'bekanntlich', also unbestritten, wird das inzwischen nicht mehr vertreten. ;) Beispielsweise Jason BeDun, Markus Vincent oder Matthias Klinghardt und Judith Lieu bieten in der neuesten Wissenschaftslit. differenzierte Positionen, siehe jener ' Marcion'-Artikel bei Tante Wiki, u.a. Abschnitt 'Jüngere Rezeption und Wirkungsgeschichte'.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich habe mich mit der Markion-Thematik nie befasst, lese aber in dem angegebenen Wikipedia-Artikel, dass verschiedene Historiker bzw. Theologen das Markion-Evangelium rekonstruiert haben. Wie sie das gemacht haben, finde ich nur bei der genannten Judith Lieu und Dieter T. Roth*:

    "für sie [Lieu] ist Marcion und dessen Werk nur durch seine Kontrahenten erkennbar, so das dementsprechend jeder seiner Widersacher aus der jeweils unterschiedlichen Perspektive eine etwas andere Darstellung seiner Theologie darbietet. [...]
    Roth
    publizierte 2015 eine Rekonstruktion des ‚Marcion-Evangeliums‘.[86] Um den Text mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit genau wiederzugeben und zu rekonstruieren, wurden die Textstellen dreier Hauptquellen untersucht: den Adversus Marcionem von Tertullian, das Panarion (oder Adversus haereses) von Epiphanios von Salamis sowie den Adamantius-Dialog (Περὶ τῆς εἰς θεὸν ὀρθῆς πίστεως Peri tēs eis theon orthēs pisteos), um Textstellen miteinander abzugleichen, die das marcionitische Evangelium wiedergeben können. Diese drei Quellen weisen Zitate aus dem ‚marcionitischen Evangelium‘ auf.
    Wichtig finde ich aber das Argument, was Eduard Lohse 2011 vorgebracht hat und das sich mit Ulrich Schmids Auffassung gut in Einklang bringen lässt. Schmid sah ja eher Markion als abhängig von einem bereits etablierten Vier-Evangelien-Kodx an (so jedenfalls der Wikipedia-Artikel):

    ...mit dem Vier-Evangelien-Codex [...] Ulrich Schmid stellte die These auf, dass Marcion diese Papyri kannte und aus diesen Texten das Evangelium nach Lukas deswegen für sein Kompilat nutzte, weil u. a. dessen Abendsmahlparadosis (von altgriechisch παράδοσης paradosis „Überlieferung“) an Paulus anknüpfte. Ferner habe er in Lukas auch Anklänge an die paulinische Rechtfertigungslehre gefunden (Lk 16,15 EU, Lk 18,9.14 EU, Lk 16,15 EU, Lk 18,14 EU).

    Eduard Lohse widersprach im Jahr 2011[79] Einschätzungen, die Marcion gewissermaßen als den Schöpfer eines ersten Entwurfs für ein Neues Testament ansähen. Für Lohse war es wahrscheinlicher, dass die Ansätze zu einer Kanonbildung schon in die Zeit vor Marcion zurückreichten. So habe der Märtyrer Justin, ein Zeitgenosse Marcions, der sich auch kritisch mit der Lehre Marcions auseinandersetzte, bereits die Vierzahl von Evangelien gekannt.

    Gerade der letzte Satz scheint mir ein gewichtiges Argument gegen Klingbeil zu sein, der im Prinzip nicht nur Lukas, sondern alle Synoptiker, wenn auch in geringerem Maße, in Abhängigkeit von Markion sieht. Natürlich könnte es theoretisch auf eine etwaige Gleichzeitigkeit der Auseinandersetzung Justins mit Markion und der Fixierung der Vierzahl der Evangelien hinauslaufen, das Justin-Argument hat also am Ende nur begrenzte Aussagekraft. Wenn man aber die synoptischen Evangelien in die Zeit unmittelbar nach der Zerstörung Jerusalems datiert, dann stammen sie aus der flavischen Zeit, ca. 40 - 60 Jahre nach den beschriebenen Ereignissen. Und das ist m.W. auch die opinio communis.



    *Das besagt natürlich nichts über die Vorgehensweise der andere Rekonstrukteure (wäre auch mal interessant zu untersuchen, wie nah die vier oder fünf Konstruktionen beieiander liegen). BeDuhn hat, wenn ich das richtig verstanden habe, nur eine englische ÜS des Markion-Evangeliums vorgelegt, was mich besonders skeptisch macht, wobei man BeDuhn zugute halten muss, dass er eigentlich sehr kritisch mit den englischsprachigen ÜSÜS der Evangelien ist, die aus dem jeweiligen Zeitgeist der übersetzenden christlichen Strömung gespeist seien und daher in Teilen unzuverlässig.
     
  3. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    EQ, vielen Dank..

    Klinghardt rekonstruierte natürlich wie Roth und Lieu hauptsächlich anhand der drei genannten Quellen.

    Wichtiger scheint mir zunächst, dass die (gesamtredaktionelle) Entwicklung/Entstehung der kanonischen Evangelien inzwischen eben nicht nur von David Trobisch im 2. Jh. verortet werden. Klinghardt ist nur einer davon, mit besonderem Schwerpunkt auf das 'Marcionitische Evangelium' als Ausgangspunkt nicht nur für Lukas, sondern für alle anderen Evangelien. Ulrich Schmid schreibt in seinem Beitrag im Sammelband S. 77, Marcion könnte eine noch nicht kanonische Vier-Schriften-Sammlung, siehe die im WP-Artikel 'Marcion' genannten Papyri, die auch 'Lukas' enthalten habe, gekannt haben und verortet diese zeitlich ebenfalls ins 2. Jahrhundert, um die Mitte.

    Weiter erwähnenswert scheint mir, dass zwar Ulrich Schmid 'Marcion' in Abhängigkeit eines bereits bestehenden Lukanischen Evangeliums sieht, dies andererseits weder DeBuhn, Lieu, Vinzent oder Klinghardt (so) postulieren, Roth hat nur 'Marcion' rekonstruiert und sonst keine relevanten Schlussfolgerungen in seiner entsprechenden Publikation formuliert, soweit ich geschaut habe. Die Bearbeitungsrichtung eines Lukanischen Evangliums zu 'Marcion', welche beispielsweise eben Ulrich Schmid, wie viele andere Wissenschaftler vor allem des 20. Jh., zumindest 2001 noch postulierte (Quelle im WP), scheint inzwischen an Allgemeingültigkeit deutlich verloren zu haben.

    Zu BeDuhn hast Du alles Notwendige gesagt :)

    Der Historiker unter den genannten ist ansonsten Markus Vinzent (Patristiker/Theologiegeschichte), dessen Publikationen und Hypothesen mich daher noch mehr ansprechen.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Eine Kompilation setzt aber natürlich die Existenz der Texte voraus. Was genau heißt in diesem Text "noch nicht kanonisch"? heißt das, dass es noch nicht die vier Evangelisten waren, die wir heute kanonisiert kennen? Oder heißt das, dass es zwar diese vier waren, aber noch verschiedene Textvarianten ihrer Evangelien im Umlauf? Oder sind das die vier Evangelisten, in den jeweilig uns bekannten Varianten, die aber noch nicht offiziell zum Kanon gehörten?
     
  5. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Darum gehts auch...keiner kann es so genau sagen, ausser natürlich hypothetisch...die Fundlage ist doch etwas dünn....was dann doch vielfach 'bekanntlich' in einem gewissen 'hegemonialen' Wissenschaftsdiskurs als 'belegte' Theorie kursiert.

    Schaut man sich Udo Schnelle (mein Lieblingsautor der Vergangenheit), Die ersten hundert Jahre des Christentums 30- 130, an, so wird einem in der gleichzeitigen Lektüre von Vinzent oder Klinghardt, Lieu oder Jan Heilmann und diversen anderen deutlich, wie 'ungesichert' eben vielfach allgemein in (auch) jeweils bestimmten theologischen Richtungen wissenschaftlich als hinreichend abgesicherte Theorien sind/sein können.

    Eigentlich nichts Neues, bemerkenswert finde ich jetzt die seit Jahren wissenschaftlich sichtbare 'Delle' einer sich ankündigenden und sich vielleicht noch verstärkenden Verschiebung weg von der von Vinzent genannten 'Black Box'-Zeit des frühen Christentums, Zeitraum etwa wie von Schnelle tituliert, in welcher nach einer verbreiteten/vorherrschenden Ansicht zumindest unter Neutestamentlern 'das Christentum' sich in den wesentlichen Elementen bereits konstituiert habe.

    Das betrifft natürlich auch die überkommene Zeitschiene für die Evangelien.
     

Diese Seite empfehlen