Martin Luther - ein Traditionalist (/und) oder ein Revolutionär

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648)" wurde erstellt von Maximilian111, 26. September 2020.

  1. Maximilian111

    Maximilian111 Neues Mitglied

    Wie würdet Ihr Martin Luther beschreiben ,

    ein Traditionalist (/und) oder ein Revolutionär?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es wirkt lustlos, ihn in zwei Schubladen einordnen zu wollen. Warum ist er nicht ein "Erneuerer" des christlichen Glaubens. Er war in seiner historischen "Rolle" also vor allem "Reformator".
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich sehe das ähnlich wie TP. Die Frage ist, "ist X eher A oder B?" und man möchte C antworten, was aber als Antwort nicht vorgegeben ist.
    War Luther ein Revolutionär? Vom Ergebnis her betrachtet (Spaltung der Westkirche) war er das vielleicht. Wollte er das? Ursprünglich nicht. Luther demokratisierte gewissermaßen die Kirche (langfristig und in Teilen auch die katholische Kirche), aber er war deswegen kein Demokrat. Er zweifelte die ständische Weltordnung nicht an und verurteilte die Bauern, die angestoßen durch die Reformation sich berechtigt sahen, für ihre Stellung zu kämpfen.
    Man könnte ihn mit seinem sola scriptura-Prinzip auch als Traditionalisten sehen, so wie die Salafiten im sunnitischen Islam im Wortsinne Traditionalisten sind. Wird das Luther gerecht? Wohl eher nicht.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Ich muss mich meinen Vorrednern anschließen, die Persönlichkeit Luthers ist zu vielschichtig, als dass sie der einen wie der anderen Schublade eindeutig zuordnen ließe.
    In seinen Wirkungen und Nachwirkungen war Luther sicher revolutionär, aber in vielem war er auch sehr konservativ, und er war fest davon überzeugt, dass die ständische Gliederung der Gesellschaft im Prinzip gottgewollt sei, und wenn er oft betonte, er sei armer Bauern Kind, so stimmte das nicht wirklich. Sein Vater Hans Luther hatte es mit Härte und Zähigkeit zum Bergwerksunternehmer gebracht, und wenn Luther anfangs Verständnis für die Anliegen der Bauern aufbrachte, die sich auf ihn beriefen und große Hoffnungen in ihn setzten, so nahm er doch in seinem Pamphlet "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" eindeutig Partei für die Fürsten, die in einem beispiellosen Blutbad das, was man als eine erste (gescheiterte) Revolution auf deutschem Boden betrachten könnte niederschlugen.

    Luther war durch sein mutiges Auftreten beim Reichstag in Worms zu einem Hoffnungsträger und einer Projektionsfigur für Erwartungen geworden, die weit über theologische Belange hinausgingen. Die ungeheure soziale Sprengkraft, die die Reformation freisetzte, war Luther kaum bewusst. Die Kritik an Missständen in der Kirche musste auch Kritik an gesellschaftlichen Missständen und in letzter Konsequenz auch die nach herrschaftlicher Legitmation aufwerfen. Luther aber war im Grunde alles gründlich verhasst, was die hierarchische Ordnung in Frage stellte oder gar mit Gewalt sich dieser Ordnung entgegenstellte.

    Ein Sozialrevolutionär war Luther nicht und wollte es nicht sein. Jedenfalls wäre es ihm niemals eingefallen, was ihm durchaus möglich gewesen wäre, sich an die Spitze einer Volksbewegung zu setzen oder zumindest zwischen aufständischen Bauern und Fürsten zu vermitteln oder zur Deeskalation beizutragen.
     
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  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    Er war beides und noch viel mehr.
    Ich folge mal Karen Amstromg – Im Kampf um Gott - ab S. 103
    Luther „strebte die Rückkehr zum reinen Christentum der Bibel und der Kirchenväter an“.
    Die protestantischen Reformatoren [Zwingli, Calvin, Luther] suchten, in einer einer sich wandelnden Zeit „nach neuen Lösungen indem sie auf die Vergangenheit zurückgriffen“.

    Aber: „Alle drei machten deutlich, dass das alte symbolische Verständnis von Religion in diesem rationalen Zeitalter vor dem Zusammenbruch stand.“ (Hervorhebung durch mich)
    Das ist revolutionär, denn nun sollte jeder Christ „allein vor Gott stehen und sich dabei lediglich auf seine Bibel stützen“.
    Undenkbar, wie Karen Armstrong anmerkt, ohne die Erfindung des Buchdrucks [ca. 1450].
    Ob Luthers Thesen wirklich von ihm an eine Kirchentür genagelt wurden ist umstritten.
    Dass diese über den Buchdruck Verbreitung erfuhren ist es mW nicht.

    Was Luther ebenso war: ein religiös fundamentalistischer Wüterich, auch in der Tradition eines Savonarola.
    Der religiöse Fundamentalismus, so wie ich Armstrong verstehe, zeichnet sich bis heute dadurch aus, dass die Bibel nicht mehr symbolisch interpretiert wird, sondern wörtlich.

    Mit Luther bricht sich diese Vorstellung eine Bahn.
    … würd ich mal vermuten.
     
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  6. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    MMn geht es bei der Aufgabenstellung nicht um eine Multiple-Choice-Antwort "A oder B", sondern um das Sammeln von Argumenten, auf deren Grundlage dann ein begründetes Fazit gezogen werden könnte. Als Hilfe suchender Fragesteller könnte man schon ein paar Argumente selbst finden, bevor man im Forum fragt, ob es noch weitere gibt.
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich tue mich nach wie vor schwer damit, Luther einen Revolutionär zu nennen, auch wenn sein Wirken und seine Nachwirkung revolutionär gewesen sein mag. Es war ja durchaus nicht Luthers Absicht, die Kirche zu spalten, und die Herrschaftsverhältnisse der ständischen Weltordnung hat Luther nicht nur niemals in Frage gestellt, sondern er war äußerst skeptisch, wenn nicht feindselig gegenüber all denen, die das taten eingestellt.

    Wie schon gesagt, hatte Luther anfangs noch einen Heidenrespekt vor dem Papst und Würdenträgern wie Kardinal Cajetan. Luther begann als er in die Öffentlichkeit trat, als ein schüchterner Theologe, der in aller Bescheidenheit seine Kirche auf Missstände aufmerksam machen wollte. Luther war aber auch fest von sich und seinem Anliegen überzeugt, und er besaß das Stehvermögen und die Courage seine Argumente aufrechtzuerhalten, solange er nicht durch logische Argumente und die Heilige Schrift selbst widerlegt würde.

    Mit etwas Entgegenkommen und Kulanz von Seiten der Kurie hätte Luthers Auftritt eine bloße Diskussion unter Theologen bleiben können. Dass die Dinge schließlich den Verlauf nahmen, den sie dann nahm, lag nicht zuletzt an der Arroganz und Selbstherrlichkeit, mit der Kirchenfürsten mit der Herausforderung umgingen. Albrecht von Brandenburg, dem Luther einen Brief geschrieben hatte, hielt die Angelegenheit nicht einmal einer Antwort wert, und stempelte Luther als Ketzer ab, der mit seinem Wirken die Kreise von Tetzel, dem berüchtigten Ablassprediger störte. Seit Jahrhunderten, seit John Wiclif und Johann Hus war die Kritik an Missständen in der Kirche nicht mehr verstummt, der Papst und die Kirche befanden sich, ohne es zu wissen, in einer Legitimationskrise. Mit einem Befehl zum Widerruf, mit Reichsacht und Bannstrahl wie dergleichen jahrhundertelang erledigt worden war, ließ sich die Frage nach einer Reform der Kirche und letztlich nach der Legitimation von Herrschaft nicht mehr unterdrücken.

    Als Albrecht von Brandenburg sich drei Pfründen unter den Nagel riss, man kann es ruhig so derb ausdrücken, denn Albrechts Investitur und die Art wie die Kosten wieder erwirtschaftet werden sollten, kann man nur als schamlos und obszön betrachten- da war das der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

    Luther wusste nichts oder nicht viel von den Machenschaften die anlässlich von Albrechts Investitur stattgefunden hatten, fühlte sich aber als Theologe und Seelsorger herausgefordert, zumal Tetzel versprach: "Man brauche fortan weder von Ehebruch, Hurerei noch dergleichen Bosheit ablassen, selbst wenn einer die heilige Jungfrau geschwängert habe, so könnte der Tetzel es vergeben, wenn man in den Kasten lege, was sich gebührert".
    Jahrhunderte haben Historiker gelehrt, dass Luther am 31. Oktober 1517 die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg geschlagen habe. Im 19. Jahrhunderten spendierte der König von Preußen Wittenberg eine Bronzetür, als die historische vermodert war. Inzwischen ist man sich ziemlich sicher, dass der historische Ablauf anders war. Als Luther von Tetzels Ablasspredigten hörte, schrieb er zunächst einen Brief an Albrecht von Brandenburg und einen zweiten an den zuständigen Ortsbischof Hyronimus Schulz von Brandenburg, in dem Luther das falsche Verständnis kritisierte, dass das Volk aus den Ablasspredigten gewinnen müsse und warnte:
    "...Dass Vielleicht einer auftrete, der die Ablassinstruktionen widerlege, zur höchsten SchandeEurer durchlauchtigsten Hoheit. Um seine Beschwerde zu untermauern und als Einladung darüber zu diskutieren, fügte Luther seine 95 Thesen hinzu. Albrecht nahm aber die Herausforderung nicht an und wollte von dem "Mönchsgezänk" nichts wissen.
    Als eine Antwort aus Mainz ausblieb, gab Luther seine 95 Thesen an bekannte weiter, um deren Meinung zu hören. Diese waren es, die ohne Luthers Wissen diese 95 Thesen publizieren ließen. So erschienen bald in Nürnberg, Leipzig und Basel Druckfassungen der 95 Thesen. Die Thesen sorgten für ungeheures Aufsehen, weit über Theologenkreise hinaus. Vor allem in Humanistenkreisen stießen sie auf Interesse, und der Name Luther war bald in ganz Deutschland, ja in ganz Europa in aller Munde.
     
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  8. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Sorry, ich bin zum letzten Absatz Literaturangaben schuldig geblieben: Heinz Schilling, Aufbruch und Krise Deutschland 1517-1648 S. 98-101, S. 100-103.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Meinste nicht?

    Ohne als Apologet Tetzels missverstanden werden zu wollen: Das erscheint mir ziemlich krass. Ich will wohl glauben, dass das eine Konsequenz des Ablasshandels war, aber diese offenherzige Formulierung klingt doch eher nach einer antikatholischen Quelle aus Luthers Umfeld. Daher die Frage: Aus welcher Quelle stammt das?
     
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Leo X. und Albrecht von Brandenburg, unterschätzten jedenfalls die Sprengkraft von Luthers 95 Thesen, und den gewaltigen medialen "Hype" den sie auslösten, sie nahmen diesen Theologieprofessor aus dem provinziellen Wittenberg noch nicht so recht ernst.

    Ich halte es, ehrlich gesagt, auch eher für sehr unwahrscheinlich, dass Tetzel so etwas wortwörtlich gepredigt haben soll. "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.! soll Tetzel gesagt haben, und eine solche Botschaft beförderte Erwartungen, die sich selbst mit der nebulösen Ablasslehre kaum mehr rechtfertigen ließen. Tetzel predigte häufig in ähnlichem Stil, wie es Luther mit seinen oft derben Wendungen selbst getan hat. Wenn es unwahrscheinlich ist, dass Tetzel das wörtlich gepredigt hat, so halte ich es aber nicht für unwahrscheinlich, dass Pfarrkinder Luthers Tetzel genau so interpretierten.

    In seinem Brief an Albrecht von Brandenburg kritisierte Luther auch gar nicht so sehr "das große Geschrei der Ablassprediger, die er gar nicht gehört habe", sondern das "überaus falsche Verständnis...welches das Volk daraus erlangt."
     
  12. hatl

    hatl Premiummitglied

    Barbara Tuchman – Die Torheit der Regierenden – beschäftigt sich damit im Kapitel III (III.5) mit dem Spannungsverhältnis zwischen enttäuschtem Glaubenseifer und weniger gläubigen Vertretern der Renaissancepäpste.
    Und krass beschreibt sie die Auftritte Tetzels: „Tetzel war ein Propagandist, der jeden Zirkusdirektor von heute hätte erröten lassen.“

    Dabei war der Ablass keine neue Sache, sondern ursprünglich dafür gedacht ein Teil der Buße zu sein für begangene Sünden. Doch wurde dies im Laufe von mehr als hundert Jahren immer mehr erweitert.
    „Die Gnade hatte einst als Gegenleistung für fromme Schenkungen zur Ausbesserung von Kirchen, zum Unterhalt von Hospitälern, zum Loskauf von Gefangenen der Türken und andere gute Werke gegolten, jetzt war sie zu einem großen Geschäft geworden..“
    Nicht erst seit die Medici mit Leo X den Papst-Trohn eroberten, war die Kirche zunehmend als „ Maschine für das Anhäufen von Geld“ wahrgenommen. Doch spitzte sich das zu, als die Geldeintreiber die, päpstlich nicht legitimierte, Vorstellung verbreiteten ein Ablass könne sich auch auf künftige Sünden beziehen.
    Und warum auch nicht?
    Hatte denn nicht bereits 1474 Sixtus IV „verkündet, die Wirkung der Ablässe erstrecke sich auch auf die Seelen im Fegefeuer.…“.
    Wenn man da nachträglich freigekauft werden konnte durch das vererbte Geld seiner Missetaten, warum nicht gleich im Voraus?

    Die Erosion des vatikanischen Glaubensgebäudes der Renaissance symbolisiert Tetzel.
    Es kommt zum Showdown zwischen ihm und Luther, der die Wirksamkeit des Ablasses nun überzeugend insgesamt bestreitet.

    Was für eine verrückte Story.
    "Das erscheint mir ziemlich krass."
     
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  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das glaube ich unbenommen. Mir ging es nicht um Tetzels Verhaltensweisen sondern das ihm - siehe Sepiola - durch Luther untergeschobene Zitat. Das wäre ja kein "...und sündige fortan nicht wieder" gewesen, sondern ein immerwährender Freisspruch (sofern man noch was im Klingelbeutel hatte).

    Dass es de facto so war: völlig klar. Dass Tetzel das kaum so offen geäußert hätte, das war der Grund meines Einwurfs.
     
  14. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

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