Mauritius/Moritz der Heilige Mohr der Deutschen

Dieses Thema im Forum "Religionsgeschichte" wurde erstellt von Maglor, 4. Juni 2021.

  1. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    "Mohre" gibt es in vielen deutschen Städten, ob als heraldische Figuren oder auch im Namen von Straßen, Apotheken, Gasthäusern etc. Die meisten gehen auf den Heiligen Mauritius zurück. In Feuilleton und Co wurde in jüngster Zeit immer wieder die Verwendung des Wortes oder Symbols des Mohrs kritisiert bzw. die Abschaffung des Wortes und Symboles gefordert.

    Aus der Reihe tanzt dieser Artikel aus der taz, in dem der historische Hintergrund der Mohren-Figuren in Magdeburg erklärt wird:
    taz: Heiligenskulptur in Sachsen-Anhalt. Kaiser Otto und der Schwarze Ritter

    Nach der Legende gehörte Mauritius zur Thebaischen Legion. Diese spätantiken Legionäre sollen sich geweigert haben gegen Christen zu kämpfen, wurden deswegen hingerichtet und später deswegen als christliche Märtyrer verehrt. Frühstes Zentrum ihres Kultes waren das von den Franken beherrschte Rheinland und das Königreich der Burgunden. In Burgund stieg Mauritius zum Schutzpatron des Königreiches auf und wurde als solcher von den Ottonen übernommen. So wurde Moritz zum Schutzpatron der Kaiser und des Heiligen Römischen Reiches.

    Kurios ist allerdings, dass der Mauritius nicht immer als Mohr dargestellt wurde. Der schwarze Mauritius entstand erst im Hochmittelalter bzw. in der Gotik - also nach den Kreuzzügen. Darstellungen des Mauritius als Weißer gab es danach aber weiterhin.
     
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  2. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Überraschend war für mich der Besuch des Schwarzhäupterhauses in Riga: die Schwarzhäupter, eine Kaufmannsbruderschaft, hatten den Hl. Mauritius als Schutzpatron, und der steht mit dunklem Kopf und weißem Gewand vor dem Gebäude. Heute ist der Kopf von Mauritius Teil des Stadtwappens. Ich bin sicher, dass man den Mauritius wegen des Namens des Bundes (Schwarzhäupter) gewählt hat, ob man ihn allerdings im Lettischen als "Mohrenkopf" bezeichnet, weiß ich nicht.

    Schwarzhäupterhaus (Riga) – Wikipedia
     

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  3. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Auffallend ist es schon, wie sehr sich Otto I. um den heiligen Mauritius kümmerte. Vielleicht glaubte er ein Pendant zum an Frankreich verloren geglaubten Hl. Martin als römischen Offizier etablieren zu müssen. Er könnte auch als Symbol für den bis nach Afrika reichenden imperialen Anspruch des neuen HRR stehen.

    Nicht erklären kann ich mir auch die Veränderung der Hautfarbe im Wappen der Herren von Mandach. Drei Schweizer Gemeinden führen ihr Wappen auf die Herren von Mandach zurück.
    Zwei davon, Mandach und Oberweningen, zeigen heute einen dunkelhäutigen Mann im Wappen, die dritte, Niederhasli, nicht.

    Die älteste Abbildung des Wappen der Herren von Mandach (Zürcher Wappenrolle 1335/45) ist genau so, wie jenes der Gemeinde Mandach heute.
    Doch im 17. und 18. Jh. zeigt das Wappen der Familie von Mandach einen hellhäutigen Mann mit schwarzer Robe. Wusste die Familie von Mandach damals mehr über die Herkunft ihres Wappenbildes (Mann auf dem Dach?) als der Volksmund heute deutet (Hl. Mauritius)?
    MANDACH VON
    Später wurde daraus wieder die ursprüngliche Form (ausser in Niederhasli), vermutlich weil im 19. Jh. die alte Wappenrolle wieder bekannt wurde.

    Offenbar war die Hautfarbe auf Wappen in der Vergangenheit problemlos veränderbar.
     
  4. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Wohl eher umgekehrt - wegen des schwarzhäuptigen Mauritius wurden die Mitglieder dieser Kaufmannsgilde Schwarzhäupter genannt.
    Da die Bruderschaft der Schwarzhäupter war eine deutschbaltische Einrichtung, hat das ganze mit der lettischen Sprache nichts zu tun. Die Inschriften im Schwarzhäupterhaus von Riga sind deutsch. Letten konnten nicht mall Mitglied der Bruderschaft werden.
    Diese Gilde war im Spätmittelalter noch dem Heiligen Georg gewidmet. Ähnlich wie Mauritius galt Georg als Musterbeispiel des frommen Ritters. Die Vorgänger der Schwarzhäupterhäuser hießen Artushöfe.
    Mauritius, Georg und Artus sind gewissermaßen Varianten des gleichen Themas.

    Mauritius hatte bereits in Burgund einen hohen Status und war der Patron der dortigen Könige. Die Abtei St. Moritz (Wallis) war auch Grablege der burgundischen Könige.
    Die ottonischen Könige eigneten sich gleiche mehrere burgundische Heilige und Reliquien an.
    Diese Lanze des Longinus soll Heinrich I. von König Rudolf II. von Burgund erhalten haben.
    Otto I. erhielt die Mauritius-Reliquien Konrad III. dem König von Burgund. Auf diese Reliquien wurde schließlich der Magdeburger Dom errichet - als Grablage der ottonischen Könige.
    Kurze Zeit später wurde auch die Heilige Lanze mit der Mauritius-Legende verknüpft wurde. So kam dann alles zusammen: Der deutsch-römische Kaiser, die Lanze und der Mohr.

    Die Mauritius-Lanze steht jedenfalls für die römisch-deutsche Kaiserwürde und die Herrschaft über Italien.
    Man muss Mauritius nicht als Mauren sehen. Nach der spätantien Legende stammte seine Legion aus dem äyptischen Theben. Römer, Ägypter, Burgunde, Schweizer, Deutscher ... eigentlich auch egal.
    Es besteht zwar eine klare etymologische Verwandtschaft von Mauritius und Mauretanien, aber das tut eigentlich gar nicht so viel zur Sache. Nach mittelalterlicher Vorstellung waren die Mauren bzw. Mohren bereits im maurischen Spanien allgegenwärtig. Sizilien galt im Mittelalter wegen der Herrschaft der Sarazenen ebenfalls schon "Mohrenland". Eine Gleichsetzung von "Mohrenland" mit Afrika greift deswegen zu kurz und wäre anachronistisch.
    Auf gewisse Weise war sogar Burgund ausgerechet in der Ottonenzeit ein "Mohrenland", denn dort bekämpfte Otto I. gegen die Sarazenen, die von der Provence vorgedrungen waren und sogar Abtei St. Moritz (Wallis) geplündert hatten.
    Der Kampf Ottos I. gegen die Sarazenen im heiligen Burgund spielt in der Rezeptionsgeschichte und im Geschichtebewusstein keine Rolle. Im Geschichtsmythos ist Otto I. mit der Mauritius-Lanze vor allem als Bekämpfer der heidnischen Ungarn auf dem Lechfeld bekannt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Juni 2021
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  5. Naresuan

    Naresuan Aktives Mitglied

    Das ist so eine Sache mit den Reliquien: man muss daran glauben.
    König Rudolf II. von Burgund schenkte damals jedem, der vorbei kam, Reliquien der thebäischen Märtyrer, so auch Otto. Nur waren es im Falle Ottos nicht die des Mauritius sondern des Innocentius, angeblich ein Bannerträger des Mauritius. So finden wir heute die Gebeine des Mauritius in Augsburg, Turin, Auxerre, Vienne etc.
    Die in Magdeburg verwahrte Schädelecke kam sogar erst unter Friedrich II. dorthin. Den Schädel selbst beansprucht die Kirche in Vienne und das Kloster Rheinau.
    Ob Otto tatsächlich bei der Gründung des Klosters in Magdeburg (937) bereits Reliquien im engeren Sinne (Gebeine) des Mauritius besaß, ist umstritten. Wie er später (961) dazu kam, ist unklar. Er glaubte aber im Besitz des Vexillums der thebäischen Legion zu sein, welches er vielleicht als Mitgift seiner Ehefrau Edgith erhielt. Deren Halbruder König Æthelstan war wohl in den Besitz des Vexillums geraten, hatte aber keine weitere Verwendung dafür. Es soll sich dabei auch mehr oder weniger nur um eine Lanze gehandelt haben.
    Insofern ist es fraglich, ob schon Otto die heilige Lanze des Longinus als jene des Mauritius ausgegeben hätte. Passen würde es aber zu seinem gegen den Widerstand seiner Bischöfe aber mit Erlaubnis des Papstes eingeführten Mauritiuskults.
    Dass diese besondere Heiligenverehrung politischer Natur war, wird mW nicht bestritten. Über seine Motive dazu äußerten sich schon viele und mit Bestimmtheit kompetenter als ich.
    Erstaunlich ist ja, dass Mauritius der einzige Heilige aus der thebäischen Legion ist, der oft dunkelhäutig dargestellt wird und ich vermute, dass dies mit Otto und seinen damit verbundenen politischen Absichten zu tun hat. Vielleicht ist aber die Figur in Magdeburg doch "nur" Innocentius. Dann hätten wir einen zweiten.
    Davon habe ich hier auch schon gehört (Die Sarazenen in der Schweiz ). Ob und wie Otto im Burgund militärisch gegen die Fraxinetum-Sarazenen vorging, müsste man mal dort diskutieren. Hier nur soviel: Ich glaube, er nahm das Problem zur Kenntnis und platzierte hie und da eine diplomatische Note. Militärisch regelten das die Burgunder selbst.
     
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  6. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Nun bin ich beileibe kein Experte des Schwarzhäupterbundes, aber in der wiki wird angedeutet, dass sich der Bund aus anderen Gründen als Schwarzhäupter bezeichnete: als Gegenentwurf zu den Grauhäuptern der "Großen Gilde". Denn bei den Schwarzhäuptern handelte es sich um einen Junggesellenverein, in dem die Haare noch nicht grau sind; Vorform einer Burschenschaft, würde ich sagen. Na, und dann hat man eben einen Heiligen gesucht, der ein schwarzes Haupt vorweisen konnte: Mauritius.
     

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