Mittelalter Waffentechnik

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von leonJJ97, 22. Juni 2014.

  1. leonJJ97

    leonJJ97 Neues Mitglied

    Hallo zusammen.

    Ich bin gerade am grübeln. Es geht um das Mittelalter und dessen Waffen.

    Meine Frage: War der Ritter tatsächlich die mächtigste Waffe dieser Zeit? Und wie lange? Wurde der Ritter gegen Ende des Mittelalters durch besseres abgelöst?

    :grübel:
     
  2. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Der Ritter war keine Waffe, sondern ein Waffensystem, wenn man einen bewaffneten Menschen so nennen kann.
    Und Du weist das das Mittelalter etwa 1000 Jahre war? Und damit auch das es verschiedene Entwicklungsstufen der Waffen und auch Schutzwaffen gab.
    Zur Ablösung des Ritters braucht man sich nur mal die Eidgenossen mit ihrer Hellebarde angucken. Aber ein einzelner Ritter konnte nichts anrichten, ebenso auch kein einzelner Eidgenosse mit Hellebarde.

    Apvar
     
  3. Rebellution

    Rebellution Gesperrt

    Der Ritter (bzw. die Panzerung mit schweren Hemden) wurde durch die Armbrust abgelöst, die Kettenhemden und Rüstungen durchschlug, was selbige praktisch nutzlos machte. Im Mittelalter war man aber kaum wählerisch, was Waffen anging, von dem einfachen Knüppel aus dem Wald, über den Morgenstern bis hin zum Bogen gab es alles. Da Mitglieder gewisser Armeen nichts oder nur Fragmente der Ausrüstung gemein hatten, ist es schwer, von einer einheitlichen Waffentechnik des Mittelalters sprechen zu wollen. Man nahm als Söldner einfach alles, was als Waffe taugte.
     
  4. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Nun ja, das Mittelalter dauerte eben 1000 Jahre und die Plattenrüstung gabs ~150 Jahre im Mittelalter und als Küraß dann noch bis ins 19.Jhdt. Also Ritter mit Helm, Viesier und Vollplatte tauchen sehr spät im MA auf, eigentlich im Feld als Antwort auf die Armbrust.

    Die Armbrust selbst war schon während der Kreuzüge in Gebrauch, und eigentlich eine "geächtete Waffe". Da hat sich bloß keiner dran gehalten.

    Möglich war so ein Teil erst , als man großformatige Bleche herstellen konnte. Denn der Bedarf bestand ja schon in den Kriegen der Allamannen/Allemannen gegen die Franken. Denn für einen Pfeil, abgeschossen vo einem Bogen mit jagdlichem Zuggewicht (60 + engl. Pfund) ist ein Kettenhemd über einem Gambeson nur eine Ansammlung von Löchern auf mehreren Lagen Stoff. Also kein wirklicher Schutz vor Verletzungen.

    Söldner oder "Miettruppen" gabs im MA eigentlich kaum. Nutzlos wird die schwere Rüstung /wirklich schwere Panzerung , als man nur noch mit Spießen und Musketen aufeinander einschlug/schoß.
     
  5. Rebellution

    Rebellution Gesperrt

    Und womit hat man sich dann sonst bekriegt? Stehende Heere, geschweige denn Wehrpflichten waren doch eher Erfindungen der Zeit des Absolutismus/Nationalismus?
     
  6. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    nö, die Wehrpflicht wurde am Ende des MA abeschafft und in der Zeit ~Napoleons und später eingeführt. Wobei es Ausnahmen gab, denn in den welfischen Ländern ruhte sie nur.
    Ansonsten waren im MA alle persönlich Freien und Ministerialen wehrpflichtig,dazu gehören also auch alle Adligen und Stadtbürger (Je nach Grundbesitz und Einkommen mit unterschiedlicher Ausrüstung).
    Stehende Heere mit Kasernierung gabs allerdings wirklich erst sehr spät, Wenn man Stadtwachen, Burgbesatzungen etc. mal außen vorläßt.
    Etwas schwer zu lesen :
    Geschichte des niedersächsischen Volks ... bis zum Jahre 1180 - Adolph Friedrich H. Schaumann - Google Books

    Und eine etwas frühere Quelle:
    Osnabrückische Geschichte: mit Urkunden - Justus Möser - Google Books
     
    1 Person gefällt das.
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    So unwichtig waren Söldner im Mittelalter auch wieder nicht. Es gab sogar regelrechte Söldnerheere, die immer wieder nach neuen Auftraggebern suchten. Bekannt sind vor allem die Brabanzonen (Brabanzonen ? Wikipedia ) und die Katalanische Kompanie (Katalanische Kompanie ? Wikipedia ). Auch Angehörige einzelner Völker verdingten sich häufig als Söldner, zu nennen wären z. B. die Almogavaren (Almogàvers ? Wikipedia ) oder auch die Schotten in französischen Diensten vor allem während des Hundertjährigen Kriegs. Aber auch so mancher niedrige Adlige suchte sich immer wieder neue Auftraggeber.
     
  8. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Die Armbrust wurde um das Jahr 1000 in Europe "wiederentdeckt" (es gab sie bereits in der Antike) und verwendet bis sie von der Feuerwaffe abgelöst wurde. Der gepanzerte Reiter wurde bis um 1500 massiv eingesetzt (Ritter, Gens D'Armes, Reisige), danach in abnehmender Wichtigkeit (Kürassiere, Lanciers, geflügelte Ulahnen, Carabiniers) bis zum ersten Weltkrieg.

    Ein Zusammenhang zwischen der Armbrust und dem Niedergang des Panzerreiters ist also nicht vorhanden, beim Ritter hatte es konkret eher soziale und wirtschaftliche als waffentechnische Gründe.

    Sehr guter Hinweis. Auch die Heere der Ritterorden bestanden zu großen Teilen aus Söldnern.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Juni 2014
  9. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    was machten die schwer gepanzerten Herren hoch zu Roß eigentlich während einer Belagerung? absteigen und mithelfen, die Torsionsgeschütze zu laden?
     
  10. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das hing natürlich auch von der Art des Kampfes ab. Bei Belagerungen benötigte man natürlich auch andere Arten von Kriegern als in offenen Feldschlachten.

    Ansonsten, mit allen Einschränkungen, die in diesem Thread schon gemacht wurden: Der Ritter war lange wichtig und "mächtig" in einer Zeit, in der Heere aus verschiedenen Gründen eher klein waren und überwiegend aus hochtrainierten, gut ausgerüsteten Berufskriegern bestanden.

    Nicht durch besseres, aber die Art des Kriegsführung änderte sich. Wie Bdaian schon erwähnt hat, spielten schwere Reiter (die allerdings bald keine "Ritter" im sozialen Sinn mehr waren) weiterhin eine Rolle, aber nur eine unter verschiedenen Waffengattungen. Die Infanterie nahm im Spätmittelalter wieder an Bedeutung zu, vor allem mit langen Spießen ausgestattete Haufen, die, solange sie geschlossen blieben, für Reiter auf ihren Pferden kaum zu knacken waren. Diese Pikeniere in den "Gewalthaufen" wurden durch Armbrust- und Feuerwaffenschützen ergänzt, dazu nahm in der frühen Neuzeit auch die Bedeutung der Feldartillerie zu.
    Das Rittertum wiederum geriet aus verschiedenen, mit einander einhergehenden, Gründen in die Krise, z. B. indem durch den Übergang zu schweren Plattenpanzern und mitunter auch Panzern für die Pferde die Ausrüstung immer teurer wurde, wozu, wie schon erwähnt, noch weitere wirtschaftliche und soziale Gründe kamen.
     
  11. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Du bringst es auf den Punkt. Bei Belagerungen kämpften Ritter zu Fuss, entweder auf den Mauern zur Verteidigung ihrer Burg bzw. der Stadt, oder eben vor der Mauer um sie zu erstürmen. Der Vizegraf von Béarn wurde dafür gerühmt, als erster die Mauern von Jerusalem 1099 erklommen zu haben. Der Autor Robert de Clari beschrieb wie er zusammen mit dem Herrn Pierre d'Amiens 1205 in der Dunkelheit die Mauern von Konstantinopel erklommen und anschließend das Stadttor öffnete, durch das die Kreuzritter in die Stadt strömen konnten.

    Richard Löwenherz soll 1191 vor Akkon eigenhändig einen Sarazenen mit einer Balliste von der Mauer geschossen haben.
     
  12. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    allerdings bestand ein Belagerungsheer im Mittelalter nie einzig aus Rittern (Panzerreitern) - man bedenke nur allein, dass sich im Verlauf von Spätantike und Frühmittelalter die Größe von "Heeren / Armeen" im Vergleich zur Antike drastisch verringert hatte. Kurzum wäre die quasi normale Anzahl von Rittern gar nicht ausreichend gewesen, um eine bewehrte Stadt überhaupt zu umschließen. (kein Wunder, dass man die Anzahl tricksend erhöhte, indem man Dienstmannen und die Söhne etlicher Nichtadeliger zu Rittern erhob, eine Praxis, welcher Barbarossa ein Ende setzte)
    wie zuvor im karolingischen Heer war der (teure!!) Panzerreiter (dann Ritter) die zentrale aktive Kraft, aber zahlenmäßig war das Fußvolk viel größer.
     
  13. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Bei Blackadder gibt es eine köstliche Szene, in der nach der Schlacht von Bosworth, der Herald herumgeht und die Teilnehmer fragt, wen sie alles erschlagen hätten. Als Edmund Blackadder, neben mehreren hohen Adligen und Rittern, soundsoviele Bauern erwähnt, antwortet ihm der Herald, dass diese nur bei Punktegleichheit zählen würden.

    Es mögen je nach Einsatz, unterschiedlich viel Fußvolk dabei gewesen sein. In der Regel konnte dieses gegen die gepanzerte Reiterei wenig ausrichten. Erst spezialisierte und besser bewaffnete oder trainierte Infanterie, wie die verschiedenen Stadtmilizen, die Schweizer oder die Almogavaren änderten dieses.
     
  14. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Korrekt. Nur besonders im hohen Mittelalter wurde in der Regel dem Ritterkampf Schlacht entscheidendes Gewicht beigemessen, ungeachtet eines zahlenmäßigen Übergewichts des Fußvolks in den Heeren. So zB in den Schlachten von Bouvines und Muret.
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich denke, das System der Ritterschlachten funktionierte einfach solange wie beide Seiten da mitmachten. Wenn man aber vorhat Fußvolk gegen schwere Reiter gezielt einzusetzen, fängt man an, sich zu überlegen, was den Fußkämpfer evtl. den Vorteil des Reiters ausgleichen hilft. Und damit sind wir ungefähr im Spätmittelalter. Klar gab es das schon vordem, dass manch eine Seite schlichtweg nicht über genug berittene Ritter verfügte und daher auf Fußvolk und ähnliches das Hauptgewicht des Kampfes verlegte, aber das scheint sich zumindest im HoMi nicht durchgesetzt zu haben. Wenn man sich anschaut wie die Normannen Irland eroberten und das mit wenigen gut gerüsteten Truppen, liegt auch die Furcht vor dem gut bewaffneten und gepanzerten Ritter auf der Hand. John de Courcy - Wikipedia, the free encyclopedia
     
  16. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das ist der springende Punkt: Man musste Möglichkeiten finden, Fußvolk so einzusetzen, dass es schweren Reitern standhalten kann bzw. nicht ohnehin gleich selbst bei deren Nahen auseinanderläuft. Auf offenem Feld geht das eigentlich nur, wenn man das Fußvolk zu einem kompakten Körper formt, der einen Reiterangriff aushalten und abwehren kann, aber auch den Mut und die Disziplin hat, es überhaupt auf eine direkte Konfrontation ankommen zu lassen.
    (Etwas anderes ist es, wenn man Reiterei in für sie ungünstiges Gelände locken kann wie z. B. in der Sporenschlacht oder in der Schlacht am Morgarten.)

    Ich halte das aber nicht unbedingt für eine Frage des beiderseitigen Mitmachens. Taktische Innovationen lassen sich nicht erzwingen, und solange ein "System" gut funktioniert, besteht eigentlich auch kein Neuerungsbedarf. Die Innovationen gingen dann auch eher von Ländern, Städten und Bewegungen aus, die eben nicht die Möglichkeit hatten, ordentliche Ritterheere aufzustellen, wie die Schweizer, die Flamen oder die Hussiten.
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Frage nach der Waffe reduziert die Problematik der Rolle der Ritter für die Kriegsführung auf ihre Rolle auf dem Schlachtfeld im Mittelalter. Das ist in einer Reihe von Punkten eine Verkürzung ihrer Bedeutung. In diesem Sinne weist die Antwort von Apvar in die richtige Richtung und sollte dahingehend erweitert werden, dass dieses „Waffensystem“ im Rahmen der Kombination von „Waffensystemen“ im unterschiedlichen Maße im Rahmen der Kriegsführung eingesetzt worden ist. Und genau dieses erklärt zum einen seinen Erfolg, aber auch ab 1300 zunehmend seine Antiquiertheit als "Waffengattung". Zudem, welche Rolle die einzelnen Waffengattungen, also Ritter, Armbrustschützen, Bogenschützen, Fusssoldaten etc im Rahmen des kombinierten Einsatzes wirklich gespielt haben, hing von den lokalen Gegebenheiten ab und von der Frage, welche Art von Krieg der Gegner führte.

    Die Veränderung in der Schlacht von beispielsweise Crecy (z.B. 6, S. 317) und die zunehmenden Probleme des Einsatzes von Rittern und das Aufkommen der organisierten Infantrie beispielsweise bei Murten (z.B. 5 S. 108) sind Indizien für den Wandel der Kriegsführung im „Hohen Mittelalter“. Diese Veränderung wird im 13. Jahrhundert bereits im Vergleich und im Ergebnis von zwei Schlachten deutlich. Im Jahr 1214 schlug Philip II bei Bouvines ein deutsch-flämisches Heer durch den traditionellen Einsatz seiner Ritter und durch den klassischen Kampf der Ritter im Kampf „Mann gegen Mann“. Im Juli 1302 schlug eine Genter-Bürger-Miliz das Ritterheer von Robert II. von Artois bei Courtrai in der „Sporenschlacht“. In beiden Fällen verließ sich die französiche Seite auf ihre Ritter als schlachtentscheiden, aber traf in der zweiten Schlacht auf eine phalanxartige Infantrie, die psychologisch den „Schock“ eines Angriff gepanzerter Ritter aushalten konnte. Ähnlich wie die Schweizer es perfektionierten und es zur Grundlage des Kampfes der späteren Landsknechte machten.

    Robert II. (Artois) ? Wikipedia

    Dieser Wandel der Kriegsführung wird in der Regel als „Militärische Revolution“, bzw. „Revolution in Military Affairs“ kurz „RMA“ bezeichnet. Die Veränderungen der Rolle des Ritters als einzelne Waffenart auf dem Schlachtfeld ist dabei in einen komplexen Prozess der Ablösung des „Feudalismus“ gekennzeichnet und somit eher ein politisches, gesellschaftliches und vor allem auch ökonomisches Problem (7).

    Der Niedergang des Ritters erfolgte auf zwei Ebenen, die zeitlich zusammen gehören. Zum einen in seiner Rolle auf dem Schlachtfeld und zum anderen als Repräsentant einer Feudalordnung in den Burgen der jeweiligen Reiche.

    Auf der Ebene der Rolle auf dem Schlachtfeld schreibt Howard, dass ein Ritter im 15. Jahrhundert „inefficient on the battlefield and expansive to sustain“ (4, loc. 175) war.

    Dabei kam die Veränderung der Kriegsführung in Europa wesentlich durch die RMA in England zustande und der Bedeutung der Bogenschützen, die bei Crecy die französischen Ritter besiegten (3). Nur um ihrerseits durch das Aufkommen von Feldgeschützen in ihrer Rolle deklassiert zu werden und so fünzig Jahre nach Crecy oder Azincourt ihre schlachtentscheidende Rolle eingebüßt zu haben (4, loc. 196).

    Genau! Das Problem der Bewertung der Rolle der Ritter in der mittelalterlichen Kriegsführung ist insofern komplexer,da Brauer (2) in Anlehnung an Bachrach (1) argumentiert, dass bestimmte Schlachten in ihrer Bedeutung überbetont werden und somit auch die Rolle der Ritter im Rahmen der mittelaterlichen Kriegsführung. Vielmehr sollte der Burg und seiner Funktion im Rahmen der Kriegsführung eine erhöhte Bedeutung zugeschrieben werden. Und an diesem Punkt wird deutlich, dass die Aufgaben der Belagerungsspezialisten, die Stollen gegraben haben, die Trebuchets bedient haben, oder über 15 m lange Leitern die Burgmauern gestürmt haben, nicht angemessen im Vergleich zu den Rittern beurteilt worden sind. Und da in zunehmendem Maße Festungen eine Rolle für die Absicherung von Reiches bekamen nahm auch automatisch die Rolle dieser Spezialisten zu. Nicht zuletzt auch durch die zunehmende Rolle der schweren Belagerungskanonen, wie beispielsweise durch so bekannte Geschütze wie "Mons Mag" (1440), wie Parker es für die Ablösung der mittelalterlichen Kriegsführung durch die der Renaissance darstellt (10).

    Dass der Ritter als Waffengattung zudem deutlich Probleme aufwies wird bereits an der langen Ausbildungszeit deutlich. Eine große Schlacht bedeutete für den Feldherren in jedem Fall ein großes Risiko und somit gingen die damaligen Feldherrn in der Regel nur dann eine Schlacht ein, sofern sie keine politischen Alternativen sahen. Es bestand immer die Gefahr, dass die Ritter eines Landes, auf dem die feudale Ordnung beruhte, massiv reduziert wurde und somit gravierende Auswirkungen für die politische Ordnung im Reich auch zu befürchten waren. Trotz eines kriegerischen Wertesystems der Ritter bzw. des Rittertums.

    Der Niedergang des Ritter im Zuge der Ablösung des Feudalismus ist vor dem Hintergrund der zunehmenden Zentralisierung von politischer und militärischer Macht in den Händen größer werdender Königreiche zu sehen, wie Mann es ausführlich darstellt (11). Zusätzlich reglementierte die zunehmende Kodifizierung der Rechtsauffassung, vorangetrieben durch die katholische Kirche, die kriegerische Rolle der Ritter bzw. Adeligen in den Reichen.

    Das Wertesystem der Ritter, das auf die individuelle Betonung seiner Rechte und Pflichten ausgerichtet war, stand gleichzeitig den komplexen militärischen Anforderungen der Könige im Weg. Kriege wurden zunehmend unter dem Gesichtspunkt der Erhöhung der Macht der großen Dynastien geführt. Die feudalen Rechte beispielsweise zum Führen von „kleinen Kriegen“ wirkte das als Sand im Getriebe des politischen Systems. Andererseits gereiten sie in Konflikt mit der Pazifizierungsstrategie der katholischen Kirche in Europa zwischen den katholischen Herrschern.

    Sodass die Ritterschaft in ihrer militärischen, politischen, konfessionellen und soziale Rolle in zunehmenden Konflikt mit dem mächtiger werdenden Königtum geriet und gleichzeitig in einen gewissen Konflikt zu den Werten der katholischen Kirche.

    Die zunehmende wirtschaftliche Erholung am Ende des 12 Jahrhundert ermöglichte den Königen von Frankreich oder von England, Armeen zu unterhalten. Nicht zuletzt wurde diese Veränderung der Kriegsführung deshalb notwendig, da ihre militärischen Ambitionen im Rahmen der traditionellen Lehnspflicht, dem „servitium debitum“ (normal in England beispielsweise 40 Tage), die Länge der Feldzüge deutlich überschritt. Auch deswegen, weil durch die immer komplexer und perfekter werdenden mittelalterlichen Festungen die Bedeutung von Belagerungen aufgrund der Länge und der Intensität zunahm.

    Den politischen und ökonomischen Niedergang der Bedeutung des Feudalismus kann man anhand einiger Zahlen für England deutlich illustrieren. Zwischen 1154 und 1214 reduzierte sich die Anzahl der Burgen in den Grafschaften (Baronies) von 225 auf 179 und gleichzeitig nahm die Anzahl der königlichen Festungen von 45 auf 93 zu. Der regionale Adel bzw. die Ritter saßen dabei am kürzeren Ende des Hebels, da die Errichtung von Burgen bzw. zunehmend von Festungen zu einem sehr kostspieligen Unternehmen wurde. So belief sich in der Zeit das Einkommen der englischen Könige über 10.000 L, (bei Edward I lag es teilweise deutlich darüber). Das Einkommen des englischen Adels lag deutlich niedriger und nur 7 wiesen ein Einkommen von mehr als 400 L auf. Der Durchschnitt lag bei ca. 200 L. Setzt man das Einkommen in Bezug zu den Kosten für eine damals moderne Steinburg, dann lagen die Kosten dafür bei ca. 1000 L und verschlangen das fünffache des Jahreseinkommens (2).

    Insgesamt befand sich der Ritter zu Beginn des 15. Jahrhundert eher in der Rolle des Konservierers eines Mythos. Nicht zuletzt zu erkennen an der zunehmenden symbolischen Überhöhung seiner Bedeutung und der damit zusammenhängenden Inszenierung via Heraldik etc., literarischer Glorifizierung oder dem Schaffen von „Ritterorden“ etc. Dass dieses durchaus erfolgreich war kann man an dem Fortbestehen der Vorstellung von „Ritterlichkeit“ als Eigenschaft von Soldaten bis in den WW2 erkennen.

    1. B. Bachrach: Warfare and Military Organization in Pre-Cursage Europe. 2002
    2. J. Brauer & H. v. Tuyll: Casles, Battles and Bombs. How Economics explains military History. 2008
    3. C.J. Rogers: “As if a new sun had arisen”.Englands fourteenth –century RMA. in: MacGregor Knox & W. Murray: The Dynamics of Military Revolution. 1300-2050, 2001, S. 15ff
    4. M. Howard: War in European History, bes. Kapitel 1: The Wars of the Knights, 2009
    5. G. Himmelsbach: “Je l`ay emprins – ich hab`s versucht”. Murten 22. Juni 1476, in: S. Förster, M. Pöhlmann & D. Walter: Schlachten der Weltgeschichte. 2001, S. 108ff
    6. S. David: Die größten Fehlschläge der Militärgeschichte. 2003, Crecy 1346, S. 317ff
    7. Maurice Keen: Introduction: Warfare and the Middle Ages, in: M. Keen: Medieval Warfare. A History. 1999, S. XII ff
    8. N. Housley: European Warfare c. 1200 – 1320, in: M. Keen: Medieval Warfare. A History. 1999, S. 112ff
    9. W.H. McNeill: Krieg und Macht. Militär, Wirtschaft und Gesellschaft vom Altertum bis heute. 1984, S. 81 ff „Die Schießpulver-Revolution…..“
    10. G. Parker: Die militärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500-1800, 1990, S. 25 ff „Die militärische Revolution - neu bewertet“
    11. M. Mann: Geschichte der Macht. Vom Römischen Reich bis zum Vorabend der Industriealisierung. 1991, S. 267ff „“Die europäische Dynamik: II Die Herausbildung des koordinierenden Staates, 1155-1477
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Juli 2014
    1 Person gefällt das.
  18. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Allerdings gab es in der Sporenschlacht großteils keinen Schockangriff der Ritter auf die Phalanx. Die Ritter gerieten beim Überqueren eines Flusses mit angrenzendem morastigem Ufer und von den Flamen angelegten Hindernissen in Unordnung, kamen nicht recht vorwärts und wurden in dieser Lage von der Phalanx angegriffen. Nur ein Teil der Franzosen kam unversehrt über den Fluss und griff die Phalanx an, wurde aber wiederum von einer flämischen Reserve angegriffen und auf dem Rückzug über den Fluss aufgerieben.
     
  19. Luziv

    Luziv Neues Mitglied

    Man sollte den Ritter als sozialen Stand und den Panzerreiter als Waffen"system" trennen. Viele Ritter kämpften übrigens bei Notwendigkeit auch zu Fuß, sowohl schon im hohen Mittelalter als auch im späten.

    Wenn man den Panzerreiter betrachtet, sollte man nie zu viel in einzelne Schlachten hinein interpretieren. Die Sporenschlacht bei Courtrai 1302 z.B. wird oft als Anzeichen für den Niedergang der Ritter/Reiter angeführt, seltsamerweise wird die Schlacht von Cassel 1328, in der das französische Ritterheer die flandrischen Milizen entscheidend schlug, dagegen regelmäßig ausgeblendet. Paßt scheinbar nicht in die Linie.

    Genauso oft wird das Revival der schweren Panzerreiterei in Frankreich ab den 1440er Jahren unberücksichtigt gelassen, was auch nicht recht ins Niedergangsszenario paßt. In den italienischen Kriegen am Anfang des 16. Jhd. konnte die schwere französische Reiterei im Zusammenwirken mit Artillerie und Fußtruppen einiges ausrichten.

    Der Feind des Ritters war letztlich die Zahl und indirekt die Entwicklung der Feuerwaffen. Der Ritter/Panzerreiter zeichnet sich vor allem durch seine Rüstung und seine Mobilität aus. Mit den Spießhaufen gab es bewegungsmäßig im Grunde ein Patt, ein Reiterheer konnte einen Infanteriehaufen kaum besiegen, aber ein Infanteriehaufen konnte unter ständiger Bedrohung durch Reiter auch kaum manövrieren.

    Was die vermeintlich, bzw. für adelige Berufskrieger auch tatsächlich, wichtige Rüstung angeht, zum Ende des 15. Jhd. war sie so weit entwickelt, dass Langbogen und Armbrust oft eher als lästig als als tödlich bezeichnet werden können. Auch Feuerwaffen, die ab ca. 1460 mit Macht auf die Schlachtfelder drängen, obwohl durchschlagskräftiger als Bogen und Armbrust, führten nicht direkt zum Verschwinden der Rüstung, im Gegenteil, man paßte die Rüstungen an die neue Bedrohung an. Dadurch machte man zum einen Langbogen und Armbrust endgültig zum Spielzeug, die Rüstung allerdings auch erheblich schwerer. Statt im Schnitt 2 mm Stärke wie im 15. Jhd. hatten Brustpanzer jetzt 4 bis 8 mm Stärke und hielten Kugeln stand, wenn auch den später eingeführten Musketen nur aus großer Entfernung.

    Wichtiger war aber, daß durch die Gewehre sehr wirksame Waffen zur Verfügung standen, die mit relativ geringer Ausbildung und angemessenen Herstellungskosten an eine große Zahl von Soldaten gegeben werden konnten. Die Heeresstärken wuchsen im 16. Jhd. daher dramatisch an (wobei hier wirtschaftliche und staatspolitische Entwicklungen auch eine sehr große Rolle spielten). Nimmt die Zahl der Fußsoldaten zu, muss die Zahl der Reiter steigen, wenn man Wirkung erzielen will. Das senkt natürlich den zahlenmäßigen Einfluß der Ritter, einer sozialen Klasse, noch weiter. Das 16. und 17. Jhd. ist daher die Zeit des Panzerreitersöldners, Die Reiterei blieb wichtig und oft gepanzert, mit der Pistole kam eine ganz neue Kriegswaffe dazu (wenn sie auch in die Sackgasse führte), die die Lanze ersetzte.

    Im 30-jährigen Krieg bemerkte man, neben dem üblen wirtschaftlichen Druck, den eine Ausstattung mit Panzern für eine Armee erzeugte, daß Wirkung im Kampf im Grunde auch durch ungepanzerte oder wenig gepanzerte Reiter als Einheit erzielt werden konnte. Außerdem wurde der Soldat ein mehr und mehr bedeutungsloses Kanonenfutter, auch bei der Reiterei. Sein individueller Schutz wurde nachrangig. Daher wurde die Rüstung in der Regel relativ schnell abgeschafft. Die Bedeutung der Reiterei sank aber nicht, sondern stieg eher weiter. Nur bestand sie jetzt zum geringsten Teil aus Rittern, da man einfach viel zu viele Soldaten brauchte. Der Ritter wurde sozusagen zum Offizier. Der individuelle Anspruch an Tapferkeit und Leistung, den der Ritter als Spaßsoldat lange Zeit gehabt hatte, ging durch die einsetzende straffe Regimentierung im Übrigen auch weitgehend verloren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Juli 2014
    3 Person(en) gefällt das.
  20. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Eine sehr gute Analyse,Luziv. allerdings würde ich das in einem Punkt anders sehen:
    Es stimmt daß die Helme , Harnische und andere starre Teile der Rüstung dicker wurden und damit die Wirkung von Fernwaffen auf diese Teile eingeschränkt war, aber der Schwachpunkt der Rüstungen bzw. des Waffensystems Panzerreiter lag ja von je her woanders .
    Schwachstellen waren die beweglichen Teile der Rüstung einerseits und das Pferd andererseits.D.h. mit massiertem Einsatz von Fernwaffen (oder Bodenhindernissen) war es durchaus möglich Panzerreiter aufzuhalten, wenn man die Schwachstellen ins Visier nahm.
    Das Problem für die Schützen lag wohl weniger in der mangelnden Durchschlagskraft als in der relativ geringen Feuergeschwindigkeit,
    Die Lösung lag in kombinierten Einheiten mit gestaffelter Reichweite ,die den Schützen genügend Zeit gab ,Wirkung zu entfalten .
    Als Antwort darauf kann man wiederum das vermehrte Aufkommen leichter,mit Distanzwaffen ausgerüsteter Kavallerie und berittener Infanterie sehen , die auch abgesessen in Gefechtsformation agieren konnte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juli 2014

Diese Seite empfehlen