Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von crusaderdeburgh, 30. Januar 2012.

  1. hallo da ich das mittelalter sehr interessant finde, befasse ich mich in letzter Zeit mit diesem. Genauer befasse ich mich momentan mit dem Strafrecht des MA und würde jetzt gerne wissen ob die Bürger des MA die Strafen als genauso grausam empfanden wie wir es heute tun ?
    schonmal danke im voraus :)!
     
  2. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Ganz bestimmt nicht, denn die Bestrafungen wurden ja von der Bevölkerung selber befürwortet. Stell dir mal vor, du bist ein emsiger Händler in einer mittelalterlichen Stadt und stolz auf deine Truhe voller Goldstücke. Nachts bricht jemand in dein Stadthaus ein und klaut dein Geld. Es ist verständlich, dass du sauer bist, und wenn man den Dieb schnappte, war er eine allseits gehasste Person. Man hielt es also für angemessen, den Schurken zu hängen und so andere Halunken abzuschrecken und gleichzeitig Rache zu üben. So war die Gerechtigkeit wieder hergestellt, so konnte sich das Opfer gerecht behandelt fühlen. Wäre man von Grausamkeit schockiert gewesen, so hätte man erst gar nicht Gesetze gemacht, die solche Strafen anordneten.

    Im Übrigen war man auch in den antiken Kulturen wie Rom oder Griechenland sowie noch später allgemein gar nicht zimperlich mit der Todesstrafe. Erst die Denker der Aufklärung (18. Jahrhundert) kamen auf die Idee, dass der Schutz von Menschenleben vor vermeintliche Gerechtigkeit geht. Alle vorherigen Zivilisationen setzten mit hoher Beliebtheit brutale Leib- und Todesstrafen ein. Der Galgen war das Symbol des Rechts, er veranlasste schon durch seine abschreckende Wirkung viele Gauner, ihre geplanten Verbrechen noch einmal zu überdenken. Da es zu dieser Zeit noch keinen starken Staat wie heute gab, der fast jedes Verbrechen aufdeckt, mussten die wenigen erwischten Täter umso härter bestraft werden.

    Man muss sich auch von der Vorstellung freimachen, dass die Menschen der Vergangenheit ihr Dasein als schrecklich empfanden. Für sie war es pure Normalität, so zu leben, und dementsprechend nahm man den Tod auch leichter als in heutiger Zeit. Dass viele Kinder schon sehr jung starben, sah man mit einem Schulterzucken als gottgegeben an, und lebte weiter. Die Religion gab den Menschen weitere Hoffnung. Ein Beweis dafür, dass die Menschen ihr Schicksal nicht als sonderlich hart empfanden: Warum haben die alten Römer oder die mittelalterlichen Menschen sich nicht einfach reihenweise umgebracht? Wir würden es vielleicht tun angesichts der damaligen Lebensverhältnisse. Für die Menschen damals waren diese Bedingungen aber völlig normal, und das betrübte sie wohl kaum.

    Vielleicht werden unsere Nachfahren in 500 Jahren, die (wer weiß) möglicherweise dank moderner Medizin nicht mehr sterben müssen, auch denken "oh Mann, wie hart war das Leben im 21. Jahrhundert, die Menschen müssen total traurig gewesen sein, dass sie nach 80 Jahren einfach weg mussten". Fehlanzeige. Uns geht es gut, wir nehmen den Tod als Selbstverständlichkeit hin und er tut uns kaum weh.
     
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  3. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Der Tod tut uns kaum weh, dass wäre mir ja wirklich neu.

    Aber sonst kann ich dir nur zustimmen der Mensch kann alles mögliche ertragen wenn er etwas anderes nicht kennt.
     
  4. Der Korinther

    Der Korinther Aktives Mitglied

    Epikur war das aber schon klar.

    „Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht.“

    Was also ist wenn ich nicht bin kann mir folglich auch keinen Schmerz zufügen.
     
  5. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    ganz stimmt das nicht mit den "harten (Leibes)Strafen", zumindest im Früh und Hochmittelalter.
    Die Strafe war zwar angedroht, aber zu Anfang mußte der Kläger die Strafe vollziehen.
    Und davor gabs noch nicht mal Leibesstrafen, sondern entweder die berechtigte Rache und (wieder Rache) oder Wergeld.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich hielte ja viel davon, anstatt hier irgendwelche spekulativen Aussagen zu machen, mal in die Quellen einzusteigen. Welche Quellen gibt es denn dazu, wie die Menschen Leibesstrafen im Mittelalter wahrgenommen haben?
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wenn man dir erstmal die Hand oder das Ohr abgeschlagen, diich geteert oder gefedert und an den Pranger gestellt hat, wirst du anders darüber urteilen.

    Wahr ist allerdings, dass der Mensch des Mittelalters und der Antike "gespiegelte Strafen" als gerecht empfand und auch öffentliche Hinrichtungen waren durchaus von "Begeisterung" getragen.

    Ein humaneres Strafwesen gab es erst seit der frühen Neuzeit und besonders im Zuge der Aufklärung.
     
  8. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Soweit ich weiß, ist es bis heute so, daß die Todesstrafe Verbrecher nicht abschreckt. Vor allem nicht, wenn es sich dabei um Menschen handelt, die ihre Tat mangels Alternativlosigkeit begehen.
     
  9. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Verbrecher begehen auch ihre Verbrechen mit der Intention nicht geschnappt zu werden.
     
  10. michaell

    michaell Aktives Mitglied

    Hier wäre vor allem die Schrift des Italieners Cesare Beccaria „Von den Verbrechen und von den Strafen“ (1764) zu nennen. Darin argumentierte er gegen Folter und Todesstrafe. Unter Beccarias Einfluss schaffte z.B. Joseph II. 1787 in der Habsburger Monarchie die Todesstrafe ab - allerdings waren die an ihrer Stelle verhängten Strafen wie Zwangsarbeit unter verschärften Bedingungen auch so hart, dass die meisten Verurteilten sie nicht lange überlebten.
     
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  11. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die Todesstrafe galt als typisch spiegelnde Strafe im mittelalterlichen Sinn, wurde aber von den Aufklärern dennoch nicht rundweg abgelehnt, sondern war heiß umstritten. Beccaria meinte, dass dem Staat im Gesellschaftsvertrag nicht auch die Verfügungsgewalt über das Leben der Bürger übertragen worden war. Daher sollte die Todesstrafe durch öffentliche Zwangsarbeit, die obendrein auch noch der Allgemeinheit dienen würde, ersetzt werden. Andere wie z.B. Kant wollten hingegen an der Todesstrafe festhalten. In der Praxis wurde sie im 18. Jhdt. mit Ausnahme teilweise Österreichs weitgehend beibehalten, aber oft wenigstens die Zahl der todeswürdigen Delikte verringert und besonders grausame Vollstreckungsarten abgeschafft. Die öffentliche Zwangsarbeit galt ebenfalls als generalpräventiv wirksam. Aus Gründen der Abschreckung wurde die Todesstrafe noch bis ins späte 19. Jhdt. öffentlich vollstreckt.
    In der frühen Neuzeit dominierten Körperstrafen. Gefängnisstrafen bildeten die Ausnahme. Viele Aufklärer lehnten jedoch, wie gezeigt, die Todesstrafe und Verstümmelungsstrafen ab und forderten als Ersatz Arbeitsstrafen, später auch Freiheitsstrafen. Auch dahinter steckten weniger humanitäre, sondern Nützlichkeitserwägungen: Wenn man einen Mann verstümmelt, wird er zum Sozialfall, der nichts mehr arbeiten kann und von seiner Familie (die durch den Ausfall des Ernährers wohl selbst hilfsbedürftig wird) oder der Gesellschaft erhalten werden muss. Wenn man ihn vorübergehend einsperrt, kann er danach wieder arbeiten - zum Nutzen des Staates und für seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie.
    Die Utilitaristen und ihre am öffentlichen Wohl orientierten Vorläufer hielten die Zwangsarbeit für rechtlich und ökonomisch sinnvoll: Ersteres, weil sie zumindest bei öffentlichem Vollzug abschreckend wirken sollte, zweiteres, weil der Staat auf diese Weise zu billigen Arbeitskräften für Tätigkeiten, die kaum jemand freiwillig machen würde, käme. Außerdem könnten bei einer Verurteilung zur Zwangsarbeit statt zum Tod auch mildernde Umstände sowie Deliktsqualifikationen oder –privilegierungen besser berücksichtigt werden. Man könnte beispielsweise durch Dauer und Härte der Arbeit wirksamer zwischen Mord, Totschlag, fahrlässiger Tötung und Körperverletzung mit Todesfolge differenzieren. Diese Überlegungen kamen der Praxis ohnehin sehr entgegen. So benötigte man z.B. in Russland Zwangsarbeiter zur Erschließung Sibiriens oder in den Mittelmeerstaaten als Ruderer auf den Galeeren.

    Stimmt. Joseph II. lehnte die Todesstrafe ab, war aber stattdessen für Strafen, die er für abschreckender und schrecklicher als den Tod hielt, wie z.B. das Schiffsziehen. 1781 wurde die Todesstrafe prinzipiell abgeschafft, blieb aber im Standrecht erhalten. Sie sollte durch Hängen vollzogen werden, anschließend sollte die Leiche zur Abschreckung 12 Stunden lang hängen bleiben. Franz II. führte sie für den Hochverrat wieder ein, da er durch die Französische Revolution auch die innere Ordnung Österreichs bedroht glaubte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Januar 2012
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  12. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Der Täter vielleicht. Aber der war nach der Erfassung ohnehin ein gesellschaftlicher Außenseiter und hatte nicht mit Mitleid zu rechnen. Hier geht es (wenn ich die Frage richtig verstanden habe) vor allem um die Sicht der Allgemeinheit auf diese Bestrafungen, und der "ehrbare Bürger", der natürlich nichts mit irgendwelche Schurkereien zu tun haben wollte ;), empfand die Behandlung dieser "Halunken" sicher als gerecht und wohl kaum übertrieben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Januar 2012
  13. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Nun gut, im Falle leichten Diebstahls mag es so sein, und dafür wurde auch nicht die Todesstrafe verhängt. Aber ein Mord oder der Diebstahl von Kostbarkeiten geschieht in den meisten Fällen sicher nicht aus "Notwendigkeit" (falls es sowas überhaupt gibt, denn es gab auch damals schon Armenhäuser und Spitäler, wo Bedürftige mehr oder weniger hinreichend versorgt wurden), sondern aus krimineller Energie, und da wirkt der Gedanke, dass das gute Geschäft am Galgen enden könnte, soweit meine beschränkten psychologischen Fähigkeiten das beurteilen können, ziemlich antriebshemmend.
     
  14. Galgenpapst

    Galgenpapst Aktives Mitglied

    Ich empfehle dir (m)eine Ausstellung zum Thema in Kassel:


    «Galgen, Rad und Scheiterhaufen» - Schau zu historischer Strafjustiz

    Mittwoch, 25. Januar 2012, 08:05 Uhr

    Kassel (dpa/lhe) - Schon der Titel beschert manchem eine Gänsehaut: «Galgen, Rad und Scheiterhaufen» lautet der Titel einer neuen Sonderausstellung, die das Museum für Sepulkralkultur in Kassel am Samstag (28. Januar) eröffnet und die am Mittwoch ab 14 Uhr vorgestellt wird. Darin geht es um die Grausamkeit mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Justiz. Gezeigt werden typische Strafgeräte wie Schandmasken, Fesseln oder Pranger, aber auch Hinrichtungswerkzeuge wie Galgen, Richtschwerter und -beile. Außerdem wird der Blick auf die Lage der Richtstätten gelenkt. Noch heute zeugen Straßennamen wie «Im Galgenfeld» oder «Auf dem Richtberg» von den früheren «Orten des Grauens», wie es im Untertitel der Schau heißt.

    Gruss Galgenpapst
     
  15. Vielen Dank für die bisherigen Antworten !:) Sie waren wirklich sehr hilfreich und informativ und haben mich wirklich weitergebracht. Besonders ketzer97 ´s antwort fande ich sehr aufschlußreich !
     

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