Mittelalterliche Wasserleitungen

Dieses Thema im Forum "Alltag im Mittelalter" wurde erstellt von KeineAhnung, 6. November 2010.

  1. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Ich bräuchte mal wieder etwas Input :grübel:

    Ich habe mich die letzten Tage mit einem Fachartikel über archäologische und historische Befunde eines Wasserleitungsnetzes einer mittelalterlichen Anlage beschäftigt. Laut diesem Artikel gab es zwei, zeitlich nacheinander gestellte Leitungssysteme:

    Das relativ älter Leitungssystem wird auf das frühe 12. Jh. datiert. Laut den Befunden bestanden die Frischwasserleitungen teils aus Bleirohren und teils aus Tonrohren, die in eine Lehmschicht verpackt in Steinrinnen unterirdisch verlegt war.

    Im Zuge eines umfassenden Umbaus der kompletten Anlage im späten 15. Jh. wurde auch das Wasserleitungssystem erneuert. Jetzt finden sich anstelle der Bleirohre durchgängig Holzteuchel mit Metallmuffen als Verbindung. Die Holzteuchel wurden in Steinrinnen gelegt und mit Steinplatten abgedeckt, waren so als einigermaßen zugänglich.

    So, nun meine Fragen: Warum wurde von Blei, bzw. Ton auf Holz umgestiegen?
    Holz hatte sicherlich einige Nachteile, wenn man nur an die Verrottung denkt. Klar ist Blei schädlich, aber seit wann weiß man das? Schon im Spätmittelalter? Warum nicht bei Ton bleiben? :grübel:

    Hat jemand von Euch eine Idee??

    Liebe Grüße
    KeineAhnung
     
  2. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi KeineAhnung

    Warum im konkreten Fall auf Holzrohre gewechselt wurde, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber würde ich behaupten war es bestimmt ein ganz pragmatischer Entscheid: Holzrohre sind wohl billiger und „praktischer“.
    Wenn wir es im Detail betrachten; Bleirohre waren vermutlich nicht zu jeder Zeit verfügbar, und Blei muss auswärts gekauft werden – also teuer und umständlich. Tonrohre sind meist sehr kurz und wegen der vielen Übergänge oft undicht. Und Tonrohre vertragen keinen nassen Boden – deswegen wohl die Lehmpackung. Also viel Aufwand bei der Herstellung, aber kurze Lebensdauer.
    Die Holzrohre (Teuchel, Deichel) hingegen können relativ billig hergestellt werden. Und in recht grossen Längen von über 3 Metern. Die Verbindung untereinander ist recht problemlos und dicht, so dass kaum Ungeziefer ins Rohr hinein kommen. Und wenn die Teuchel immer schön mit Wasser gefüllt sind, halten sie mindestens so lang, wie Tonröhre. Teuchel sind allzeit verfügbar, preiswert, schnell hergestellt und langlebig. Deswegen…


    Gruss Pelzer

    .
     
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  3. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Danke Pelzer,

    das leuchtet mir ein.
    Allerdings dürfte Geld im 15. Jh. im vorliegenden Fall keine allzugroße Rolle gespielt haben, dann man hatte genügend Geld eine riesige romanische Klosteranlage nahezu vollständig abzureißen und gotisch zu überbauen. Erst Anfang des 16. Jh. wurde langsam der Geldhahn zugedreht.
    Die Frischwasserleitungen waren sicher immer gut unter Wasser zu halten aber bei den Abwasser- und Überlaufleitungen stelle ich mir das schwieriger vor.

    Kann man Holzteuchel eigentlich so dicht bekommen, dass man einen Wasserdruck aufbauen kann, der einen etwa 3 m hohen Brunnen bedient?

    Liebe Grüße
    KeineAhnung
     
  4. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    … aber natürlich.
    Grad heute Nachmittag habe ich mir einen Sodbrunnen mit einer hölzernen Schwengelpumpe angeschaut. Der pumpt das Wasser aus etwa 3 Metern Tiefe herauf. Hätte ich’s geahnt, hätte ich auch einige Bilder gemacht. :S
    Mancherorts gibt es hölzerne Brunnen, die das Wasser aus gut 12 Metern Tiefe ansaugen.


    Gruss Pelzer

    .
     
  5. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Danke Pelzer!

    Der Brunnen wurde über einen ca. 400 m vorbeilaufenden Bach gespeist. Kaum vorzustellen, dass so genügend Druck für insgesamt 5 weitere Brunnen aufgebaut werden konnte. Aber anscheinden hat es funktioniert! ;)

    Liebe Grüße
    KeineAhnung
     
  6. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Nasses Holz quillt auf. Also sorgt das Wasser nebenbei auch noch für die "automatische" Abdichtung.
     
  7. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Das ist schon klar. Da in der betreffenden Anlage sowie in der Region zunächst keine "gebohrten" Teuchel, sondern "Vierkannt-Teuchel" (sorry, ich kenne die Fachausdrücke nicht) verwendet wurden, kennen wir hier auch diverse Teuchelgruben in denen die Teuchel gelagert wurden. Gerade bei diesen Teucheln aus 4 Holzbrettern stelle ich mir eben das Vermeiden von Druckverlusten recht schwierig vor.

    Aber wie gesagt, es scheint ja gut funktioniert zu haben.

    Danke Liborius
    Grüße
    KeineAhnung
     
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  8. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Ich bin auch kein Experte. Aber ich nehme an, dass die Verbindung mittels Spundung oder Nut und Feder erfolgte.
    Nut-Feder-Verbindung ? Wikipedia

    So "modern" wurde da zwar noch nicht gearbeitet.
    Spundwand ? Wikipedia
    Aber schon die alten Römer haben mittels hölzerner Spundwände ihre Brückenpfeiler gebaut.

    Aber ich will das Ganze nicht über Gebühr breittreten, damit die "Wächter über die Zeit" sich nicht erregen müssen, wenn ich Kontinuitäten und Diskontinuitäten über größere Zeiträume in den Blick nehme.:still:
     
  9. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi zäme

    Viereckige hölzerne Wasserleitungen kenne ich nicht. Mir kommen da aber die Suonen und Bissen im Wallis in den Sinn.
    >>> hier


    Gruss Pelzer

    .
     

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  10. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Laut den Aufzeichnungen unserer Ortschronik waren das tatsächlich vier Bretter, die über Nut und Feder oder verzapft miteinander verbunden wurden, mit Pech abgedichtet und in Wassergruben zum Aufquellen gelagert wurden. Diese Art von Teuchel wurde in der Stadt noch bis ins 18. Jh. hinein als Abwasserleitung von den Häusern in die Dungstätten, (später in 2-4 m lange Holztröge ohne Abdeckung) verwendet.
    Gut möglich, dass das die "einfache Variante" speziell für das Abwasser war. Ich muss mal noch genauer bei unserem Archivar nachfragen, ob nicht vielleicht doch "gebohrte" Leitungen für das Frischwasser verwendet wurden.

    Aber erst mal Danke
    Liebe Grüße
    KeineAhnung
     
  11. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Ich kann nicht recht glauben, dass „ihr“ im 18. Jahrhundert Abwasserleitungen hattet. In der Regel verfügten damals die meisten Häuser über keine Trinkwasserversorgung. Meist bediente man sich an öffentlichen Brunnen. Oder am eigenen Brunnen im Hof. In der Wohnung gab es sicher kein fliessendes Wasser. Und deshalb auch kaum Abwasser.
    In der Küche goss man das Abwasser in den „Schüttstein“ und dessen Auslauf endete an der Fassade. Von da ergoss es sich in den Hinterhof und floss wie das Dachwasser oberflächlich ab. Die Toilette war ein Plumpsklo; Abort. Oder man hockte sich in die "Ehgräben" zwischen den Häusern. Beides funktioniert wasserlos!
    Die Fäkalien wurden regelmässig (jährlich!) aus der Jauchegrube geschöpft und aufs Land gebracht. So gesehen brauchte es keine Abwasserleitungen; höchstens mal ganz kurze, um die Gülle der Tiere in die „Schissgruob“ zu leiten…

    Bei uns wurden im 18/19. Jahrhundert wegen dem akuten Holzmangel die Teuchel nach und nach verboten. Man erlaubte bloss noch Teucheln aus Schwarzerle. Und das auch bloss noch zur Reparatur bestehender Leitungen. Statt dessen wurde zuerst Tonrohre und später Gussrohre eingesetzt.


    Gruss Pelzer

    .
     

    Anhänge:

    Zuletzt bearbeitet: 9. November 2010
  12. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

  13. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Ich habe mich da wohl auch ziemlich missverständlich ausgedrückt - sorry :red:

    Es gab keine langen Abwasserleitungen, sondern nur kurze Stücke. Bis Ende des 18./Anfang des 19. Jh. Gab es die sogenannten Dungstätten. Das waren die Abortwinkel, die sich oft mehrere Häuser teilten. In diesen Dungstätten waren dicke Strohballen ausgelegt, die - wenn voll - von einem armen Hansel abgeholt wurden und zu den Bauern im Umland als Düngung für deren Felder gebracht wurden. Schon Ende des 18. Jh. gab es erste Vorstöße, die "zum Himmel stinkenden" Strohballen in den Abortwinkeln zu verbieten aber erst 1828 endgültig durchgesetzt. Als Ersatz mussten Aborttröge aufgestelt werden, für jedes Haus mindestens einer, manchmal aber auch 2 Tröge, rechts und links der Häuser. Diese Tröge waren einfache Holztröge, zwischen 2 und 4 Metern lang und mit Schlaudern verbunden. Gleichzeitig wurden in die Häuser Abortrinnen eingebaut, meistens im 1. Stock liegend. Diese Abortrinnen waren nichts anderes als Mauerdurchbrüche mit Schüttbecken (auch Abortstühle) im Inneren und einer kurzen Holzteuchel ("Abortschlauch" mit viereckigem Querschnitt!) in die Aborttröge hinein. Das war sozusagen das "Abwaser"!

    Problematisch an dieser Lösung war vor allem, dass diese Tröge nur mit einer einfachen Holzhaube abgedeckt waren und bei Regen viel Wasser in die Tröge gelangte. Die Tröge "dicht" abzudecken ging nämlich nicht, da sich dann die entstehenden Gase wieder hin Richtung des Hausinneren ausbreitete. Aber dadurch wurde der Inhalt verdünnt und für die Düngung ziemlich unbrauchbar. Aus diesem Grund brachten die Leute etwa eine Handbreit unter dem oberen Rand eine Öffnung an, durch die das Regenwasser abfliessen sollte. Das "angereicherte" Regenwasser vereinigte sich dann bei anhaltenden Regenfällen gerne mit der Gülle aus den Ställen und lief munter vor sich hin stinkend durch die Gassen....:S

    Interessant wurde es auch im Winter, wenn der Inhalt gefror und die Tröge nicht rechtzeitig gelert werden konnten.... Spätestens beim Auftauen gab es dann sehr eindrucksvolle Geruchserlebnisse.

    Kleine Randbemerkung noch: die Stadt - um die es hier geht - wurde erst 1970 (!) durchgängig an die öffentliche Kanalisation angeschlossen.

    Liebe Grüße
    KeineAhung
     
  14. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Von Bleirohren zur Wasserversorgung im ausgehenden Mittelalter und der Neuzeit habe ich noch nichts gelesen. Wenn, dann kann ich mir diese eher als Endstück für den Anschluss an den Hausbrunnen vorstellen.
    Holzrohre, im Norden Piepen genannt, wurden häufig verwendet. Dazu nahm man Holzstämme und bohrte sie aus. Das ging relativ einfach. Der Bohrer stand senkrecht auf dem Boden. Der Stamm wurde von oben draufgesetzt und gedreht, so dass er sich mit seinem eigenen Gewicht in den Bohrer drehte. Dadurch blieb die Bohrung zudem konzentrisch.
    Die Piepen führten Frischwasser in vereinzelte Haushalte, die sich diesen Luxus leisten konnten. Es gab auch Wassertürme, so dass das Wasser mit Gefälledruck in die Hausbrunnen lief.
     
  15. pelzer

    pelzer Aktives Mitglied

    Hoi Rurik

    Dies ergibt aber relativ kurze Rohre. Üblicherweise werden die Baumstämme horizontal gebohrt. Und je nach Länge vom Bohrer (Tschuldigung, ich hab grad genitivfreie Woche!) können bis gut 5 Meter lange Rohre hergestellt werden, dazu muss dann aber von beiden Seiten gebohrt werden. Unser Bohrer ist bloss zweieinhalb Meter lang ...

    Gruss Pelzer

    .
     
  16. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Hallo Rurik,

    bei der Anlage, die ich meine, sind Bleirohre aus dem 12. Jh. belegt. Man kann aufgrund der unterschiedlichen Aus- und Umbautätigkeiten die Zeit der Installation ziemlich genau auf 1120 bis 1140 n. Chr. eingrenzen.
    Die Umstellung auf Holzrohre erfolgte bei umfassenden Umbaumaßnahmen der Anlage von der Romanik zur Gotik zwischen 1465 und 1516.
    Tonrohre wurden tatsächlich nur als kurze Stücke in einzelnen Leitungszuführungen gefunden.
    LG
    KeineAhnung
     
  17. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Nun, 2 Dinge sprechen für Holz im 15.
    Längere Rohre als blei sind möglich, der Arbeitsaufwand ist somit geringer. Blei ist teuer , Holz billig. Holzrohre frieren nicht so schnell kaputt und wenn sie mal platzen, sind sie schnell wieder heile. Dann die Verfügbarkeit von geraden Stämmen und relativ weichem Holz. Fichte , Tanne, Kiefer waren im 12. nicht überall zu haben und Buche taugt nicht zu Piepen
     
  18. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Nun, Holz gab es hier bis etwa 1700 genug (erst danach wurde es mal ne Zeit lang ziemlich knapp) Weichholz wie Hartholz stand ausreichend zur Verfügung.

    Ich denke, mir ist es jetzt auch klar, warum der Umstieg von Blei auf Holz sinnvoll war. Ich war nur zuerst ziemlich verblüfft, weil ich es eher andersherum erwartet hätte, Blei sozusagen als die modernere Variante als Holz. Aber so wie ihr mir das erklärt habt, macht es Sinn und liefert mir eine gute Argumentationsgrundlage (denn das sind genau die Fragen, die bei Führungen grundsätzlich auftauchen können ;) )

    Btw, woher bezog man denn im 11. / 12. Jh. das Blei?

    LG
    KeineAhnung
     
  19. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Hallo Pelzer,

    ich habe noch mal in meinen Kartons gewühlt und ein Heft zu den Borngesellschaften (speziell für Rostock und dort seit 1448 nachgewiesen) gefunden. So waren die Pipen dort ca. 5.80 m lang und wurden durch eiserne Buchsen miteinander verbunden. Der Innendurchmesser der Bohrung betrug 9 cm.
    Da hast Du recht, so ein Bohrer wäre eine ziemlich lange "Peitsche". Allerdings, wenn der waagerecht hängt, biegt er sich ja noch eher durch(?), auch bei 2,9 Meter Länge. Senkrecht kann man auch von beiden Seiten bohren, man muss den Stamm nur wenden, was aber wieder aufwändig wäre. Allerdings habe ich dazu leider nichts mehr gefunden, außer dass man z.B. Kanonen senkrecht bohrte.
    Für den Aufrechterhalt der Wasserleitungen gab es einen Pipenmeister und seine Knechte, die Pipenlegger. Das in Wasserburgen gesammelte Wasser wurde zuerst in Quellkümme (hölzerne Sammelbecken) geleitet, von denen aus es dann weiter verteilt wurde. Auf diesen Kümmen standen Bornhäuser, wo dann aus verschieden hohen Becken das Gefälle wieder hergestellt wurde.
    Vor diesen hölzernen Leitungen gab es die Watervorer, die das Wasser mit Karren verteilten. Da dieser Erwerbszweig durch keine Zunft abgesichert war, gab es auch keinen Widerstand gegen die Borngesellschaften.

    Vielleicht ist es auch eher eine Beschaffungsfrage. Dort, wo Bergbau stattfand, hat man eher zu Blei gegriffen. Obwohl, der Materialaufwand wäre bei der Länge der Leitungen sehr hoch. Holz war dagegen greifbahrer, man musste nur bohren und immer mal wieder erneuern. Das Auswechseln der Holzleitungen war sicher nicht das Problem, da Arbeitskraft damals recht billig war.

    Blei war oft das billige Nebenprodukt bei der Silbergewinnung. Abgebaut wurde es in Deutschland im Schwarzwald, in Westphalen, im Harz, in der Eifel und in Sachsen.

    LG Rurik
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. November 2010
  20. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied

    Dann kommt das hin! In unmittelbarer Umgebung (Luftlinie < 20 km) existieren 2 Silberminen, die hauptsächlich zwischen 1100 und 1700 betrieben wurden. Eine davon wurde später (19. / 20. Jh.) noch als Wismutmine weiter betrieben.
    An beiden Silberminen ließen sich übrigens Reste kleiner keltischer Anlagen finden, d.h. die Silbervorkommen waren also schon keltischen Erzprospektoren bekannt.

    Danke, langsam rundet sich das Bild ab :winke:

    LG
    KeineAhnung
     

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