Mord im KZ

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von Vizzler, 15. März 2020.

  1. Vizzler

    Vizzler Neues Mitglied

    Hallo,
    kann mir jemand erklären ob es, und ich unterstreiche das mit Anfrührungszeichen: "legal" war für einen Wachmann etc. einen Juden oder anderen Häftlich im KZ zu ermorden? Mir stellt sich die Frage ob es einfach geduldet wurde, oder war es nach den geltenden Nazi-Gesetzen legal Juden und andere Gefangene zu töten?
    Vor allem auch der Unterschied zwischen der Massenermordung in der Gaskammer und Einzeltötungen in anderen Bereichen des KZs.
    Als Beispiel Amon Goeth der Häftliche wahllos erschossen hat ...
     
  2. Serganer20

    Serganer20 Neues Mitglied

    Die Entrechtung der Juden war ein längerer Prozess und wurde seit 1933 immer radikaler umgesetzt. Seit den Nürnberger Gesetzen 1935 wurde den Juden zunächst die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Der Mord eines Juden war seitdem offiziell aber immer noch nicht "rechtlich" erlaubt.
    Seit der Reichspogromnacht 1938 nahmen die Übergriffe auf Juden allerdings zu und spätestens seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 galt die Ermordung eines Juden (wie auch anderen Häftlingen) beim NS-Regime als "Kriegsrecht", wurde also nicht geahndet.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist nicht ganz richtig. Anfang des Krieges gab es tatsächlich mal einen Prozess gegen die Erschießung von Juden, der in einer Verurteilung endete. Man war sich also selbst im Krieg noch der Unrechtmäßigkeit dieses Vorgehens bewusst. Ist halt die Frage, ob Wehrmacht oder SS.

    Im Krieg selbst, als die Einsatzgruppen von Wehrmacht und Ordnungspolizei den Befehl erhielten zu schießen wurde immer die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Leute, die sich weigerten außerhalb von Kampfhandlungen auf Zivilisten zu schießen, andere Aufgaben erhielten.

    Grundsätzlich ist die Weimarer Verfassung bis 1945 nie offiziell außer Kraft gesetzt worden.
     
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  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Weiß man, was auch Staatsanwalt, Richtern etc. wurde? Blieben die unbehelligt? Sprich, was war der Rechtsprechung bis wann möglich? Und wie hoch der Anteil des sog. vorauseilenden Gehorsams?

    (Ich frage, weil ich mich für Literatur interessiere.)
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Veränderung der Wehrmachtsgerichtsbarkeit in der Folge des Krieges in Polen ist bei Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg besprochen. Die bis dahin intakte militärische Gerichtsbarkeit wird konterkariert durch Aufhebung bzw, Amnestierung von Urteilen bzw. Straftaten.

    Generell könnte Ingo Müller: Furchtbare Juristen einen Hinweis auf weiterführende Literatur bieten.

    Bei dtv dokumente gibt es einen Band: NS-Verichtungslager. Im Spiegel deutscher Strafprozesse.
     
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  6. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Bereits 1933 hat ein Staatsanwalt Ermittlungen wegen der Ermordung mehrerer Häftlinge im KZ Dachau aufgenommen: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Wintersberger#Ermittlungen_im_KZ_Dachau

    Die Verfahren wurden auf Weisung "von oben" nicht weiter verfolgt und der Staatsanwalt Wintersberger versetzt.

    Dann gab es noch den Fall des SS-Richters Konrad Morgen, der in Konzentrationslagern wegen Korruption ermittelte. Dabei ging es um die Unterschlagung von geraubten Wertsachen, die statt an die Staatskasse von SS-Angehörigen privat vereinnahmt worden sind.

    Dabei ermittelte er auch wegen Morden in den Konzentrationslagern. Jedoch wurden die meisten Verfahren wiederum auf Weisung "von oben" eingestellt.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Morgen
    https://www.spiegel.de/spiegel/konrad-morgen-der-sonderbare-fall-des-nazi-richters-a-1143516.html
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Der Kommandant von Buchenwald Otto Koch war in zahlreiche Korruptionsaffären verwickelt, kam aber lange davon, u. a. weil Himmler an ihm festhielt. Koch pflegte auch intime Feindschaft mit Josias von Waldeck-Pyrmont. Waldeck hatte sich mal in Buchenwald behandeln lassen und einem Häftling gelang es ihn von seinem Gebrechen zu heilen. Diesen Häftling hatte aber Otto Koch eigenhändig umgebracht oder umbringen lassen, weil er ein Mitwisser von Kochs Gaunereien war, weshalb ihn Koch beseitigen ließ.

    Waldeck intrigierte schon lange gegen Koch und sammelte Material gegen ihn. Als Koch dann 1944 zu Fall kam, wurde er wegen Korruption, Unterschlagung und neben anderen Delikten auch wegen Mord an 3 Häftlingen angeklagt, verurteil und April 1945 exekutiert.

    Eugen Kogon erwähnt den Fall detailliert in "Der SS-Staat".
     
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  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Auch Höß eignete sich in Auschwitz so einiges privat an, weshalb SS-intern gegen ihn ermittelt wurde.
     
  9. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Bemerkenswerterweise wurde gegen diese Herren aber nicht wegen ihrer 'Übergriffe auf Eigentum und Leben der Juden ermittelt, sondern, weil sie sich "Volkseigentum" unter der Nagel gerissen hatten.
    Die Nichtverfolgung von Verbrechen gegen Juden begann schon 1933:
    Fritz Klein (SA-Mitglied) – Wikipedia
     
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  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In seiner Posener Rede behauptete Himmler, dass die SS beim morden "anständig geblieben war", dass sie die Juden umgebracht, aber sich dabei nicht bereichert habe.

    Himmler wusste sehr gut, dass das nicht stimmte, dass fast alle dieser Gruppenführer und SS- Gewaltigen korrupt waren und kündigte in der gleichen Rede schärfste Maßnahmen an, gegen "Kameraden, die sich vergangen haben", sprich deren Korruption solche Formen angenommen hatte, dass sie das innerhalb der SS tolerierte Maß überschritten hatte. Nach dem "Ehrenkodex" des Reichsführers SS war nicht der Mord an unschuldigen Menschen vom Baby bis zum Greis, von Frauen und Kindern der Skandal, sondern das private plündern ihrer Habe, was nebenbei bemerkt trotzdem alle taten.
    Josias Erbprinz von Waldeck war genauso korrupt wie Koch und ebenso mordlustig. Waldeck war Vorsitzender eines Amts für die Ostgebiete mit Sitz in Kassel. Eine Dienststelle, die sich offiziell mit Flecktyphus beschäftigte, lagerte in einem Kühlhaus die von Waldeck erlegten Rehböcke.
    Koch hatte sich als Kommandant von Buchenwald stets durch äußerste Brutalität und Grausamkeit ausgezeichnet. In Buchenwald hatte er seiner Frau Ilse, der "Hexe von Buchenwald" eine Reithalle bauen lassen, einen Falkenhof für Hermann Göring und einen Privatzoo, der zeitweise sogar ein Nashorn beherbergte. Gelegentlich vergnügte sich Koch damit, in neronischer Manier Häftlinge von Bären zerfleischen zu lassen. Die Tiere wurden bestens verpflegt, während im Lager Häftlinge an Hunger krepierten.
    Die Korruption und Prasserei einiger SS-Leute nahm groteske Formen an. Frau Koch badete schon mal in Madeira. Es wurden enorme Mengen an hochwertigen Spirituosen, Weinen, Tabakwaren und Genussmitteln gehortet, während täglich Häftlinge an Unterernährung starben. SS-Leute gegen die wegen Korruption, Unterschlagung etc. ermittelt wurde oder die zur Verantwortung gezogen wurden, waren oft von Kollegen angezeigt worden, die vom Kuchen nichts oder nicht genug abbekommen hatten.
     
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  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Beim Archivalienstudium bin ich mal auf einen Fall von 1933 gestoßen. Einem jüdischen Metzger waren von 2 SA-Männern zwei Schächtmesser gestohlen worden. Der Bestohlene zeigte den Diebstahl an, und ein hessischer Amtsrichter handelte noch korrekt und nahm den Fall an. Die Täter wurden in erster Instanz verurteilt, die nächste Instanz hob das Urteil auf. Der Richter wurde nach dem Urteilsspruch von der lokalen Nazischaft bedrängt und angepöbelt. "Schlagt mich tot, aber in meinen Urteilen lass ich mich nicht beeinflussen!" rief er. Der Beamte wurde stark bedrängt, sich in den Ruhestand versetzen zu lassen und gab dem Druck nach.

    In Nord- und Mittelhessen waren viele Bauern, Handwerker und kleine Beamte privat bei Mitbürgern, darunter viele Juden, verschuldet. Nach der "Machtergreifung der Nazis, die in Nordhessen schon vor 1933 stärkste Partei waren, schienen viele Zeitgenossen der Meinung zu sein, dass Verpflichtungen gegenüber Juden nun null und nichtig seien. Besonders traurig erscheint der Bericht eines Vaters aus einem nordhessischen Ort. Der Vater war Christ, aber mit einer Jüdin verheiratet, mit der er eine kleine Tochter hatte. Familien, die vor 1933 das Kind auf den Armen getragen hatten, stachelten ihre Kinder dazu auf, das Mädchen zu misshandeln. Einige Burschen von einer Metzgerei passten das Kind ab und bewarfen es mit Schlachtabfällen, Blut und Exkrementen. Eine Lehrerin, die dagegen vorging und beteiligte Jugendliche zur Rede stellte, verlor ihren Job.

    Moses oder Moritz Moses aus dem hessischen Treysa war von schwächlicher Statur und ängstlich. Er war ein stadtbekanntes Original, trug immer einen Zwicker und die Kinder trieben ihr Spiel mit ihm. Aus dem Weltkrieg hatte er eine Verletzung und wurde deswegen nach 1935 für !schwachsinnig" erklärt. Wegen eines nicht geklärten Vorfalls wurde er 1935 gezwungen in Begleitung von zwei SA-Männern ein Schild durch den Ort zu tragen mit der Aufschrift "Ich wollte ein Christenmädchen schänden." Ein Buchhändler machte Fotos davon und verkaufte sie als Postkarten.

    Dieser Moritz Moses kam am 20. März 1935 ums Leben. Moses suchte eine Mitfahrgelegenheit und unterhielt sich mit zwei Bekannten, als er von drei angetrunkenen Ortsbewohnern belästigt und geschlagen wurde. Er zog sich in die Küche eines Bekannten zurück, wohin ihm ein junger Mann folgte, mit dem Moses schon einmal Ärger hatte. Der richtete ihn so zu, dass die Küche "aussah wie ein Schlachthaus. Moses starb noch in der Nacht. Der Täter, ein Mann der früher einmal der KPD nahestand, wurde vom Schwurgericht Marburg zu vier Jahren Zuchthaus wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Trotz der KPD Vergangenheit fiel das Urteil milde aus, bei einem anderen Opfer wäre man vermutlich von Totschlag ausgegangen. Wäre der Täter NSDAP Mitglied gewesen, hätten sich sicher aber auch mildernde Umstände für den Täter finden lassen.

    Bei den Novemberpogromen ereignete sich im Nachbarort u. a. eine Vergewaltigung, die niemals aufgeklärt wurde, obwohl jeder genau den Täter kannte.
     

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