Nachkriegskunst in der BRD / DDR

Dieses Thema im Forum "Kunstgeschichte" wurde erstellt von thanepower, 5. Januar 2021.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es gibt eine Reihe von Künstlern, die durch ihre Präsenz in der Öffentlichkeit, das Verständnis für Kunst geprägt haben. Weltweit ist vielleicht Warhol der einflussreichste und bekannteste gewesen.

    Die Person von Beuys hat aber vermutlich in der BRD ein "revolutionäres" Verständnis von "Kunst" mit geprägt. Und dazu angeregt, über das nachzudenken, was eigentlich "Kunst" ist.


    Joseph Beuys – Wikipedia

    Kunst - 100 Jahre Joseph Beuys

    Mit dem "Sozialistischen Realismus" brachte die DDR eine eigenständige Kunstform hervor, die sich deutlich von der Entwicklung im Westen unterschied. Wie beispielsweise an den Werken von Sitte deutlich wird.

    Sozialistischer Realismus – Wikipedia .

    Willi Sitte – Wikipedia
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Januar 2021
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  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ist es nicht eigentlich eher so, dass der Sozialistische Realismus vor allem in der Malerei und Bildhauerei sehr stark durch die SU vorgeprägt war? Und dass man als Künstler in der DDR geradewegs gezwungen war, zumindest wenn man als solcher sein Auskommen haben wollte, sich der Staatsdoktrin in Sachen Kunst zu unterwerfen?
     
  3. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Meines Wissen ist für den „Sozrealismus“ der Beschluss des ZK der WKP(B) (Allunions-Kommunistischen Partei (der Bolschewiki) – Politbüro maßgebend.
    Protokoll Nr. 97, Tagesordnungspunkt 21 vom 23.IV.1932.

    Da geht es wohl um die „Liquidierung der Assoziation proletarischer Schriftstellervernände (VOAPP, RAPP, u.a.)“.
    Und um die Vereinigung aller Schriftsteller, „die für die Politik der Sowjetmacht sind und bestrebt sind, am sozialistischen Aufbau mitzuwirken“.
    Also um die Schaffung eines einheitlichen Verbandes (Vereinigung der Musiker, Komponisten, Künstler, Architekten, usw.).

    Der „Sozrealismus“ war dann auch in allen Ländern des Einflussbereiches der Sowjetunion vorgeschrieben, so auch in der DDR.
    Und er wurde auch vom Staat gefördert (materiell, finanziell usw.).
    Ich glaube Werner Tübke hätte ohne Staatsmittel nie das Panorama in Frankenhausen malen können.

    Und noch ein kleines Beispiel zu den Fördermitteln dazu:
    Gab mal in der DDR eine Zeit wo in einigen Betrieben Zirkel „Schreibender Arbeiter“ entstanden. Ich war damals bei der Bezirksbauunion Karl Marx Stadt vor Beginn des Studium um 1960 sogar Mitglied.
     
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  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Wenn ich mich da so erinnere...

    Ich kenne niemanden der sich privat mal ein Gemälde des „Sozrealismus“ gekauft hat. Ich weiß gar nicht ob man die käuflich privat kaufen konnte.
    Mitunter waren diese Gemälde dann auch gedruckt in irgendwelchen Büchern.
    Zum Beispiel Wolfgang Liebert. Er malte an der Trasse „Druschba“ und einige dieser Gemälde fand man dann im Buch „Am Bauwerk des Jahrhunderts“.

    Auch die Bücher des „Sozrealismus“ waren schwer verkaufbar.
    Ich habe allerdings einige. Oft bekam man diese auch als Auszeichnung.
    Die Bücher die ich da habe stammen von DDR-Schriftstellern und von sowjetischen Schriftstellern.

    Einen „besonderen Platz“ haben dabei solche Bücher wie „Soldaten der Revolution“ oder „Tschapajew“ oder „Direktorin Anna“ usw.

    Herbert Otto, dieser DDR Schriftsteller tauchte mal zu einen Zirkelnachmittag „Schreibender Arbeiter“ in der Bauunion Karl-Marx–Stadt auf. Habe da einen Gedichtband von ihnen signiert bekommen.

    Renner waren in den Buchhandlungen der DDR andere Bücher. Für solche brauchte man aber oft „Vitamin B“, denn diese waren im Handumdrehen verkauft.
     
  5. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Interessant finde ich auch künstlerisch/städtebauliche Projekte, die in Ost und West verwirklicht wurden. Beuys' Projekt "7.000 Eichen -Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" fand 1982 im Rahmen der documenta 7 in Kassel statt. Beuys platzierte 7.000 große Basaltbrocken zentral in Kassel auf dem Friedrichsplatz. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mich als Kind fragte, warum da jemand so viele Steine hingekippt hat. Jeder der 500DM spendete, konnte einen Steinbrocken entfernen. Dafür wurde an einer anderen Stelle in der "Autostadt" Kassel eine Eiche gepflanzt. Es dauerte fünf Jahre dann war der Friedrichspaltz steinfrei und Kassel etwas grüner. Heute laufen Diskussionen, ob man einzelne Bäume entfernen darf, wenn bauliche Maßnahmen dies erfordern.

    In (Ost)Berlin entstand in den Fünfzigern die heutige Karl-Marx-Allee, damals Stalinallee. Die 6-spurige Prachtstraße mit begrasten Mittelstreifen hat ebenfalls Bäume am Straßenrand (ich meine es sind Linden). Flankiert wird die Allee von monumentalen Arbeiterpalästen mit Plastiken und Malereien im "stalinistischen Zuckerbäckerstil". Strausberger Platz und Frankfurter Tor mit ihren Türmen, gebaut von Hermann Henselmann, sind die Anfangs-, bzw. Endpunkte. Am 17. Juni 1953 begann hier während der Bauarbeiten der Arbeiteraufstand. Die monumentalen und mit Säulen verzierten Gebäude der Karl-Marx-Allee stehen im krassen Gegensatz zur Neuen Sachlichkeit/Bauhaus die man beim Wiederaufbau im Westen als Architekturstil bevorzugte.
     
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  6. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Sozialistischer Realismus war dem Blut-und-Boden-Realismus der Nazis sehr ähnlich: Kunst sollte ihre Ideologie transportieren, ihr dienen, vor allem aber glorifizieren.

    Es scheint, dass Diktaturen, die sich als dem Volk dienend verstehen, es nötig haben, alle Bereiche des öffentlichen Lebens – und die Kunst gehört ja dazu – nicht nur zu kontrollieren, sondern auch gezielt zu steuern bzw. in ihrem Sinn zu fördern.
     
  7. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    In der bildenden Kunst war der Sozialistische Realismus der DDR gar nicht so unfruchtbar. Aus ihm ist schließlich die Neue Leipziger Schulde hervorgegangen.
     
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  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Voraussetzungen für die Ausbildung der bildenden Kunst in der Anfangszeit der "SBZ"/DDR waren komplex und widersprüchlich. So beschreibt Dietrich (S, 390ff) die Ambivalenz der gesellschaftlichen Realitäten in der "SBZ", denen sich die Kunst stellen sollte und sofern sie es spiegelnd tat, wurde ihr vorgehalten, dass sie negativ in ihren Aussagen sei.

    Die individuelle Reaktion mancher Künstler bestand darin, "Blumensträuße" zu malen, um diesem Widerspruch zu entgehen und ihre Kunst zu entpolitisieren.

    Zeitgleich wurde im März 1947 die Gruppe "Das Ufer" gegründet, die sich den Themen Arbeitswelt und Arbeiter zugewendet haben. Das von Müller 1948 gemalte Bild, "Die erste Schicht" wurde als der künstlerische "Inkunabel" (Ursprung) begriffen, der stilbildend für den sozialistischen Realismus werden sollte.

    Das Ufer (Künstlergruppe) – Wikipedia

    "Diese Künstlergruppen konnten zunächst durchaus darauf vertrauen, dass die Freiheit des künstlerischen Schaffens gewahrt blieb, wie es von der SED im Januar 1948 formuliert worden war. Wie aber die viel beschworene Kunst einer neuen Gesellschaft aussehen sollte, darüber herrschte keine Einigkeit." (Dietrich, S. 391-392)

    Allerdings zeigte sich zu diesem Zeitpunkt bereits der Widerspruch zwischen der SED und den Künstlern, die der SED nahe standen. Die SED präferierte die künstlerische Ausformung, die unter Stalin in der UdSSR dominant war, während die SED-nahen "SBZ-Künstler" in Teilen eine eigenständige Ästhetik präferierten.

    In diesem Kontext mahnte Ackermann im Mai 1948 die SED, eine gewisse Zurückhaltung in Bezug auf die "eigenen Künstler" zu zeigen.

    Im Gegenzug machten parteilinentreue Künstler bereits im September 1948 mobil und wandten sich gegen diesen klugen und passiven Kurs, der von Ulbricht unterstützt wurde.

    Dabei wurden künstlerische und individuelle Interessen aufs bunteste vermischt. "Auf dieser ideologischen Welle schwamm mancher zweit- oder drittklassige Künstler zu bisher nicht gekannten Aufträgen und Ansehen." (ebd. S. 393)

    Was damit gesagt werden soll ist, dass es nicht einfach eine Übernahme gab, sondern neben der staatlichen Linie auch eine gewisse Eigenständigkeit. Wie im folgenden kurz gezeigt.

    Nein, so einfach war das Verhältnis sicherlich nicht. Die Künstler und Intellektuellen in der DDR waren für die SED immer ein komplizierter Partner, der sich nicht immer einfach vor den Karren der Partei hat spannen lassen. Obwohl viele von ihnen mehr oder minder überzeugte Sozialisten waren.

    DDR-Kunst geht weit über "Staatskunst" hinaus | DW | 05.09.2019

    Dietrich, Gerd (2019): Kulturgeschichte der DDR. Band I Kultur in der Übergangsgesellschaft 1945-1957. 3 Bände. Göttingen: Vandenhoeck et Ruprecht
     
  9. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Das war von mir etwas zu salopp gesagt, sorry. Ich meinte mit der Ähnlichkeit nicht die Kunst selbst, sondern die Reaktionen der beiden Regime, wie das aus meinem Satz nach dem Doppelpunkt ersichtlich.

    Natürlich gab es in der DDR neben der offiziellen auch eine inoffizielle Künstlerszene – wie übrigens im gesamten Ostblock. Die Gängelung der Künstler, die der vom Regime vorgegebenen künstlerischen Linie nicht folgen wollten, war an der Tagesordnung – die Kommentare zu den Bildern aus deinem Link belegen das:

    Zu Hermann Glöckner, Schwarz und Weiß auf Blau (1957), steht da u.a.: „Hatten schon die Nazis wenig Gefallen an seiner abstrakten Malweise gefunden, so kritisierten jetzt die DDR-Oberen seine informelle Kunst, die weit entfernt war vom Sozialistischen Realismus.“

    Zu Cornelia Schleime, o.T. (1986), steht: „Cornelia Schleime (geb. 1953) zählt zu den Jüngeren in der Düsseldorfer Schau. Nach einer Friseurlehre und dem Studium zur Maskenbildnerin studierte sie in Dresden Grafik und Malerei. Doch schon kurz nach ihrem Abschluss erhielt sie Ausstellungsverbot. Den DDR-Kulturbürokraten missfiel ihr weit gefasster Kunstbegriff, zu dem sie neben Fotografien auch Performances, Filme und Punk-Musik zählte.“

    Zu A.R. Penck, Der Übergang (1963), steht: „Ein Mann balanciert über einen brennenden Steg. A.R. Pencks (1939-2017) vielsagende Motivwahl, die DDR-Obere als Kritik an den Verhältnissen verstanden, brachte ihm ein Ausstellungsverbot ein. Zuvor hatte man Penck, der eigentlich Ralf Winkler hieß, schon das Kunststudium verwehrt. 1980 schließlich bürgerte die DDR ihren missliebigen Künstler aus. Im Westen begann seine zweite Karriere.“

    Das sind so Dinge, die es in den Diktaturen aller Couleurs gibt.
     
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