Neros Wiedergängertum

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von Eumolp, 28. August 2019.

  1. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Nero, ein umstrittener, ex-(ego-)zentrischer Kaiser, hatte ein eigentümliches Nachleben. So sehr er zunächst als „Staatsfeind“ verdammt wurde, so nützlich war er bereits Vitellius, einem seiner Nachfolger.
    Noch eigenartiger war aber sein Wiedergängertum: Schon 69 trat ein Sklave in Griechenland als Nero auf, 79 ein gewisser Terentius Maximus, um 89/90 ein dritter Nero. Vielleicht gab es sogar später noch Wiedergänger, von denen man (bzw. ich) nichts weiß.
    Heutzutage sind es vor allem Elvis Presley, dann auch Adolf Hitler, die zur Wiederauferstehung neigen, vielleicht noch Kaiser Barbarossa. Kennt die aberglaubengesättigte Antike weitere Fälle von Wiedergängern? Und wenn nein, warum gerade in Neros Fall?
    Haben diese Fälle vielleicht mit der Anhängerschaft solcher Personen zu tun („Plebs“)?
    (Zusatzfrage: Können wir daher mit Donald Trump als Wiedergänger rechnen, wenn er einmal das Zeitliche gesegnet haben wird?)
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ein antiker Fall ist mir nicht bekannt, aber im 11. Jhdt. gab es verschiedene Kandidaten für Hišām II. Der ist im Mai 1013 ermordet worden, soll aber später an mehreren Orten wieder aufgetaucht. Vor allem da, wo es lokale Herrscher gab, die mächtig genug waren, ein Staatswesen (Kleinkönigreich, taifa) zu unterhalten. Am längtsen hielten die Sevillaner an der Behauptung fest, dass sie im Namen des Kalifen Hišām die macht ausübten.
     
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  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Weitere berühmte "Wiedergänger" waren der "Falsche Waldemar" in Brandenburg im 14. Jhdt. und gleich zwei "Falsche Dimitri" in Russland im frühen 17. Jhdt.

    Für die Antike könnte man noch Smerdis (=Bardiya) erwähnen, den jüngeren Sohn von Kyros II. und Bruder von Kambyses II. Der echte Smerdis wurde wohl von Kambyses ermordet. Nach Kambyses' Tod übernahm ein falscher Smerdis die Macht, wurde aber von Dareios I. ausgeschaltet. (Eine alternative, schon in der Antike bekannte, Theorie besagt allerdings, dass der "falsche" Smerdis doch echt war und Dareios die "Falscher Smerdis"-Geschichte erfand, um seinen Putsch zu rechtfertigen.)

    Eine Art antiker "Wiedergänger" war auch Andriskos, der sich als Philipp, Sohn des Makedonenkönigs Perseus, ausgab und als solcher tatsächlich kurz die Macht im bereits von den Römern eroberten Makedonien ausüben konnte.

    Nach dem Tod von Agrippa Postumus, einem Enkel von Augustus, trat ein falscher Agrippa auf.
     
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  4. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Tile Kolub trat 1284/1285 als Friederich II. (gest. 1250) auf.
     
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  5. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Es gibt da ein lesenswertes Buch von W. Wencker-Wildberg, "Ungekrönte Könige", in denen die Geschichten dieser Prätendenten gesammelt sind. .
     
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  6. Tannhaeuser

    Tannhaeuser Aktives Mitglied

    Über einen berühmten Fall der englischen Geschichte gibt es ein schönes Gedicht Fontanes:
    Der letzte York

    Lancaster herrscht, der Kampf ist aus, die rothe Rose hat gesiegt,
    Die weiße Rose, Blatt um Blatt, auf zwanzig blut'gen Feldern liegt,
    Ein Einzger nur, des Clarence Sohn, deß Herzblut nicht zu Boden floß,
    Im Tower sitzt Graf Edward York, des alten Hauses letzter Sproß.

    Er sitzt im Tower Jahre schon, am selben Gitterfenster schier,
    Wo seinen Vater man ertränkt (er wollt' es so) in Malvasier,
    Der Junge hat vom Alten her ererbt den immer leichten Sinn,
    Er rechtet mit dem Leben nicht, und wie es fällt, so nimmt er's hin.

    Die Drehbank kürzt ihm seinen Tag, es surrt das Rad, es klingt sein Lied,
    Des Morgens ist er arbeitsfroh, des Abends ist er arbeitsmüd',
    Er wirft sich auf sein Lager hin, hat festen Schlaf und guten Traum,
    Daß er ein Sproß vom Hause York, der letzte Sproß, er weiß es kaum.

    Es surrt das Rad; da rasselt's drauß und klirrt im Schloß,- Flurlicht fällt ein,
    Sieh, der Lancasterkönig selbst, Herr Heinrich Tudor, tritt herein,
    Er spricht: "Grüß Gott Dich, Vetter York, nimm dieses Schwert und diesen Helm
    Und drunten nimm mein bestes Roß, - der Perkin Warbec ist ein Schelm!

    "Der Perkin Warbec ist ein Schelm, die blöde Menge läuft ihm zu,
    Das macht, er nennt sich Edward York und lügt und prahlet: Er sei Du;
    Der Dieb, er stiehlt mir meinen Schlaf, doch ich zerreiß ihm seine List,
    Komm mit, und sprich zu allem Volk und zeig', daß Du - Du selber bist."

    Sie reiten durch das Tower-Thor, auf Platz und Straße wogt es rings,
    Das ist er! raunt die Menge rechts, das ist er! raunt die Menge links,
    Er hört es nicht, - das Puppenspiel trieb ihm ins Antlitz Grimm und Glut,
    Mit eins lebendig worden ist in ihm das alte Königsblut.

    Er grüßt nicht rechts, er grüßt nicht links, er starrt nur schweigend vor sich hin,
    Graf Edward York, wo blieb Dein Erb', des Vaters immer leichter Sinn?
    Sie reiten still bis Ludgate-Hill, der König flüstert: "Vetter, hier!"
    Der aber schweigt und murmelt erst am Tower-Thor: das denk ich Dir.

    Und eh die Nacht am tiefsten sinkt, ist seines Kerkers Zelle leer,
    Ein Strick, aus Tüchern festgeknüpft, weht weiß im Winde hin und her,
    Und eh des andern Tages Schein noch hell in seine Zelle fällt,
    Da tritt er schon, Helm auf dem Haupt, in Perkin Warbec's flatternd Zelt.

    Er spricht: "Du nennst Dich Edward York und Edward York so nenn' ich mich,
    Wer von uns zwei'n der rechte sei, beim ew'gen Gott, das findet sich,
    Doch, daß Du meinen Namen stahlst und mit ihm würfelst um den Thron,
    Heut dank' ich's Dir aus voller Brust, genüber diesem Tudor-Hohn.

    "Entgegen ihm! und siegen wir, so trägst Du Englands Krone mit!" -
    Sie zogen aus und stritten gut, doch Heinrich Tudor besser stritt,
    Er schlug zurück die Stürme all, Graf Edward that den letzten Sturm,
    Und eh die Nacht am tiefsten sank, saß er aufs Neu im Tower-Thurm.

    Der Morgen kommt; da rasselt's draus und klirrt im Schloß, Flurlicht fällt ein,
    Sieh, des Lancasterkönigs Freund in rothem Mantel tritt herein,
    Er spricht: "grüß Gott Dich, Edward York, was ich Dir thuen muß, vergieb,
    Doch will ich's thun mit fester Hand und treffen Dich auf einen Hieb."

    Sie schreiten durch das Tower-Thor, auf Platz und Straße wogt es rings,
    Das ist er! raunt die Menge rechts, das ist er! raunt die Menge links,
    Er grüßt nach rechts, er grüßt nach links, er starrt nicht länger vor sich hin,
    Graf Edward York hat wieder ganz des Vaters immer leichten Sinn.

    Sie schreiten still bis Ludgate-Hill, aufragte da das Blutgerüst,
    Graf Edward York zum letzten Mal hat er das Crucifix geküßt,
    Die Lerchen stiegen himmelan, die Glocken klangen dumpf und matt,
    Und roth von Blut zu Boden fiel der weißen Rose letztes Blatt.
     
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  7. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Durch Zufall habe ich eine Anekdote von Valerius Maximus in seinem "Factorum ac dictorum memorabilium libri IX", 1.8.8 gefunden. Hier ist es Cäsar, der wiederkehrt:

    Gaius Cassius [...] wehrte sich in der Schlacht bei Philippi mit Löwengrimm, als er die verklärte Gestalt Cäsars, mit seinem Purpurmantel, hoch zu Ross, mit drohender Miene, gegen seine Person ansprengen sah.

    Wenn man Lust an skurrilen Geschichten hat, ist Valerius Maximus die Adresse.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. März 2021
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Nachtrag: Smerdis hatte sogar zwei Wiedergänger. Nachdem Dareios Gaumata, der sich als "Smerdis" (Bardiya) ausgegeben haben soll, ausgeschaltet hatte, trat ein gewisser Vahyazdata auf, der sich ebenfalls als Smerdis/Bardiya ausgab. Er wurde schließlich gefangengenommen und gekreuzigt.
     
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  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Im einfachen römischen Volk hatte Nero anscheinend noch über den Tod hinaus Anhänger. Er hatte bei öffentlichen Spielen und Spenden oft recht freigiebig gezeigt. Sueton schreibt, dass Leute aus dem Volk seine Edikte hervorholten und sein Grab mit frischen Blumen schmückten.

    Während seiner Griechenlandreise hatte Nero ziemlich ungeniert Kunstraub begangen, die olympischen Spiele hatte er 67 n. Chr. vorverlegt, doch Nero war ein wirklich aufrechter Philhellene gewesen, er hatte vielen Städten Vergünstigungen und Privilegien verliehen, er war den schönen Künsten gegenüber aufgeschlossen und hatte sich stets freundlich gezeigt, wenn ihm griechische Städte ehrten.

    Auch das parthische Königshaus ehrte Nero und ordnete auf die Nachricht von Neros Tod Hoftrauer an. Ein unverdächtiger Zeitzeuge, der spätere Kaiser Trajan sagte, das Quinquennium Neronis, die ersten fünf Jahre der Regierung Neros seien die vielversprechendsten aller römischen Kaiser gewesen, und von Neros späteren Verbrechen war nur eine relativ kleine Gruppe persönlich betroffen, gar so erstaunlich finde ich die Sympathie, die vor allem der griechische Osten für Nero entwickelte nicht. Wie gesagt, die Sympathie war durchaus wechselseitig. Für seine künstlerischen Interessen, für seine Tätigkeit als Virtuose und Amateur-Rennfahrer war Nero von der römischen Aristokratie kritisiert und angefeindet worden, griechisch geprägte Städte wie Neapolis hatten ihn dafür geehrt.
     
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  10. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Ja, diese Diskrepanz in der Beurteilung Neros war mein Hintergedanken bei diesem Thema.

    Bei den Christen (so auch bei Kierkegaard in Entweder/Oder im 2. Teil, 2. Kap.) gilt Nero ja als der leibhaftige Gottseibeiuns, aber selbst bei dem apostatischen Julian in seiner Kaisersatire kommt er schlecht weg, und bei Dante sitzt er sicherlich im 7. Höllenkreis. (Das muss ich nachlesen: nein, dort erscheint er interessanterweise nicht!)

    Dagegen die wohl große Verehrung im Volk, wie du schreibst, selbst wenn man die unpopuläre Zwangsbeglückung im Theater mit einrechnet (die lustigerweise zu einer Menge von Scheintoten führte, womit sich die Zuhörer dem Kunstgenuss zu entziehen versuchten), und eben auch die Wiedergänger. Mich erinnert das an Elvis Presley, der zwar kein Kaiser, aber ein King war und der ebenfalls zahllose Sichtungen nach seinem Tod erfuhr.

    Wie Holger Sonnabend in seiner Nero-Biographie schreibt, war sogar die zwangsbeglückte Plebs über Neros Tod traurig, weil Nero eben ein Kaiser war, der den Beifall des Volkes gesucht hatte - wer hatte das schon vorher getan? Ein echter Medienstar! Auch Vitellius setzte auf die Nero-Karte, indem er ihm eine große Totenfeier spendierte und einen Kitharaspieler mit Nero-Liedern engagierte. Selbst im 4./5. Jh., in den Zeiten der christlichen Kaiser, hatte er noch trotzige Anhänger: sie gaben Münzen in Form von Medaillons heraus (sog. Kontorniaten – Wikipedia ), auf denen Nero abgebildet war und wohl Protest gegenüber dem Christentum ausdrücken sollten.
     
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  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Nero war ein Freund der Künste und der Künstler denen er viele Freiheiten durchgehen ließ. Das ging bei Nero durchaus auch bis zu Schmähkritik an seiner eigenen Person. Ein Atellanen-Dichter hatte in einem Vortrag ironisch auf die Vergiftung des Claudius und den Mord an Agrippina der Jüngeren angespielt, wurde aber von Nero nur mit Ausweisung geahndet.
     
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  12. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Thomas Grünewald widmet in seinem Buch "Räuber, Rivalen und Retter Clemens, dem Pseudo-Agrippa Postumus einen Artikel.

    Im Mittelalter gab es mehrere Zeitgenossen die als Pseudo-Friedrich II von Hohenstaufen oder als Pseudo-Konradin auftraten und Anhängerschaft gewannen.

    Während des großen Kosakenaufstands von Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow behauptete dieser ab August 1773, er sei in Wirklichkeit Zar Peter III. Fjodorowitsch.
     
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  13. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Was nun den Nero betrifft:
    Wenn es bei manchen Kaisern zum Wiedergängertum kam, kann das auch damit zusammenhängen, dass die Wege im Reich ziemlich lange waren und die Nachrichten entsprechend langsam. Synesius beschreibt das in seinem 148. Brief, sicher nicht ganz bierernst, aber im Prinzip erhellend (er schreibt aus Cyrene im Jahr 408):
     
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  14. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dass es Monate gedauert haben mag, bis man an allen Enden des Reiches von einem Machtwechsel erfuhr, erklärt aber nicht, wieso es noch Jahrzehnte später "Wiedergänger" geben konnte.
    Bei den rasch wechselnden Kaisern des Jahres 69 n. Chr. (und später denen des 3. Jhdts.) ist es gut möglich, dass man in entlegeneren Gegenden den Überblick verlor, aber die zehnjährige Herrschaft Vespasians sollte sich doch herumgesprochen haben.

    Der Nero-Wiedergänger Terentius Maximus wurde außerdem von den Parthern unterstützt, und zwar mehr als ein Jahrzehnt nach des echten Nero Tod. Sie werden doch wohl einigermaßen über die Vorgänge im römischen Reich informiert gewesen sein.
     
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  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Wie schnell die Nachrichtenübermittlung im Vierkaiserjahr funktionierte, zeigt das folgende Beispiel:
    Am 1. Januar 69 rebellierten die in Mainz stationierten Legionen gegen Galba; spätestens am 10. Januar zeigte sich Galba in Rom darüber informiert.

    Wo immer Legionen stationiert waren, dürften solche Nachrichten in ähnlich kurzer Zeit ihren Weg gefunden haben.
     
  16. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Ja schon, aber das gilt für die Legionen, für die es schnelle Kuriere gab, denen die Pferde an den Stationen gewechselt wurden und die wie gesengte Säue geritten sind. Das war für die Legionen gemünzt, aber nicht für die einfachen Untertanen, aber ich vermute, dass das Wiedergängertum eher bei den "einfacheren" Untertanen eine Rolle spielt.
    Außerdem: Mainz ist nicht so weit weg von Rom wie bspw. Edessa.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Juli 2021
  17. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Na ja, also... da muss ich dir Recht geben, meine Idee kam ein bisschen aus der Pistole geschossen, als ich per Zufall auf diesen Brief aufmerksam geworden bin.
     
  18. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    "Da eine Nachricht zum Herrschaftsantritt eines neuen Kaisers von grösster Bedeutung war, ist davon auszugehen, dass solche Informationen auf dem schnellst möglichen Weg überbracht wurden. Wie in der Tabelle vor allem das weit im Süden gelegene Edfu als Ziel nahelegt, konnte eine eilige Botschaft aus Rom einen Bestimmungsort innerhalb der Provinz Ägypten im Durchschnitt in knapp 30 Tagen erreichen. Dies gilt offenbar sogar unter den durch die Witterungseinflüsse erschwerten Bedingungen des Winters, worauf zwei der angeführten Beispiele hinweisen. So war die Ausrufung Othos zum neuen Kaiser am 15. Januar 69 weniger als einen Monat später in Memphis bekannt. Der Herrschaftsantritt Trajans vom 25. Januar des Jahres 98 wurde offenbar in 28 Tagen bis nach Edfu gemeldet." (Anne Kolb, Transport und Nachrichtentransfer im Römischen Reich, Berlin 2000, S. 326)
     
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